Archiv für Januar 8th, 2013

Von Antisemiten und Antisemanten

Sie haben es womöglich mitbekommen: Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“, sieht sich Antisemitismus-Vorwürfen ausgesetzt.

Die deutschen Medien schreiben dazu:

Das amerikanisch-jüdische Simon-Wiesenthal-Center (SWC) hat wieder einmal mit den jährlichen „Top Ten der Antisemiten und Israelkritikern“ für Schlagzeilen gesorgt.
(freitag.de)

Der Herausgeber der Berliner Wochenzeitung „Der Freitag“, Jakob Augstein, gehört nach Meinung des Simon-Wiesenthal-Zentrums in den USA zu den zehn derzeit wichtigsten Antisemiten.
(epd)

Das Simon Wiesenthal Center hatte Augstein auf Platz neun der Liste mit zehn Antisemiten für das Jahr 2012 gesetzt.
(Reuters)

Jakob Augstein auf die Liste der weltweit größten Antisemiten zu setzen ist ein Fehler des Wiesenthal-Zentrums, der fassungslos macht.
(„Neue Osnabrücker Zeitung“)

Die US-Menschenrechtsorganisation hatte Augstein wegen Israel-kritischer Äußerungen auf ihre Liste der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt gesetzt.
(dpa)

Das weltweit angesehene Wiesenthal-Zentrum hatte Augstein auf Platz neun eines Rankings der schlimmsten Judenfeinde gesetzt.
(dapd)

Am vorvergangenen Donnerstag veröffentlichte das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles seine aktuelle „Top Ten“ der schlimmsten Antisemiten in aller Welt, die es seit 2010 immer gegen Jahresende gibt.
(„Der Spiegel“)

Der Journalist Jakob Augstein ist vom Wiesenthal Center unter die Top Ten der weltweit gefährlichsten antisemitischen und anti-israelischen Verleumder gewählt worden.
(sueddeutsche.de)

Als einziger Deutscher steht „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein in der „Top 10″ der Antisemiten und Israel-Verunglimpfer – in einer Reihe mit Holocaustleugnern wie Mahmoud Ahmadinedschad.
(tagesspiegel.de)

Das Simon Wiesenthal Zentrum in Los Angeles hat vor Kurzem den deutschen Journalisten Jakob Augstein auf Platz 9 seiner jährlichen Liste der schlimmsten Antisemiten gesetzt.
(tagesschau.de)

Eine „Liste der schlimmsten Antisemiten“, da kann man sich natürlich was drunter vorstellen — so ein bisschen in der Art der berühmt-berüchtigten „Ten Most Wanted“ des FBI.

Allerdings gibt es diese Liste gar nicht.

Was das Simon Wiesenthal Center veröffentlicht hat (PDF), ist die „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“, also die Top Ten der anti-semitischen bzw. anti-israelischen Verunglimpfungen im Jahr 2012.

Das erklärt auch, warum so wenige Personen und Organisationen, die 2011 (PDF) und 2010 (PDF) auf dieser Liste standen (u.a. Thilo Sarrazin, Lars von Trier, Oliver Stone, aber auch Yahoo!, Facebook und Twitter als Platzhalter für „social media“), in der 2012er Edition auftauchen: Sie sind im vergangenen Jahr einfach nicht mit Äußerungen aufgefallen, die das Simon Wiesenthal Center als anti-semitisch bzw. anti-israelisch eingestuft hat.

Dieser Unterschied ist nicht ganz unbedeutend. Harald Martenstein etwa, Dampfplauderer beim „Berliner Tagesspiegel“, schreibt (auch bei „6 vor 9″ verlinkt):

Nicht die Neonazis sollen also Deutschlands schlimmste Judenhasser sein – nein, ein Journalist, der gegen Israels Regierung polemisiert. Wenn Jakob Augstein Deutschlands schlimmster Antisemit wäre, dann hieße dies, dass es in Deutschland keinen wirklich gefährlichen Antisemitismus mehr gibt. Eigentlich stellt das Wiesenthal-Zentrum Deutschland ein prima Zeugnis aus.

Dabei behauptet das Simon Wiesenthal Center mit seiner Liste gar nicht, dass Augstein „Deutschlands schlimmster Antisemit“ sei und damit „schlimmer“ als Neonazis. Es hält lediglich fünf Augstein-Zitate für derart anti-semitisch bzw. anti-israelisch, dass es diese auf Platz 9 der schlimmsten Verunglimpfungen gesetzt hat.

Über die Einschätzung dieser Zitate als anti-semitisch bzw. anti-israelisch kann man trefflich streiten. Aber es hülfe bei diesem Streit, wenn er auf der Grundlage dessen geführt würde, was das Simon Wiesenthal Center tatsächlich behauptet.

Mit Dank an Lukas G. und Steffen Z.

Talks, Wulffs und unaufmerksame Zeitungsleser

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

Bis zum 11. Januar gibt es hier ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen. Heute ausgewählt von Anne-Nikolin Hagemann und Christina Metallinos.

1. Ich will auch auf die Liste
(Der Tagesspiegel, Harald Martenstein)
Jakob Augstein belegt in der weltweiten Antisemiten-Top-Ten des Simon-Wiesenthal-Zentrums Platz 9 [Nachtrag: Naja, genau genommen nicht]. Wenn er wirklich Deutschlands gefährlichster Antisemit sein soll, wäre das ein prima Zeugnis für das Land, findet Harald Martenstein. Und fragt sich, warum er selbst es eigentlich nicht auf die Liste geschafft hat.

2. Ruhet in Frieden
(Spiegel Online International, Bernhard Zand)
Fünf obdachlose Jungen in China sterben in einer Mülltonne. Spiegel-Korrespondent Bernhard Zand berichtet – trotz Einschüchterungen, Beschattungen und einem Einbruch in sein Hotelzimmer, bei dem Fotos und Aufzeichnungen verschwinden. Chinas designierter Staatspäsident Xi Jinping lobt derweil seine „Freunde von der Presse“ für ihr „Engagement“.

3. Journalismus in Zeiten der Krise
(W&V, Thomas Forster)
Im Interview mit W&V spricht der Leiter der Deutschen Journalistenschule, Jörg Sadrozinski, über sinkende Bewerberzahlen an seiner Schule, neue Schwerpunkte im Lehrplan und den Journalismus in der Krise: „Kein Bäcker würde seine Ware verschenken – aber genau das tun wir.“

4. Die Talkrepublik
(Universität Koblenz-Landau)
Erwartbare Debatten, die immergleichen Gäste und wenig Substanz: In ihrer Analyse deutscher Talkshows liefern 35 Studenten der Universität Koblenz-Landau einen bemerkenswert umfassenden Überblick über Shows und Funktionsweisen und zeigen, wie die perfekte Talkshow aussehen sollte.

5. Wulff-van-der-Vaart-Doppelbelastung zu viel für Bild
(Der Postillon, dpo)
Die Wulffs und van der Vaarts führen zu Personalmangel bei der BILD, die nach „Postillon“-Meldung deshalb gleich das Politikressort schließen muss. Beim Gedanken an die ausführliche Berichterstattung anderer Medien über die beiden Trennungen bleibt einem das Lachen jedoch fast im Halse stecken.

6. Six things you can miss while reading a newspaper
(YouTube, Belgische Zeitungsverleger)
Krise hin, Krise her: Zeitung fesselt nach wie vor, wie dieser Spot belgischen Zeitungsverleger zeigt.