Archiv für März, 2012

Bild, Bild.de  etc.

Eine Hand wäscht die andere in Unschuld

Im Fall des in Emden ermordeten Mädchens musste die Polizei einen 17-jährigen Verdächtigen wieder freilassen — und zwar nur wenige Zeit nachdem sich ein Beinahe-Lynchmob vor dem Polizeirevier versammelt hatte. Seitdem sind die Medien, die zuvor groß über den „Täter“ berichtet hatten, in heller Aufruhr über den „Polizeiskandal“. Der bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer wurde von Medien wie Bild.de, dem „Berliner Kurier“ und dem „Westen“ mit den Worten zitiert, die Polizei habe „gravierende Fehler begangen“. Dass Pfeiffer der Nachrichtenagentur dapd gegenüber geäußert hatte, auch die Medien hätten durch eine übertrieben emotionale Berichterstattung dazu beigetragen, dass der Jugendliche „zur Zielscheibe der Aggressionen geworden ist“, steht dort nicht.

Bild.de berichtet heute unter Berufung auf den „Express“, der Jugendliche sei aus seiner Heimat „geflohen“, und lässt den Berliner Strafrechtsprofessor Martin Heger zu Wort kommen:

Heger forderte die Behörden deshalb auf, zur Rehabilitierung des zu Unrecht inhaftierten Jungen ebenso massiv an die Öffentlichkeit zu gehen. „Die Staatsanwaltschaft hat nun eine Pflicht zur Offenlegung der Entlastungsgründe – auch unter Inkaufnahme der Gefährdung des Untersuchungszwecks.“

Dass „Bild“ die Unschuld des Jugendlichen auch „ebenso massiv“ behandelt wie seine Verhaftung, stand offenbar nicht zur Debatte: Die Zeitung berichtet heute im Innenteil unter einem riesigen Foto vom Sarg des kleinen Mädchens von dem „Skandal“ bei den polizeilichen Ermittlungen und widmet dem Schüler zusätzlich noch eine kleine Meldung:

Unschuldiger Schüler jetzt unter Polizeischutz

Zum Vergleich noch mal die Aufmachung seiner Verhaftung in „Bild“ vom Donnerstag:

Polizei sicher: ... von Schüler getötet!

Dass der „Bild“-Redaktion dieses Missverhältnis auffällt, ist übrigens hochgradig unwahrscheinlich:

Bereits am Sonntag ein unfassbares Versehen: Nur wenige Stunden nach dem Mord ist der Tatort frei zugänglich. Keine Absperrung, kein Flatterband, kein Siegel. Anwohner pilgern zu der Stelle in dem Emder Parkhaus, an dem die kleine [...] missbraucht und getötet wurde, machen Fotos von der Blutlache am Boden — bis ein genervter Wachmann die Tür verschließt.

Sie ahnen nie, welche Zeitung bereits am Montag ein großes Foto von der Blutlache am Boden gedruckt hatte!

Mit Dank auch an Daniel H., Robert W. und Johannes K.

Unsinn über irgendeinen Soli (2)

„Bild“ ist nicht das einzige Blatt, in dem Solidarpakt und Solidaritätszuschlag („Soli“) munter durcheinander gewirbelt werden (BILDblog berichtete). Das Nachrichtenmagazin „Stern“ etwa zeigt in seiner aktuellen Ausgabe diese Forsa-Umfrage:

Umfrage

Zuschlag vs. Pakt Der Solidaritätszuschlag wurde eingeführt, um zu helfen, die Kosten der Wiedervereinigung zu decken. Allerdings ist er eine Steuer (die übrigens sowohl in West- als auch in Ostdeutschland erhoben wird), die allein dem Bund zusteht und nicht zweckgebunden eingesetzt werden muss. Der Solidarpakt II hingegen ist eine Vereinbarung, nach der der Bund sich verpflichtet, den neuen Bundesländern von 2005 bis 2019 im Zuge des Länderfinanzausgleichs insgesamt 156,5 Milliarden Euro zukommen zu lassen.

