Archiv für Januar 30th, 2012

Ich glaub, mein Hamster bohnert!

Im vergangenen November wurde Dortmund von etwas erschüttert, das die Lokalpresse als „handfesten Pädagogik-Skandal“ und „Psychoterror“ bezeichnete — oder schlicht als „Hamster-Affäre“.

Die „Westfälische Rundschau“ fasste die Ereignisse damals so zusammen:

Auslöser für den Vorgang, der auch die Bezirksregierung in Arnsberg beschäftigt, war die Bitte einer Lehrerin an der [...]-Realschule im Ortsteil [...] am ersten Tag nach den Sommerferien, die Kinder sollten doch am nächsten Tag etwas mitbringen, was ihnen besonders am Herzen liegt.

Carina, neu in der Stadt und und neu an der Schule, fragte, ob sie auch ihren Goldhamster Attila mitbringen könne, wie sie es an der Grundschule auch schon getan habe. Die Antwort der Lehrerin „Das halte ich für keine gute Idee“ verstand das Kind nicht als Absage. Als die Zehnjährige am nächsten Tag das Tier in einem so genannten Race-Ball, einem handelsüblichen runden Laufball für Hamster mitbrachte, nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Für das „Verhängnis“ hatte die „WR“ einen Kronzeugen, den Patenonkel der kleinen Carina. Die sei „sofort von der Lehrerin als Tierquälerin beschimpft worden“, erzählte der Mann der Zeitung.

Und weiter:

Die irritierte Nachfrage des Kindes, sie habe doch den Hamster tags zuvor angekündigt, habe die Lehrerin mit den Worten quittiert: „Du bist genauso verlogen wie dein Bruder.“

Die Zehnjährige sollte daraufhin ihre Sachen packen und den Unterricht verlassen. „Carina hatte noch kein Schokoticket und kannte nicht mal den Fußweg nach Hause“, erläutert [D.] die prekäre Situation des Kindes, das eigentlich nach Schulschluss mit dem großen Bruder heimfahren sollte. Ein Weg, der über 6,5 Kilometer zu Fuß zunächst an verkehrsreichen Straßen, später durch einsamen, dichten Wald führt. Einmal versicherte sich das Mädchen bei einem Taxifahrer, dass es noch auf dem richtigen Kurs sei. „Absolut unverantwortlich“, kommentiert der Patenonkel den Rausschmiss der Lehrerin.

Es waren schwere Vorwürfe, die der Mann gegen die Lehrerin erhoben hat und die sich die „WR“ zueigen machte. Doch damit nicht genug:

Doch damit nicht genug. Am nächsten Tag wurde es erst richtig perfide. Die Mitschüler sollten Aufsätze über die vermeintliche Tierquälerei Carinas schreiben. Nach dem Wochenende musste die Zehnjährige sich neben die Lehrerin setzen und das Tribunal öffentlicher Denunzierung ertragen. Pädagogik wie im Mittelalter. Nein, nach diesen seelischen Grausamkeiten wollte das Kind nicht länger zu dieser Schule gehen. Inzwischen erhielt Carina an einer Realschule in einem anderen Stadtteil einen Platz.

„Die Kleine war fertig“, schüttelt der Patenonkel nur den Kopf. „Das war Psychoterror!“ Er half den polnischen Eltern beim Abfassen einer Dienstaufsichtsbeschwerde, die nach Arnsberg ging.

Für die Position der Gegenseite fand die „WR“ genau einen Satz:

Schulleiter [...], den die WR in den Ferien erreichte, hält die ganze Sache für „aufgebauscht“ und möchte auch unter Hinweis auf das schwebende Verfahren „nichts dazu sagen“.

Die Kommentare unter dem Artikel im Online-Portal „Der Westen“ der WAZ-Regionalzeitung deckten ein breites Spektrum von Meinungen ab: Mal war die Lehrerin eindeutig die Böse, mal die Eltern des Kindes. In jedem Fall waren sie, wie „Der Westen“-Kommentare immer sind: Laut, wild und ungestüm, manche mussten gar von der Redaktion entfernt werden.

Einen halben Tag später hatte die „Hamster-Affäre“ die Aufmerksamkeit, die sich die „WR“ gewünscht hatte: Der zuständige Regierungspräsident in Arnsberg schaltete sich ein und „Der Westen“ titelte, der Lehrerin drohten Konsequenzen.

