Archiv für April 26th, 2012

Unsinn über irgendeinen Soli (3)

Wir hatten das Thema jetzt schon zweimal, aber bis zur „Bundeszentrale für politische Bildung“ bzw. zur „Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen“ scheint der Unterschied zwischen Solidaritätszuschlag und Solidarpakt noch nicht durchgedrungen zu sein. Naja, sie beschäftigen sich ja auch nur mit politischer Bildung:

Soli

These 30 des Wahl-O-Maten zur anstehenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, der beispielsweise auf „Spiegel Online“ prominent verlinkt wird, lautet:

Der Solidaritätszuschlag soll auch für strukturschwache Regionen in Nordrhein-Westfalen verwendet werden.

Die sinnvollste Antwort ist hier wohl „These überspringen“, denn der Solidaritätszuschlag (=Soli) ist eine Bundessteuer, die direkt in den Bundeshaushalt fließt. Da der Solidaritätszuschlag schon lange nicht mehr ausschließlich für den Aufbau Ost verwendet wird, stellt sich auch nicht die Frage, ob er „auch für strukturschwache Regionen in Nordrhein-Westfalen verwendet werden“ soll. Die These im Wahl-O-Mat bezieht sich wohl auf den Solidarpakt II, über den sich vor einigen Monaten mehrere Bürgermeister aus dem Ruhrgebiet beklagt hatten.

Scheint so, als sei der Soli das neue EU-Gericht.

Mit Dank an Thorsten H. und Ralf P.

Hooray for Boobies

Bild.de beglückte Freunde des seichten Boulevards gestern mit dieser weltbewegenden Neuigkeit:

Weltkarte der Brüste: Russinnen haben die prallsten Körbe

Nach der Penis-Weltkarte folgt jetzt das weibliche Pendant: die Busen-Weltkarte. Das Internetportal „TargetMap“ hat eine weltweite Hügel-Übersicht erstellt. Je röter, desto eher nährt [sic!] sich der Durchschnitts-Busen an die Maße von Pam Anderson oder sogar Dolly Buster.

Und so sieht sie aus, die „Weltkarte der Brüste“ bzw. der „Atlas der Körbchengrößen“, die Bild.de für diesen Artikel eigens nachgebaut hat:

Atlas der Körbchengrößen

Richtig ist: Die Original-Karte ist tatsächlich bei „TargetMap“ zu finden. Allerdings ist „TargetMap“ ein Portal, auf das jeder jede x-beliebige Karte stellen kann. Während bei der „Penis-Weltkarte“, über die Bild.de vor einem Jahr berichtet hatte, jede einzelne Längenangabe durch eine Quelle belegt ist, findet sich in der „World map of Average Breast Size in the World by Country“ nicht eine einzige solche Angabe.

Fest steht nur, dass die „Weltkarte der Brüste“ vor etwas über einem Jahr von einem Nutzer namens yarkko eingestellt wurde, worüber damals etwa express.de berichtete. Warum Bild.de gerade jetzt damit aufmacht, ist also zumindest rätselhaft.

Auch die Angaben der durchschnittlichen Körbchengrößen sind mehr als fragwürdig. So soll die durchschnittliche Körbchengröße in Deutschland D sein, obwohl sie je nach Quelle eher irgendwo zwischen 75B und 80C angesiedelt sein dürfte. Dass Skandinavierinnen und Russinnen sogar Brüste vor sich her tragen sollen, die im Durchschnitt (!) „größer als D-Körbchen“ sind, lässt vermuten, dass die gesamte Karte einfach nur ausgedacht ist.

Andererseits: Wozu journalistische Sorgfalt walten lassen, wenn man eine Tittenweltkarte hat?

Mit Dank an Moritz N.

Korrektur, 23:00 Uhr: In einer ersten Version dieses Textes hieß es unter Berufung auf das Statistische Jahrbuch von 2008, die Durchschnitts-BH-Größe in Deutschland wäre 80C. Eine solche Angabe findet sich dort jedoch nicht.

Shitstorm, Simpsons, Filmsynchronisation

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Erklärungsnot: Minister Friedrich und die ‘Bild'“
(ndr.de, Video, 5:31 Minuten)
Aufgrund einer kleinen Anfrage der Partei „Die Linke“ musste das deutsche Innenministerium zugeben, dass seine Pressestelle „Bild“ vorab die Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ zukommen ließ (BILDblog berichtete). Diese Tatsache wurde zunächst abgestritten. In der Antwort auf die Anfrage heißt es: „Zur Vorbereitung eines Interviews (…) wurde der Redaktion vom Pressereferat des BMI ein Vorabexemplar übersandt, (…).“ Siehe dazu auch „‘Bild’ wurde Islam-Studie doch vorab zugesteckt“ (migazin.de).

2. „Versöhnen und spalten“
(taz.de, Felix Dachsel)
Das Verhältnis zwischen dem Axel-Springer-Verlag und Günter Wallraff betreffend fragt Felix Dachsel, ob es „Springer’sche Dialektik“ sei, „die eine Hand zur Versöhnung ausstrecken und mit der anderen den Stahl schmieden, mit dem der Feind zur Strecke gebracht wird“.

3. „Shit im Spiegel“
(bloghalde.de, Matthias Schumacher)
Matthias Schumacher ist enttäuscht vom von drei „Spiegel-Online“-Journalisten produzierten Artikel „Shitstorm, nein danke!“: „Statt ausführlicher Erfahrungsberichte, Frage und Gegenfrage, folgt eine Fotostrecke mit einigen verhaltenen Zeilen gestandener Politiker und Politikerchen. Große Bilder, kleiner Absatz.“

4. „Lieber nicht über Neonazis schreiben“
(zeit.de, Christian Bangel)
Christian Bangel thematisiert die Beziehung zwischen Lokalredakteuren und Rechtsextremen: „Lokalredakteure haben ein Problem, das andere nicht haben. Sie leben mit den Objekten ihrer Berichterstattung Tür an Tür. Es ist einfach, Angela Merkel wegen ihrer Europapolitik zu kritisieren. Viel komplizierter ist es, den Bürgermeister einer Kleinstadt anzugreifen, weil er zu wenig gegen den Rechtsextremismus tut.“

5. „The Simpsons Tells Fox to Eat Its Shorts“
(slate.com, Forrest Wickman, Videos, englisch)
Ausschnitte, in denen die auf Fox ausgestrahlten „Simpsons“ den eigenen Sender und Rupert Murdoch parodieren.

6. „Bebilderte Hörbücher: Die Unsitte der Filmsynchronisation in Deutschland“
(unique-online.de, David)
Filmsynchronisation ist nicht nur eine Möglichkeit der Zensur, es werden auch „differenzierte Dialoge systematisch stereotypisiert und sachliche Äußerungen emotionalisiert, romantisiert, verniedlicht oder gar ins Dämliche gezerrt“.