Archiv für März, 2012

SWR3, Fox News, DSDS Kids

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Nur die Harten…“
(haihappening.de, David Theis)
Der „Bibelkommentar“ des Radiosenders SWR3 befasst sich mit dem Freitod von Timo Konietzka.

2. „Aus unseren Kreisen“
(vocer.org, Christian Meier und Stephan Weichert)
Christian Meier und Stephan Weichert charakterisieren verschiedene Typen des Medienkritikers: Allrounder, Fachredakteur, Wirtschaftsexperte, Kritiker, Regulierer, Technikversteher: „Zum Job gehört es naturgemäß, sehr viel Zeit mit dem tatsächlichen Konsum von Medien zu verbringen – Filme anzuschauen, Zeitschriften zu lesen, vielleicht Drehbücher zu studieren oder Hörspielen zu lauschen. Was für andere Zeitvertreib und Entspannung ist, bleibt für den Kritiker Arbeit.“

3. „Der US-Sender Fox News will in die Mitte rücken, aber konfrontativ bleiben“
(nzz.ch, Andreas Mink)
Eine aktueller Report über den US-TV-Sender Fox News: „Offensichtlich nehmen viele Zuschauer das Geschehen auf Fox News nicht als Inszenierung wahr, sondern als bare Münze.“

4. „Mit dem digitalen Wandel umgehen“
(donaukurier.de)
„Donaukurier“-Verleger Georg Schäff spricht sich gegen ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger aus. „Ich halte wenig bis gar nichts davon, wenn mittels rechtlicher Zwänge im Grunde genommen nichts anderes geschehen soll, als dass der freie Wettbewerb ausgehebelt wird.“

5. „Nur Verlierer, keine Gewinner“
(medien-monitor.com, Sophie Mono)
Sophie Mono mag sich nicht auf die RTL-Sendung „DSDS Kids“ freuen: „Es wird Niederlagen geben, Tränen und Misserfolge, so viel steht fest. Und selbst die erfolgreichen Kids werden das helle Rampenlicht und seine Schattenseiten sicherlich nicht unversehrt überstehen.“

6. „Wie PR-Agenturen ticken“
(stadioncheck.de)
Eine PR-Agentur bietet eine Medienkooperation an. Stadioncheck.de antwortet.

Bis sich die Balken biegen (3)

Nein, das sind nicht die Daltons oder die Simpsons, das sind die „mittleren Ressorts“ des Bundeshaushalts in einer Grafik auf tagesschau.de.

Und als aufmerksame BILDblog-Leser fällt Ihnen natürlich auf, dass da mit den Balken mal wieder was nicht stimmt: Der 22-Milliarden-Balken ist nur minimal höher als der 13-Milliarden-Balken, der allerdings ungefähr doppelt so hoch ist wie die Sechs-komma-irgendwas-Milliarden-Balken.

Wir haben die Redaktion von tagesschau.de auf diesen Fehler hingewiesen (und darauf, dass die „allgemeine Finanzverwaltung“ mit ihren 22 Milliarden eigentlich nicht in die „mittleren Ressorts“, sondern in die „großen“ gehört). tagesschau.de hat die Seite daraufhin überarbeitet.

Wer selbst schon einmal mit einem Tabellenkalkulationsprogramm so eine Grafik erstellen wollte, weiß, wie es sich anfühlt, kurz vor dem Nervenzusammenbruch zu stehen würde annehmen, dass man da einfach ein paar Zahlenwerte eingibt und das Programm dann automatisch irgendwelche Balken zaubert, die dann zumindest die richtigen Proportionen haben.

Warum geht das in den Medien dann so häufig schief, wollten wir wissen, und Andreas Hummelmeier, Redaktionsleiter bei tagesschau.de, war so nett, es uns zumindest kurz zu erklären:

Die Balkengrafiken für tagesschau.de werden mit einem speziellen Grafiktool erstellt. Zwar wurden die Haushaltszahlen korrekt eingegeben, durch einen Bedienfehler wurden aber die dazugehörigen Balken nicht angepasst. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Das Grafikprogramm bietet die Wahl zwischen „automatischer“ und „manueller“ Skalierung, der Schalter stand auf manuell und dieses händische Anpassen wurde versäumt. Deshalb hatten wir zwar die aktuellen Zahlen auf der Seite, aber die Balkenproportionen des überholten Haushaltsentwurfs.

