Archiv für April 19th, 2012

Klingelingeling, hier kommt die Riemann

Es gibt schon irre Zufälle:

KLINGELING! VORSICHT LILLY, DA KOMMT EIN KINO-STAR. Berlin -Gemütlich schlendert Lilly Becker (35), Frau von Boris Becker (44), gestern mit Söhnchen Amadeus (2) und Kindermädchen durch Berlin. Leider auf dem Radweg! Irrer Zufall: Ausgerechnet Kino-Star Katja Riemann (48) düste auf ihrem Drahtesel haarscharf an ihnen vorbei! Klingeling! "AUS DEM WEEEG!" Da hat sich Lilly erst mal ordentlich erschreckt. Lilly Becker, Söhnchen Amadeus und Nanny gehen spazieren, als Katja Riemann vorbeibraust

Da fotografiert irgendsoein Paparazzo Boris Beckers Ehefrau und Sohn, als Katja Riemann vorbeikommt!

In ihrer Berliner Ausgabe (der Ausriss oben stammt aus der Bundesausgabe) führte „Bild“ gestern aus:

Achtung, hier komm ich! Schauspielerin Katja Riemann (48, „Die Apothekerin“) ist mit dem Rad unterwegs. Offenbar in Eile. Und trifft dabei prompt auf Lilly Becker (35).

Dass sich die Promis so in die Quere kommen, gibt es nur in Berlin. [...]

Lilly zu BILD: „Wir stiegen gerade aus dem Taxi.“ Lilly und Nanny haben den Kleinen an der Hand. Da brüllt von hinten eine Stimme: „AUS DEM WEG! RADWEG, MANN!!!“

Lilly: „Ich habe sie nicht gesehen, aber gehört.“ Die beiden Frauen weichen mit dem Kind zur Seite aus, die Riemann kurvt mit grimmigem Blick links vorbei. Weiß Lilly eigentlich, wer da an ihr vorbeigerauscht ist? „Ich habe von ihr gehört. Mein Mann mag ihre Darstellungs-Kunst sehr.“

Die „Berliner Morgenpost“ konnte mit zahlreichen, wenn auch wenig sachdienlichen Hintergrundinformationen aufwarten:

Lilly Becker (34) ist mit Ehemann Boris Becker (44) angereist, um bei der European Poker Tour im Grand Hyatt, wo vor zwei Jahren der spektakuläre Raub stattfand, teilzunehmen. Während der Ex-Tennisprofi pokerte, ging Lilly mit Söhnchen Amadeus (2) und Nanny ins „Sea Life“-Aquarium. Kaum dem Taxi entstiegen, spazierte das Touristen-Trio auf dem Fahrradstreifen, ohne an den Verkehr auf zwei Rädern zu denken, der in Form von Katja Riemann naht. Die Schauspielerin strampelte mit blauer Mütze und Schal heran und verscheucht das prominente Hindernis. Gerade noch rechtzeitig wird der Nachwuchs zur Seite gehoben und somit eine Promi-Kollision abseits des roten Teppichs verhindert.

Und der „Berliner Kurier“ fabulierte:

Riemann wie ein Radrambo unterwegs

Mitte – Spandauer Straße am Vormittag: Lilly Becker (l.), Frau von unserem Tennis-Hero Boris, ist mit Nanny und Söhnchen Amadeus (2) auf dem Weg zum Sea Life. Dabei vergessen sie alles um sich rum, sind in Gedanken, genießen einfach das herrliche Wetter. Sie bemerken dabei auch nicht, dass sie über den Radweg schlendern. Darauf aufmerksam macht sie dann aber ganz schnell eine leicht genervte Katja Riemann. Die Schauspielerin kam nämlich plötzlich mit ihrem Drahtesel angerauscht und fand keinen Platz. Augenzeugen berichten, dass die Riemann gebrüllt habe: „Aus dem Weg. Das ist ein Radweg.“ Erschrocken zuckten die drei „Berlin-Touristen“ zusammen, machten Platz und Riemann konnte weiterfahren. Lilly, Nanny und Amadeus schauten aber nur kurz irritiert und dann ging’s weiter ins Sea Life. Hier schalteten sie ganz schnell ab und konnten Berlins Rad-Rambos vergessen. Boris war nicht dabei. Der Hobby-Kartenspieler tummelt sich dieser Tage beim Poker-Turnier im Hyatt.

