Archiv für Januar 21st, 2013

taz, taz.de  

Alte Kotze, neu erbrochen

Deniz Yücel hat bei der „taz“ ungefähr den Posten inne, den bei „Bild“ Franz Josef Wagner, beim „Tagesspiegel“ Harald Martenstein und bei der „Welt“ Henryk M. Broder bekleiden: Er pfeift als Kolumnist auf Politische Korrektheit, Logik oder auch einfach nur Fakten, bricht mit Konventionen und in die Tastatur und gefällt sich als Mischung aus Wutbürger, Stammtischgänger und ADHS-Grundschüler.

Vom Deutschen Presserat bekam Yücel im Dezember eine „Missbilligung“, weil er über Thilo Sarrazin geschrieben hatte:

So etwa die oberkruden Ansichten des leider erfolgreichen Buchautors Thilo S., den man, und das nur in Klammern, auch dann eine lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur nennen darf, wenn man weiß, dass dieser infolge eines Schlaganfalls derart verunstaltet wurde und dem man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten.

(Das mit dem „Schlaganfall“ war auch noch sachlich falsch.)

Nach der Landtagswahl in Niedersachsen schreibt Yücel heute einen Abgesang auf den vermutlich scheidenden Innenminister Uwe Schünemann, den er, wie es so seine Art ist, mit „Tschüss, Kotzbrocken!“ überschrieben hat.

Yücel bezeichnet Schünemann als „beste[n], weil dümmste[n] Innenminister der westlichen Welt“ und führt aus:

Ob Handyverbote für Terroristen, Bundeswehreinsätze gegen Killerspiele oder Fußfesseln für Schulschwänzer, ob Nachtischverbot für Stützeempfänger, Arbeitsdienst für Fünfjährige oder Hymnenpflicht für Blogger – keine Forderung, die zu absonderlich oder zu faschistoid gewesen wäre, als dass Schünemann im Laufe seiner zehnjährigen Amtszeit sie nicht erhoben hätte oder bei der man hätte sicher sein können, dass er sie nicht noch irgendwann erheben würde.

Wer das zweifelhafte Vergnügen hatte, Anfang Juli 2012 Yücels Kolumne über den niedersächsichen Innenminister Uwe Schünemann lesen zu müssen, könnte an dieser Stelle ein Déjà-vu erlitten haben, denn damals hatte Yücel geschrieben:

Ob Handyverbote für Terroristen, Bundeswehreinsätze gegen Killerspiele, Fußfesseln für Schulschwänzer, Knast für Fünfjährige, Nachtischverbot für Stützeempfänger – keine Forderung, die nicht zu abwegig oder autoritär wäre, als dass Schünemann sie nicht schon erhoben hätte oder sie nicht noch erheben würde.

Wenig später fährt Yücel heute fort:

„Lieber ein harter Hund als ein Warmduscher“, sagte er über sich und bekannte sich, um auch mal so etwas wie eine menschliche Seite zu zeigen, zu seiner „Leidenschaft für Gummibärchen“.

Vor einem halben Jahr klang das bei ihm so:

„Lieber ein harter Hund als ein Warmduscher“, sagt er über sich. Und um sich auch mal von einer menschlichen Seite zu zeigen, bekennt er sich auf seiner Homepage zu seiner „Leidenschaft für Gummibärchen“ – und spätestens jetzt weiß man, dass die einzige Leidenschaft, zu der so einer fähig ist, der präfaschistische Furor des entfesselten Kleinbürgers ist.

Heute witzelt Yücel vor sich hin:

Doch während andere niedersächsische Politiker später Karriere machten und Bundesminister (Trittin, von der Leyen), Bundesvorsitzende (Rösler, Gabriel), Bundeskanzler (Schröder) oder Wulff (Wulff) wurden, blieb Schünemann in Niedersachsen.

Im Sommer hatte er geschrieben:

Er hadert damit, dass andere niedersächsische Politiker später Karriere machten. Sie wurden Bundesminister (Trittin), Bundeskanzler (Schröder) oder Wulff (Wulff). Nur Schünemann blieb, was er immer war. Und seit dort eine Frau Ö. oder Ü. am Kabinettstisch sitzt, ist er nicht einmal mehr der bekannteste niedersächsische Minister der Welt.

