dapd  

Ein Mann trinkt sich nach oben

Die Nachrichtenagentur spot on news ("die neue deutsche Nachrichtenagentur für Unterhaltung") bestimmt täglich einen "Verlierer des Tages".

Heute ist es dieser Mann:

Da hat Bernd Busemann (CDU) wohl ein Gläschen zu viel getrunken: Der niedersächsische Ministerpräsident wurde in Hannover mit Alkohol am Steuer erwischt. Jetzt muss er seine Fahrlizenz für einige Wochen abgeben, eine Geldstrafe zahlen und bekommt vier Punkte in Flensburg. […]

Der niedersächsische Ministerpräsident Bernd Busemann? Die "Neue Presse" aus Hannover (!) glaubt's; die "Welt" macht daraus sogar eine doppelte Überschrift:

(Bernd Busemann ist — noch — niedersächischer Justizminister.)

Mit Dank an Hans.

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B.Z.  

Mit bösem Willen und Spucke (2)

Man kann den Leuten bei der "B.Z." nicht vorwerfen, dass sie sich nicht auch bei ernsten Themen noch ihren Humor bewahren:

Am Ostbahnhof wurde ein Fahrgast von einem Mann angespuckt. Das "Lama" soll Aids haben.

So stand es auf der Internetseite der Boulevardzeitung.

Im Print sieht es heute immerhin so aus:

Und darum ging's:

Am Ostbahnhof könnte sich ein Reisender mit dem HI-Virus angesteckt haben. Ein 30-jähriger Infizierter hat den Mann auf dem Bahnhof in Friedrichshain grundlos angespuckt. Der Täter stellte sich, die Polizei sucht sein Opfer. […]

Ein Mitarbeiter der Bahn beobachtete den Vorfall und ermöglichte die Festnahme des Verdächtigen durch unsere Beamten", sagt ein Sprecher der Bundespolizei.

Der Verdächtige, ein Italiener, wurde von den Polizisten befragt. "Bei den Ermittlungen wurde bekannt, dass der Täter möglicherweise an einer unheilbaren Krankheit leidet", sagt der Sprecher.

Wie die B.Z. erfuhr, soll es sich dabei um Aids handeln. Gegen den Italiener wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Eine Übertragung des HI-Virus durch Spucke ist faktisch auszuschließen. Das erfahren sogar die Leser, die den "B.Z."-Text, der mit dem Satz "Am Ostbahnhof könnte sich ein Reisender mit dem HI-Virus angesteckt haben" beginnt, bis zum Ende lesen:

Der Sprecher der Berliner Aids-Hilfe, Holger Wicht (41), warnt jedoch vor Panikmache: "HIV kann über Speichel nicht übertragen werden. Selbst wenn der Spuckende Zahnfleischbluten und der Bespuckte eine offene Wunde im Gesicht hatte, kann eine Ansteckung ausgeschlossen werden, denn im Speichel wird der Virus sehr stark verdünnt, sodass er seine Ansteckungskraft verliert."

Die "B.Z."-Redaktion hielt diese von ihr selbst eingeholte, seriöse Auskunft offenbar nicht für glaubwürdig, ignoriert sie diese doch im Rest des Artikels vollkommen.

Die "B.Z." ist schon einmal bei diesem Thema negativ aufgefallen (BILDblog berichtete) und sah sich jetzt der Kritik der Aidshilfe ausgesetzt. Und natürlich lag sie mit ihrer Ferndiagnose falsch.

Um 13.59 Uhr überarbeitete die Redaktion jedenfalls unauffällig die Online-Version des Artikels:

Nach ersten Informationen sollte es sich um Aids handeln. Das wurde inzwischen korrigiert. Der Mann ist an Hepatitis erkrankt.

Die "ersten Informationen" hatte die "B.Z." höchstselbst verbreitet, weil sie "erfahren" haben will, dass es sich "um Aids handeln" "soll". Das "wurde" also "inzwischen" korrigiert — aber wohl nicht von offizieller Seite.

