Archiv für Januar, 2012

Liebe Journalisten!

Rund 82 Millionen Deutsche (einzige Ausnahme: Christian Wulff) machen sich gerade Gedanken darüber, wer neuer Bundespräsident anstelle des Bundespräsidenten werden könnte. Der „Berliner Kurier“ sieht Wulff „schwer angeschlagen“:

Nach Kredit-Affäre, Vorwürfen um Gratis-Urlaube bei befreundeten Prominenten und jetzt um spendierte Upgrades für edle Hotel-Suiten kann er kaum noch als moralische Instanz für die Deutschen fungieren.

Da drängt sich natürlich eine Frage auf:

Aber wie korrekt waren eigentlich seine neun Vorgänger im höchsten Staatsamt?

Der „Kurier“ hat deshalb „im Qualitäts-Check die Ex-Staatsoberhäupter unter die Lupe“ genommen und fasst die zehnjährige Amtszeit Heinrich Lübkes so zusammen:

Heinrich Lübke (1959-1969): Leicht überforderter Fettnäpfchen-Spezi, beliebt bei Kabarettisten. "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger", sagte er bei einem Besuch in Liberia. Lieferte Vorlagen für unzählige "Präsidenten"-Witze.

Tatsächlich hängt Lübke dieses Zitat seit 50 Jahren nach — nur wahrer wird es dadurch nicht.

Die „Zeit“ hat sich des angeblichen Ausspruchs schon vor zehn Jahren für ihre Rubrik „Stimmt’s?“ angenommen und kam zu dem Schluss:

Jeder kennt das Zitat, die meisten hätten es Lübke auch zugetraut, es wird sogar genau datiert auf einen Staatsbesuch in Liberia im Jahr 1962 – aber es gibt keinen Beleg dafür!

Für den Fall, dass der „Kurier“ seinen Irrtum morgen korrigieren und Lübkes Fettnäpfchen-Kompetenz mit seinem zweitberühmtesten Ausspruch untermauern will: Auch „Equal goes it loose“ („Gleich geht’s los“) hat der Präsident offenbar nie gesagt.

Mit Dank an Petra O.

Primeur-Korruption, Xinhua, Goldglanz

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Zwischen Mainstream und Volkes Seele“
(faz.net, Harald Staun)
Harald Staun denkt über die „öffentliche Meinung“ in der Causa Wulff nach. „Der genervten Öffentlichkeit aber kann man nur raten: Wer den Klatsch aus Bellevue nicht mehr hören will, weil er meint, man müsse ein Amt nur ein Weilchen in Ruhe lassen, damit sein Inhaber es wieder in Würde tragen könne, der sollte einfach nicht mehr jede neue Petitesse anklicken, die im Internet steht. Dann lässt auch ‘Spiegel Online’ das Thema fallen. Ganz automatisch.“

2. „Ausländische Korrespondenten schreiben, was sie von der Causa Wulff halten“
(welt.de)
Siehe dazu auch die Eindrücke von „Focus“-Korrespondenten.

3. „Wir brauchen Haltung“
(tageswoche.ch, Urs Buess, Philipp Loser und Christian Schnur)
Es habe sich eine „Primeur-Korruption“ (Primeur = Scoop) in der Schweizer Medienbranche entwickelt, sagt WOZ-Chefredakteurin Susan Boos im ausführlichen Interview: „Da werden Medienschaffende von Interessensvertretern gezielt mit Informationen gefüttert, und die ­betreffenden Journalisten tun dann so, als hätten sie den Primeur selbst erarbeitet.“

4. „Gratis-Meldungen auf Parteilinie“
(dradio.de, Pierre-Christian Fink)
In Afrika hat die dpa drei Korrespondentenbüros – die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua dagegen 26. „Die westlichen Agenturen müssen sich zum Großteil selbst finanzieren. Xinhua hingegen bekommt Geld vom Staat.“

5. „Musik, die keine sein darf“
(taz.de, Thomas Winkler)
Die Musik zwischen den Wortbeiträgen des Deutschlandfunk: „Sie soll nicht berühren, aber auch niemanden aufregen, sie soll im besten Falle keine Emotionen wecken, also absurderweise genau das nicht tun, was sonst als die vornehmste Aufgabe der Musik gesehen wird. Es ist, kurz gesagt: Musik, die keine Musik sein darf.“

6. „Goldglanzrauschende Ballnacht schimmert fantastisch“
(oldenburger-lokalteil.de)
In welche Worte die NWZ den selbst mitveranstalteten Presse- und Opernball in Oldenburg fasst.

