Archiv für Januar, 2013

Zauderland, Ethos, Begierde

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Reporter ohne Grenzen veröffentlicht aktuelle Rangliste der Pressefreiheit“
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Rangliste der Pressefreiheit 2012 mit Finnland, Niederlande und Norwegen auf den ersten sowie Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea auf den letzten Plätzen. Österreich (Platz 12), die Schweiz (14) und Deutschland (17) befinden sich im vorderen Bereich.

2. „‘Breaking Bad’, die Dänen und wir“
(drama-blog.de, Thilo Röscheisen)
Drehbuchautor Thilo Röscheisen antwortet auf den „Spiegel“-Beitrag „Im Zauderland“, der beklagt, dass Deutschland keine Serien wie zum Beispiel „Homeland“ hinkriegt: „Das raffinierte Geschäftsmodell, das die amerikanischen Pay-TV-Sender entwickelt haben, besteht darin, Serien für eine kleine, aber lautstarke Minderheit zu produzieren und von den Kabelnetzbetreibern immer höhere Gebühren zu verlangen. Zwar könnten die Kabelnetzbetreiber sich weigern, höhere Gebühren zu bezahlen, dann dürften sie aber das Programm der Sender nicht mehr verbreiten, mit der Folge, dass die meinungsstarken Fans dieser Serien ihnen die Hölle heiß machen würden. Also zahlen sie.“

3. „Abgeordnete müssen Journalisten werden“
(hamburger-wahlbeobachter.de, Martin Fuchs)
In der Hamburgischen Bürgerschaft sind Bild- oder Tonaufnahmen lediglich akkreditierten Fotojournalisten und Kameraleuten gestattet, die einen Ausweis tragen.

4. „Journalistischer Ethos“
(maennig.de)
Journalistischer Ethos, formuliert im Jahr 1917.

5. „Medien, die auf Ausschnitte starren“
(taz.de, Agnes Krumwiede)
Sexismus sei ein „Macht- und Stilmittel“ des Journalismus, schreibt Agnes Krumwiede: „Politikerinnen auf ihre Weiblichkeit zu reduzieren, geht oft einher mit einer Abwertung ihrer Kompetenz.“

6. „Allein unter lustfeindlichen Heteros“
(welt.de, Tilman Krause)
„Warum können die Deutschen nicht spielerisch mit Sexualität umgehen?“, fragt Tilman Krause, der glaubt, dass Deutsche „bitte schön nur Subjekt der Begierde zu sein wünschen“: „Seid Opfer und Täter zugleich! Das entspannt.“

Woher die Kriminalität kommt

In Zürich stehen neun junge Männer vor Gericht, die im Frühjahr 2011 insgesamt 32 Raubüberfälle auf offener Strasse verübt haben sollen.

Das Schweizer Gratisblatt „20 Minuten“ schildert die Atmosphäre im Gerichtssaal auf seiner Website so:

Die Hälfte der weitgehend geständigen Täter sind Schweizer Staatsangehörige. Dennoch wähnte man sich im Gerichtssaal an einer Versammlung der UNO.

So stammten selbst die eingebürgerten und vorwiegend in Zürich wohnhaften Beschuldigten ursprünglich aus Ostafrika, Sri Lanka oder der Türkei. Sämtliche Beschuldigten sind Gelegenheitsarbeiter, werden vom Sozialamt unterstützt oder erhalten eine Invalidenrente. Kein Wunder, dass die Angehörigen dieser verlorenen Generation akuten Geldmangel als Tatmotiv angaben. Für den Chef gehörten auch das Herumhängen auf der Gasse sowie der Konsum von Alkohol und Marihuana dazu.

Mit Dank an Thomas R.

Nachtrag, 31. Januar: 20min.ch hat die Textstelle unauffällig überarbeitet. Sie lautet nun:

Die Hälfte der weitgehend geständigen Täter sind Schweizer Staatsangehörige. Doch die vorwiegend in Zürich wohnhaften Beschuldigten stammen ursprünglich aus Ostafrika, Sri Lanka oder der Türkei.

