Archiv für Januar 23rd, 2013

Die nächste Zarah Neander

Es ist eine Geschichte epischer Tragweite, daran ließ der „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 14. Januar gar keine Zweifel. Schon in der Ankündigung auf Seite 5 fährt das Nachrichtenmagazin die ganz großen Geschütze auf:

Ein Biologe spielt Gott — Seite 110

Mit Hilfe der synthetischen Biologie will George Church Neandertaler klonen und virusresistente Menschen schaffen. „Die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie“, sagt der amerikanische Genforscher im SPIEGEL-Gespräch.

Das Gespräch beginnt dann auch direkt mit der spannenden Frage nach der Rückkehr der Neanderthaler:

SPIEGEL: Herr Church, Sie kündigen an, schon bald werde es möglich sein, Neandertaler zu erschaffen. Was heißt „bald“? Werden Sie es noch erleben, dass ein Neandertaler-Baby geboren wird?

Church: Das hängt von verdammt vielem ab, aber ich denke trotzdem, die Antwort lautet: „Ja“. Denn die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie. Vor allem kostet das Lesen und Schreiben von DNA heute nur noch ein Millionstel dessen, was es noch vor sieben, acht Jahren gekostet hat. Allerdings müssten wir, um die Ausrottung des Neandertalers rückgängig zu machen, das Klonen von Menschen erproben. Technisch dürfte das möglich sein. Wir können lauter Säugetiere klonen, warum also nicht auch den Menschen?

Im Folgenden werden die Fragen verhandelt, ob es überhaupt wünschenswert sei, den Neandertaler wiederauferstehen zu lassen („Nur wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens darüber herstellen lässt“), worin der Nutzen liegen könnte („Vielleicht denken die Neandertaler völlig anders als wir“) und ob die „Wiedergeburt von Neandertalern“ technisch überhaupt möglich sei (anscheinend schon).

Dann kommt die entscheidende Frage:

SPIEGEL: Und als Leihmutter suchen Sie sich einen „besonders abenteuerlustigen weiblichen Menschen“, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Church: Ganz genau – vorausgesetzt natürlich, dass das Klonen von Menschen von der Gesellschaft akzeptiert würde.

Was diese dünnen Worte im Zeitalter von Castingshows in Journalistengehirnen anrichten können, zeigte sich alsbald: Die britische „Daily Mail“ schrieb am Sonntag, der Forscher „sucht eine Mutter für ein geklontes Höhlenmenschenbaby“ und führte aus:

Man hält sie normalerweise für eine brutale, primitive Spezies.

Welche Frau würde also ein Neanderthaler-Baby zur Welt bringen wollen?

Und dennoch ist dieses Szenario der Plan von einem der weltweit führenden Genetiker, der eine Freiwillige sucht, die ihm dabei hilft, diesen lange ausgestorbenen nahen Verwandten des Menschen wieder zum Leben zu erwecken.

Professor George Church von der Harvard Medical School glaubt, er könne die Neanderthaler-DNA rekonstruieren und die Spezies wiederauferstehen lassen, die vor 33.000 Jahren ausgestorben ist.

(Übersetzung von uns.)

Und weiter:

Er sagt: „Nun brauche ich einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen.

Es hängt von verdammt vielen Dingen ab, aber ich denke, man kann das machen.“

(Übersetzung von uns.)

Damit war die Geschichte natürlich noch einmal bedeutend spannender, als sie im „Spiegel“ und in der Zusammenfassung bei „Spiegel Online“ gewesen war, wo sie – trotz der reißerischen und irreführenden Titelzeile „Genforscher George Church will Neandertaler klonen“ – von deutschen Boulevard-Journalisten noch ignoriert worden war.

Der „Berliner Kurier“ titelte gestern:

Leihmutter soll Neanderthaler gebären

Dem Kölner „Kurier“-Schwesterblatt „Express“ gelang es wie üblich, das Thema auf eine lokale Ebene herunterzubrechen:

Leihmutter für Neanderthaler-Baby gesucht! Harvard-Professor will Steinzeit-Rheinländer züchten

Beide Zeitungen berichten übereinstimmend, George Church glaube, „dass er Neandertaler wieder zum Leben erwecken kann“. Das hatten zwar die „Daily Mail“ und nach ihr viele andere Medien in aller Welt behauptet, Professor Church jedoch offensichtlich nie.

