Archiv für Dezember 5th, 2012

Harzer Rollstuhl

Normalerweise werden Agentur-, Polizei- und Pressemitteilungen in modernen Nachrichtenredaktionen einfach per Copy & Paste übernommen, gegebenenfalls noch ein wenig angepasst und dann veröffentlicht.

Nicht so beim „Kölner Stadtanzeiger“. Dort funktioniert die Weitergabe eingehender Meldungen offenbar per Zuruf, Dosentelefon oder „Stille Post“.

Anders ist eigentlich nicht zu erklären, wie aus dieser Pressemitteilung der Polizei …

Auf Rollerfahrer eingeschlagen

dieser Artikel auf ksta.de werden konnte:

Autofahrer greift Rollstuhlfahrer an

Mit beeindruckender Konsequenz ist jeder „Rollerfahrer“ im Text durch einen „Rollstuhlfahrer“ ersetzt worden, was mitunter etwas bizarre Folgen hat:

Als er in den dortigen Kreisverkehr einbog und sein Tempo verringerte, wurde er von seinem hinter ihm fahrenden Angreifer belästigt. „Plötzlich hörte ich hinter mir ein Hupen. Der Autofahrer fuhr extrem dicht auf und gestikulierte wild“, zitiert die Polizei den Rollstuhlfahrer.

Mit Dank an Marco L.

Nachtrag, 18.05 Uhr: ksta.de hat den „Rollstuhlfahrer“ kommentarlos in einen „Rollerfahrer“ zurückverwandelt.

Bild  

„Tagesschau“ hält sich nicht an „Bild“-Termin

„Spinnen die jetzt komplett?“, fragt „Bild“ auf der Titelseite und es kann bei dieser Formulierung eigentlich kein Zweifel daran bestehen, dass „die“ auch vorher schon nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt hätten.

„Die“, das sind diesmal nicht die Griechen und auch nicht die Hartz-IV-Empfänger, sondern die dritten Lieblingsfeinde der „Bild“-Redaktion: die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, im konkreten Fall die ARD und deren „Tagesschau“.

[...] Insider ätzen: Bei der „Tagesschau“ geht es zu wie auf dem Berliner Flughafen – große Pläne, aber nichts klappt. Ein neues Nachrichten-Studio verschlingt viele Millonen. Und wird immer teurer, weil (fast) nichts fertig wird.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke ließ gestern erklären: „Die Arbeiten für das Studio liegen voll im Budgetplan.“ Aber konkrete Zahlen nannte er nicht.

BILD schon! Über 20 Millionen Euro Gebührengeld wurden für das neue Studio bereits vorab veranschlagt. Fürs Feinste vom Feinen: neues Design, Touchscreens, eine 20 Meter lange HD-Monitorwand, neue digitale Technik.

Das Wort „Gebührengeld“ steht da nicht zufällig: „Bild“ kämpft schon lange gegen die aus der Sicht der Zeitung viel zu hohen Rundfunkgebühren. Warum die allerdings nicht für ein Studio mit modernster Technik ausgegeben werden sollten, lassen die drei Autoren offen.

„Bild“ hat aber noch mehr herausgefunden:

Die „Tagesschau“ sollte in ihrem Mega-Studio am 26. Dezember pünktlich zum eigentlichen Geburtstag auf Sendung gehen. „Tagesschau“-Chefredakteuer Kai Gniffke hatte schon am 2. Januar 2012 in seinem Blog geschrieben: „Ende des Jahres nehmen wir unser umgebautes Studio in Betrieb.“

Jetzt plötzlich spricht Gniffke nicht mehr von „Betrieb“, sondern von „Probebetrieb“. WARUM?

Ganz einfach: weil vieles noch nicht funktioniert.

Tatsache: Das hatte Gniffke geschrieben. Nicht geschrieben hatte er allerdings, dass das Studio dann auch schon auf Sendung gehe.

Dass neue Technik nicht immer so funktioniert, wie man sich das wünscht, müssten sie bei „Bild“ eigentlich am Besten wissen. Das neue Layout von Bild.de im Moment sorgt noch für einige interessante Effekte:

Andererseits könnte ein nicht funktionierendes Studio natürlich für eine dieser lustigen „Pannen“ sorgen, über die „Bild“ und Bild.de bei Fernsehsendern so gerne berichten.

In jedem Fall sah sich der NDR, bei der ARD verantwortlich für die „Tagesschau“, gezwungen, mit einer Pressemitteilung auf die „Bild“-Berichterstattung zu reagieren.