Diese Umfrage ist ziemlich sinnlos, denn der Solidaritätszuschlag (=Soli) wird schon lange nicht mehr „ausschließlich für den Aufbau Ost verwendet“ und kann somit auch nicht „weiter ausschließlich“ dafür verwendet werden. Die Antwortmöglichkeit „…auch ärmeren Städten und Gemeinden im Westen zugute kommen“ lässt erahnen, dass sich die Umfrage auf die Klagen mehrerer Bürgermeistern aus dem Ruhrgebiet bezieht. Nur beklagten die sich nicht über den Solidaritätszuschlag, sondern über den Solidarpakt II.

Noch wilder werden der Solidaritätszuschlag und Solidarpakt II in der Vorankündigung von stern.de, die via Pressemitteilung einige Verbreitung erfahren hat, miteinander verrührt:

stern-Umfrage "Soli" auch für arme West-Regionen

Ein Großteil der Deutschen unterstützt die Forderung von verschiedenen Oberbürgermeistern aus dem Ruhrgebiet nach einer Neuordnung des Solidarzuschlags (sic!). In einer Umfrage des stern plädierten 57 Prozent der befragten Bürger dafür, den Solidaritätszuschlag künftig auch ärmeren Städten und Gemeinden im Westen zukommen zu lassen. Nur sechs Prozent fänden gut, wenn der „Soli“ wie bislang ausschließlich in den Aufbau Ost gesteckt würde. 35 Prozent waren dafür, den Solidaritätszuschlag ganz abzuschaffen. Zwei Prozent äußerten keine Meinung.

Noch einmal: Der Solidaritätszuschlag ist eine Bundessteuer, die direkt in den Bundeshaushalt fließt, und nichts mit den Klagen der Ruhrgebietsbürgermeister zu tun hat, die sich auf den Solidarpakt II bezogen hatten. Es ist wenig verwunderlich, dass im stern.de-Text sogar der Solidaritätszuschlag-Solidarpakt-Hybridbegriff „Solidarzuschlag“ fällt.

Solidarpakt hin, Solidaritätszuschlag her — die Kosten hierfür hätte man sich auf alle Fälle sparen können:

Für diese stern-Umfrage wurden 1001 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger am 22. und 23. März 2012 befragt.

Mit Dank an Philipp.

Bild  

Monster erschaffen

Im Fall des am Samstag in Emden ermordeten Mädchens hat die Polizei am Dienstagabend einen Verdächtigen festgenommen. Der junge Mann wurde am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt.

„Bild“ verkündete am gestrigen Donnerstag entsprechend:

Polizei sicher: ... von Schüler getötet!

Dass die Staatsanwaltschaft am Montag auf einer Pressekonferenz darum gebeten hatte, den Namen des Mädchens nicht zu veröffentlichen (BILDblog berichtete), war „Bild“ weiterhin egal.

Die Zeitung schrieb:

Der miese Kindermörder von Emden (Niedersachsen): Er missbrauchte die kleine [...], tötete sie und ließ ihre Leiche in einer Blutlache im Parkhaus liegen! Die Kripo ist sicher:

DER KILLER IST EIN SCHÜLER (17)!

Außerdem wusste „Bild“ zu berichten, dass „ein Junge (15) den entscheidenden Tipp gegeben“ hatte („BILD-Informationen zufolge“, natürlich) und ein Mitschüler zu „Bild“ gesagt habe, der 17-Jährige sei ein Einzelgänger und spiele „gern brutale Ballerspiele am Computer“.