Der Wissenschaftler sah sich also genötigt, via „Boston Herald“ klarzustellen, dass er persönlich keinerlei Ambitionen hege, einen Neanderthaler zu klonen:

„Ich befürworte das sicherlich nicht“, sagte Church. „Ich sage nur, wenn es eines Tages technisch möglich ist, müssen wir heute anfangen, darüber zu reden.“

Church sagte, er sei nicht einmal an der Sequenzierung von Neanderthaler-DNA beteiligt — einem Projekt, von dem Wissenschaftler sagen, dass es geholfen habe, festzustellen, dass moderne Menschen tatsächlich Spuren ihrer entfernten, menschenähnlichen Vorfahren tragen.

[...]

Church sagte, er habe in mehr als 20 Jahren vermutlich 500 Interviews geführt und dies sei das erste, das derart aus dem Ruder gelaufen sei.

(Übersetzung von uns.)

Stunden, nachdem Professor Churchs Richtigstellung für Jedermann lesbar im Internet erschienen war, nahm sich endlich auch Bild.de des Themas an:

LEIHMUTTER FÜR IRRES EXPERIMENT GESUCHT: US-Genforscher will Neandertaler züchten!

Die Bild.de-Autoren zitieren zwar ausgiebig aus dem „Spiegel“-Interview, scheinen aber nicht bemerkt zu haben, dass Church dort gar nicht behauptet, er selbst wolle „einen Menschen erschaffen, der gegen alle bekannten Krankheiten immun ist – indem er einen Neandertaler klont!“

Der „Berliner Kurier“ hat für seine heutige Aufgabe indes sogar richtiggehend recherchiert und mehrere Wissenschaftler aufgetan, die Churchs „Pläne“ scharf kritisieren. Nur Churchs eigener Widerspruch bleibt unerwähnt.

Mit Dank an Erwin P., Christian P. und Basti.

VDZ, Konvergenz, @russian_market

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Gerücht über Weidmann-Rücktritt lässt Eurokurs fallen“
(faz.net, Stefan Ruhkamp)
Ein vom Twitter-Konto @russian_market verbreitetes Gerücht, der Präsident der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, sei zurückgetreten, führt zu einem zwischenzeitlichen Einbruch des Euro. „Der Euro sackte am Morgen gegen zehn Uhr für kurze Zeit um einen Cent auf 1,3250 Dollar je Euro ab.“

2. „Konvergenz ist keine Strategie“
(blogs.tageswoche.ch, Peter Sennhauser)
Konvergenz sei in Medienhäusern „nicht viel mehr als eine organisatorische Anpassung, welche die eilends geschaffenen zusätzlichen Online-Redaktionen mit der traditionellen, dominanten und prestigeträchtigeren Print-Redaktion verheiraten soll“, schreibt Peter Sennhauser. „Diese Massnahme greift aber genau deswegen zu kurz, weil sie die Tradition des behäbigen Print-Journalismus mit all seinen Abläufen und Gewichtungen auf eine neue Plattform hievt (was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass NZZ, Tages-Anzeiger und 20Minuten alle den Print-Chefredaktor zum Chefredaktor der konvergenten Redaktion erkoren haben).“

3. „‘geschwätz’ ins netz stellen“
(wirres.net, Felix Schwenzel)
Felix Schwenzel schreibt über den „Spiegel-Online“-Artikel „Familie Schmidt in Nordkorea: Alles sehr merkwürdig“, der sich seinerseits mit einem Text der 19-jährigen Sophie Schmidt befasst.

4. „Verleger gegen EU-Überwachung: ‘Mit freier Presse nicht vereinbar'“
(faz-community.faz.net, Jan Hauser)
Deutsche Verlegerverbände wenden sich gegen Vorschläge zu einer Medienüberwachung: „Für den Zeitschriftenverlegerverband VDZ lässt die Sicht des Berichts auf Pressefreiheit aufhorchen: Man beklage politische Einflussnahme und übe sie gleichzeitig aus. Man setze auf staatliche Co-Regulierung statt auf Selbstregulierung. ‘Seit wann braucht freie Presse eine Zulassung, die entzogen werden könnte?’, sagte ein Verbandssprecher dieser Zeitung. Wer Lizenzen vergeben möchte, übe Kontrolle aus, teilte der BDZV mit. ‘Der Weg zu staatlicher Zensur ist dann nicht mehr allzu weit.'“

5. „Lügen fürs Leistungsschutzrecht (3)“
(stefan-niggemeier.de)
Der Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ) „erfindet im Kampf für ihr eigenes Gesetz ein parlamentarisches Votum, das es nicht gibt, um die angeblichen Unwahrheiten und die Demokratiefeindlichkeit von Google anzuprangern“ (und korrigiert sich nach Kritik daran).

6. „Commenters, We Want You Back“
(techcrunch.com, englisch)
Vor rund zwei Jahren lagerte TechCrunch seine Kommentare an Facebook aus. „Now (…) we’ve decided we’re going to try out Livefyre instead of Facebook Comments.“