Die Bundespolizei schreibt uns nämlich auf Anfrage:

Bewusst haben wir es vermieden in unserer Pressemitteilung "Opfer nach Spuckattacke gesucht" vom 6. Februar 2013 die genaue Krankheit zu benennen.

Die weiteren Ermittlungen müssen zeigen, inwieweit der Täter wirklich an einer Krankheit leidet, die unter den genannten Umständen durch Speichel übertragbar ist. In der Pressemitteilung heißt es daher auch "…dass der Täter möglicherweise an einer unheilbaren Erkrankung leidet.".

Dass eine Infektion bei HIV eh praktisch ausgeschlossen gewesen wäre, hat die "B.Z." in der neuen Fassung dann mal direkt aus dem Text gekürzt. Aber das hat sie ja eh nie geglaubt.

Mit Dank an Brigitte K. und Steffen F.

Razzia, Political Correctness, Pasten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Strafverfolgung: Warum wir keine Bilder rausgeben"
(blogs.taz.de/hausblog, Sebastian Heiser)
Eine "bundesweite Razzia bei Fotografen" (tagesspiegel.de) führt zu Protesten. Die "taz" erklärt, warum sie freiwillig keine Bilder herausrückt: "Wenn Demonstranten mitbekommen, dass Pressefotografen ihre Bilder der Polizei überlassen, müssen sie befürchten, von den Demonstranten als Hilfspolizisten wahrgenommen zu werden. Und das heißt in Fällen wie diesen auch, dass unsere Fotografen – genau wie der Polizist – zusammengeschlagen würden. Die Arbeit wäre zu gefährlich. Journalisten sind darauf angewiesen, von allen Beteiligten als unabhängige Berichterstatter wahrgenommen zu werden."

2. "I ♥ Political Correctness!"
(kleinerdrei.org, Daniel)
Daniel liebt Politische Korrektheit: "Political Correctness ist super, weil sie dazu führt, dass weniger Leute diskriminiert werden. Das führt zu einem besseren und angenehmeren Zusammenleben für alle und macht die Welt zu einem besseren Ort. So einfach ist das."

3. "Aussteigen oder bleiben?"
(medienwoche.ch, Joel Weibel)
Noch drei Monate lang ist Joel Weibel als Journalist angestellt. Doch will er wirklich beim Journalismus bleiben? "Will ich mir das antun, angesichts der Tatsache, dass derjenige Journalismus, den ich gerne machen würde, in der Schweiz noch von ein paar wenigen privilegierten Journalisten betrieben werden kann und sich der Rest mit den Brosamen abfinden muss?"

4. "Warum ihr euren koksenden Schwager nicht eure Pressetexte schreiben lassen solltet"
(noisey.vice.com, Lisa Ludwig)
Lisa Ludwig gibt Tipps, was man beim Texten von Pressemitteilungen für neue Musik besser vermeidet. Siehe dazu auch "Danke für diesen inneren Monolog, Al Walser" (20min.ch, Kaspar Isler).

5. "Wie ein Twitterer das Lewandowski-Gerücht ins Rollen brachte"
(11freunde.de, Andreas Bock)
Ein Interview mit @breitnigge, dessen Tweet "vermutlich von einem italienischen User falsch interpretiert und nicht als Nebengeräusch, sondern als Ursache gewertet" wurde. "Im Laufe des Dienstags hat sich diese Meldung auf Twitter verselbständigt, ganz so, als sei ich die verlässliche Quelle dieses Gerüchts."

6. "Mehrheit der Internetgemeinde will Schavan im Amt lassen, weil sie schon 1980 copy & paste mit Schreibmaschine beherrschte"
(eine-zeitung.net)
"So schreibt beispielsweise ein User auf SchülerVZ: 'wer schon 1980 ohne computer so sauber pasten konnte ist völlig zu recht bildungschef.'"

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