Regierungspräsident Gerd Bollermann hat schnell auf die „Hamster-Affäre“ reagiert. Nach unserem Bericht über den extremen Fall von Mobbing an einer Realschule in Dortmund-[...] kümmert er sich persönlich um die Aufklärung der skandalösen Vorgänge. [...]

„Kinder dürfen nicht gemobbt werden“, erklärt jetzt Regierungspräsident Dr. Gerd Bollermann. „Ein respektvoller Umgang mit Schülerinnen und Schülern ist eine Selbstverständlichkeit. Kinder dürfen an unseren Schulen nicht bloßgestellt oder gemobbt werden“.

Im letzten Moment muss dem zuständigen Lokalreporter Gerald Nill dann aber wieder eingefallen sein, dass die Unschuldsvermutung auch in diesem Fall gelten könnte, weswegen er die Vorwürfe ein wenig relativierte. Oder genauer: den Regierungspräsidenten die Vorwürfe ein wenig relativieren ließ.

„Falls sich die Vorwürfe bestätigen sollten, sind disziplinarische Konsequenzen nicht ausgeschlossen“, stellt Arnsberg klar. Jetzt erhalte die Lehrerin aber die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge darzulegen.

„Sollte sich das Verhalten der Lehrerin bestätigen, wäre dies pädagogisch nicht akzeptabel und bedarf einer intensiven Nachbereitung“, macht RP Dr. Bollermann nachdrücklich deutlich. „Für mich steht der sensible Umgang mit den Kindern an erster Stelle.“

In einem dritten Artikel verkündete der Reporter:

Mobbing: Friedensgipfel zum "Hamster-Fall" in Dortmund bringt Klärung

Die „Klärung“ sah in seinen Augen so aus:

Die sogenannte „Hamster-Affäre“ an der [...]-Realschule ist weitgehend geklärt. Nach einem mehrstündigen Gespräch mit dem Regierungspräsidenten Dr. Gerd Bollermann sind die Angehörigen, die eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen eine Lehrerin wegen Mobbings gestellt hatten, zufrieden.

„Wir haben mehr erreicht, als wir geglaubt hatten“, erklärte Mittwoch der Patenonkel der zehnjährigen Carina, Christian [D.]. Er hatte die Westfälische Rundschau eingeschaltet, nachdem Carina wegen eines in die Schule gebrachten Hamsters schwer von einer Lehrerin gemobbt worden sein soll. Sie soll die Zehnjährige auf einen 6,5 Kilometer langen, noch unbekannten Heimweg geschickt haben, sie der Lüge „wie Dein Bruder“ bezichtigt haben sowie Mitschüler Schmähaufsätze über die vermeintliche Tierquälerin schreiben und verlesen lassen.

Das Kind war danach zusammen gebrochen und musste an einer anderen Schule angemeldet werden. Als die Schulaufsicht dann noch nahe gelegt hatten, die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Lehrerin fallen zu lassen, hatte der Patenonkel die WR eingeschaltet.

Das war schon ein Hauch Distanz mehr als in den vorigen Artikeln, aber an den Fakten konnte eigentlich immer noch kein Zweifel bestehen: Durchgeknallte Lehrerin misshandelt armes Mädchen. Die Lehrerin oder ihre Schulleitung kam gar nicht erst zu Wort.

Dann passierte etwas, was Nill und der „WR“ so gar nicht in den Kram passte: Die Lehrergewerkschaft „lehrernrw“ forderte den Rücktritt des Regierungspräsidenten:

„Wie im Zusammenhang mit der so genannten ‘Hamster-Affäre‘ eine Lehrkraft an den Pranger gestellt wird, ist ungeheuerlich“, kommentiert Brigitte Balbach, Vorsitzende von „lehrer nrw“, die Vorgänge an der [...] Realschule.

„Der Arnsberger Regierungspräsident Dr. Gerd Bollermann lässt zu, dass eine Lehrerin öffentlich gebrandmarkt wird. Er inszeniert sich als Kindesbeschützer, trifft sich höchstpersönlich mit den Eltern – aber mit der beteiligten Lehrerin haben bis jetzt weder er noch der zuständige Abteilungsleiter der Bezirksregierung gesprochen.“

Gerald Nill, der den Fall bis hierhin für die „WR“ begleitet hatte, fand die Forderungen der Lehrergewerkschaft „absurd“, wie er in einem Kommentar anmerkte:

Worum ging’s? Eine Lehrerin, die eine Zehnjährige in Sippenhaft nimmt, ihre Aufsichtspflicht verletzt und Psychoterror im Namen des Tierschutzes anwendet. Am Ende muss gar das Ordnungsamt die artgerechte Haltung des Nagers begutachten. Wenn auch nur ein einziger Vorwurf davon stimmt, ist die Aufsichtsbeschwerde berechtigt.