Setzen, Sex!

In der Redaktion von Bild.de sitzen ein paar bemitleidenswerte Menschen, die die Rubrik „10 um 10″ befüllen müssen. Dafür müssen sie jeden Tag um 10 Uhr (oder genauer: irgendwann zwischen halb Zehn und Elf) irgendeine Top-10-Liste zusammenstellen wie „Die 10 kultigsten Chuck-Norris-Sprüche“, „Die 10 nervigsten Weihnachtslieder“ oder „10 Verhütungsmethoden, die nichts taugen“.

Heute nun lautet der Name der Liste „10 Fakten, die wir vor einem Jahr noch nicht wussten“. Zu diesen Fakten gehört neben „Beten hilft wirklich“ und „Punk ist wertvoll“:

8. Übung macht den (Sex-)Meister: In Österreich wurde die „Austrian International School of Sex“ (AISOS). von der Schwedin Ylva-Maria Thompson gegründet. Für die Ex-TV-Talkerin steht fest: Die Liebeskraft muss ebenso trainiert werden wie Muskeln und Hirn!

Statt den eigenen Artikel über die „Sex-Schule“ zu verlinken, hätten die Leute von Bild.de mal lieber ein bisschen googeln sollen. Dann wären sie zum Beispiel auf die Artikel vom „Wiener Kurier“ oder von „Die Presse“ aus dem vergangenen Dezember gestoßen, in denen die vermeintliche Sex-Schule als Inszenierung der Künstlergruppe „The Birdbase“ enttarnt wird, die zuvor durch falsche Franz-Kafka-Bücher aufgefallen war (BILDblog berichtete).

BILDblog lesen hätte übrigens auch in diesem Fall geholfen: Wir hatten den „Presse“-Artikel, in dem sich „The Birdbase“ bekennt, die Sex-Schule erfunden zu haben, am 14. Dezember bei „6vor9″ verlinkt.

Mit Dank an Björn, Bernhard H. Leo und Maxi.

Drohnen, Zuwanderung, Hundt beißt Mann

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Sie sind Rädchen in der Propagandamaschine“
(faz.net, Friederike Boege)
Friederike Boege schreibt über westliche Journalisten, die in China für die englischsprachigen Dienste der Staatsmedien tätig sind.

2. „Drohnenjournalismus“
(training.dw-world.de, Marcus Bösch)
Marcus Bösch stellt fest, dass sich deutsche Journalisten und Redaktionen sich nicht sonderlich für die Möglichkeit der Berichterstattung mit Drohnen zu interessieren scheinen. „Heute kann jeder für rund 300 Euro einen so genannten Quadrocopter kaufen, den man über ein iPhone steuern kann. So ein Quadrocopter fliegt zwar nur etwa 10 Minuten lang, dafür eingebaut sind zwei Kameras mit Front- und Bodenansicht.“

3. „Studie: Negative Bilder dominieren Berichte über Zuwanderung“
(derstandard.at, Oliver Mark)
Oliver Mark stellt die Dissertation „Zuwanderung – Herausforderung für Österreichs Medien“ von Karin Zauner vor. „Die Kommunikationswissenschafterin hat für ihre Studie 40 österreichische Chefredakteure bzw. Geschäftsführer interviewt. (…) Der Kontext, in den das Thema Migration eingebettet ist, wird von den Themen ‘Problem/Konflikt’ (93 Prozent), ‘Kriminalität’ (63 Prozent) und ‘Bedrohung/Angst’ (28 Prozent) dominiert. Positive Beispiele werden zwar für sinnvoll erachtet (80 Prozent), kommen aber im Redaktionsalltag viel zu kurz.“