Mit Dank an Lars.

Exklusive Festnahme

Als die französische Polizei am vergangenen Donnerstagvormittag die Wohnung des mutmaßlichen islamistischen Attentäters stürmte und ihn dabei erschoss, hatte die Erstürmung in der gedruckten „Bild“ vom Donnerstag schon stattgefunden (BILDblog berichtete).

Aber „Bild“ war dabei nicht allein: Die „Berliner Zeitung“ und die (von der gleichen Redaktion belieferte) „Frankfurter Rundschau“ erklärten beide auf ihren Titelseiten, die Polizei habe die Wohnung des Mannes gestürmt und den Mann „gestellt“, worunter man eigentlich landläufig versteht, dass jemand lebend gefasst wird.

Bei „Welt“, „Welt Kompakt“ und „Rheinischer Post“ war der Verdächtige (bzw. „Täter“) gar in der Titelschlagzeile „gestellt“ worden:

Immerhin erwähnen alle drei Zeitungen im Artikel, dass die Konfrontation „am Abend“ bzw. „bei Redaktionsschluss“ noch angedauert habe.

Und tatsächlich zeigen sich da ja die Nachteile einer Printausgabe, die tatsächlich irgendwann gedruckt werden muss und bei solch unübersichtlichen Situationen, die quasi zeitgleich mit Druckprozess und Auslieferung stattfinden, überholt sein kann, wenn der Zeitungsbote sie in den Briefkasten des Lesers steckt. Im Internet hingegen können Artikel permanent an die aktuelle Situation angepasst werden — einige Online-Medien berichteten gar in einem „Live-Ticker“ von der Erstürmung der Wohnung wie von einer Sportveranstaltung.

Anders macht es da die „Leipziger Volkszeitung“, die seit Mittwochabend unbeirrt im „Polizeiticker“ auf ihrer Webseite verkündet:

Nervenkrieg in Frankreich: Serienmörder wollte wieder töten - Polizei gelingt Festnahme

Besonders bemerkenswert daran ist, dass diese Überschrift die einzige Leistung der „LVZ“-Redaktion ist: Der komplette Artikel, in dem von einer Festnahme des Mannes überhaupt keine Rede ist, stammt von der Deutschen Presseagentur (dpa). Die hatte ihn allerdings mit der durchaus zutreffenden Überschrift „Nervenkrieg in Toulouse: Serienmörder wollte wieder töten“ veröffentlicht.

Mit Dank an Jan und die anderen Hinweisgeber.

Nachtrag, 18.10 Uhr: „LVZ Online“ hat die Überschrift inzwischen auf „Nervenkrieg in Frankreich: Serienmörder wollte wieder töten“ gekürzt.

Langeweile, Leserreporter, Prognosen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Stirbt das Land vor Langeweile?“
(berliner-zeitung.de, Malte Welding)
Deutschland sei ein Entwicklungsland der Unterhaltung, schreibt Malte Welding in einem langen Text zum deutschen Fernsehen: „Das deutsche Fernsehen steht so patschzufrieden im eigenen Saft, dass es mit großer Fröhlichkeit darin ersaufen wird, in der Karnevalsbrühe aus Küstenwachenwiederholungen und Serien mit Tieren in der Hauptrolle und Selbstversicherungskabarettsendungen und Redaktionen nach Parteiproporz, die Politsendungen simulieren, und ist die Rente sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Langeweile.“

2. „Die Gesellschaft hat auf ‘live’ umgeschaltet“
(tageswoche.ch, Peter Sennhauser und Matieu Klee)
Welche Auswirkungen auf den Journalismus das Zusammenspiel von Leserreportern und Redaktionen hat. „Heute kann die Verbreitung von Unfallbildern via Soziale Medien nicht und in den professionellen Medien je länger je weniger gebremst werden. Diesen Trend sehen die Infostellen des Basler Sicherheitsdepartementes an Bagatellfällen: ‘Wir verzeichnen eine deutliche Zunahme von Anfragen aus Redaktionen, wenn schon nur irgendwo drei Streifenwagen zugleich stehen’, sagt Martin Schütz. Alarmiert von den Amateurberichterstattern auf Twitter, verlassen sich Journalisten nicht mehr auf herkömmliche Informationskanäle und fragen nach. Auch dann, wenn die Polizisten lediglich in der Pause gemeinsam einen Kaffee trinken wollen.“