Das ist sprachlich schon mal beeindruckend: Die Lehrerin „nimmt“ das Kind „in Sippenhaft“, „verletzt“ ihre Aufsichtspflicht und „wendet“ „Psychoterror“ „an“ — alles im Indikativ. „Wenn“ nur einer dieser Vorwürfe nicht stimmt, hat die „WR“ geschlampt.

Hat sie aber sicher nicht, denn:

Die WR ist sorgfältig vorgegangen. Sie hat vor der Veröffentlichung mit dem Schulleiter gesprochen. Sie hatte vor der Veröffentlichung die Stellungnahme der Aufsichtsbehörde in Händen. Und sie hat kein Tribunal veranstaltet und den Namen der Lehrerin bewusst aus der Geschichte herausgelassen.

Na dann.

Aber lassen wir den Mann grad noch ausreden:

Doch jetzt macht eine Lehrergewerkschaft ein neues Fass auf und fordert den Rücktritt von Dr. Gerd Bollermann. Die Lehrerin habe sich richtig verhalten. Es handele sich nämlich um einen Fall von Tierquälerei. Und jetzt wird’s absurd: Selbst eine Lehrergewerkschaft stellt das Wohl eines Nagers über das Wohl einer Zehnjährigen!

Die finale Schlussfolgerung ist perfide, denn auch hier setzt Nill es wieder als völlig gegeben voraus, dass die Vorwürfe stimmen und das Wohl des Kindes in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Dann wurde es auch bei der „WAZ“-Gruppe absurd: Nachdem auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW das einseitige Verhalten des Regierungspräsidenten kritisiert hatte, wechselte die Zuständigkeit der Berichterstattung plötzlich von der „WR“ zur „WAZ“ selbst. Und der neue Autor hatte plötzlich auch neue Fakten zur Hand:

Nach WAZ-Informationen stellen inzwischen neue Hinweise den [...] Schulstreit möglicherweise in ein anderes Licht. So soll das Mädchen von der Lehrerin keineswegs alleine auf den Heimweg geschickt worden sein. Auch sollen Mitschüler mit dem so genannten Raceball, in dem die Zehnjährige den Hamster transportiert hatte, auf dem Schulhof Fußball gespielt haben – bis eine Lehrkraft einschritt.

Am vergangenen Freitag nun vermeldete „Der Westen“, dass die Bezirksregierung Arnsberg die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Lehrerin „sorgfältig geprüft und als unbegründet zurückgewiesen“ habe.

„Der Lehrerin, gegen die sich die Beschwerde der Eltern gerichtet hat, kann in dienstrechtlicher Hinsicht kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. Gleichwohl werden wir den gesamten Geschehensablauf aber noch einmal mit der Lehrkraft und der Schulleitung reflektieren und in pädagogischer Hinsicht bewerten“, betont Regierungspräsident Dr. Gerd Bollermann. Zu diesem Zweck werde die Schulabteilung der Bezirksregierung den Dialog mit der Schulleitung fortsetzen.

Das ist diese typische trockene Behördensprache. Klarer sind diese Ausführungen am Ende des Artikels:

Auch hatten sich im Nachhinein die Schilderungen des Patenonkels nicht belegen lassen. Die Eltern von Mitschülern hatten sich zu Wort gemeldet und den Sachverhalt anders dargestellt.

Der Text schließt mit folgenden Worten:

Ob die Lehrerin nun nach der für sie positiven Ermittlung eine öffentliche Entschuldigung bekommt, steht unterdessen auf einem anderen Blatt.

Ja, genau.

Mit Dank an Lisa und Robert F.

Dem Verlegör ist nichts zu schwör

Lange keine „Micky Maus“ mehr in der Hand gehabt, was? Aber die Zeitschrift selbst kennen Sie natürlich, oder?

Der Verlag Egmont Ehapa beschreibt sie (PDF) so:

Lustige Comics aus Entenhausen, aktuelle redaktionelle Inhalte und jede Woche neue starke Extras haben das Micky Maus-Magazin mit wöchentlich 708.000 Lesern zum unbestrittenen Marktführer unter den Kinderzeitschriften gemacht. Das Micky Maus-Magazin bietet den 6- bis 13-jährigen Lesern vielfältige, redaktionelle Inhalte: alles über Filmhighlights im Kino und auf DVD, Games, Sport, Wissenswertes über Tiere, Technik und vieles mehr.

