Archiv für November 27th, 2012

Gaga-Web

In Unna steht eine Frau wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht, die ihren Ex-Freund mit ihren Brüsten „hinterhältig angegriffen“ haben soll.

Ein gefundenes Fressen für die Boulevardmedien:

Damit sich die RTL-Zuschauer von der Situation ein Bild machen konnten, versuchte die Redaktion des TV-Magazins „Explosiv“, die bizarre Situation nachzustellen – in einem Puff!

So berichtet Bild.de — und hat auch eine passende Bezeichnung für diese Art der Berichterstattung:

Gaga-TV: RTL "Explosiv" stellt Busen-Mord nach

Die Kritik verliert etwas dadurch an Gewicht, dass Bild.de im gleichen Artikel auf einen eigenen Artikel von letzter Woche verweist, in dem die „bizarre Situation“ zwar nicht im Puff nachgestellt, wohl aber vom „Bild“-Zeichner optisch nachempfunden wurde:

Gaga-TV: RTL "Explosiv" stellt Busen-Mord nach

Mit Dank an Christian G.

Bild  

Denkt wieder niemand an die Kinder

Man soll ja nie von Vorsatz ausgehen, wo einfache Dummheit als Erklärung auch ausreicht. Vielleicht haben die Leute, die für die Hamburger „Bild“-Ausgabe über den FC St. Pauli schreiben, tatsächlich keine Ahnung von ihrem Gegenstand, wenn sie fragen:

Auch im Artikel rätseln die Reporter fröhlich ahnungslos vor sich hin:

Wieder einmal sorgen Ultra-Fans für Kopfschütteln – und haben offenbar endgültig eine Grenze überschritten!

Wurde die Familie von St. Paulis Vize-Präsident Dr. Gernot Stenger (57) bedroht? [...]

[K]urz nach der Partie am Sonntag war ein Plakat zu sehen mit der Aufschrift: „DENK AN DIE KINDER“.

Eine unfassbare Drohung gegen Stenger, der zwei Söhne im Alter von 8 und 10 Jahren hat?

Gut: Richtige Journalisten würden diese Frage vielleicht nicht ihren Lesern stellen, sondern irgendjemandem, der auch eine Antwort darauf hat. „Recherche“ würde man das nennen.

Aber „Bild“ hat ja laut eigener Aussage einen Kronzeugen gefunden:

So sieht es St. Paulis zweiter Vize Bernd-Georg Spies (57). Sein Kommentar: „Geschmacklos!“ Stenger war vor der Jahreshauptversammlung gestern nicht zu erreichen.

Der FC St. Pauli selbst widersprach heute zunächst mal der Behauptung, das Plakat sei von den eigenen „Ultras“ hochgehalten worden:

Dazu stellt der FC St. Pauli folgendes fest, falls es noch nicht bei allen durchgedrungen ist: Ultra Sankt Pauli steht mitnichten auf der Gegengerade, sondern seit über vier Jahren auf der Südtribüne. Somit ist die Interpretation, dass es sich bei dieser Aktion um eine von Anhängern der Ultra-Gruppierung inszinierte handelt, schlichtweg falsch.

Eine Antwort auf die vielen Fragen, die „Bild“ so eindrücklich stellt, hätten die Reporter mit ein bisschen Mühe auch finden können: „Vermutlich nicht.“

Das für gewöhnlich gut informierte Fanzine „Übersteiger“ erklärt in seinem Blog das Plakat mit der Aufschrift „Denk an die Kinder“ nämlich so:

Denk an die Kinder!“ ist seit ein paar Jahren ein Running Gag innerhalb der Fanszene.
Ihr wollt wissen woher das kommt? Gerne!

Im Rahmen der Proteste gegen Montagspiele wurde wiederholt „Scheiß DSF!“ auf Plakaten, Flyern und als Ruf im Stadion verwendet.

Bei einem Gespräch zwischen Präsidium und Fanszene wurden wir darum gebeten, auf diese Art der Unmutsäußerungen zu verzichten, denn (Zitat): „Denkt an die Kinder!“ Denn die sind ja bekanntlich auch in diesen gefährlichen Stadien oder verfolgen das Spiel stattdessen im Fernsehen. Und: Alternativ könne man ja „Kein DSF!“ rufen. Denkt an die Kinder, eben, drum!

Aber dann hätten die „Bild“-Reporter ja nicht mal mehr unbeantwortete Fragen gehabt, mit denen sie ihre Zeitung hätten füllen können. Von einer Story ganz zu schweigen.

Mit Dank an Andreas S., Maik K., Christian G., Martin und Moritz.

Piratenpartei, Hubert Burda, Kartoffelchips

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Oe24.at macht Tyra Banks zum Alien“
(kobuk.at, Tom Hauser)
Tyra Banks twittert mit einer App veränderte Fotos von sich selbst. Madonna.oe24.at schreibt dazu: „Seit wann hat Tyra so ein deformiertes Gesicht? Die Wahrheit ist – schon immer.“

2. „Der Piraten-Exzess der Medien“
(zeit.de, Lenz Jacobsen)
Am Parteitag der Piratenpartei in Bochum standen 250 Journalisten etwas mehr als 2000 angereisten Mitgliedern gegenüber. „Eins zu acht – eine Quote, von der andere Parteien nur träumen können. Bei dieser Verteilung war es wahrscheinlich und logisch, dass sich immer wieder Journalisten aus Versehen gegenseitig zu interviewen versuchten, ein absurdes Bild.“

3. „‘Ich bereite mich auf den Tod vor'“
(welt.de, Cornelius Tittel)
Cornelius Tittel geht Essen mit Hubert Burda in Berlin. Burda: „Wissen Sie, es ist ja kein Geheimnis, dass ich ‘Bild’ sehr schätze. Ich halte Mathias Döpfner für einen ganz großen Verleger. Aber ich verstehe überhaupt nicht, warum er einen so guten Blattmacher wie Kai Diekmann für ein Jahr ins Silicon Valley geschickt hat. Das ist doch Unsinn, oder?“

4. „Das heilige Gebrechen von Frank Schirrmacher“
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer antwortet auf den FAS-Artikel „Das heilige Versprechen“ von Frank Schirrmacher und weist auf angebliche* faktische Fehler hin. Siehe dazu auch „Die Dauer von Strukturwandel und die Ungeduld des Frank Schirrmacher“ (neunetz.com, Marcel Weiss).

5. „Zeitungssterben: Ihr habt mich abgehängt“
(epapa100.blogspot.de, Evangelos Papathanassiou)
Nichts anderes als Digitalisierung sei das, was derzeit unter dem Titel „Zeitungssterben“ breit diskutiert werde, schreibt Evangelos Papathanassiou: „Ich bin der Überzeugung, dass die digitale Zeitung ein viel loseres Netzwerk sein wird als die Redaktionen, die wir heute kennen. Das wird die festen Kosten klein und viele andere Ausgaben variabel halten.“

6. „Neue Studie beweist: Kartoffelchips machen schlank“
(kojote-magazin.de)

*) Hinweis/Korrektur, 19.30 Uhr: Wir haben das Wort „angeblich“ nachträglich eingefügt, weil es sich nur um einen zweifelsfreien Fehler handelt.