Archiv für November 21st, 2012

dapd  

Nach dem Parteitag ist vor dem Parteitag

Die Nachrichtenagentur dapd hat gute Nachrichten für die Anhänger von Bündnis ’90/Die Grünen:

Die Grünen haben nach ihrem Parteitag in der Wählergunst weiter zugelegt und laut der regelmäßigen Forsa-Umfrage für „Stern“ und RTL mit 16 Prozent ihr Jahreshoch erreicht. Sie legten um zwei Prozentpunkte zu, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Wahltrend.

Die vielleicht noch bessere Nachricht: Die Grünen haben sogar schon vor ihrem Parteitag „in der Wählergunst weiter zugelegt“. Die sogenannte Bundesdelegiertenkonferenz fand nämlich vom 16. bis zum 18. November in Hannover statt.

Da war die Umfrage bereits weitestgehend abgeschlossen:

Für den „Stern“/RTL-Wahltrend befragte Forsa 2.506 Bürger vom 12. bis 16. November 2012. Für die Umfrage zu Schwarz-Grün nahmen 1.002 Bürger am 14. und 15. November 2012 teil.

Wie die Grünen „nach ihrem Parteitag“ bei den Wählern (genau genommen natürlich: den Wahlberechtigten) ankommen, werden sie also frühestens nächste Woche erfahren.

Bis Journalisten verstehen, dass Umfrageergebnisse nur Ereignisse abbilden können, die bereits stattgefunden haben, könnte es allerdings noch etwas länger dauern.

Mit Dank an Philipp M.

Nachtrag, 16.15 Uhr: abendblatt.de hat die dapd-Meldung auf der eigenen Website überarbeitet.

Der Text beginnt nun etwas umständlich so:

Auch nach ihrem Parteitag zeigt sich: Die Grünen haben in der Wählergunst weiter zugelegt und laut der regelmäßigen Forsa-Umfrage für „Stern“ und RTL mit 16 Prozent ihr Jahreshoch erreicht. Sie legten um zwei Prozentpunkte zu, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Wahltrend.

Und im Vorspann heißt es jetzt:

In der nach ihrem Parteitag veröffentlichten Umfrage legen Grüne weiter zu.

Im Zweifel tot

Um 11.15 Uhr Uhr heute vormittag gab die Nachrichtenagentur Reuters eine Eilmeldung heraus:

EIL-Explosion in einem Bus in Tel Aviv

Jerusalem, 21. Nov (Reuters) – Bei einem Anschlag auf einen Bus in der israelischen Küstenstadt Tel Aviv hat es am Mittwoch nach Angaben von Rettungsdiensten mindestens zehn Opfer gegeben. Die Polizei sprach von einem terroristischen Akt.

Aber was bedeutet „Opfer“ oder, im englischen, casualties? Bei „Spiegel Online“ sind sie es gewohnt, immer das Schlimmste anzunehmen, und so meldeten sie eilig:

Israel: Viele Tote bei Anschlag auf Bus in Tel Aviv. In Tel Aviv hat sich eine Explosion in einem Autobus ereignet. Die Polizei spricht von einem Terroranschlag. Berichten zufolge gibt es mindestens zehn Verletzte.

Das war aber nicht das, was aus Tel Aviv gemeldet wurde. Die Deutsche Presse-Agentur dpa hatte ebenfalls um 11.15 Uhr schon konkretisiert:

Viele Verletzte bei Anschlag auf Autobus in Tel Aviv

Tel Aviv (dpa) – Bei einem Bombenanschlag auf einen Autobus in Tel Aviv sind am Mittwoch nach Medienberichten zahlreiche Menschen verletzt worden. Der israelische Rundfunk meldete, es gebe mindestens zehn Opfer. Krankenwagen rasten zum Ort des Geschehens.

Kurz darauf bekam dann auch „Spiegel Online“ die eigene Hyperventilation unter Kontrolle und änderte in Überschrift, Artikel und später auch URL die „Toten“ in „Verletzte“. Einen Hinweis auf den Fehler und die Korrektur gibt es nicht.

Stattdessen twitterte „Spiegel Online“ als nächstes auf seinem Eilmeldungs-Account:

Das war wenigstens nicht falsch — nur 14 Tage alt.

Aber dafür hat sich „Spiegel Online“ anschließend auf Twitter entschuldigt:

Mit Dank an Mathias S.

Nachtrag, 12.57 Uhr: „Spiegel Online“ hat sich jetzt auch für den ersten Tel-Aviv-Tweet entschuldigt:

Unter dem Artikel prangt jetzt auch dieser Hinweis:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde von vielen Toten berichtet, tatsächlich handelt es sich um viele Verletzte. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Alistair McAlpine, Altvordere, Notopfer

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Ohne viele Worte: ‘Augen schließen und genießen'“
(flurfunk-dresden.de, gast)
Wie Werbung und Inhalte auf Sz-online.de (nicht) zusammenpassen.

2. „Britischer Politiker will 10.000 Twitterer verklagen“
(zeit.de, Kai Biermann)
Kai Biermann weist im Fall Alistair McAlpine auf Besonderheiten des britischen Rechts hin: „Denn in Großbritannien darf man eine Behauptung eigentlich nur verbreiten, wenn man sich sicher ist, dass sie stimmt. Im Zweifel muss man das beweisen können. In den USA hingegen genügt es, nicht zu wissen, dass sie nicht stimmt. Wer also argumentiert, er habe zu dem Zeitpunkt nicht wissen können, dass die Berichte über McAlpine falsch sind, müsste in den USA und auch in Deutschland keine Strafe wegen Verleumdung fürchten.“

3. „Can every Twitter user be expected to factcheck Newsnight?“
(newstatesman.com, Alex Andreou, englisch)
Wenn man nicht mehr frei über Berichte einer an sich verläßlichen Nachrichtenquelle wie der BBC diskutieren könne, sei die öffentliche Debatte für immer erstickt, schreibt Alex Andreou: „If there was any doubt that McAlpine had been accused in error, I would fully support his attempt to clear his name. But that is not the case here. The fact that he was unfairly accused has now been registered and publicised much more widely than the original accusation.“

4. „Siebenhaar: ‘ARD und ZDF sind zu einem Rundfunkstaat im Staat verkommen'“
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de)
Hans-Peter Siebenhaar im Interview über die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland: „ARD/ZDF und die Parteien leben in einer Symbiose. Die Anstalten sichern sich ihre Expansion durch die Politik. Und für die Politik sind die Anstalten die letzten großen Bühnen zur Selbstdarstellung. Die Kosten trägt ab nächstem Jahr jeder Haushalt in Deutschland. (…) Gerade unter jungen Journalisten in den Reihen von ARD und ZDF gibt es eine wachsende Kritikfähigkeit und Distanz zum selbstherrlichen System der Altvorderen. Ich bin bei meinen Reisen vielen kritischen Mitarbeitern in den Anstalten begegnet.“

5. „Ach, das Netz ist so gefährlich“
(kaliban.de, Gunnar)
Gunnar kommentiert den Sueddeutsche.de-Artikel „So ein Schwarm kann sehr dumm sein“.

6. „Zeitungskrise: ‘Notopfer’ Frankfurter Rundschau“
(blogs.taz.de/hausblog, Mathias Broeckers)
Die „taz“ revanchiert sich für eine Kaffeespende der „Frankfurter Rundschau“ aus dem Jahr 1980.