3. „Eine Nase tankt Super“
(zeit.de, Anne Kunze)
Anne Kunze beschäftigt sich mit Verträgen zwischen der ARD und Moderatoren: „Der Vertrag für Gottschalk live wurde zwischen der privaten Produktionsfirma Grundy Light Entertainment und der ARD-eigenen Gesellschaft Degeto geschlossen. Der Medienforscher Horst Röper spricht von einem ‘Trick, den die Intendanten schon mehrfach angewendet haben, um die Gremien zu umgehen. Es geht nicht um Peanuts, sondern um Riesenaufträge. Eine wirkungsvolle Kontrolle durch die Gremien findet nicht statt. Das geht doch nicht.'“

4. „Journalismus und Prognosen“
(lukaskiepe.de)
Lukas Kiepe stört sich daran, dass „Spiegel Online“ Prognosen zu den Landtagswahlen im Saarland in der Überschrift als Tatsachen darstellt.

5. „Ich bin nicht immer meiner Meinung“
(nzz.ch, Georg Renöckl)
Georg Renöckl interviewt Karl-Markus Gauß: „Ich glaube, dass sich die Zeitungen am ehesten selbst abschaffen, wenn sie ihre ureigenen Qualitäten zurückdrängen und versuchen, sich mittels aufgeblähter Fototeile und anderer Dinge, die nicht ihr genuines Merkmal sind, eine fadenscheinige Modernität zu verleihen. Zeitungen werden überleben, wenn sie wirklich im klassischen Sinne aufklärende Medien sind, mit anspruchsvollem Programm.“

6. „Günther Grass leiht sich Martin Walsers Hund“
(welt.de, Hans Zippert)

Quote, Pressefotos, Werbung für „Bild“

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Quote und öffentlich-rechtlicher Programmauftrag“
(funkkorrespondenz.kim-info.de, Gert Monheim)
Ex-WDR-Dokumentarfilmer Gert Monheim erinnert sich an seine erstmalige Begegnung mit der Quote: „Die Quote spielte in den 70er Jahren für meine Arbeit direkt keine Rolle, die tauchte meiner Erinnerung nach bezeichnenderweise 1984 zum ersten Mal im Zusammenhang mit einer meiner Dokumentationen auf. (…) Sowohl die Auswahl der Themen als auch ihr Stellenwert, sprich: Sendeplatz im Programm, wurde ursprünglich nach qualitativen Gesichtspunkten und gesellschaftlichen Bedürfnissen getroffen.“

2. „Wie Pressefotos die Wirklichkeit manipulieren“
(zeit.de, Carsten Luther)
Der 22-jährige Journalist Ruben Salvadori (Website) blickt aus einem anderen Blickwinkel auf die Pressefotografie (Fotos). „Lediglich die Wahl eines anderen Ausschnitts, eines anderen Blickwinkels lässt dramatische Szenen plötzlich harmlos wirken. Zugleich entlarvt sie die kleinen und großen Tricks der Fotografen, die von der leichten Verfälschung durch Weglassen bis zur bewussten Manipulation und Inszenierung reichen.“

3. „Studie weist hohe soziale Auslese bei Journalistenschulen nach“
(heise.de/tp, Rudolf Stumberger)
Der unausgewogene soziale Hintergrund von Absolventen deutscher Journalistenschulen: „Während bereits 51 Prozent aller Studierenden ein Elternteil mit Hochschulabschluss haben, sind es bei Journalistenschülern sogar 71 Prozent. Wen wundert es dann, dass an Journalistenschulen keine Schüler aus der Herkunftsgruppe ‘niedrig’ zu finden sind: ‘Kinder von Facharbeitern oder ungelernten Arbeitern, mit dem Blickwinkel und dem Erfahrungshorizont dieser Gruppe, existieren an den Journalistenschulen nicht.'“

