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Hartz-IV-Sauerei-Sauerei

Gegen Hartz-IV-Empfänger zu hetzen, gehört bei "Bild" ja schon immer zu den Königsdisziplinen. Insofern ist diese Schlagzeile auf der gestrigen Titelseite eigentlich fast schon normal:

Sauerei

Im ausführlichen Artikel auf Seite 2 behauptet "Bild":

Noch nie wurde so viel geschummelt und getrickst!

Erschreckende Hartz-IV-Bilanz: Im letzten Jahr wurden gegen 912 377 Hartz-IV-Drückeberger Sanktionen verhängt – REKORD! Wie geschummelt und gelogen wird, welche Strafen drohen, in welchen Bundesländern am meisten getrickst wird.

Es wurden allerdings nicht gegen "912.377 Hartz-IV-Drückeberger" Sanktionen verhängt, sondern insgesamt 912.377 einzelne Sanktionen. Laut Bericht der Bundesagentur für Arbeit (Excel-Datei) verteilen sich die auf gerade einmal 151.377 Leistungsberechtigte. Das bedeutet, dass je nach Lesart nur 3,4 bis 4,5 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger überhaupt sanktioniert wurden.

Nun ist es zwar korrekt, dass die Jobcenter 2011 insgesamt mehr Sanktionen verhängt haben als etwa im Jahr davor, doch "Bild" selbst muss einräumen, dass es in den meisten Fällen nicht um "Tricksereien" oder "Schummeleien" ging:

Meistens wurden im vergangenen Jahr Strafen verhängt, weil die Hartz-Empfänger Meldefristen nicht eingehalten haben (582 253), also z. B. trotz Einladung nicht beim Jobcenter erschienen.

"Zeit Online" erklärt genauer, was die sanktionierten Hartz-IV-Empfänger denn so angestellt haben:

In den meisten Fällen hatten die Hartz-IV-Empfänger der Statistik zufolge gegen sogenannte Meldepflichten beim Jobcenter verstoßen, erschienen also beispielsweise nicht zu Terminen. In anderen Fällen weigerten sie sich, eine Arbeit, Ausbildung oder Weiterbildungsmaßnahme anzutreten oder brachen diese ab.

Die Betrugsfälle beim Bezug von Hartz IV sind hingegen zurückgegangen. Die BA leitete 177.500 Straf– und Bußgeldverfahren wegen Missbrauchs beim Arbeitslosengeld II ein. Das waren knapp 22 Prozent weniger als 2010.

"Die reinen Missbrauchsfälle und Betrugsfälle steigen nicht an. Wir haben überwiegend Meldeversäumnisse, das hängt auch mit der guten konjunkturellen Entwicklung zusammen", sagte der Sprecher [der Bundesagentur für Arbeit]. Ein einfaches Meldeversäumnis löse noch keinen Betrugsfall aus.

Die gestiegene Anzahl der Sanktionen hängt also hauptsächlich damit zusammen, dass es einfach mehr Termine gibt, die verpasst werden können. Die Betrugsfälle hingegen gehen — und das kann man nicht genug betonen — deutlich zurück. Ebenfalls "Zeit Online" berichtete darüber bereits vor einem Monat:

Die Agentur für Arbeit hat weniger Hartz-IV-Empfänger beim Täuschen erwischt. Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der eingeleiteten Verfahren um 50.000.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband wirft "Bild" in einer Stellungnahme "unverantwortliche Stimmungsmache" vor:

"Hier wird ohne jede empirische Grundlage auf unverantwortliche Art und Weise gegen Millionen Menschen gehetzt und ein Bild der schmarotzenden Massen geschürt, das mit der Realität nichts zu tun hat", kritisiert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

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Ist doch Fleischwurst!

Es ist ja nicht so, dass "Bild" die eigenen Fehler gar nicht korrigiert.

Heute zum Beispiel steht in der Ruhrgebietsausgabe diese Berichtigung:

Korrektur. Bild hatte gestern irrtümlich berichtet, dass der FC Bayern mit zwei Köchen nach Dortmund gereist sei und vakuumverpacktes Fleisch aus München mitgebracht habe. Das ist falsch. Die Mannschaft des FC Bayern ist in Dortmund ganz normal von der Hotel-Küche verpflegt worden. Wir bedauern diese Fehlinformation.

Günter Grass, Doomsday, Eifel-Zeitung

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Polarisierend: Grass und die Medien"
(ndr.de, Video, 5:04 Minuten)
Die "Süddeutsche Zeitung" druckte ein Gedicht von Günter Grass, das die "Zeit" zuvor abgelehnt hatte. Heribert Prantl: "Wir wollten den Anstoß liefern, über dieses Gedicht zu diskutieren."

2. "Clown der Medienindustrie"
(news.at, Robert Menasse)
Schriftsteller Robert Menasse zum Grass-Werk: "Jeder Redakteur jeder Literaturzeitschrift heute hätte dieses 'Gedicht' abgelehnt. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass fünfzehn deutsche Zeitungen und fünfundzwanzig Blätter der Weltpresse diesen Text publizierten und ihn sofort mit aufgeregten Kommentaren umrankten. Das zeigte mit einer Deutlichkeit, die zwar wünschenswert, aber doch buchstäblich furchtbar ist, wie sehr solche Skandale heute Medienskandale sind: Die Medien produzieren selbst den Skandal, den sie dann berichten, kommentieren und diskutieren."

3. "Eine ekelhafte Debatte"
(donsbach.net, Wolfgang Donsbach)
Wolfgang Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft in Dresden, befasst sich mit der Grass-Debatte. In Deutschland sachlich über schwierige Themen zu diskutieren, sei unmöglich. "Wir haben in Deutschland eine politische Kultur des Prangers. Wer heiße Eisen anpackt und dabei Behauptungen aufstellt, die nicht politisch korrekt sind, nicht getragen von der Mehrheit der öffentlichen Meinung, das heißt in diesem Fall der publizistischen Elite des Landes, der wird an den öffentlichen Pranger gestellt und als Staatsfeind, zumindest aber als Feind des vorherrschenden Meinungsklimas angesehen."

4. "Presse-Zitate: Offline hui, Online pfui!"
(netzfeuilleton.de, Jannis Kucharz)
Angesichts des von Presseverlegern geforderten Leistungsschutzrechts erinnert Jannis Kucharz daran, dass sich deutsche Medien in einem Ranking messen, wie oft sie einander gegenseitig zitieren. "Während man online befürchten muss eine Rechnung präsentiert zu bekommen, wenn man auf einen spannenden Artikel verweist, ist es offline so, dass sich die jeweiligen Zeitungen darüber freuen erwähnt zu werden und damit brüsten, im Ranking vorne zu stehen."

5. "Die Logik der Apokalypse"
(taz.de, Johannes Thumfahrt)
Johannes Thumfahrt berichtet über die US-TV-Sendungen "Doomsday Preppers" und "Doomsday Bunkers".

6. "Facebook, Jacques Berndorf und 10.000 Aufkleber gegen die Eifel-Zeitung"
(rhein-zeitung.de, Lars Wienand)
Lars Wienand berichtet über Proteste gegen die "Eifel-Zeitung", sie vergifte das politische Klima. Der angegriffene Unternehmer Peter Lepper antwortet, er sei nicht direkt an der Zeitung beteiligt und auch nicht von ihr angestellt.

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