Sogar den – auf Aygül Özkan bezogenen – Umlaut-Kalauer hat er heute an anderer Stelle noch einmal aufgewärmt:

Denn der war kein Dutzendminister in der deutschen Provinz; er ist auch nicht so leicht zu ersetzen wie die andere (zumindest in Fachkreisen) halbwegs bekannte niedersächsische Ministerin, für die sich gewiss eine andere Frau Ö. oder ein Herr Ü. finden lassen wird.

Nun ist es nicht so, dass Deniz Yücel seine gesamte Kolumne aus dem Juli 2012 recycelt hätte: Ein paar Passagen hat er nicht wiederholt — vielleicht, weil er sie zuvor schon einmal wiederholt hatte.

So schrieb er vor einem halben Jahr:

Doch Schünemann genügt sein toller Job in Niedersachsen und die Freizeit, die er im Sportschützen-Club Holzminden vielleicht auch mit ein paar Betriebsräten von VW verbringt, nicht.

Also ziemlich genau das, was er schon im Januar 2006 in der „Jungle World“ in einem Text über Schünemann geschrieben hatte:

Doch Uwe Schünemann (CDU) genügen sein toller Job in Niedersachsen und die Freizeit, die er im Sportschützen-Club Holzminden, vielleicht auch mit ein paar Betriebsräten von VW verbringt, nicht.

„taz“, 2012:

Vielleicht wird seiner Ehefrau Ines im Supermarkt hinterhergetuschelt: „Die Ärmste, ihr Mann ist schon bald 50 und immer noch nur Landesminister!“ – „Wie sie das bloß aushält?“ – „Wenn meiner immer nur so was bliebe, würde ich die Kinder nehmen und gehen.“

Darum gibt Schünemann alles, damit sich seine Frau Ines (47) und die Kinder Milena (17) und Timo (13) nicht für den Papi (sie dürften ihn alle drei so nennen) schämen müssen.

„Jungle World“, 2006:

Mög­lichweise wird im Supermarkt hinter seiner Ehefrau getuschelt: „Die Ärmste, ihr Mann ist nur Landesminister!“ – „Wie sie das aushält?“ – „Wenn meiner immer nur sowas bliebe, würde ich die Kinder nehmen und gehen.“

Doch Schünemann gibt alles, damit sich seine Ehefrau Ines (40) und die Kinder Timo (6) und Milena (10) für den Papa (vermutlich werden alle drei ihn so nennen) nicht schämen müssen.

So gesehen ist Deniz Yücel doch nicht der Broder oder Wagner, sondern nur der Wolfram Weimer der Linken.

Mit Dank an Michael F. und ungeruehrt.

Die grausamen grausamen Details

Wenn die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) einen Bericht herausbringt, schalten sie bei „Bild“ reflexartig in den Katastrophen-Modus um. Als wäre das Schlimmste passiert, was hätte passieren können. Hätte ja passieren können! In der „Bild“-Sprache tragen solche Vorfälle dann Namen wie „Horrorflug“, „Beinahe-Crash“, „Beinahe-Absturz“, „Beinahe-Katastrophe“, „Beinahe-Unfall“, „Beinahe-Zusammenstoß“, „Fast-Katastrophe“, „Fast-Absturz“ oder „Fast-Unfall“.

Richtig schlimm wird es aber, wenn bei einem Zwischenfall tatsächlich etwas passiert ist. Wenn Menschen zu Schaden gekommen sind.

Anfang Dezember sind bei einem Flugzeugunglück in Hessen acht Menschen ums Leben gekommen. Damals waren zwei Kleinflugzeuge bei klarem Himmel in der Nähe von Wölfersheim kollidiert und abgestürzt. Die BFU kündigte kurz nach dem Unglück an, frühestens Anfang Februar einen ersten Untersuchungsbericht vorzulegen. Doch „Bild“ veröffentlichte schon am vergangenen Dienstag „erste Details aus dem Flugunfall-Bericht“:

EXKLUSIV - So grausam starben die Wölfersheimer Absturzopfer. Erste DETAILS aus dem Flugunfall-Bericht

(Natürlich verzichtet „Bild“ nicht darauf, drei große unverpixelte Fotos — hier abgeschnitten — von einigen der Opfer zu zeigen.)