Sämtliche Beschuldigten sind Gelegenheitsarbeiter, werden vom Sozialamt unterstützt oder erhalten eine IV-Rente. Als Tatmotiv gaben die Angehörigen dieser verlorenen Generation akuten Geldmangel an. Für den Chef gehörten auch das Herumhängen auf der Gasse sowie der Konsum von Alkohol und Marihuana dazu.

2. Nachtrag/Korrektur: War gar nicht „unauffällig“: Im Artikel prangt ein Kasten:

Anmerkung der Redaktion, 31. Januar 2013: Gegenüber der ersten Version dieses Artikels wurde die Tonalität angepasst.

Ermittler, Ruhrgebiet, Jan Böhmermann

6 vor 9

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1. „Polizei beschlagnahmt in Redaktion Daten eines Foren-Nutzers“
(augsburger-allgemeine.de, Sascha Borowski)
In der Redaktion der „Augsburger Allgemeinen“ kreuzt die Polizei auf: „Die Ermittler wollen Daten – den Klarnamen eines Nutzers unseres Online-Forums. (…) Die zuständige Richterin verpflichtete die Redaktion dazu, die vorliegenden Daten des betreffenden Nutzers an die Ermittler herauszugeben.“

2. „Böhmermann: ‘Kein Bock auf Nischenproduktion’“
(neon.de, Annabel Dillig)
„Nichts im Fernsehen ist echt“, sagt Jan Böhmermann im Interview über Talkshows: „Den Moderatoren geht es um leichte Fernsehunterhaltung und gute Gags, den Gästen darum, ihre Bücher und CDs zu verkaufen – aber kein Moderator interessiert sich für diese Bücher und CDs.“

3. „Print-Analyse: der typische Zeit-Leser“
(meedia.de, Jens Schröder)
Der typische „Zeit“-Leser ist „meist ein Mann, öfter als bei Spiegel & Co. aber eine Frau. Er ist überdurchschnittlich jung und studiert. Hat er fertig studiert, so ist er selbständig, ein Freiberufler oder ein leitender Angestellter, dessen Haushalt über mehr als 3.000 Euro netto verfügt. Er kommt aus NRW, dem Norden der Republik oder aus Berlin.“

4. „Auf welchem Text landen die meisten Fliegen?“
(zeit.de, Kai Biermann)
Jens Schröder im Interview über den News-Aggregator 10000flies.de.

5. „Nach den Zechen sterben die Zeitungen“
(faz.net, Andreas Rossmann)
Ein Blick auf die Lage der Zeitungen im Ruhrgebiet.

6. „Billiger geht immer: MDR bewirbt Rundfunkbeitrag“
(flurfunk-dresden.de, Martin Kisza)

Preiswürdiges Dreiben im Dschungel

Vermutlich muss man im Fall von „Focus Online“ schon froh sein, dass sie nicht geschrieben haben, dass eine Duschgel-Show für den Grimme-Preis nominiert ist. Der Versuch, einer unscheinbaren, 114 Wörter kurzen dpa-Meldung eine treffende eigene Überschrift zu geben, muss dennoch als gescheitert betrachtet werden.

Dschungelshow dreimal für Grimme-Preis nominiert

Offenbar war es dieser Satz, der „Focus Online“ mit seiner komplexen Satzstruktur auf die falsche Fährte gelockt hatte:

Die sechste Staffel aus dem Jahr 2012, noch mit dem am 2. Oktober gestorbenen Co-Moderator Dirk Bach, ist eine von insgesamt 57 TV-Produktionen, die in drei verschiedenen Kategorien auf die renommierte Auszeichnung hoffen dürfen.

Die RTL-Show „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“ ist nur einmal — und in nur einer Kategorie — für den Grimme-Preis nominiert.

Nachtrag, 23:55 Uhr. „Focus Online“ hat die Meldung gegen eine andere Fassung ersetzt und die Überschrift geändert und behauptet nun stattdessen falsch, die Dschungelshow sei „mangels neuer Unterhaltungsformate“ für den Preis nominiert.

Wie viel Brüderle erträgt die Bundeswehr?