4. „Lebenslänglich für Wulff“
(berliner-zeitung.de, Matthias Thieme)
Günter Wallraff fordert lebenslängliches Bundespräsidententum für Christian Wulff: „Wenn er die Stromstöße dieser medial inszenierten Hinrichtung politisch überlebt, sollte er das Amt zur Bewährung behalten – aber dann bitte auch lebenslänglich. Damit wäre auch der Steuerzahler entlastet. Man muss das mal durchrechnen. Was zahlen wir den früheren Bundespräsidenten alles? Lebenslänglich Bezüge, Dienstwagen, Fahrer, Büro, Sekretärin. Die Lebenserwartung steigt ja nun auch ständig.“

5. „!@#&^%$!!!!!! (Cellphone halts Mahler’s Ninth mid-movement)“
(thousandfoldecho.com, Amanda Keil, englisch)
Das Klingeln eines Mobiltelefons führt zu einer Unterbrechung eines Konzerts in der Avery Fisher Hall in New York. „Until today I’ve never been to a concert where a cellphone stopped the orchestra in the middle of a piece, but now I can check that awful milestone off the list.“

6. „Von Medien weitgehend ignoriert: Arbeitgeberpräsident Hundt beißt Mann“
(der-postillon.com)
„Augenzeugen zufolge hatte sich Hundt so fest in der Wade des Mannes verbissen, dass es keinem der Anwesenden gelungen sei, die beiden zu trennen. Erst als Hundt mithilfe eines herbeigeholten Gartenschlauches mit kaltem Wasser abgespritzt wurde, ließ er von seinem Opfer ab und rannte jaulend aus dem Veranstaltungssaal.“

Die Ziehung der Otto-Zahlen

„Bild“ hat schon länger nicht mehr über den „Bio-Sprit“ E10 berichtet, den die Zeitung im vergangenen Frühjahr so schön als Feindbild entdeckt hatte (BILDblog berichtete). Ende Dezember berichtete das Blatt in einer winzigen Meldung, dass die befürchteten Motorschäden durch E10 in Deutschland „offenbar ausgeblieben“ sind, aber das konnte ja niemanden interessieren.

Jetzt hat immerhin Bild.de eine Gelegenheit gefunden, ganz wertfrei über E10 zu berichten:

Biosprit im Flugzeug getestet: Nein zu E10! Lufthansa setzt weiter auf Kerosin

Kein Schaden am Triebwerk, keine spröden Schläuche – auch Flugzeuge vertragen E10. Von Juli bis Dezember pendelte ein Lufthansa-Airbus zwischen Hamburg und Frankfurt. Im Tank war Bio-Kraftstoff – der seit Monaten von deutschen Autofahrern als Öko-Plörre verschmäht wird.

Nun gut: Ehrlich gesagt glaubt Bild.de, eine Gelegenheit gefunden zu haben, über E10 zu berichten.

Zwar haben zahlreiche Medien, die über die Tests der Lufthansa berichteten, das Wort „Biospritverwendet, aber natürlich handelte es sich dabei nicht um den Ottokraftstoff E10, sondern um Bio-Kerosin, das sich chemisch deutlich davon unterscheidet.

Wenn die Lufthansa ihren Airbus wirklich mit E10 betankt hätte, wäre der Effekt vergleichbar mit dem der entsteht, wenn man einen Diesel-PKW mit Benzin betankt, nur bedeutend teurer: der Motor ginge kaputt.

Mit Dank an Christoph H.

Nachtrag, 20.20 Uhr: Bild.de hat den Artikel unauffällig überarbeitet.

2. Nachtrag, 21.50 Uhr: … und dabei E10 zum „Biodiesel“ verschlimmbessert.

Mit Dank an Chris H. und Tharcel.