4. „Wer wirbt für BILD?“
(arne-nordmann.de)
Arne Nordmann stellt seine Website wirbt-fuer-bild.de vor: „Eine Web­site, die nichts anderes tut, als klar und über­sicht­lich diejenigen Pro­minen­ten auf­zu­füh­ren, die trotz der – sehr wohl be­kannten – Kritik an der ‘Bild’-Zei­tung für die­se wer­ben.“

5. „Der Radiergummi der Tagesschau“
(netz10.de, linuxnetzer)
Obwohl am 21. März um 0:37 Uhr noch nicht klar ist, welchen Hintergrund die Anschläge in Toulouse und Montauban haben, liefert Tagesschau.de bereits einen Hintergrundartikel mit dem Titel „Die blutige Spur des rechtsextremen Terrors“, der wie folgt angekündigt wird: „Die Anschläge in Frankreich haben möglicherweise einen rassistischen und antisemitischen Hintergrund. Damit wären innerhalb eines Jahres in Europa mehr als 80 Menschen bei rechtsextremen oder rassistischen Anschlägen ermordet worden.“

6. „Ahmadinedschad will Antworten!“
(unter3.net, Dima Romashkan)
Das Gespräch zwischen Claus Kleber und Mahmud Ahmadinedschad (youtube.com, 42:29 Minuten) gibt weiterhin zu reden. Während Stefan Buchen auf cicero.de von einer „Selbstdemontage eines Nachrichtenstars“ spricht, hält Wolfgang Michal auf carta.de moralische Empörung für übertrieben: „Journalisten sind keine Oberlehrer oder Moralprediger, auch wenn das derzeit – angesichts der jüngsten Skandalberichterstattung – von ihnen manchmal verlangt wird.“

Bild  

Unsinn über irgendeinen Soli

Skepsis ist eigentlich immer dann angebracht, wenn „Bild“ behauptet, die Wahrheit über irgendwas zu verkünden. Heute beispielsweise steht auf der Titelseite:

Die Wahrheit über den Soli

Und als wäre das noch nicht genug, verspricht „Bild“ über dem eigentlichen Artikel auch noch:

Zehn harte Fakten

Dabei fangen die Probleme schon in der Überschrift an: Was genau meint „Bild“ mit dem „Soli“? Eigentlich steht Soli umgangssprachlich für den Solidaritätszuschlag und nicht für den Solidarpakt II, dessen Abschaffung kürzlich mehrere Bürgermeister aus Nordrhein-Westfalen gefordert hatten.

Zuschlag vs. Pakt Der Solidaritätszuschlag wurde eingeführt, um zu helfen, die Kosten der Wiedervereinigung zu decken. Allerdings ist er eine Steuer (die übrigens sowohl in West- als auch in Ostdeutschland erhoben wird), die allein dem Bund zusteht und nicht zweckgebunden eingesetzt werden muss. Der Solidarpakt II hingegen ist eine Vereinbarung, nach der der Bund sich verpflichtet, den neuen Bundesländern von 2005 bis 2019 im Zuge des Länderfinanzausgleichs insgesamt 156,5 Milliarden Euro zukommen zu lassen.

Obwohl der Solidaritätszuschlag also weder mit der aktuellen Debatte noch mit dem Solidarpakt zu tun hat, bezieht sich „Bild“ mehrfach darauf — etwa gleich im ersten der „zehn harten Fakten über den Soli“:

Seit wann gibt’s den Soli?

Eingeführt wurde er 1991 – damit die neuen Bundesländer auf die Beine kommen. 5,5 % der Einkommenssteuer – gezahlt von west- und ostdeutschen finanzieren den Solidarpakt (so der korrekte Name). Über den Länderfinanzausgleich erhalten die Ost-Länder bis 2012 zusätzliche 156 Mrd. Euro.