Ganz so „sicher“ wie „Bild“ es darstellte, waren sich die Behörden offenbar nicht. Stern.de berichtete gestern:

Bernard Südbeck hat überlegt, wie er am diplomatischsten sagt, was ihn umtreibt. Der Auricher Oberstaatsanwalt ist seit Jahren „im Geschäft“. Doch das, was sich hier in Emden im Fall des getöteten elfjährigen Mädchens in den vergangenen Tagen abgespielt hat, macht ihn wirklich ärgerlich. In verschiedenen Medien und sozialen Netzwerken werden blanke Spekulationen als Tatsachen hingestellt, Verdächtige als Täter benannt, der Wunsch der Familie des Mädchens, doch bitte nicht den Namen des Kindes zu nennen, konsequent ignoriert.

Doch nicht nur das:

Und: Dienstagnacht hätte ein Mob selbsternannter Rächer fast das Polizeikommissariat gestürmt.

Uff!

Laut stern.de soll sich dieser Mob via Facebook verabredet haben. Oberstaatsanwalt Südbeck habe auf der gestrigen Pressekonferenz dann noch einmal an die Verantwortung der Medien appelliert und ausdrücklich darum gebeten, von Vorverurteilungen abzusehen.

„Bild“ stand jetzt vor einem Problem, denn Lynchjustiz findet die Redaktion dann offensichtlich auch nicht so gut. Der Drahtseilakt sah heute so aus:

Facebook-Aufruf nach Mord an ... : 50 Jugendliche wollten Verdächtigen lynchen

Den üblichen „BILD-Informationen zufolge“ hätten die Teilnehmer Parolen wie „Hängt ihn auf, steinigt ihn“ skandiert, einige hätten T-Shirts mit der Aufschrift „Todesstrafe für den Killer!“ getragen.

Die gleichen Autoren, Thomas Knoop und Astrid Sievert, die gestern geschrieben hatten, die „Schlinge“ um den Hals des Schülers habe sich „zugezogen“, hantierten plötzlich mit der Bezeichnung „Verdächtiger“, als seien sie so einen halbwegs seriösen Journalismus gewohnt:

Die Ermittler warnten trotz des erlassenen Haftbefehls vor einer Vorverurteilung des Verdächtigen. Dieser bestreitet die Tat.

Doch so richtig überzeugt schien „Bild“ von diesen rechtsstaatlichen Details dann auch nicht zu sein, denn der nächste Absatz lautete schon wieder:

Doch: Es gibt immer mehr Indizien gegen ihn! Eines der wichtigsten: Der Schüler hat kein Alibi! „Er verwickelte sich in Widersprüche“, so Werner Brandt, Leiter der 40-köpfigen Mordkommission „Parkhaus“.

Doch heute kam es zu einer „spektakulären Wende“ (Bild.de): Der tatverdächtige Schüler wurde am Vormittag freigelassen, weil er „als Täter auszuschließen sei“.

Unschuldig! Festgenommener Schüler im Mordfall ... wieder frei!

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Dokusoaps, Gabor Steingart, Plagiatoren

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Wie Twitterer Rob Vegas als Harald Schmidt bild.de reinlegte“
(rhein-zeitung.de, Lars Wienand)
Bild.de, Blick.ch und Tagesanzeiger.ch halten Tweets von @BonitoTV für Aussagen von Harald Schmidt.

2. „10 weitere bemerkenswerte Dokusoaps“
(fernsehkritik.tv, Video, 27 Minuten)
Ein Blick auf verschiedene aktuelle gescriptete und nicht gescriptete Sendungen im deutschen Fernsehen. Ab Minute 12 die RTL-Sendung „Jugendliebe“: Briefe, die auf deutsch geschrieben werden, erhält der Empfänger auf wundersame Weise in englischer Sprache.