Spätestens seit sich der Quizmaster Günther Jauch am Sonntagabend in der nach ihm benannten ARD-Talkshow an dem Thema versuchte, lässt es sich nicht mehr ignorieren: Es gibt in Deutschland eine Debatte über Alltagssexismus. Auslöser war ein Artikel in der Illustrierten „Stern“, in dem eine Journalistin dem FDP-Politiker Rainer Brüderle vorwarf, sich ihr an einer Hotelbar in einer Weise genähert zu haben, die sie unangenehm fand.

Schon am Samstag hatte „Bild“ die zentrale Frage gestellt:

Wie viel Brüderle ist erlaubt? 100 Frauen in BILD: Flirt oder Belästigung — wo ist die Grenze?

Eine Frage, die „Bild“-Redakteurin Stephanie Bilges erstaunlich klar zu beantworten wusste:

BILD-Redakteurin Stephanie Bilges (36, Berlin): "Wer nicht in der Lage ist, mit deftigen Sprüchen umzugehen, sollte vielleicht besser nicht berufstätig sein."

Gestern dann bedachte Franz Josef Wagner die „liebe Sexismus-Debatte“ mit einem Brief, der selbst für seine Verhältnisse eher exzentrisch wirkte.

Heute schließlich erklärte „Bild“-Reporter Wilfried Pastors („seit 36 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet, zweifacher Vater und Opa von vier Enkeln [drei Mädchen]„), er lasse sich als Mann „nicht unter Generalverdacht stellen“:

Wenn jetzt allerdings eine Geschlechtsforscherin im Frühstücksfernsehen unwidersprochen sagen darf, der Fall Kachelmann sei Beleg für alltäglichen Sexismus in Deutschland, stellen sich mir die Nackenhaare hoch.

Das war ein mit allen Mitteln des Rechtsstaats geführter Prozess, der anders ausging, als es manche gerne gehabt hätten. Aber so, und nur so, funktioniert Rechtsstaat.

Pastors widerspricht damit überraschend offen der bisherigen „Bild“-Linie, die den Ausgang des „mit allen Mitteln des Rechtsstaats geführten Prozesses“ damals so kommentiert hatte:

Kachelmann: Freispruch, aber ...

Und damit kommen wir zum Jahresbericht des Wehrbeauftragten der Bundesregierung. Oder, wie Hanno Kautz, „Bild“-Parlamentskorrespondent, ihn auf Bild.de nennt, dem „Jammer-Bericht der Bundeswehr“:

SEXUELLE ÜBERGRIFFE: Der Bericht über eine vergewaltigte Soldatin in der Heeresfliegerwaffenschule Bückeburg im August 2012 sei eine Ausnahme, heißt es in dem Bericht. Es ginge um Einzelfälle, die festgehalten werden, sagte Königshaus, doch mit einer "nicht unerheblichen Dunkelziffer" sei zu rechnen.

​Kautz zitiert aus dem Bericht, in dem von bekannten 50 Fällen „mit sexuellem Bezug“ die Rede sei, und schließt:

„Bei der überwiegenden Anzahl der Taten“, so heißt es aber in dem Bericht, „handelte es sich um unangemessene Berührungen und verbale sexuelle Belästigungen.“

„Aber“. Aha. Na, dann ist ja alles halb so schlimm, die betroffenen Soldatinnen (oder Soldaten) sollten vielleicht besser nicht berufstätig sein und mit dem Jammern aufhören.

Mit Dank auch an Jürgen L.

Cinema, Krautreporter, GEMA

6 vor 9

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1. „Seriencheck wird zum Offenbarungseid der ‘Cinema’“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Thomas Lückerath prüft nach, was die Zeitschrift „Cinema“ als Serienhighlights 2013 einstuft. „Nach 14 Seiten Titelstory mit 36 vorgestellten Serien ist das Ergebnis ernüchternd. Nur über 13 der Serien lässt sich verlässlich sagen: Sie sind US-Serienhits.“

2. „Das Amalgam“
(faz.net, Volker Zastrow)
Gab es bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine Zweitstimmenkampagne der CDU? Nein, schreibt Volker Zastrow, „es geht um die gute alte Manipulation. Die Analysen sind gar keine, sie geben sich nur als solche aus. Ins Gewand der Objektivität haben sich politische Forderungen gekleidet: Der Punkt, auf den sie sich richten, liegt nicht in der Vergangenheit (die Niedersachsenwahl), sondern in der Zukunft (die Bundestagswahl). Gemeinsames Interesse aller, die solche Analysen nicht einfach nur nachplappern oder abschreiben, sondern absichtsvoll in die Welt setzen: Die FDP soll im Bund nicht so stark werden wie in Niedersachsen.“