Im Artikel heißt es:

Am 8. Dezember krachen zwei Kleinflugzeuge am Himmel der Wetterau zusammen. Acht Menschen sterben, darunter 4 Kinder.

Mitte Februar soll das Unfallgutachten veröffentlicht werden. BILD liegen schon jetzt erste Details vor.

Es sind schreckliche Einzelheiten, die die Ermittler in ihr Unfall-Gutachten schreiben müssen.

Die „Bild“-Autoren schildern unter anderem, dass sich die beiden Erwachsenen in einer der Maschinen „von den Kindern (…) ablenken“ ließen, dass das eine Flugzeug das andere „von hinten im 30-Grad Winkel“ traf, dass das Hauptfahrwerk „in die Kabine“ schoss und dabei das 4-jährige Mädchen sofort tötete und dass „die tiefstehende Sonne (…) anscheinend nicht der Grund für die Kollision“ war.

All diese Details aus dem Bericht der BFU hat „Bild“ exklusiv. So „exklusiv“, dass nicht mal die BFU sie kennt.

Die Behörde reagierte noch am selben Tag, an dem der „Bild“-Artikel erschienen war und schrieb auf ihrer Website:

Im Umlauf befindliche Berichte der Boulevardpresse basieren nicht auf den vorliegenden Untersuchungen.

Normalerweise kommentiere die Bundesstelle Presseberichte nicht, teilte uns Klaus-Uwe Fuchs von der BFU auf Anfrage mit. Diesmal sah sie sich aber offenbar gezwungen: Die Details, die in dem „Bild“-Artikel geschildert werden, seien „reine Spekulation“, erklärte Fuchs, der die Untersuchung des Unglücks von Wölfersheim leitet. Mit den Ermittlungen der BFU stünden sie jedenfalls nicht im Einklang.

Andere Medien indes waren misstrauisch genug, die erfundenen exklusiven „Bild“-Informationen nicht weiter zu verbreiten. Immerhin.

Mit Dank an Torsten L., M.H. und an Paul C. für den Scan.

Nachtrag, 22. Januar: Die Pressemitteilung der BFU ist mittlerweile nicht mehr erreichbar. Sie habe die Funktion gehabt, schrieb uns Klaus-Uwe Fuchs, „(…) Presseagenturen und Nachrichtenredaktionen darüber zu informieren, dass die gemachten Angaben in dem besagten Presseorgan nicht mit den Untersuchungen der BFU im Einklang stehen“. Diesen Zweck habe sie nun erfüllt und sei deshalb wieder gelöscht worden.

Bild  

Dreamliner leiden unter Antriebslosigkeit

Beim Flugzeughersteller Boeing läuft’s momentan nicht ganz so rund. Nach einer Pannenserie des Typs 787 Dreamliner haben Behörden in den USA, in Europa und Asien alle Dreamliner aus dem Verkehr gezogen. Das weltweite Flugverbot soll erst aufgehoben werden, wenn nachgewiesen wurde, dass die Flugzeuge sicher sind.

„Bild“ berichtete am Samstag so darüber:

WELTWEITES FLUGVERBOT - Dreamliner in der Warteschlange

Nach dem weltweiten Flugverbot für Boeings Vorzeigeflieger bilden sich an zahlreichen internationalen Flughäfen Warteschlangen der am Boden gehaltenen Maschinen. So auch in Everett im US-Bundesstaat Washington (siehe Foto).

Doch selbst wenn die dort abgebildeten Flugzeuge starten dürften — sie könnten es gar nicht. Denn ihnen fehlen die Triebwerke.

In Everett, Washington befindet sich die größte Produktionsstätte für Boeing-Flieger, auch die Endmontage des 787 Dreamliners findet dort statt. Boeing hat, wie auch Bild.de berichtet, die Auslieferung der Flugzeuge gestoppt, die Produktion wird aber fortgesetzt. Das Foto zeigt also offensichtlich keine Maschinen, die „gestrandet“ sind und nun darauf warten, „wieder starten“ zu dürfen, sondern solche, die darauf warten, überhaupt erst mal fertig gebaut zu werden.