3. „Offener Brief an Gabor Steingart: Über Verlage, freie Autoren, Urheberrecht und innere Pressefreiheit“
(immateriblog.de, Matthias Spielkamp)
Matthias Spielkamp antwortet auf einen Brief von „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart: „Daher möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass erstens Ihre Behauptung falsch ist, dass ‘seit jeher’ mit jeder Honorarzahlung alle diese Rechte ausschließlich an Sie abgetreten wurden. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass das eine dreiste Lüge ist, denn Sie bzw. Ihr Justiziariat (müssten) wissen, dass das nicht so ist.“

4. „Interview mit carta.info: Meinungsjournalismus statt Nachrichten“
(netzpiloten.de, Stefan Mey)
Stefan Mey befragt Tatjana Brode von „Carta“: „Wir werden versuchen, die Strukturen dezentraler zu organisieren, die Arbeit stärker zu verteilen. Natürlich wäre es schön, wenn wir einen guten Vermarkter finden, und noch besser, wenn wir außerdem eine Förderung bekämen. Aber wir haben nicht den Anspruch, dass sich Carta unbedingt sofort tragen muss.“

5. „The 4 types of serial plagiarists in journalism“
(poynter.org, Craig Silverman, englisch)
Craig Silverman identifiziert vier Typen von Plagiatoren im Journalismus: „The Early Bird, The Keener, The Blank Slate, The Dinosaur“.

6. „Viele leiden darunter, dass sie es jedem recht machen wollen“
(zeit.de, Harald Martenstein)
„Einige Fotografen verhalten sich wie Raubtiere, die vom Fleisch ihrer Beute leben. In Heiligendamm stand nach ein paar Sekunden Lesung eine Fotografin auf, ging nach vorne, stellte sich etwa sechzig Zentimeter vor der Bühne hin, sodass ich ihren Atem riechen konnte, und machte eine Aufnahme nach der anderen mit Blitzlicht. Der Apparat gab dabei ein schnarrendes Geräusch von sich, welches durch Mark und Bein ging. Nach etwa zehn Fotos habe ich einen Wutanfall bekommen. Als die Lesung vorbei war, kam die Frau, um sich zu beschweren.“

Verwirrung um Pizarro

Heute Vormittag um 10.02 Uhr verkündete „Sport Bild“ auf ihrer Internetseite:

Sport Bild exklusiv: Pizarro kündigt bei Werder! Bayern bietet Zweijahresvertrag

Die zwei in der Überschrift erwähnten Sachverhalte stehen zwar in einem Zusammenhang, aber offenbar nicht ganz so direkt, wie man auf den ersten Blick denken könnte. Nach allerlei Zeilen über das Vertragsangebot von Bayern München („nach SPORT BILD-Informationen“, natürlich) schreibt „Sport Bild“ selbst, dass es durchaus möglich sei, dass Pizarro Werder Bremen doch nicht verlässt:

Noch ist der Weggang allerdings keine beschlossene Sache – Pizarro musste kündigen, weil sich sein Vertrag in Bremen sonst automatisch verlängert hätte. Er kann jedoch einen neuen Vertrag mit den Bremern aushandeln.

In diesem Fall wäre seine (angebliche) Vertragskündigung ein taktisches Manöver gewesen, um sich alle Optionen offen zu halten und für die Vertragsverhandlungen mit Werder in einer günstigeren Ausgangsposition zu sein. Fußballer und ihre Berater …

Sechzehn Minuten später hatte der Sportinformationsdienst (sid) diese Meldung auf dem Draht:

Sport Bild: Pizarro verlässt Werder, Angebot aus München

BREMEN, 29. März (SID) – Claudio Pizarro wird den Fußball-Bundesligist Werder Bremen im Sommer anscheinend verlassen. Wie die Sport Bild berichtet, hat der Angreifer dem Verein mitgeteilt, dass er seinen Vertrag in Bremen zum 30. Juni dieses Jahres kündigt. Weil der Peruaner seine Kündigungsklausel noch vor Ablauf der vertraglich festgelegten Frist (31. März) zog, ist er nach der laufenden Saison ablösefrei. Rekordmeister Bayern München, so das Blatt weiter, habe Pizarro bereits einen Zweijahresvertrag angeboten.

Das war natürlich nicht das, was „Sport Bild“ geschrieben hatte — sondern nur das, was „Sport Bild“ mit der eigenen Überschrift und der Twitter-Nachricht „Pizarro kündigt bei Werder“ mutmaßlich zu suggerieren versucht hatte.

