Archiv für April 20th, 2012

Hauptsache motzen

Die Journalistin Verena Mayer musste, als sie in der Zürcher Kronenhalle für 25 Franken einen kleinen Salat aß, mitansehen, wie am Nachbartisch die Rechnung beglichen wurde:

Sie betrug – ungelogen – 3489 Franken.

Das ist eines der Beispiele, mit denen sie im „Tagesspiegel“-Artikel „Das Leben ist schön teuer“ klar zu machen versucht, wie teuer das Leben in Zürich ist.

Die Schweizer Boulevardzeitung „Blick am Abend“ mochte das nicht auf sich sitzen lassen und konterte am Mittwoch mit einer Replik. Unter dem Titel „Gekommen um zu motzen“ versuchen die Redakteure, Mayers Beispiele zu entkräften. Dafür nahmen sie sich fast eine Doppelseite Platz, die von einem Foto einer deutschen Flagge dominiert ist (PDF-Datei, Seiten 2 und 3):

Gekommen um zu motzen

In der Einführung zum Text heißt es:

Die deutsche Journalistin Verena Mayer lebt in Zürich und kritisiert im deutschen "Tagesspiegel" das teure Leben – wir relativieren.

Auch wenn die „motzenden“ Deutschen mittlerweile zu den größten Gruppen von Ausländern in der Schweiz zählen: Verena Mayer ist Österreicherin, wie ein kurzes Anwerfen einer Suchmaschine in den ersten Resultaten verraten hätte. Immerhin, der „Tagesspiegel“ ist tatsächlich aus Berlin.

dpa  

YouTube war das falsche Pferd

Heute hat das Landgericht Hamburg über eine Klage der Musikverwertungsgesellschaft GEMA gegen das Video-Portal YouTube entschieden. Das Urteil wurde mit Spannung erwartet, weil es grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet haben könnte.

Entsprechend hatte die Deutsche Presseagentur dpa zwei verschiedene Eil-Meldungen vorbereitet, um – je nach Ausgang des Verfahrens – möglichst schnell „auf dem Draht“ zu sein.

Und so verschickte die dpa um 13.40 Uhr diese Meldung:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil)
Landgericht: YouTube muss Musiktitel nicht aus dem Netz nehmen

Hamburg (dpa) – Das Video-Portal YouTube darf entgegen einer Klage der Musik-Verwertungsgesellschaft Gema zwölf Musiktitel weiter in seinem Angebot bereitstellen. Dies entschied das Landgericht Hamburg am Freitag in erster Instanz. Dem Urteil wurde grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet beigemessen.

… und hatte damit exakt aufs falsche Pferd gesetzt, wie die Agentur vier Minuten später selbst zugeben musste:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil )
(Achtung)
Bitte verwenden Sie die Eil-Meldung nicht rpt nicht. Es wurde versehentlich eine vorbereitete unzutreffende Meldung gesendet. Sie erhalten in Kürze eine berichtigte Neufassung.

Eine weitere Minute später stellte dpa klar:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil)
Landgericht: YouTube muss zwölf Musiktitel aus dem Netz nehmen

Hamburg (dpa) – Das Video-Portal YouTube muss zwölf von der Musik-Verwertungsgesellschaft Gema genannte Musiktitel aus seinem Angebot entfernen. Dies entschied das Landgericht Hamburg am Freitag in erster Instanz. Dem Urteil wurde grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet beigemessen. Ob Revision eingelegt wird, war zunächst unklar.

Doch diese vier bis fünf Minuten reichten offenbar aus, um zumindest bei „Spiegel Online“ das falsche Pferd ebenfalls zu satteln:

Gema-Prozess: YouTube darf Musiktitel im Netz lassen. Wegweisendes Urteil für Millionen Internetnutzer: Im Prozess der Gema gegen Youtube hat das Landgericht Hamburg für das Videoportal entschieden - zwölf strittige Musiktitel müssen nicht gelöscht werden. Der Richterspruch hat grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Netz.

Aber auch dort ging alles recht schnell und so behauptet der Artikel inzwischen das Gegenteil — und wartet mit diesem Hinweis auf:

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, YouTube sei nicht verpflichtet worden, Titel zu löschen. Dies war die falsche Information einer Nachrichtenagentur. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16.30 Uhr: Die dpa hatte noch mehr Pech: Tatsächlich hatte die Agentur um 13.39 Uhr zunächst die korrekte Eil-Meldung veröffentlicht, die aber noch den internen Vermerk „HOLD HOLD“ (für „noch nicht senden“) in der Überschrift trug. Beim Versuch, diese „verwirrende“ Version zu korrigieren, sei es dann zu dem „sehr ärgerlichen Fehler“ mit der gänzlich falschen Meldung gekommen, wie uns die dpa-Pressestelle erklärte.

Unterdessen geht die Verwirrung um das Gerichtsurteil weiter: Um 13.56 Uhr verschickte die Nachrichtenagentur AFP eine Berichtigung ihrer elf Minuten alten Eilmeldung:

EILMELDUNG
Berichtigt: YouTube darf sieben Videos nicht mehr zeigen
+++ YouTube darf sieben (statt zwölf) Videos nicht mehr zeigen +++

Hamburg, 20. April (AFP) – Im Rechtsstreit mit der Internetplattform YouTube hat das Landgericht Hamburg der deutschen Musikrechte-Gesellschaft Gema zum Teil Recht gegeben. YouTube dürfe sieben Musikvideos in Deutschland nicht mehr zugänglich machen, entschied der Richter Heiner Steeneck am Freitag. Fünf Videos dürfen weiter gezeigt werden.