Mit Dank an Corinna P.

Kokopelli, Wetten, dass..?, 20min.ch

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Vier Thesen zur deutschen Film-Blogosphäre“
(realvirtuality.wordpress.com, Alexander Gajic)
Alexander Gajic vermisst „einen guten, deutschsprachigen Aggregator. Ein Must-Read-Blog, das die deutsche Film-Blogosphäre irgendwie über ihre Cluster hinweg eint und Diskussionen befeuert“.

2. „Blogs kennen keine Krise“
(faz-community.faz.net, Teresa Maria Bücker)
„Im Regime der Leistungsgesellschaft“ wirken Blogs fehl am Platz, findet Teresa Maria Bücker. „In Blogs werden Diskussionen eröffnet, Fragen formuliert und Gedanken unvollendet publiziert. Blogs haben keine Freigabeschlaufe, sie machen verwundbar, sind wunderbar.“

3. „Voll auf Quote“
(faz.net, Harald Staun)
„Am Stolz auf die Besuche der sogenannten echten Weltstars erkennt man ja am besten, wie provinziell und unbeholfen das deutsche Unterhaltungsfernsehen ist“, schreibt Harald Staun über „Wetten, dass..?“: „Die Verwechslung von Relevanz mit Quote hat sich in den öffentlich-rechtlichen Hirnen mittlerweile so festgebrannt, dass man sich eben notfalls erkauft, was nicht mehr Ergebnis der Qualität des Programms ist. Und wenn das Geld der Beitragszahler dafür nicht reicht, dann muss man sich eben ein paar Tricks einfallen lassen.“

4. „Der ‘Fall Kokopelli’: Medienversagen made in Germany“
(novo-argumente.com, Georg Keckl)
Georg Keckl arbeitet „vollkommen widersprüchliche Meldungen zum Ausgang eines Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH)“ aus dem Juli 2012 auf. „Ohne das Urteil zu kennen oder sich später am Vormittag, als das Urteil im Internet stand, die Mühe zu machen, es zu lesen, spulten nun fast alle Medien ihre vorbereiteten Berichte über den Sieg von Kokopelli ab und verbreiteten den Popanz, den die Grünen und NGOs um den Fall aufgebaut hatten. Am Vormittag des 12.7. lasen vermutlich die ersten Redakteure, dass Kokopelli krachend verloren hat.“

5. „Geiseldrama und Intimrasur“
(sexsensibility.annabelle.ch, Helene Aecherli)
Helene Aecherli wundert sich über die beiden Aufmacher auf 20min.ch: „Ich traute meinen Augen nicht: Das Blutbad bei der Befreiung der Geiseln in Algerien so relevant wie Intimrasur, Terror wie Blowjob, Sicherheitsexperte Kurt R. Spillmann wie die deutsche Bachelor-Kandidatin und Erotikdarstellerin Melanie.“

6. „Ich, der Rassist“
(albannikolaiherbst.twoday.net)
Alban Nikolai Herbst äußert sich zur „Umschreibung von Zeitdokumenten“: „Immer werden sich Gruppen finden, die sich durch Wörter, Formulierungen, Wertungen zu Recht verletzt fühlen und Entfernung verlangen werden; möglicherweise wird dies, ist der Damm einmal gebrochen, auch die Gerichte beschäftigen, und es wird weitere und immer weitere Gesetze geben, die aus der gemeinten Freiheit schließlich auf Schritt und Tritt verminte Äcker machen werden; wir werden in einem Korsett aus Vorsichten leben, und die Kunst wird nicht erst, wie Adorno meinte, einer befreiten Gesellschaft absterben, sondern einer, die sich festgenagelt hat, und zwar eigenhändig. Und jedes neu geschriebene Buch, das veröffentlicht werden soll, wird von Kommissaren vorbegutachtet werden.“ Siehe dazu auch „‘Die Sprachhygieniker können uns Schreiber mal’“, ein Interview mit Feridun Zaimoglu auf erenguevercin.wordpress.com.