3. Nachtrag, 14. Januar: Jetzt ist E10 wieder „Biosprit“.

Schneekugel, Dschungelcamp, Udo Röbel

6 vor 9

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1. „Bitte keine Krokodilstränen!“
(berliner-zeitung.de, Klaus Staeck)
Klaus Staeck schreibt über „Bild“. „Der Platz dieser Kolumne reicht nicht aus, um all die mir persönlich bekannten Zeitgenossen aufzuzählen, die diesem Blatt zwar in tiefer Verachtung verbunden sind, aber am Telefon stramm-verkrampft Haltung annehmen, wenn sich die Bild-Zeitung meldet. Hat sich doch in die Seelen der meisten öffentlichen Personen eingeschlichen, dass man um diesen medialen Gerichtshof nun mal nicht herumkomme.“

2. „Mitten in der Schneekugel“
(freitag.de, Klaus Raab)
Die Titelgeschichte des aktuellen „Freitag“ lautet „Blöd: Medien sind jetzt Wulff“. Klaus Raab hält fest: „Medien stehen nicht außerhalb der Schneekugel, sie stehen mittendrin. Objektivität gibt es daher nicht, sie ist ein Paradoxon. Diese Erkenntnis an sich ist freilich banal. Die mediale Aufklärung der Wulffschen Normverletzungen ist aber, und hier beginnt das Besondere dieses Falls, nicht nur nicht objektiv. Es handelt sich um eine Sonderform der scripted reality. Was nicht sofort auffällt, weil es doch die vermeintlichen Aufklärer sind, die hier PR in eigener Sache treiben.“

3. „Die Boulevardangestellten“
(freitag.de, Matthias Dell)
Matthias Dell denkt über die morgen erneut startende RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ nach. „Wer Kulturverfall, Boulevardisierung und Sensationismus beklagt, der wird diese nicht in der klug geschriebenen Sendung finden, sondern in dem sie begleitenden medialen Tamtam wie bei Springer-Medien, stern.de oder Internetportalen, die fast unverändert RTL-Pressetexte weitergeben.“

4. „Let’s talk about: Christian Wulff“
(juliane-wiedemeier.de)
Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag wird in Gesprächsrunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens über die Causa Wulff diskutiert.

5. „Wulff ist für ‘Bild’ ein Sechser im Lotto“
(taz.de, G. Löwisch und P. Unfried)
Die „taz“ spricht mit Udo Röbel, „Bild“-Chefredakteur von 1998-2000. „Selbst wenn Bild bewusst Grenzen überschreiten wollte – das bringt doch nichts mehr. Da schließt sich der Kreis zum Internet. Bild verliert Auflage.“

6. „‘Bild’ schafft sich ab“
(danieldaffke.wordpress.com)
„Gemäß Trendfunktion verliert Bild jedes Jahr knapp 130.000 Exemplare. Die Fortschreibung des Trends zeigt, dass 2032 nichts mehr übrig bleibt.“

Statt Wulff

Länger nicht mehr gezeigt haben wir diese „Bild“-Eigenwerbung aus dem Jahr 2006:

Gestern machte „Bild“ bundesweit mit einem spektakulären Kriminalfall auf:

Arzt-Gattin ersticht Liebhaber. Weil nicht rauskommen sollte, dass ihr Kind von ihm ist.

Der Fall einer Bochumer Arzt-Gattin, die ihren Liebhaber erst betäubt, dann vergiftet und erstochen hatte (anschließend zündete sie auch noch seine Wohnung an), hatte überregional für Aufsehen gesorgt — im vergangenen September, als die Tat stattfand.

Auch „Bild“ hatte damals schon in der Ruhrgebietsausgabe groß über die Ereignisse berichtet, das Gesicht der Tatverdächtigen damals allerdings noch verpixelt. Gestern prangte ihr Foto unverfremdet deutschlandweit auf der Titelseite. Die einzige andere Neuigkeit ist die, dass das Landgericht Bochum vergangene Woche den Zeitplan für den Mordprozess veröffentlicht hat, was in der Bild.de-Version des Artikels aber nicht einmal erwähnt wird.

