Archiv für Februar 3rd, 2012

Vor der Kälte sind alle gleich

Kaum einer hätte noch damit gerechnet, aber jetzt ist der Winter doch noch da. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Osteuropa, wie die „Tagesthemen“ gestern berichteten.

Da ist der Mann in Tschechien, der morgens eine halbe Stunde länger schlafen kann, weil er seinen Weg zur Arbeit über einen gefrorenen Stausee abkürzt. Ein Sachse erklärt, es sei nun mal Winter, kein Sommer, und konfrontiert den Reporter mit der Frage, ob ihm etwa kalt sei. Tausende haben in Osteuropa keine warme Unterkunft, weil die Stromleitungen kollabieren und die Wasserrohre bersten.

Und auch dafür ist noch Zeit beim Osteuropa-Hopping:

Eine Streife der ukrainischen Miliz in einem Park der Hauptstadt Kiew. Bis unter Minus 33 Grad sind die Temperaturen vergangene Nacht gefallen. Er ist froh, diese Nacht überlebt zu haben — in einem Zelt: Walordimir, 41 Jahre alt. 40.000 Menschen leben in der Ukraine derzeit in Notunterkünften, weit über 100 Menschen sind in Osteuropa bereits erfroren.

Das alles mag stimmen, aber es gibt da ein Problem mit der „Streife der ukrainischen Miliz“:

Auf den Westen der Männer steht „Straż Miejska“, was Polnisch ist und „Stadtpolizei“ bedeutet. Polnische Polizisten im Einsatz in Kiew?

Kai Gniffke, Chefredakteur von „ARD Aktuell“, erklärt dazu auf unsere Anfrage:

Uns hat auch bereits ein Zuschauer auf die ukainische Miliz in polnischer Uniform aufmerksam gemacht. Unser Prag-Korrespondent hatte gestern den Beitrag über die Kältewelle in Osteuropa gemacht. Dabei bekam er Material vom MDR in Leipzig zugespielt. Bei der Bearbeitung des Materials hat er dann die sogenannten „Dope-Sheets“ verwechselt d.h. die Listen, auf denen vermerkt ist, wo welches Material wann gedreht wurde. Und obwohl er als gebürtiger Sorbe die slawischen Sprachen ganz gut kennt, sind ihm die „polnischen Ukrainer“ leider nicht aufgefallen. Und in der Endkontrolle bei uns ist es eben auch nicht aufgefallen. Polen und die Ukraine richten zwar gemeinsam die EM aus, aber die Ordnungshüter treten nach wie vor in unterschiedlichen Uniformen auf – das ist uns jetzt ein für allemal klar.

Mit Dank an Christian L.

Nachtrag, 5. Februar: In der Mediathek von tagesschau.de, in der die ARD bekanntlich keine fehlerhaften Beiträge archivieren will, haben sich die Redakteure für eine kreative Lösung entschieden. Wenn eigentlich die Männer mit den „Straż Miejska“-Westen im Bild wären, erscheint einfach diese Einblendung:

Kurze Unterbrechung. (Diese Bilder dürfen im Internet aus rechtlichen Gründen nicht gezeigt werden.

Bild  

„Du hast dich nicht verändert, Norbert“

Moritz von Uslar hat sich für die „Zeit“ gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, Helmut Dietls neue Gesellschaftssatire „Zettl“ angesehen, damit Mißfelder ihm anschließend berichtet, wie realistisch der Film die Verstrickungen von Politik und Journalismus in Berlin porträtiert.

Zwar erzählt der langjährige Jungpolitiker nicht so viele Anekdoten, wie sich der Leser (oder von Uslar) das vielleicht erhofft hatte, dafür spielt Norbert Körzdörfer in dem Text eine größere Nebenrolle:

Norbert Körzdorfer, Gesellschaftskolumnist der Hauptstadt, der für die Bild-Zeitung die großen Stars interviewt, die Tom Cruise, George Clooney und Til Schweiger heißen, und diese stets so porträtiert, als träfe er nach langer Zeit einen guten, alten Freund wieder (Norbert: „Du bist älter geworden, Tom“, Tom: „Du hast dich nicht verändert, Norbert“), dieser Norbert Körzdorfer (schulterlanges, weißes Haar, Kaschmirmantel) hat gleich vier weibliche Begleitungen dabei und stellt sie der sehr jungen Dame vor, die an einem Ecktisch vor einem aufgeklappten Computer sitzt und in Berlin als It-Girl bekannt ist oder einfach als gut gekleidetes, sehr süß aussehendes Mädchen, das mehr als dreitausend Facebook-Freunde hat.

Offenbarungseid, Südsudan, Latzhosen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Unverzichtbare Lichtgestalten“
(carta.info, Vera Bunse)
Vera Bunse über die Neigung der Medien zur Personalisierung im Politikjournalismus. Selbst wenn sich neue Kräfte wie die Piratenpartei explizit dagegen wehren, versuchen die Medien, sie in die bestehenden Verhältnisse zu pressen: „Journalisten hätten auf die Neulinge mit neugierigen und interessanten Fragen reagieren können. (…) Stattdessen gab es aufgeregtes Geschnatter über Latzhosen und Palitücher, die Unkenntnis der Höhe der Verschuldung des Landes Berlin und die Tatsache, dass dank der lustigen Rampensau Christopher Lauer tatsächlich in einer Talkshow gelacht wurde.“

2. „Keine Angst: wir sprechen Deutsch!“
(publikative.org, Sheila Mysorekar)
„Jeder fünfte Mensch in diesem Land hat Migrationshintergrund, aber nur jeder 50. Journalist“, stellt Sheila Mysorekar fest. „Und Ausländer sprechen halt kein Deutsch, das weiß ja jeder. Im Laufe meines Lebens ist mir buchstäblich schon Tausende Male gesagt worden: ‘Sie sprechen aber gut Deutsch!’ Darauf antworte ich gerne: ‘Ich wünschte, ich könnte das auch von Ihnen behaupten!’“

3. „Die Doppelmoral der Medien in der Wulff-Affäre“
(danielflorian.de, Ulrich Hottelet)
Ulrich Hottelet erinnert daran, dass Anfang Januar im Südsudan mehr als 3000 Menschen getötet wurden. „Ein derart hoher Verlust von Menschenleben verursachte in den Medien und in der Öffentlichkeit nicht einmal den Bruchteil des Furors, den die Umstände eines Hauskaufs in Niedersachsen hervorgerufen haben. Da ist die Frage nach den Maßstäben, die in der Bewertung angelegt werden, überfällig.“

4. „Verdrehte Welt“
(freitag.de)
Sieben Kulturschaffende leisten Offenbarungseide. Nicht nur die Politik werde vom Geld regiert, auch der Kulturbetrieb sei „natürlich verführbar“.

5. „The Washington Post tries a new weapon to fight the trolls: humans“
(niemanlab.org, Andrew Phelps, englisch)
Journalisten, die sich einbringen in den Kommentarspalten der eigenen Artikel: „By getting involved, reporters can also help fend off rumors, speculation, and flame wars.“

6. „Interview with a hoaxster: How I fooled the Daily Mail with fake pic“
(poynter.org, Craig Silverman, englisch)
Craig Silverman befragt Jody Kirton, der zu einer Falschmeldung beigetragen hat: „I don’t have any regrets in doing this, I feel it has proved how a joke between friends can make national news almost!“