Das stimmt in dieser Form auch nicht: In den fünf Fällen, in denen das Gericht die Klage der GEMA abgewiesen hatte, geschah dies aus formalen Gründen, wie der NDR berichtet. Es habe keine Grundlage mehr für eine Löschung gegeben, da die Songs bereits bei YouTube entfernt und nicht erneut hochgeladen worden seien.

Bild  

Innenminister verschwieg „Bild“-Verbindung

Anfang März schaffte es die „Bild“-Zeitung, die Ergebnisse einer differenzierten Untersuchung über Einstellungen von Muslimen in Deutschland so zu verfälschen, dass sich mit ihnen Panik, Schlagzeilen und Agenturmeldungen generieren ließen. „Bild“ hatte die Studie offenbar vorab bekommen — die Frage war nur, von wem.

Marietta Slomka fragte im ZDF-„heute journal“ bei einem naheliegenden Verdächtigen nach, Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU):

Slomka: … weil Sie oder Ihr Sprecher oder sonst jemand in Ihrem Ministerium diese Studie vorab, bevor sie veröffentlicht wurde, an die „Bild“-Zeitung weitergegeben hat. Daraus wurde dann prompt eine „Schock-Studie“.

Friedrich: Also, diese Studie ist nicht aus meinem Haus herausgegeben worden. Sie ist heute veröffentlicht worden. Sie ist heute auch ins Internet gestellt worden. Und kann von jedem eingesehen werden.

Slomka: Nachmittags. Die „Bild“-Zeitung hatte sie schon gestern.

Friedrich: Ja, das weiß ich nicht, müssen Sie die „Bild“-Zeitung fragen, woher sie sie hat. Von mir nicht. (…)

(Slomka wurde für ihre Fragen von der „Bild“-Zeitung zur „Verliererin“ des Tages gemacht, siehe Ausrisse rechts.)

Auch im Bundestag dementierte das Innenministerium, die Studie an „Bild“ lanciert zu haben. Innenstaatssekretär Christoph Bergner sagte dem Parlament: „Es hat keine öffentliche oder wie auch immer geartete Übergabe dieser Studie durch das Bundesinnenministerium an die Medien gegeben.“

Das stimmt nicht.

Auf eine Anfrage der Links-Partei musste das Ministerium jetzt einräumen, dass die „Bild“-Zeitung von der Pressestelle vorab ein Vorabexemplar der Studie erhielt, angeblich zur Vorbereitung eines Interviews mit dem Minister.

Bunte, Jürg Marquard, Appläuse

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Die Bunte und ihr Monster“
(klatschkritik.blog.de, Antje Tiefenthal)
Antje Tiefenthal hält die aktuelle „Bunte“-Ausgabe für „geschmacklos, peinlich und von journalistisch fragwürdiger Qualität“: „Abgesehen von der Information, dass Anders Breivik sich jetzt vor dem Gericht verantworten muss, ist nichts an der Titelgeschichte aktuell. Die Bunte hat bereits vor einem Jahr ausführlich darüber berichtet, dass Norwegens Kronprinzessin ihren Stiefbruder bei dem grausamen Attentat verloren hat.“

2. „‘Ich sag Dieter, Ihr sagt Bohlen'“
(fernsehkritik.tv, René)
René soll als Zuschauer bei der Aufzeichnung der RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ bei verschiedenen „Appläusen“ mitmachen. „Die Familien der Kandidaten gaben sich dabei schon sehr routiniert. Insgesamt schien das für alle total okay und normal zu sein, dass man erst Eintritt bezahlt und dann als Statist herhalten muss.“

3. „Jürg Marquard: Das zweite Gesicht“
(bilanz.ch, Dirk Ruschmann)
Jürg Marquard, Verleger von Zeitschriften wie „Cosmopolitan“, „Joy“ oder „PC Games“, im ausführlichen Porträt.

4. „Am Anfang war das Wort“
(theeuropean.de, Martin Eiermann)
Martin Eiermann macht darauf aufmerksam, dass Wörter Abnutzungserscheinungen aufweisen können, wenn sie unpassend verwendet werden: „Wer überall Antisemiten sieht, der verliert die Fähigkeit, den echten von den vermeintlichen zu unterscheiden. Mit der steigenden Kakophonie geht nicht nur die Fähigkeit zur produktiven Diskussion verloren, sondern auch die Möglichkeit, wirklich Verwerfliches anzuprangern.“

5. „Breivik Testifies About Gaming, Press Ignores The Facts“
(rockpapershotgun.com, John Walker, englisch)
Gedanken über den Zusammenhang zwischen den Computerspielen, die Anders Behring Breivik gespielt hat und seinem Attentat. „It is very unfortunate that while a sceptical press has been enjoying picking over his comments about being a member of the Knights Templar, and disproving them, they see no need to question his remarks on using Call Of Duty as a simulator for combating armed police in real life. Instead here it’s assumed he’s being honest and clear-headed.“

6. „Unten Kita, oben Puff“
(freitag.de, Susanne Lang)
Susanne Lang liest während vier Wochen nur Produkte aus dem Axel-Springer-Verlag.