Es ist überhaupt rätselhaft, warum Bild.de gestern zwei recht unterschiedliche Artikel der gleichen Autoren veröffentlichte: den aus der gedruckten „Bild“ und einen zweiten. Dass der Mord schon vier Monate zurückliegt, geht aus keinem der Texte hervor, obwohl einer der Autoren schon damals an der Berichterstattung beteiligt war.

Fixer, Sodomie, Alkohol

6 vor 9

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1. „Wulff auf ‘Bild’-Reise: Von Wolke 7 ab in die Wüste“
(evangelisch.de, Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt)
Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt kommentieren die Rolle von „Bild“ in der Causa Wulff: „Christian und Bettina Wulff sind die dankbarsten Opfer, die seit langem auf dem Altar der Selbstvermarktung von ‘Bild’ lagen: höchstmögliches Amt, größtmöglicher Dilettantismus.“

2. „Lust am (Hoch-)Kochen“
(dradio.de, Brigitte Baetz)
Auch Brigitte Baetz nimmt sich dem Fall an: „Christian Wulff hatte wohl geglaubt, sich mit ein paar Home-Stories das Wohlergehen dieser Boulevardzeitung auf Dauer gesichert zu haben – und hatte sich getäuscht.“

3. „Fixer für Fallschirm-Journalisten“
(nzz.ch, Philippe Kropf)
Philippe Kropf besucht den Fixer Sardar Ahmad Khan in Kabul. „Insbesondere bei den internationalen Fernsehsendern, die untereinander in einem harten Konkurrenzkampf stehen, gelten die Kosten für einen guten Fixer als notwendige Spesen. Aber auch freischaffende Krisenjournalisten greifen auf sie zurück; in Internetforen wie ‘Lightstalkers’ werden Kontaktdaten von zuverlässigen Fixern erfragt und gängige Preise ausgetauscht; die norwegische Medien-NGO International Reporter stellt gar eine entsprechende Datenbank zur Verfügung.“

4. „Medienkritik in der Schweiz – ein Mauerblümchen“
(drs2.ch, Rahel Walser, Audio, 27 Minuten)
Die Formen der Medienkritik in der Deutschschweiz im Überblick.

5. „Von Hühnern und Hintern“
(fastvoice.net, Wolfgang Messer)
Der Freispruch des malaysischen Politikers Anwar Ibrahim bei tagesschau.de und taz.de.

6. „Kein Alkohol. Die ersten 14 Tage.“
(pro2koll.de, Tillmann)
Seit zwei Wochen trinkt Tillmann keinen Alkohol mehr und beobachtet die Auswirkungen dieser unterlassenen Handlung.

Die Lümmel von der Bank

Es sieht nicht so aus, als ob sie sich bei „Welt Online“ überhaupt Gedanken darüber hätten, ob sie die Angeklagten, die da im Ausland vor Gericht standen, anonymisieren sollten: Das Aufmacherfoto zeigt den Hauptangeklagten „beim Verlassen des Gerichts“ bzw. beim nicht wirklich geglückten Versuch, sein Gesicht vor den Kameras zu verbergen. Unter dem Foto steht sein Name, der im Artikel noch weitere Male auftaucht, ebenso wie sein ehemaliger Arbeitgeber, sein Alter und die Namen, Altersangaben und Berufe der Mitangeklagten.

„Welt Online“ schrieb im vergangenen August nicht über ein brutales Kapitalverbrechen, wo das Medium die identifizierende Berichterstattung noch mit dem immensen „öffentlichen Interesse“ an dem Fall hätte rechtfertigen können, sondern über einen vergleichsweise unspektakulären Fall von „white collar crime“ — Wirtschaftskriminalität, über die kaum ein anderes deutschsprachiges Medium berichtet hat.