O-Ton RTL

„Als Boris Becker am Morgen gut gelaunt lächelnd in Berlin-Tegel landet, ahnt er noch gar nicht, in welcher Gefahr nur wenige Stunden später seine Frau Lilly schwebt, während sie mit Sohn Amadeus und der Nanny spazieren geht. Mitten auf dem Bürgersteig passiert es. Eine rabiate Radfahrerin klingelt die Becker-Familie aggressiv zur Seite. Und diese Verkehrsteilnehmerin ist, schauen Sie mal ganz genau hin, das ist tatsächlich Schauspielerin Katja Riemann. Fotograf Andreas Meyer hat die gemeine Rad-Attacke hautnah miterlebt. (…)

Prominente Berlin-Ur-Einwohnerin nietet Promi-Touristin um. Ja, wo sind wir denn hier? Boris Becker bekommt davon gar nichts mit. Er mischt seit heute morgen bei einem lukrativen Poker-Spiel mit. (…) Und während Boris die Haushaltskasse auffüllt, machen sich Lilly und Amadeus einen fröhlichen Nachmittag. (…)
Vor einer Stunde haben wir Lilly noch erwischt. Hat sie gemerkt, wer die dreiste Radfahrerin war? — „Nein, ich hab das gar nicht gemerkt. Aber zum Glück ist ja nichts passiert.“ —

Na, dann hoffen wir ja, dass Boris mindestens genau so viel Glück beim Pokern hat wie Lilly und Amadeus heute Mittag während ihrer Sight-Seeing-Tour.

Bereits am Dienstag war der Zwischenfall dem RTL-Boulevardmagazin „Exclusiv“ einen zweiminütigen Beitrag wert gewesen (siehe Kasten rechts). Lilly Becker sei „auf offener Straße“ „von einem Filmstar beschimpft“ worden, erklärte Moderatorin Frauke Ludowig bedeutungsschwer, bevor immer wieder die gleichen Fotos der Begegnung gezeigt wurden (verwirrenderweise unterlegt mit lustigen Hupgeräuschen). Sogar der Fotograf und Lilly Becker selbst kamen zu Wort.

Und gala.de hatte tagesaktuell berichtet:

Dieser Ausflug begann mit einem Schreck: Lilly Becker und Söhnchen Amadeus wollten sich am Dienstag (17. April) im Berliner „Sealife“-Aquarium Meerestiere anschauen. Auf dem Weg dorthin blockierten sie allerdings kurz den Radweg und störten damit keine Geringere als die Schauspielerin Katja Riemann, die gerade auf ihrem Fahrrad heranrauschte.

Statt anzuhalten, brüllte Riemann die menschlichen Hindernisse aus dem Weg – Lilly Becker und ihre Cousine zogen Klein-Amadeus schnell an den Armen aus der Gefahrenzone. Wahrscheinlich hat Boris Beckers Ehefrau gar nicht erkannt, wer sich da auf dem Herrenrad hinter Brille und unter blaugrauer Mütze versteckt hat. [...]

Das ist insofern lustig, als auch gala.de, der „Berliner Kurier“, die „Berliner Morgenpost“, „Bild“ und die verbreitenden Fotoagenturen gar nicht erkannt haben, wer sich da auf dem Herrenrad hinter Brille und unter blaugrauer Mütze versteckt hat — Katja Riemann zumindest war es nicht, wie sie über ihren Anwalt mitteilen ließ.