Die Reaktion von „Sport Bild“ auf Twitter, wo #pizarro inzwischen ein trending topic war, war dann auch eine ganz merkwürdige Mischung aus Schadenfreude, Hände-in-Unschuld-Waschen und dem Pochen auf journalistische Gründlichkeit:

Da hat der sid einfach nicht gründlich gelesen. Keiner behauptet, dass Pizarro Werder verlässt

Der sid hatte unterdessen ein Statement von Bremens Manager Klaus Allofs eingeholt, war aber immer noch davon überzeugt, dass „Sport Bild“ Pizarros Abgang vermeldet hatte:

Verwirrung um Pizarro: Allofs dementiert Abgang aus Bremen
+++ überholt mit Allofs-Statements +++
BREMEN, 29. März (SID) – Verwirrung um Claudio Pizarro: Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs hat eine Meldung dementiert, wonach der peruanische Angreifer den Fußball-Bundesligisten im Sommer verlassen wird. „Da weiß die Sport Bild mehr als wir“, sagte Allofs dem Sport-Informations-Dienst (SID) am Donnerstagmorgen: „Bei uns ist das so nicht kommuniziert. Ich glaube das aber ehrlich gesagt auch nicht.“ [...]

Um 11.29 Uhr vermeldete der sid dann in einer „Präzisierung“, dass Allofs nicht nur nichts von einem „Abgang“ wisse, sondern auch nichts von einer „Kündigung“:

Verwirrung um Pizarro: Allofs dementiert Kündigung bei Werder
+++ Präzisierung in Überschrift und erstem Satz +++
BREMEN, 29. März (SID) – Verwirrung um Claudio Pizarro: Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs hat eine Meldung dementiert, wonach der peruanische Angreifer dem Fußball-Bundesligisten zum Sommer gekündigt hat. [...]

Die Verwirrung war also perfekt und der sid hatte nicht ganz unwesentlich dazu beigetragen.

Um 14.08 Uhr tickerte die Deutsche Presseagentur (dpa) dann sinngemäß, dass klar sei, dass nichts klar sei:

„Sport Bild“: Pizarro hat gekündigt – Werder hofft auf Verbleib

Bremen (dpa) – Fußball-Profi Claudio Pizarro und Werder Bremen halten sich im Poker um eine Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit weiter bedeckt. Auch eine Meldung des Fachmagazins „Sport Bild“, laut der Pizarro seinen Vertrag beim Bundesligisten fristgerecht zum Saisonende gekündigt hat, wollten der Stürmerstar und Werder-Chef Klaus Allofs weder bestätigen noch dementieren.

„Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Es ist weiterhin alles offen, wir müssen noch einige Gespräche führen“, betonte Pizarro am Donnerstag in Bremen. „Wir machen grundsätzlich keine Aussagen über Vertragsinhalte“, sagte Geschäftsführer Allofs. [...]

Zum derzeitigen Zeitpunkt ist also lediglich die Erkenntnis gesichert, dass Claudio Pizarro einen Vertrag mit Werder Bremen hat. Wie lang der noch läuft und was Pizarro danach macht, werden wir irgendwann erfahren. Vermutlich wieder exklusiv.

Mit Dank an Matthias K.

Syrien, Harald Schmidt, Lol

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Fehlerlos genug? Journalisten profitieren von Selbstkritik“
(evangelisch.de, Miriam Bunjes)
Medienwissenschaftler Colin Porlezza im Interview zum Umgang mit Fehlern in den Redaktionen: „Es nützt der Glaubwürdigkeit von Journalisten, wenn sie Fehler zugeben und korrigieren. Das sagen die von den Fehlern betroffenen Quellen und das haben jetzt auch die befragten Journalisten mehrheitlich gesagt. Werden die Fehler nicht korrigiert, schadet es den Journalisten hingegen enorm. Die Informationsquelle wird sich gut überlegen, ob sie dem betreffenden Journalisten und vielleicht auch dem gesamten Medium noch einmal Informationen gibt.“