„Bild“ mixt hier zusammen, was nicht zusammen gehört: Der Solidaritätszuschlag ist in der Tat eine direkte Steuer des Bundes, die jeder Deutsche in Ost und West gleichermaßen berappen muss. Die Einnahmen aus dem Solidaritätszuschlag finanzieren jedoch nicht – wie von „Bild“ behauptet – den Solidarpakt, sondern fließen direkt in den Haushalt des Bundes, wo sie für alles mögliche verwendet werden. Der Solidarpakt wiederum, der eigentlich nicht als „Soli“ bezeichnet wird, wurde erstmals im Jahre 1993 beschlossen. Der Solidarpakt I trat 1995 in Kraft und lief Ende 2004 aus. Der Solidarpakt II läuft von 2005 bis 2019.

Die beiden folgenden „harten Fakten“ („Nicht jeder zahlt Soli!“, „Nicht der ganze Soli fließt in den Osten!“) beziehen sich ausschließlich auf den Solidaritätszuschlag, bevor es dann plötzlich heißt:

Die Kommunen im Westen werden von ihren Landesregierungen geschröpft!

Die Länder treiben das Geld, das sie für den Aufbau Ost zahlen müssen, bei ihren eigenen Städten und Gemeinden ein!

Merken Sie was? Nun geht es nicht mehr um den Solidaritätszuschlag, der von den Bürgern gezahlt wird, sondern um den Solidarpakt II, der ja das eigentliche Thema sein sollte.

„Harter Fakt“ Nummer 5 lautet folgendermaßen:

Die Ost-Länder hängen noch voll am Tropf!

2011, 21 Jahre nach der Wiedervereinigung, flossen aus dem Solidarpakt 12,2 Mrd. Euro Richtung Osten.

Tatsächlich flossen aus dem Solidarpakt im Jahr 2011 etwas mehr als acht Milliarden Euro in den Osten. Die 12,2 Milliarden Euro, die „Bild“ hier nennt, sind der Betrag, den der Bund über den Solidaritätszuschlag 2011 eingenommen hat. Sie „flossen“ nicht „Richtung Osten“, sondern Richtung Bundeshaushalt.

Im „harten Fakt“ Nummer 8 behauptet „Bild“:

Milliarden sind in Irrsinns-Projekte geflossen.

Beispiele: Chipfabrik Frankfurt/Oder: Für 1,3 Mrd. sollte es der Hightech-Standort der Halbleiterindustrie werden. Gescheitert. (…)

Allein: Die gescheiterte Chipfabrik Frankfurt/Oder wurde durch Privatinvestitionen und nicht von der vom Solidarpakt profitierenden Landesregierung finanziert. Das Projekt scheiterte schließlich daran, dass eine Bürgschaft des Bundes zur Besicherung des Fremdkapitals nicht zustande kam.

Vier Autoren haben die „zehn harten Fakten“ zusammengetragen und dabei zwei völlig verschiedene Konzepte zusammengeworfen. In der „Bild“-eigenen Arithmetik ist es da nur konsequent, dass die zehn Fakten in Wahrheit nur neun sind.

Eine übersichtlichere Zusammenfassung der Debatte, in der der Unterschied zwischen Solidaritätszuschlag und Solidarpakt ausführlich erklärt werden, findet sich auf sueddeutsche.de:

Mit Dank an Bjoern S. und Hendrik B.

Zu früh erstürmt

Die französische Polizei hat heute Vormittag die Wohnung des mutmaßlichen Attentäters gestürmt, der drei Soldaten und vier Personen vor einer jüdischen Schule erschossen haben soll. FAZ.net beschreibt die Ereignisse so:

Gegen 10.30 Uhr seien die Eliteeinheiten durch Fenster und Türen ins Haus eingedrungen und hätten mit Video-Robotern das Innere erforscht. Plötzlich sei dann der Verdächtige aus dem Badezimmer gestürmt und habe mit mehreren Waffen das Feuer auf die Beamten eröffnet. [...]

Die Elitepolizisten hätten zurückgeschossen. Nach mehrminütigem Schusswechsel sei der Mann dann aus dem Fenster gesprungen und habe dabei mit der Waffe in der Hand noch weiter gefeuert. „Er wurde tot auf dem Boden gefunden“, sagte [der französische Innenminister Claude] Guéant.