Und so schreibt „Bild“ heute in der Berliner Regionalausgabe:

Katja Riemann stellt klar „Ich bin nicht die Frau auf dem Foto“

Mitte – Das Foto, das BILD gestern druckte, sorgte für Verwirrung: Eine Radfahrerin, die wir für Katja Riemann hielten, überholt Boris-Ehefrau Lilly Becker mit Söhnchen Amadeus und Kindermädchen auf dem Weg ins Sea Life. Jetzt hat sich Film-Star Katja Riemann zu Wort gemeldet. Die Schauspielerin legt Wert auf die Feststellung, dass sie nicht die Frau auf dem Fahrrad ist.

Das hält „Bild“ allerdings nicht davon ab, noch einmal ein Foto der nunmehr nicht-prominenten Radfahrerin zu drucken.

Der „Berliner Kurier“ geht bei seiner Richtigstellung (die er nicht so nennt) noch einen Schritt weiter:

Lilly Becker & der Fahrrad-Rambo: Die Riemann war

Er schreibt neben das Foto der Frau:

Aber wer war dann die erzürnte Ruferin, die die Berlin-Touristin Lilly Becker und ihren Anhang so erschreckte? Irgendwo in dieser großen Stadt muss es eine Frau geben, die der Schauspielerin Katja Riemann zum Verwechseln ähnlich sieht.

Blaue Augen, Lachfältchen, unter der Mütze blonde Ringellocken – die unheimliche Doppelgängerin radelt durch Berlin und klingelt genervt, wenn ihr Passanten vors Rad trotten. Melden Sie sich beim KURIER, wenn Sie wissen, wer die Riemann-Doppelgängerin ist. Und gehen Sie besser vom Radweg runter.

Mit Dank an Petra O.

Exklusive „exklusiv“

So sah es heute Vormittag auf der Startseite von Bild.de aus:

BILD exklusiv: Endgültig! Raúl verlässt Schalke

Und so ein paar Minuten später, als jemandem aufgefallen sein muss, dass der FC Schalke 04 die Nachricht bereits zuvor per Pressemitteilung verbreitet hatte:

Nach der Saison ist Schluss: Endgültig! Raúl verlässt Schalke

Mit Dank an Stephan J. und Philipp O.

Deutschlands Onlinemedium Nr. 1

Menschen dieser Welt, die Ihr Listen veröffentlicht!

Wir wenden uns heute mit einer dringenden Bitte an Euch: Hört auf!

Lasset ab davon, denn Ihr verwirrt die Menschen, zumindest aber die Leute bei Bild.de. Sie werden eine Liste, in der zum Beispiel mehrere Namen aufgeführt sind, fast zwangsläufig für eine Rangliste halten.

Erst letzte Woche traf es die legendäre „Ten Most Wanted“-Liste des FBI (BILDblog berichtete), diese Woche traf es eine andere berühmte Liste:

TIME-Liste der 100 einflussreichsten: Personen Basketball-Star schlägt Angela Merkel. Das US-Nachrichtenmagazin nennt die 100 Personen, die die Welt im vergangenen Jahr verändert haben

So sieht der Anfang der Liste bei time.com aus:

Full List: TIME 100: THE LIST. Jeremy Lin, Christian Marclay, Viola Davis, Salman Khan, Tim Tebow, E.L. James, Louis CK, Rihanna, Marco Rubio, Ali Ferzat

Wohl weil in Deutschland alles seine Ordnung haben muss, spendierten die Redakteure von Bild.de eine Runde Ordnungszahlen:

Die einflussreichsten Menschen: Die Time-Liste: 1. Jeremy Lin, 2. Christian Marclay, 3. Viola Davis, 4. Salman Khan, 5. Tim Tebow, 6. E.L. James, 7. Louis CK, 8. Rihanna, 9. Marco Rubio, 10. Ali Ferzat

Und sie sind davon wirklich überzeugt:

Natürlich sind auch US-Präsident Obama (Platz 62), Bundeskanzlerin Angela Merkel (Platz 86, vor einem Jahr Platz 8), Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (62, Platz 82) und die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde (56, Platz 66), vertreten.