2. „Unvollständiges Bild: Berichterstattung aus Syrien“
(ndr.de, Video, 7:09 Minuten)
Der freie Kameramann Marcel Mettelsiefen setzt sich dafür ein, im Syrien-Konflikt auch die nicht so spektakuläre Seite der Assad-Anhänger abzubilden: „Es herrscht ein Ungleichgewicht in der Berichterstattung.“ Ab 4:20 Minuten: Ein Mann aus Syrien taucht auf YouTube-Videos, die innerhalb weniger Tage veröffentlicht wurden, in verschiedenen Rollen auf: als Journalist, als Rebell, als Opfer.

3. „Schnurstracks ins Lokale“
(drehscheibe.org, Stefan Wirner)
Carlo Imboden beobachtet das Verhalten von Zeitungslesern: „Die Verlage müssen sich noch bewusster darü­ber werden, dass das Lokale immer entscheiden­­der wird für die Kaufbereitschaft der Leser. Wenn ich die Mantel-Informationen online besser und gratis bekommen kann – vom Wall Street Journal bis zur FAZ – aber keine gu­ten Inhalte im Lokalen bekomme, dann ist niemand mehr bereit, etwas dafür zu bezahlen.“

4. „Schmidt ist der übelste Zyniker, den ich jemals getroffen habe“
(tagesanzeiger.ch, Philippe Zweifel)
Ex-Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski kommentiert die Einstellung der Harald Schmidt Show: „Gottschalk und Schmidt haben beide eine geniale Seite, aber sie überschätzen sich und gehen deshalb Risiken ein, die man nicht eingehen darf – schon gar nicht in Deutschland, wo das Erfolgsrezept Durchschnittlichkeit heisst, was ja Angela Merkel oder Günther Jauch so schön vorexerzieren.“ Siehe dazu auch „Das kleine Problem mit dem Plan B für Gottschalk“ (dwdl.de, Thomas Lückerath)

5. „Die neuen Presseplayer“
(neunetz.com, Marcel Weiß)
Marcel Weiß schreibt zum von Presseverlegern angestrebten Leistungsschutzrecht: „Die Vertreter der Presseverlage sagen das nicht, aber ein Presseleistungsschutzrecht könnte auch die Wikipedia gefährden. Man fängt bei neuen weitreichenden Gesetzen natürlich bei den vermeintlichen bösen und übergroßen Unternehmen an, die man zähmen / zu ‘Fairness’ zwingen will (hier: Google), langfristig geht es aber natürlich darum, Kontrolle am Markt auszuüben, und damit sind dann alle Akteure gemeint, egal ob sie überhaupt am Markt agieren oder außerhalb stattfinden.“

6. „Polizei will Daten von ‘Anonym’ und ‘Lol'“
(blog.odem.org, Alvar Freude)
Ein Brief (PDF-Datei) von Polizeiobermeisterin K. der Berliner Polizei.

Eine Meldung aus einer anderen Morgenpost

Die Springer-Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“ und ihre jeweiligen Online-Ableger werden von der gleichen Redaktion betreut. Bei Artikelübernahmen wird einfach, wo nötig, im Artikel die Nennung der „Welt“ durch die der „Morgenpost“ ersetzt.

Das passiert offenbar automatisch und kann durchaus interessante Folgen haben, wie der „Welt Online“-Artikel über einen texanischen Fischer, der mit seinem Freund Schiffbruch erlitten hatte, im „Morgenpost Online“-Remix beweist:

Den restlichen Tag und die halbe Nacht strampelten sie um ihr Leben und redeten über Gott und Morgenpost Online, um sich abzulenken. Als schließlich absehbar war, dass sein Freund nicht länger durchhalten würde, schwamm der ebenfalls stark geschwächte Henderson dann alleine weiter.