Ein Leser des Artikels beschwerte sich beim Deutschen Presserat über die identifizierende Berichterstattung. Die Chefredaktion von „Welt Online“ erklärte in ihrer Stellungnahme, „dass die Berichterstattung nicht die Intim-, Geheim- und Privatsphäre berühre, sondern allein die Sphären des Wirtschafts- und Berufslebens“. Die Berichterstattung betreffe „ausschließlich die Sozialsphäre“, in der das Persönlichkeitsrecht hinter dem Berichterstattungsinteresse der Öffentlichkeit (außer in Ausnahmefällen) zurückstehen müsse.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Der Beschwerdeausschuss wollte sich dieser Meinung nicht anschließen: Zwar bestehe „ohne Zweifel“ ein öffentliches Interesse daran, über die im Ausland erhobenen Vorwürfe gegen eine Frau und einen Mann aus Deutschland zu berichten. Im konkreten Fall finde die Berichterstattung jedoch ihre Grenzen in den Persönlichkeitsrechten der Angeklagten. Zur vollständigen und verständlichen Unterrichtung der Öffentlichkeit über die im Raum stehenden Vorwürfe seien die identifizierende Abbildung des Mannes und die Erwähnung beider Namen nicht notwendig gewesen. Mit Blick auf die Sozialsphäre und das persönliche Umfeld, welches die Angeklagten in Deutschland hätten, hätte „Welt Online“ anonymisiert berichten müssen.

Insgesamt sah der Presserat den Verstoß gegen Ziffer 8 des Pressekodex durch „Welt Online“ als so schwerwiegend an, dass er eine „Missbilligung“ (s. Kasten) aussprach.

Feuilletons, Wulffplag Wiki, Fußgänger

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Der Goldene Maulwurf 2011″
(umblaetterer.de, Paco)
„Tor in Fukushima!“ von Marcus Jauer gewinnt den jährlichen Wettbewerb der „10 besten Texte aus den Feuilletons des vergangenen Jahres“ (Vorwort). Auf weiteren Plätzen finden sich Texte von Frank Schirrmacher, Roland Reuß, Judith Liere, Ulrich Stock, Tilman Krause, Samuel Herzog, Kathrin Passig, Ina Hartwig und Jürgen Kaube.

2. „Vom Glück, ‘Bild’ zu sein“
(stefan-niggemeier.de)
Stefan Niggemeier analysiert die Rolle von „Bild“ in der Causa Wulff. „Wir haben in den vergangenen Wochen einiges Neues über den Charakter von Christian Wulff gelernt. Und nichts Neues über den Charakter der ‘Bild’-Zeitung.“

3. „Am Tropf von BILD“
(sprengsatz.de, Michael Spreng)
„Das Gefühl verstärkt sich von Tag zu Tag, dass auch die sogenannte seriöse Presse in der Wulff-Affäre die Besinnung verloren hat. Alle hängen irgendwie am Tropf von BILD und lassen sich täglich neu instrumentalisieren.“

4. „Wulffs Mailbox-Nachricht: Rekonstruiert via Crowdsourcing“
(onlinejournalismus.de, Fiete Stegers)
Das Wulffplag Wiki versucht „die möglichst genaue und objektive Auflistung der Vorwürfe gegen Christian Wulff“. Unter anderem wird eine „Rekonstruktion der Mailbox-Nachricht Wulffs“ angestrebt.

5. „Kopfhörer und tödlich verunglückte Fußgänger“
(ad-sinistram.blogspot.com, Roberto J. De Lapuente)
Roberto J. De Lapuente prüft Zahlen von verunglückten Fußgängern, über die RTL „einigermaßen aufgescheucht“ berichtet.

6. „Weihnachtsfernsehen: Im Herzen ein Engländer“
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
„US-Blockbuster, Serienwiederholungen, unerträgliche Schlager-Specials und eine dröges Quiz nach dem anderen“, sieht Torsten Dewi im Weihnachtsprogramm von ARD und ZDF. „DAFÜR werden alljährlich Hunderte von Millionen Euro rausgehauen?“

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