3. „Dschungeltexter Jens Oliver Haas: ‘Ein Jahr Pause wäre jetzt gut für das Format’“
(stefan-niggemeier.de)
Jens Oliver Haas, Autor der Moderationstexte der RTL-Sendung „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, im Interview. „Der Dschungel lebt zum größten Teil nicht von den Prüfungen und Schatzsuchen, sondern von dem, was zwischen den Kandidaten passiert und sich entwickelt.“

4. „Interview mit Sebastian Esser zum Start der Plattform Krautreporter“
(medialdigital.de, Ulrike Langer)
Ulrike Langer befragt Sebastian Esser zum Start von Krautreporter.de.

5. „Hummels: ‘Ich habe mit keiner Silbe das
Spielsystem der Nationalmannschaft kritisiert’“

(bvb.de)
Mats Hummels vermisst in einer Vorabmeldung des „Focus“ einen „entscheidenden Satz“.

6. „GEMA versus YouTubes Top 1000″
(apps.opendatacity.de)
Über 60 Prozent der 1000 weltweit meistgesehenen YouTube-Videos sind in Deutschland nicht verfügbar, „weil YouTube davon ausgeht, dass die Musikrechte ‘möglicherweise’ bei der Musikverwertungsgesellschaft GEMA liegen.“ Siehe dazu auch „Über unsere App: GEMA versus YouTubes Top 1000″ (datenjournalist.de).

Abendzeitung, Horst Seidenfaden, Lämmer

6 vor 9

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1. „Wo ein Mordverdacht ist, kann doch ein Videospiel nicht weit sein…“
(de.ign.com, Tino Hahn)
Ein Bericht der „Abendzeitung“ über einen Mordfall, inklusive Stellungnahme der Redaktion: „Der gesamte Bericht entbehrt jeglicher Pietät, steckt voller haltloser Behauptungen und dient einzig und allein dazu, Vorurteile gegen Gamer zu schüren.“

2. „Leser fragen, Horst Seidenfaden belehrt“
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Horst Seidenfaden, Chefredakteur der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“, beantwortet „Fragen zum Redaktionsalltag der HNA“.

3. „Don’t believe everything you read“
(x-surface.tumblr.com, englisch)
Jemand gibt sich aus als ein Mitarbeiter von Microsoft und wendet sich mit „Informationen“ an verschiedene Gaming-Websites. Ein paar Stunden später sind sie als News online. „It’s all about being first. To get such news out (whether you believe it or not) before any other publication does, will guarantee you page impressions, and that all-important advertising revenue. Gaming ‘journalism’ is completely broken.“

4. „Schwächstes Glied sind die Journalisten“
(sonntagonline.ch, Christof Moser)
Christof Moser ärgert sich über über Journalisten, die „fast schon demonstrativ ihr Desinteresse an den Details des Diskurses offenbaren. Initiative studiert? Gegenvorschlag gelesen? Revision analysiert? Fehlanzeige. Es geht nur um Stimmen und Stimmung, Polit-Matchberichte.“

5. „Prüder in Waffen“
(faz.net, Claudius Seidl)
Claudius Seidl analysiert die „Stern“-Story „Der Herrenwitz“.

6. „Das Schreien der Lämmer“
(fraumeike.de)
Meike Lobo schreibt über die aktuelle Sexismus-Debatte. Siehe dazu auch „Schreiende Lämmer – Das Nachspiel“ und „Arme Opfer“ (cora-stephan.blogspot.de).

Bild  

Riesen-Sauerei statt Nötigung

Heute freut sich „Bild“ mal auf Seite 1:

Ottfried-Fischer-Prozess: Freispruch für BILD-Redakteur!

Sieg für die Pressefreiheit!