Für die Leser der „Bild“-Zeitung muss das eine echte Überraschung gewesen sein, hatten sie doch schon am Frühstückstisch lesen können, dass die Erstürmung längst gelaufen sei:

Nach 20 Stunden: Polizei stürmt Wohnung des Killers von Toulouse

Tatsächlich hatte die Nachrichtenagentur Reuters um 23.41 und 23.57 Uhr, also kurz vor Drucklegung von „Bild“, jeweils zwei kurze Eilmeldungen verschickt:

Polizei erstürmt Versteck des mutmaßlichen Attentäters
Toulouse, 21. Mrz (Reuters) – Die französische Polizei hat mit der Erstürmung des Verstecks des mutmaßlichen Attentäters von Toulouse begonnen. Dies sagte ein Mitarbeiter der französischen Polizei der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwochabend. Ein Reuters-Zeuge vernahm lautes Knallen.

Polizei erstürmt Versteck des mutmaßlichen Attentäters
Toulouse, 21. Mrz (Reuters) – Die französische Polizei hat nach eigenen Angaben mit der Erstürmung des Verstecks des mutmaßlichen Attentäters von Toulouse begonnen. Kurz vor Mitternacht waren am Mittwoch vor Ort drei Explosionen zu hören. Wie ein Mitarbeiter der Polizei der Nachrichtenagentur Reuters sagte, wurde die Tür zu der Wohnung des Mannes aufgesprengt.
Die Polizei hatte nach dem Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse den mutmaßlichen Täter in einem Mehrfamilienhaus aufgespürt und sich mit dem Islamisten eine Schießerei geliefert. Danach wurde das Haus zunächst stundenlang belagert.

Doch Reuters war die einzige Nachrichtenagentur, die sich zu einer „Erstürmung“ hinreißen ließ, die anderen sprachen lieber von Explosionen in der Nähe seiner Wohnung.

Um 00.50 Uhr ruderte dann auch Reuters zurück:

Ministerium – Keine Erstürmung des Verdächtigen-Versteck
22. Mrz (Reuters) – Die Polizei in Toulouse hat nach Angaben des französischen Innenministeriums doch nicht mit der Erstürmung des Verstecks des mutmaßlichen Attentäters begonnen. Es habe zwar Explosionen in dem Wohnhaus gegeben, teilte das Ministerium am frühen Donnerstagmorgen mit. Diese seien aber dazu gedacht, den Verdächtigen einzuschüchtern. „Es gibt keine Erstürmung.“ Der Mann habe offensichtlich seine Meinung geändert und wolle nicht aufgeben, sagte Ministeriumssprecher Pierre-Henry Brandet der Nachrichtenagentur Reuters.

Zuvor hatte es in Polizeikreisen geheißen, die Erstürmung des Verstecks habe begonnen. Kurz vor Mitternacht waren vor Ort drei Explosionen zu hören. Ein Mitarbeiter der Polizei hatte der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, die Tür zu der Wohnung des Mannes sei aufgesprengt worden.

Die heutige „Bild“ war da vermutlich gerade angedruckt.

Assauer, Weimer, Balzac

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Assauer: Schlammschlacht in den Medien“
(ndr.de, Video, 6:54 Minuten)
Kamerateams von Bild.de und RTL belagern anlässlich eines Gerichtstermins den an Alzheimer erkrankten, ehemaligen Fußballmanager Rudi Assauer.

2. „Die programmierte Blamage“
(spiegel.de, Christoph Lütgert)
Bei seinem Auftritt bei „Menschen bei Maischberger“ sei Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer zu viel Raum für Eigenwerbung eingeräumt worden, kritisiert Christoph Lütgert: „Die ersten geschlagenen 20 der 75 Maischberger-Minuten durfte sich Maschmeyer ganz allein verbreiten, sein jüngstes Buch mit den Plattitüden bewerben, als sei es tatsächlich – Zitat Sandra Maischberger – ‘ein Ratgeber für Menschen, die Erfolg suchen’.“

3. „Medien: Verletzungen der Intimsphäre dürfen nicht ohne Konsequenzen bleiben“
(martinspieler.ch)
Martin Spieler, Chefredakteur der Schweizer „Sonntagszeitung“, fragt nach dem Busunglück im Wallis: „Was gewinnen wir denn für Erkenntnisse, wenn wir Gesichter, Namen und Vorlieben von Menschen anschauen, die in der Bustragödie ihr Leben verloren? Keine. Da geht es nicht um Mitleid. Wir befriedigen nicht legitime Informationsbedürfnisse, sondern einzig unseren Voyeurismus, ohne öffentlichen Informationswert.“