Auf die Idee, dass so eine Rangliste ohne Nummern ganz schön schwierig zu lesen ist, ist bei Bild.de offenbar niemand gekommen. Auch, dass „Time“ selbst nirgendwo auf irgendwelche Platzierungen verweist (nicht im Editorial, nicht in den einzelnen Porträts, nicht in der Liste selbst), scheint bei Bild.de niemanden verwirrt zu haben.

Gut, „Time“ hätte es dazuschreiben können. Aber bei der parallel veröffentlichten, etwas augenzwinkernden Liste der „All-Time TIME 100 of All Time“, also der aller-aller-wichtigsten Personen aller Zeiten, waren sie so nett, folgenden Hinweis zu geben:

Das Einzige, was Sie über diese Liste wissen müssen, ist, dass, wie bei der TIME 100, die Personen nicht in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit aufgeführt sind.

[Übersetzung von uns.]

Mit Dank an Horst P., Simon W. und Patrick Sch.

Axel Springer, Doppelgänger, Tagesthemen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Axel Springer – Ein deutscher Verleger“
(mediathek.daserste.de, Video, 44:02 Minuten)
Das Leben von Axel Springer in einer Dokumentation von Eckhart Querner. „Er war der mächtigste, einflussreichste und auch umstrittenste Verleger der deutschen Nachkriegszeit.“

2. „Die Springer-Republik“
(freitag.de, Klaus Raab)
Klaus Raab macht sich Gedanken über die heutige Bedeutung der Axel Springer AG. „Nicht Springer hat sich bewegt, sondern die anderen Medien sind dem Konzern gefolgt. Schließlich war es doch neben Bild auch der Spiegel, der Sarrazin vorab druckte, ist es heute die Zeit, die den Mund hält, wenn die Stühle von Leuten wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Christian Wulff schon so mächtig wackeln, dass es nur eine Frage von Tagen ist, bis sie umfallen.“

3. „Breiviks Inszenierung in den Medien“
(ndr.de, Video, 7:11 Minuten)
Verschiedene deutsche Medien zeigen Bilder der ausgestreckten Faust von Anders Behring Breivik beim Prozess gegen ihn in Oslo (ab 1:30 Minuten). Anders die Redaktion des norwegischen Nachrichtenmagazins „Ny Tid“: Nachdem sie das Manifest von Breivik gelesen hatte, entschied sie sich, zukünftig weder seinen Namen zu nennen, noch Fotos von ihm zu zeigen (ab 3:30 Minuten). Siehe dazu auch „Wieso wir den Attentäter zeigen“ (sueddeutsche.de, Gökalp Babayigit).

4. „‘Ist er das jetzt?’“
(faz.net, Sarah Engel)
Niklaus Spoerri fotografiert Doppelgänger von Prominenten. „Ich habe mal ein Double von David Beckham getroffen. Bei ihm hatte ich manchmal das Gefühl, er lebt dieses Doppelgängerleben vollkommen. So finanziert er sein ganzes Leben dadurch und umgibt sich nur mit Menschen aus dieser Branche. Lange Zeit war er sogar mit einem Double von Victoria Beckham zusammen.“

5. „Forget That Survey. Here’s Why Journalism Is The Best Job Ever“
(forbes.com, Jeff Bercovici, englisch)
Jeff Bercovici zählt Gründe auf, warum es das Beste sei, ein Journalist zu sein: „Have I convinced you that journalism is the only real career choice for curious, restless semi-narcissists like me? I hope not. There are enough of us already trying to do it.“

6. „Panne: ‘Tagesthemen’ senden ‘ran’-Gewinnspiel“
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Eine Ton-Panne bei den „Tagesthemen“ (youtube.com, Video, 1:02 Minuten).