Zu den „aktuellen redaktionellen Inhalten“ gehört wohl auch die Rubrik „Deine Woche“ der aktuellen Ausgabe. Auf einer Doppelseite bekommen die 6- bis 13-jährigen Leser wunderbare Tipps, wofür sie ihr Taschengeld ausgeben können. Oder, wahrscheinlicher: Das Geld von Eltern und Großeltern.

Freitag: In Ruhe die neue Micky Maus lesen! Samstag: Juhu! In Berlin, Brandenburg, Bremen und Niedersachsen beginnen die Winterferien! Sonntag: "Die Muppets" im Kino gucken und morgen das Magazin zum Film holen! Montag: Die Tricks aus dem neuen Wissensbuch "Zisch, Blubber, Knall" zu Hause ausprobieren! Dienstag: Das neue Lustige Taschenbuch 425 mit Doppel Duck von Oma wünschen. Mittwoch: Micky Maus-Abo abschließen, um die neue Ausgabe in Zukunft schon Mittwoch zu bekommen! Donnerstag: Morgen die neue Micky Maus holen!

Das Magazin zum „Muppets“-Film und das „Lustige Taschenbuch“ erscheinen selbstverständlich auch bei Ehapa.

Mit Dank an Tobias V.

ZDF, Stuttgarter Zeitung, Brigitte Nielsen

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Die Bescheidwisser“
(peter-schumacher.net)
Peter Schumacher liest „Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus“ von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue. „Der Bescheidwisser-Ton der beiden ist im neuen Kapitel Online-Journalismus noch mal eine Spur nerviger als in den alten Auflagen zu den alten Themen. In Anbetracht des Wandels im Journalismus sind vermeintliche Wahrheiten dieser Art ähnlich wie Bauernregeln: Man weiß zwar nicht, warum es um einen herum stürmt, zimmert sich aber ein paar Glaubensätze, die nicht immer eine innere Logik haben müssen. Und der Jungbauer staunt.“ Siehe dazu auch „Schneider&Raue: Wenn Blinde über Farbe schreiben“ (blog-cj.de, Christian Jakubetz) und „Steinzeitansichten über Zukunfts-Journalismus“ (medialdigital.de, Ulrike Langer).

2. „ZDF-Mitarbeiter fordern: ‘Freiheit für das Zweite!'“
(carta.info)
„Carta“ dokumentiert einen Brief von ZDF-Mitarbeitern: „Die Verhältnisse, die beim ORF den Protest auslösten, lassen sich ‘eins zu eins’ auf das ZDF übertragen. Auch hier gibt es politische Einflussnahme und eine übergroße Nähe mancher Journalisten zur Politik (allein zwei ZDFler wurden als Kandidaten für Sprecher-Posten in der Bundesregierung genannt – einer ist es ja dann geworden).“

3. „Twitter verbessert sich und alle schreien ‘Zensur'“
(zapp.blog.ndr.de, Daniel Bröckerhoff)
Daniel Bröckerhoff reagiert auf empörte Stimmen zum (inzwischen erweiterten) Blogeintrag „Tweets still must flow“ (blog.twitter.com).

4. „In dubio pro Video“
(dradio.de, Nikolaus Steiner)
Michael Wegener erklärt, wie bei der „Tagesschau“ die Echtheit von Videos geprüft wird: 1. Redaktionelle Verifikation, 2. Quellenverifikation, 3. Abgleich mit Experten, 4. Technische Verifikation.

5. „‘Stuttgarter Zeitung’ meldet Merkel-Rücktritt“
(spiegel.de)
In der Onlineausgabe der „Stuttgarter Zeitung“ war am Freitagmittag während einiger Minuten ein fiktiver Text mit der Überschrift „Merkel tritt zurück“ zu lesen. Die Redaktion bittet, „dieses Versehen zu entschuldigen“.

6. „Die Offenbarung des Schokokeksriegels“
(taz.de, Daniela Zinser)
Daniela Zinser schreibt über die Gewinnerin der 6. Staffel von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“, „die erste wahre Dschungelkönigin“. „Brigitte Nielsen stand da, groß, braungebrannt, blond und durchtrainiert, eine Kämpferin, und sie strahlte Würde aus, unbedingten Willen und wirkte stets so, als sei es das, worauf sie die 49 Jahre ihres Lebens gewartet hat.“