4. „Auf eigene Rechnung“
(tagesspiegel.de, Tim Klimeš)
Tim Klimeš besucht Wolfram Weimer, Ex-Chefredakteur des „Focus“ und neu Verleger: „Der Publizist hat den gesamten Verlagsbereich der Finanzpark AG (u.a. ‘Börse am Sonntag’) gekauft.“

5. „Hannelore Kraft und der Sprint zum Büffet“
(fabian-kuntz.de)
Fabian Kuntz beschreibt den medialen Weg eines von ihm auf YouTube hochgeladenen Videos, das einen zwanzig Sekunden dauernden Ausschnitt aus dem Parlamentsfernsehen zeigt.

6. „Die Kunst, seine Schulden (nicht) zu zahlen – erklärt von Honoré de Balzac“
(faz-community.faz.net/blogs, Philip Plickert)
Philip Plickert liest „Die Kunst, seine Schulden zu zahlen“ von Honoré de Balzac: „Von den acht beschriebenen Arten, Schulden zu tilgen, betont Balzac vor allem jene: ‘indem man eine oder mehrere Schulden in eine oder mehrere andere verwandelt’ – auch Balzacs Aphorismus ‘Je mehr Schulden man hat, desto mehr Kredit hat man’, scheint uns die griechische Situation in der Euro-Rettungsorgie gut zu treffen.“

Symbolfoto neben der Spur

Klar, irgendwie muss man so Artikel ja bebildern, wenn man sie auf der Startseite anteasert:

Deutschland zieht den Karren nicht aus dem Dreck

Die Online-Redakteure des deutschen „Wall Street Journal“ haben sich halt entschieden, nicht irgendeinen Karren zu nehmen, sondern das Foto eines Autounfalls im Westerwald, bei dem im vergangenen November eine 18-Jährige ums Leben gekommen war.

Mit Dank an Bastian B.

Nachtrag, 22. März: wallstreetjournal.de hat den Artikel mit einem „Hinweis der Redaktion“ versehen:

In einer früheren Version dieses Artikels haben wir versehentlich ein Bild verwendet, auf dem ein Traktor einen Unfallwagen aus dem Graben zieht. Bei dem Unfall ist ein Mensch gestorben, was wir erst später festgestellt haben. Wir bitten dies zu entschuldigen.

2. Nachtrag, 22. März: … und jetzt ist in dem Hinweis aus dem Bild, „auf dem ein Traktor einen Unfallwagen aus dem Graben zieht“, auch ein „Verkehrsunfall“ geworden.

Kai Diekmann: Irre Überschrift in der Redaktion

Daniel Radcliffe: Böse Prügelei am Set!

Ich weiß, was Sie jetzt denken: „Seit wann ist der sympathische Herr Radcliffe denn so gewalttätig, tätowiert und dick bzw. kahlköpfig?“

Sie müssen aber auch bedenken, dass diese Schlagzeile bei Bild.de erschienen ist — und damit naheliegenderweise etwas ganz anderes ausdrücken soll.

Wenn Sie jetzt aber denken: „Ach, Herr Radcliffe spielt einen gewalttätigen, tätowierten und dicken bzw. kahlköpfigen Mann?“ — dann liegen Sie immer noch falsch.

Passiert ist laut Bild.de nämlich folgendes:

„Harry Potter“-Star Daniel Radcliffe (22) wurde am Set seines neuen Films „Kill your Darlings“ Zeuge eines brutalen Schauspiels: eine Prügelei, die nicht im Drehbuch stand!

Radcliffe hatte gerade Feierabend, als vor seinem Wohnwagen im New Yorker Stadtteil Brooklyn ein Streit eskalierte: Zwei Kerle kloppten sich mit Händen und Füßen, landeten auf dem Boden und wollten einfach nicht voneinander lassen. Einer der Männer blutete im Gesicht.

Mit Dank an Icke und Anonym.

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