Keine Nötigung, keine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs, erst recht keine Erpressung:

Im Prozess um ein Sex-Video mit Ottfried Fischer (59, „Pfarrer Braun“) hat das Landgericht München den angeklagten BILD-Redakteur in allen Punkten freigesprochen.

Und das schon zum zweiten Mal!

Begründung des Richters: „Die Recherchearbeit ist grundsätzlich geschützt, unabhängig von der jeweiligen Zeitung“. Und: Eine Drohung des Angeklagten habe es nie gegeben.

Claas-Hendrik Soehring, Leiter Medienrecht Axel Springer AG: „Der Versuch der Münchener Staatsanwaltschaft und Ottfried Fischers, presserechtlich gebotene Arbeit von Journalisten zu kriminalisieren, ist gescheitert.“

Soweit die Axel Springer AG und „Bild“, Leuchtfeuer im Kampf um die Pressefreiheit.

Und nun noch einmal der Richter, zitiert von anderen Medien:

Eine persönliche Schuld des Angeklagten sei nicht feststellbar gewesen, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Hensel. Er betonte aber: „Was da passiert ist, ist eine Riesen-Sauerei. Was der einzelne in seiner Wohnung macht, geht niemanden etwas an.“

Mit Dank auch an Jörg W.

Superlative, Übergriffe, Affen

6 vor 9

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1. „Der kritischste Artikel über Superlative aller Zeiten“
(sportsaal.de, Derhatschongelb)
Der Sportjournalismus neigt zu Superlativen. Dabei wäre Aufmerksamkeit auch bei einer nüchternen Anpreisung sicher: „Ich würde die Videos und Geschichten auch anklicken, wenn sie einfach mit ‘Mittelfeldspieler trifft aus 78 Metern’ oder ‘Torwart schießt Abstoß ins eigene Toraus’ betitelt wären.“

2. „Qualitätsmedien im Web: Artikel werden zur Trägermasse für Klick-Fabriken“
(onlinejournalismusblog.com, Stephan Dörner)
Die Auswirkungen von Page Impressions als Währung für Werbung im Netz: „Der für mich wichtigste Schritt, Qualitätsjournalismus ins digitale Zeitalter zu holen, ist, ihn endlich auch im Onlinejournalismus stattfinden zu lassen. Sobald das passiert ist, können alle Medienhäuser auch über eine Monetarisierung beispielsweise über Paywalls nachdenken. Vorher nicht.“

3. „Analyse: Der typische Bild-Leser“
(meedia.de, Jens Schröder)
„Der typische Bild-Leser“ ist „ein Mann im Alter von 40 bis 59 Jahren“, schreibt Jens Schröder. „Er ist zur Haupt- oder Realschule gegangen, arbeitet als Facharbeiter und verfügt über ein Haushalts-Nettoeinkommen von 1.500 bis 2.500 Euro.“

4. „Wahrlich, keine Sternstunde“
(saarbruecker-zeitung.de, Bernard Benrarding)
Bernard Benrarding kommentiert die Vorwürfe einer „Stern“-Journalistin gegen Rainer Brüderle: „Was für eine Heuchelei: Ausgerechnet jene, die permanent mit grellem Sex Auflage machen, schüren die Erregung über angeblichen Sexismus.“ Siehe dazu auch „‘Anzügliche Blicke gibt es überall’“, ein Interview mit Wibke Bruhns (tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann).

5. „Normal ist das nicht!“
(kleinerdrei.org, Maike)
Maike versammelt verschiedene Erlebnisse sexueller Übergriffe im Alltag: „Solche Erlebnisse prägen – dabei kann ich noch von Glück sprechen, denn mir ist keine körperliche Gewalt widerfahren. Aber die Angst bleibt und geschürt wird sie immer wieder mit alltäglichen Sexismen, die ich und viele andere Menschen – meist Frauen – auf der Straße erleben.“

6. „Bildunterschrift der Affen“
(juliane-wiedemeier.de)

Bild  

Heinos erfundener Rocker-Krieg

Es ist selbst für „Bild“-Verhältnisse eine etwas überraschende Überschrift:

Weil er DIE ÄRZTE und RAMMSTEIN nachmacht: Rocker-Krieg gegen Heino! Deutsche Rocker sauer auf Volksmusik-Star Heino: "Ich lasse mir von niemandem das Singen verbieten"

Anders als sonst geht es in diesem „Rocker-Krieg“ nicht um irgendwelche Motorrad-Gangs, sondern um Rockmusiker:

Wüste Beschimpfungen, Anwälte, verbotene Videos! Die deutsche Rock-Szene ist in Aufruhr: Ausgerechnet Heino singt Hits von „Rammstein“ oder „Die Ärzte“ nach – obwohl die ihm KEINE Genehmigung dafür gaben.