Mit Dank an Jörg L.

Nachtrag, 15.40 Uhr: Während „Morgenpost Online“ den Fehler inzwischen korrigiert hat, weisen uns mehrere Leser darauf hin, dass der Vorspann des Artikels bei beiden Medien falsch ist: Dort heißt es, Ed Coen habe den Schiffbruch überlebt. Wie aus dem Artikel hervorgeht, ist Ed Coen derjenige der zwei Fischer, der ertrunken ist. Überlebt hat sein Freund und Kollege Ken Henderson.

Mit Dank an Falk Z., Sabine E. und Jonas M.

2. Nachtrag, 19.03 Uhr: Beide Medien haben den Fehler im Vorspann transparent korrigiert.

dpa  

Nun könnte es konkret werden

„Unabhängig, zuverlässig und aktuell“, mit diesem Wahlspruch wirbt die Deutsche Presseagentur (dpa) für ihre Dienste.

Man kann ihr auch im Fall der Meldung zu Googles Online-Festplatte „GDrive“ nicht den Vorwurf machen, ihre Quellen nicht offenzulegen oder sich deren Ansichten zu eigen zu machen.

Andererseits stecken da derart viele Distanzierungen und Konjunktive in Text und Überschrift, dass es schon fast verwunderlich ist, dass dpa nicht noch ein paar Bauernregeln oder Astrologen zitiert:

Gerücht: Google startet Online-Festplatte GDrive schon im April

Berlin (dpa) – Seit Jahren ranken sich Gerüchte darum – nun könnte es konkret werden: Google wird möglicherweise seine Online-Festplatte GDrive schon Anfang April an den Start bringen, heißt es in einem bislang unbestätigten Bericht des Technologie-Blogs „GigaOm“. Ein Gigabyte an Daten wie Dokumente, Filme oder Musik sollen die Nutzer dann kostenlos online speichern und von überall aus abrufen können, heißt es unter Berufung gut informierter Personen. Die Software für den Cloud-Service solle ein ähnliches Interface haben wie Googles Dokumenten-Verwaltung GoogleDocs und als App vertrieben werden. Google wollte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa keine Stellung zu dem Bericht nehmen.

Das für gewöhnlich gut informierte „Wall Street Journal“ hatte bereits 2006 von Plänen des Suchmaschinenspezialisten berichtet, einen Netzspeicher anzubieten – allerdings war bis heute nichts passiert. [...]

[Hervorhebungen von uns.]

Daily Mail, Abokündigung, Sportinformation

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Mail Supremacy“
(newyorker.com, Lauren Collins, englisch)
Die 1896 gegründete britische Tageszeitung „Daily Mail“ erreicht vier mal so viele Leser wie der „Guardian“, im Januar überholte sie die „New York Times“ als meistgelesene Zeitung online. Der ausführliche Bericht von Lauren Collins beleuchtet die Haltung der Zeitung während dem 2. Weltkrieg und die Beziehung zu den Prominenten: „In 1997, after Princess Diana’s death, the third Viscount Rothermere promised that the paper would no longer use photographs taken by paparazzi—a vow that didn’t last.“

2. „Axel Springer AG verurteilt“
(vzhh.de)
Das Landgericht Berlin verurteilt die Axel Springer AG wegen unlauterer Abowerbung, meldet die Verbraucherzentrale Hamburg: „Das Gericht verbot dem Medienunternehmen, Kunden, die ihr Zeitschriftenabonnement gekündigt haben, mit der Aufforderung anzuschreiben, sie zurückzurufen, weil noch eine Frage aufgetreten sei, wenn der Kunde tatsächlich auf diesem Wege dazu bewegt werden soll, seine Kündigung zurückzunehmen.“

3. „Warum ich den ‘Blick’ verachte“
(facebook.com, Max Küng)
Max Küng thematisiert den Umgang von „Blick“ mit den Opfern des Busunglücks im Wallis: „Es mag etwas altmodisch klingen, aber ich verachte den ‘Blick’, respektive die Leute, die für die Leidpornografie in seinen Seiten verantwortlich sind.“ Siehe dazu auch „Wie es mit Emma wirklich war“ (blick.ch, Ralph Grosse-Bley).

