Archiv für Dezember 3rd, 2012

Brennende Phantasie

Am vergangenen Mittwoch hat sich ein Mann in einem Kölner Supermarkt mit Benzin übergossen und selbst angezündet. Er wurde lebensgefährlich verletzt.

Viele Medien berichten seitdem über den Fall. Vermutlich sind es die besonderen Begleitumständen der Tat – insbesondere die Tatsache, dass der Mann auch andere Menschen in Gefahr gebracht hat –, die aus Sicht der Journalisten eine Berichterstattung rechtfertigen.

Einige Medien hielten sich dabei sogar (mehr oder weniger) an das, was der Presserat und Psychologen seit Jahren immer wieder fordern, nämlich zurückhaltend über (versuchte) Suizide zu berichten.

„Bild“ gehörte nicht dazu.

Die Zeitung schilderte nicht nur sämtliche Details der Tat, sondern zeigte auch ein nicht unkenntlich gemachtes Foto des Mannes beim Kauf des Benzins. Dazu werden im Text sein Vorname sowie weitere Einzelheiten aus seinem Privatleben genannt.

Und dann war da noch das:

Mann zündet sich in Supermarkt an

So sah die Seite drei der „Bild“-Bundesausgabe vom letzten Freitag aus.

Und so die Startseite von Bild.de:

Mann zündet sich in Supermarkt an

Warum tut sich das ein Mensch an?

Bei „Bild“ ist das eine gängige Masche, vor allem bei tödlichen Unfällen, Morden und anderen brutalen Geschichten: Wenn die Redakteure schon kein grausames Foto auftreiben können, lassen sie eben eine grausame Zeichnung anfertigen.

All denjenigen, die sich nicht vorstellen können, wie eine Kinderleiche oder ein brennender Mann aussehen, hilft „Bild“ also nach. Ob sie wollen oder nicht.

Mit Dank auch an David und Afra.

Leistungsschutzrecht, Bauer-Verlag, 2012

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Wieso wir klüger debattieren müssen“
(ploechinger.tumblr.com)
Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Sueddeutsche.de, versucht, Folgen des Leistungsschutzrechts für Presseverleger zu berechnen: „Ohne ins Detail unserer Umsatzzahlen gehen zu wollen, könnte das Verluste im mittleren sechsstelligen Bereich bedeuten.“

2. „Wie geht es mit dem Leistungsschutzrecht weiter?“
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Die Frage sei letztlich, wer wen dringender brauche, schreibt Thomas Stadler: „Google wird es sich ohne weiteres erlauben können, Google-News in Deutschland zu schließen und die Verlage für eine Weile von der Suchmaschine auszusperren. Man wird dann eben die Inhalte von FAZ, SZ, ZEIT, Spiegel, Welt, BILD, Stern u.a. nicht mehr über Google finden können. Einige kleinere Verlage werden schlau genug sein und Google unentgeltliche Nutzungsrechte einräumen. Die Leidtragenden werden die Nutzer sein, denn das geplante Gesetz erschwert die Auffindbarkeit von Inhalten im Netz erheblich.“

3. „Lex Google“
(substanz.davidherzog.ch)
Es wird nun auch in Schweizer Zeitungen ein Leistungsschutzrecht nach deutschem Vorbild gefordert.

4. „Erfolg mit Klatschgeschichten“
(dradio.de, Verena Herb)
Der Bauer Media Group geht es gut. „Im kommenden Jahr will der Hamburger Verlag 2,5 Milliarden Euro umsetzen.“

5. „Von wegen Fischeinwickelpapier“
(welt.de, Marc Reichwein)
Marc Reichwein zu Besuch im Innsbrucker Zeitungsarchiv: „Archiviert wird nicht mehr, aber auch nicht weniger als der weltweite Literaturbetrieb auf der Basis deutschsprachiger Medien.“

6. „Beyond 2012: Why the World Won’t End“
(nasa.gov, englisch)