Dass Heino gar keine, Verzeihung: gar KEINE Genehmigung gebraucht hätte, erklärt „Bild“ im Artikel eigentlich sogar selbst:

Heino nutzt ein rechtliches Schlupfloch. Solange er Komposition und Text des Original-Songs nicht verändert, können die Rocker nichts machen.

Details dazu entnehmen Sie bitte einfach der Wikipedia.

Das viele Gerede von Gesetzen wirkt überhaupt sehr kalkuliert — immerhin nennt die Plattenfirma Heinos (zufälligerweise nächste Woche erscheinende) CD offiziell „Mit freundlichen Grüßen — Das verbotene Album“, obwohl nichts an dem Album „verboten“ ist.

Auch sonst wirkt der „Bild“-Artikel wie genau geplante Krawall-PR:

Kein großes Plattenlabel traute sich an die Veröffentlichung, weil die Multimillionen-Rocker den Firmen mit Kündigung drohten.

… weswegen das Album jetzt bei Sony Music erscheint, einer der drei größten Plattenfirmen der Welt, wo es zuvor schon für Oktober 2012 angekündigt gewesen war.

Aber zurück zum „Rocker-Krieg“, der für „Bild“ sogar ein „irrer Rocker-Krieg ist:

„Diesen Dreck muss man sofort löschen, das ist respektlos!“

„Das Letzte, dass dieser A…. unsere Lieder singt!“

„Was denkt sich dieser Schunkel-Opa, der soll seine Rentner-Schnulzen trällern!“

Reaktionen deutscher Rockstars. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

Nun würde man ja von einem „Krieg“ irgendwie erwarten, dass beide Seiten öffentlich auftreten und die eine nicht so seltsam von der „Bild“-Redaktion gedeckt wird.

Andererseits nennt die Zeitung ja dann doch noch Ross und Rocker:

Aus dem „Rammstein“-Umfeld heißt es, die Band fände das „zum Erbrechen!“ Und: „Wir könnten kotzen.“

Wobei „Bild“ da offensichtlich aufs falsche Pferd gesetzt hat. Die Band Rammstein sah sich nämlich auf ihrer Website und bei Facebook zu einer Richtigstellung verpflichtet:

Rammstein haben mit Befremden die heutige Berichterstattung der Bild-Zeitung zur Kenntnis genommen, die Band befände sich in einer Auseinandersetzung mit Heino zu seiner Coverversion des Rammstein Titels „Sonne“.

Das ist nicht der Fall. Rammstein hat sich hierzu nicht geäussert. Die im Text genannten Zitate, die der Band in den Mund gelegt werden, spiegeln ausdrücklich nicht das Meinungsbild von Rammstein wieder.

Auch eine andere Band wusste offenbar noch nichts von ihrer Verwicklung in den „Rocker-Krieg“, wie dpa schreibt:

Auch die Plattenfirma der Ärzte, Hot Action Records in Berlin, widersprach dem Artikel. Dass Heino auf der Platte den Ärzte-Hit „Junge“ zum Besten gibt, habe bei den Punk-Rockern nicht für Aufregung gesorgt, hieß es am Donnerstag. Die Band habe Heino auch nicht mit rechtlichen Schritten gedroht, sollte er ein Video seiner „Junge“-Version herausbringen, wie die Zeitung berichtet hatte.

„Bild“-Reporter Mark Pittelkau hatte geschrieben:

Heino-Manager Jan Mewes: „‘Die Ärzte’ drohten Heino mit einer sechsstelligen Schadenersatz-Klage, falls er sein bereits produziertes Musik-Video ‘Junge’ veröffentlicht.“

Ein solches Video können Sie natürlich bei Bild.de sehen.

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

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