Autoren-Archiv

Mutti, ich bin im Buch!

Vermutlich sind letztlich Bastian Sick und die Süddeutsche Verlagsgesellschaft schuld. Schließlich war es vor einigen Jahren die Idee des SZ-Verlags gewesen, das Verlagsbudget mit der 100-teiligen “Süddeutsche Zeitung Bibliothek” aufzustocken. Und schließlich war es Bastian Sick gewesen, der Autor der oberlehrerhaften “Spiegel Online”-Kolumne zu sprachlichen und grammatikalischen Schludrigkeiten, der die Sammlung, Ordnung und Kommentierung von Leserzuschriften zur Marktreife geführt hatte. Man muss dem Respekt zollen: Den Lesern ihre eigenen Einsendungen kostenpflichtig anzudrehen, das muss man ja auch erst einmal schaffen.

Aber wie dem auch sein mag, die Verknüpfung und Perfektion beider Ideen darf sich “Spiegel Online” auf die Fahnen schreiben.

Wer nämlich beispielsweise in dieser Woche den Beitrag “Schräge Schilder – Vorsicht, Laternenmast von achtern” auf “Spiegel Online” las, der bekam als Dienstleistung am Leser sogleich eine freundliche Serviceleistung des Spiegel Verlages mitgeliefert — in Form eines kleinen Kastens, der nicht nur auf das Buch “Schräge Schilder” in der Edition “Spiegel Online” verweist, sondern auch einen ganz besonders freundlichen Link direkt zum Spiegel-Shop beinhaltete:

Spiegel-Online-Buchtipp: Schräge Schilder

Weil man aber so einen kleinen Kasten schnell mal übersieht, waren die Damen und Herren bei “Spiegel Online” so nett und haben auch in der Bildergalerie zum zugehörigen Text einen dezenten Hinweis auf das bestimmt sehr lustige Buch versteckt:

Mehr als 150 der schrägsten aller Schilder — Im Spiegel Shop und im Handel erhältlich

Dieses Prinzip ist bei “Spiegel Online” weder ein Einzelfall noch neu. Im Spiegel-Shop finden sich insgesamt immerhin 18 Titel, die Inhalte von “Spiegel Online” in Buchform zusammenfassen und die entsprechend bequem direkt auf der Plattform selbst beworben werden können – und da sind drei “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod”-Spiele sowie die zehn Hörbücher mit “Spiegel Online”-Inhalten noch nicht einmal eingerechnet.

Bereits im April wurde beispielsweise auf ähnliche Weise das ebenfalls “bequem im Spiegel-Shop” zu bestellende Buch “Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt” angepriesen. Ein Buch, das nach Angaben von “Spiegel Online” “die lustigsten Flugzeug-Erlebnisse von Spiegel Online-Lesern” versammelt.

Eine erkennbare Unterscheidung zwischen Werbung und redaktionellem Beitrag war auch damals nicht auszumachen. Auf der Startseite wurde das “Thema” selbst angekündigt, samt einer redaktioneller “Themenseite”, die überraschenderweise den selben Titel wie das Buch trug:

Kurioses aus dem Cockpit: "Ihr Ankunft-Gate ist auch Ihr Absturz-Gate". In der Luft sind Pilotenversprecher manchmal gar nicht lustig. Aber nach der Landung... - ein SPIEGEL-ONLINE-Buch über kuriose Cockpit-Ansagen provozierte Leser zur Dokumentation neuer Höhenflüge. Wie würde es Ihnen gehen, wenn Sie hören: "Liebe Fluggäste, gerade kam es zum Totalabsturz"?

Auf der Beitragsseite selbst war dann ein freundlicher Hinweis auf das Buch zu sehen, der direktemang zum Spiegel-Shop führte:

Die lustigsten Flugzeug-Erlebnisse von SPIEGEL-ONLINE-Lesern - jetzt auch als Buch und Hörbuch!

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis im Spiegel-Shop auch die schlauesten Kommentare zu allen Themen der “Spiegel Online”-Foren zum Kauf angeboten werden werden. Aber keine Sorge, Sie werden davon erfahren — die kritischen Reporter von “Spiegel Online” werden mit Sicherheit eine Themenseite anlegen und ausführlich berichten. Wie das gute Journalisten eben tun.

Mit Dank auch an Kristian S.