4. „Fanprojekt fordert Gegendarstellung von Bildzeitung“
(stadionwelt-fans.de)
Fußball: Ein Sozialpädagogisches Kölner Fanprojekt fordert von „Bild“ eine Gegendarstellung.

5. „Müssen nicht jeden Schrott melden“
(medienkritik-schweiz.ch, Reto Stauffacher)
Reto Stauffacher befragt Peter Lerch vom Schweizer Sportnachrichtendienst SI: „Wir haben die viel grössere Verantwortung als all diese Medienportale. Wenn wir etwas melden, ist das sofort in allen Kanälen sichtbar und nicht mehr auszulöschen. Und wenn diese Meldung nicht stimmt, dann ist das für uns der absolute Horror. Wir melden etwas erst, wenn wir wissen, dass es tatsächlich stimmt. Vielleicht wird uns diese Tatsache manchmal als ‘langsam’ ausgelegt.“

6. „Der Alabama Face Guy“
(hermsfarm.de)

Bild  etc.

So viel zum Opferschutz

Am Samstagabend ist ein elfjähriges Mädchen in einem Parkhaus in der Emder Innenstadt tot aufgefunden worden. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Montagnachmittag erklärten Polizei und Staatsanwaltschaft, dass es sich bei der Tat um ein „sexuell motiviertes Delikt“ gehandelt habe — eine Information, die in der gestrigen Printausgabe von „Bild“ schon zu lesen gewesen war.

Die Journalisten auf der Konferenz wollten möglichst viele Details wissen, die Sprecher gaben sich große Mühe, nichts zu sagen. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ wollten sie zu Details wie der genauen Todesursache und der Auffindesituation des Mädchens keine Angaben machen. Bewusst hätten die Behörden in ihrer ersten Pressemitteilung keine Beschreibung vom Aussehen und der Kleidung des Mädchens und des sie begleitenden Jungen abgegeben, um die Hinweise aus der Bevölkerung nicht einzuschränken, sagte Martin Lammers, Leiter des Zentralen Ermittlungsdienstes der Polizei Leer/Emden. Auch zur Familie des Opfers wollte die Polizei keine Angaben machen, wie der Chef der Mordkommission, Werner Brandt, erklärte: „Weil wir natürlich auch die Verantwortung haben, die Eltern ein Stück weit zu schützen.“

Als ein anwesender Journalist fragte, ob die Behörden den Vornamen des Mädchens verraten könnten, sagte Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck nach kurzer Rücksprache zu seinen Kollegen: „Das sollten wir nicht tun!“ Keine 30 Sekunden später nannte Brandt den Namen des Mädchens dann doch in einem Nebensatz — offensichtlich aus Versehen, aber ohne weiter darauf einzugehen.

Die meisten Medien hielten sich an die Bitte der Staatsanwaltschaft, wobei einige die einmalige Nennung des Namens auch schlicht nicht mitbekommen haben könnten. Die meisten, aber natürlich nicht alle: Bei „Bild“ steht der Name in der Dachzeile und sechs Mal im Artikel. Auch „Berliner Kurier“, „B.Z.“, „Focus Online“ und die „Ostfriesen-Zeitung“ nennen den Namen jeweils mindestens einmal.

Wie ernst „Bild“ die Bedenken der Behörden und deren Sorge um Opferschutz nimmt, stellt die Zeitung dann noch sehr eindrucksvoll unter Beweis, indem sie den Namen des Mädchens, deren ungefähren Geburtstag und das Geschlecht und den Namen eines Geschwisterkindes nennt. Alles „BILD-Informationen zufolge“, natürlich.

Mit Dank an Krizzz.

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