Darin erklärt NDR-Sprecher Martin Gartzke unter anderem:

Das neue Studio wird erst in Betrieb gehen, wenn alle Arbeitsabläufe zu hundert Prozent sitzen. Der Starttermin 26. Dezember wurde ausschließlich von der BILD-Zeitung behauptet, wir selbst haben aus guten Gründen bislang keinen solchen Termin gesetzt.

Tatsächlich tauchte das Datum 26. Dezember erstmals auf, als „Bild“ (ebenfalls ziemlich ahnungslos) über die „neue“ Erkennungsmelodie der „Tagesschau“ berichtet hatte.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke sagte dann auch auf unsere Frage, dass niemand, der etwas von den Abläufen eines TV-Betriebs verstünde, ein neues Studio am 26. Dezember eröffnen würde: In einer solch schwierigen Phase müsse man quasi mit doppelter Besetzung arbeiten, was „völliger Unfug“ wäre, wenn am 2. Weihnachtsfeiertag alle Mitarbeiter bei ihren Familien sein wollten.

Auch der Behauptung von „Bild“, Technikern seien von anderen ARD-Anstalten „eingeflogen“ worden, um Fehler zu finden, widersprach Gniffke: Da man im Probebetrieb mit doppelter Besetzung arbeiten müsse (eine Crew fährt das Live-Programm, die zweite die Test-Sendungen), habe man das Team vor Ort mit erfahrenen Journalisten aus den Landesstudios verstärkt.

Das Geraune „mehrerer Insider“, die „Bild“ mit den Worten zitiert, das Studio könne am Ende „bis zu 40 Millionen“ kosten, kommentierte Gniffke mit den Worten, das geplante Budget von unter 25 Millionen Euro werde „sehr sicher“ eingehalten.

Bleibt noch die Fußnote, in der „Bild“ behauptete, Anne Will gelte als „Top-Kandidatin“ bei der „Tagesschau“, weil die Nachrichtensendung „in Zukunft mehr ‘moderierende Elemente’ enthalten“ und die nach Will benannte Talkshow eingestellt werden solle.

Die bezeichnet NDR-Sprecher Martin Gartzke als „völlig befremdlich“. Und fährt fort:

Es gibt keine Entscheidung über die Zukunft der Talkshows. Es gibt auch – anders als von BILD behauptet – keinen Auftrag an eine Intendantin oder einen Intendanten, für Anne Will eine andere Beschäftigung zu suchen; sie moderiert ihre Sendung außerordentlich erfolgreich. Geradezu unsinnig wäre es im Übrigen, angesichts des großen Erfolgs der Tagesschau das bewährte Sprecherprinzip aufzugeben. In diesem Fall zitiert BILD mich vollkommen korrekt mit: ‘Alles Quatsch!‘“

Kindesmissbrauch, Tatort, Harald Schmidt

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „‘Autobild’ macht aus Fekter ‘Bürogehilfin'“
(kurier.at)
Autobild.de zeigt, um die Berufsgruppe „Bürogehilfen“ zu illustrieren, ein Foto der österreichischen Finanzministerin Maria Fekter.

2. „Was wird aus Mediendatenbank der Bundesregierung?“
(telemedicus.info, Hans-Christian Gräfe)
Hans-Christian Gräfe fragt, ob noch mal was aus der vom Bundestag beschlossenen Mediendatenbank wird, die „Verbindungen verschiedener Medienhäuser zentral und öffentlich dokumentieren“ soll.

3. „Kindesmissbrauch: Empört Euch bitte nicht so sehr!“
(novo-argumente.com, Sabine Beppler-Spahl)
Sabine Beppler-Spahl mahnt zu einem rationalen Umgang mit dem Thema Kindesmissbrauch: „Allzu oft wird der Begriff des Missbrauchs inflationär angewandt, was nur zur Folge haben kann, dass die seltenen, aber wirklich schlimmen Fälle relativiert werden.“

4. „Der Münsteraner“
(leogutsch.berliner-zeitung.de)
Jochen-Martin Gutsch versucht, die Faszination der Deutschen für den „Tatort“ zu ergründen: „Wie können 12 Millionen Menschen nur so irren?“

5. „Kapitalismus? Klar, aber nicht bei uns“
(taz.de, Deniz Yücel)
„Kapitalismus finden deutsche Journalisten auch nur solange klasse, wie es nicht um ihren eigenen Arsch geht“, schreibt Deniz Yücel.

6. „Harald Schmidt: TV-Entertainer“
(3sat.de, Video, 59:35 Minuten)
Frank A. Meyer spricht eine Stunde lang mit Harald Schmidt, auch über Medien.