Löschdebatte

Seit am 20. April die Bohrinsel “Deepwater Horizon” explodierte und zwei Tage später unterging, sprudelt nicht nur das Öl — auch die Mutmaßungen über Ursachen und Verantwortlichkeit wollen nicht versiegen. Es ist ein Schwarzer-Peter-Spiel für Fortgeschrittene — keiner will’s gewesen sein und alle Parteien versuchen den jeweiligen Widersacher verantwortlich zu machen, immerhin handelt es sich um die größte Umweltkatastrophe der Vereinigten Staaten.

Seit zwei Tagen ist dieses Spielchen nun in einer neuen Runde (mehr dazu bei Mediamatters) — und glaubt man der Berichterstattung auf Bild.de, dann hat eine “neue Enthüllung zur Öl-Pest im Golf von Mexiko” ergeben, dass die “explodierte Plattform (…) möglicherweise durch Löschwasser versenkt” wurde.

Weiter schreibt Bild.de über das Löschen mit Salzwasser:

Offenbar ein folgenschwerer Fehler! Denn durch die enorme Last des Löschwassers geriet die brennende Plattform zunehmend aus dem Gleichgewicht, kippte zur Seite – und versank zwei Tage später im Meer.

Nun hat das US-amerikanische “Center for Public Integrity“, eine Nichtregierungsorganisation für kritischen Journalismus, tatsächlich vor zwei Tagen einen recht ausführlichen Bericht über den Einfluss der Löschschiffe veröffentlicht, der in der Tat den Verdacht erweckt, ohne das Löschwasser wäre die Plattform nicht gesunken — zumindest dann, wenn man den Beitrag nicht ganz bis zum Ende liest.

Dort stellen die Autoren des “Center for Public Integrity” nämlich einen Dozenten der Universität Texas vor, der im Grunde alle Vermutungen, Mutmaßungen und all das Geraune zuvor ganz grundsätzlich in Frage stellt:

“Ich glaube nicht, dass irgendjemand geglaubt hat, das Feuer sei mit Schaum oder Wasser zu löschen,” sagt jener Paul Bommer da, “das Feuer war zu groß und zu heiß.”

(Übersetzung von uns.)

Was genau an diesem 20. April geschah — das wissen also selbst die Experten nicht so recht und stochern mehr oder minder im Dunkeln, erwägen, mutmaßen und raten. Für die Redaktion von Bild.de aber, für die der Beitrag des “Center for Public Integrity” zu lang und zu kompliziert war, sieht die Sache recht eindeutig aus — und so können die Leser von Bild.de jetzt annehmen, dass all das Öl im Golf von Mexiko letztlich der Unfähigkeit der Löschschiffe anzulasten sei. Und der Schwarze Peter? Macht weiter munter die Runde.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Wenn in China ein Sack Dollar umfällt

Dass China nicht mehr dieses verschlossene, kommunistische Rätselreich am Ende der Welt, sondern eine veritable Wirtschaftsmacht ist, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Wie wirtschaftsmächtig China aber ist, darüber herrscht nun umso mehr Rätselraten — zumindest in der Bild.de-Redaktion.

Unter der Überschrift “Angst vor der Supermacht” behauptet Bild.de zu erklären, wie abhängig Deutschland von China mittlerweile sein soll. Dabei bricht Bild.de nicht nur die Kennzahlen der Exportwirtschaft auf eine sehr konfuse und unnötig bedrohliche Formel herunter (“Noch steigen die Zahlen. Die bange Frage: Wie lange noch?”), sondern beweist auch ein gerüttelt Maß an Inkompetenz und Ahnungslosigkeit.

Bild.de schreibt etwa:

China hat mittlerweile Währungsreserven in Höhe von 1,91 Billionen Euro angehäuft – ein gigantischer Euro-Schatz!

Fangen wir mit dem an, was stimmt: Ja, China hält Währungsreserven im Wert von 1900 Milliarden Euro, eine tatsächlich extrem große Summe.

Aber: Was China tatsächlich in den Händen hält sind weitgehend Dollar, nämlich mindestens 60 Prozent von diesen grob 1,9 Billionen Euro (wie man auch einer Pressemeldung der chinesischen Regierung aus dem Jahr 2008 entnehmen kann).

Selbst wenn man also davon ausgeht, dass China die restlichen 40 Prozent samt und sonders in Euro hält (was unwahrscheinlich ist), dann hätte sich Inga Frenser von Bild.de noch um satte 1000 Milliarden Euro verrechnet — aber um so ein Billiönchen kann man sich ja schon mal vertun, wenn man über Wirtschaftspolitik schreibt, klar.

Aber nicht nur die Mathematik von Frau Frenser ist wenig überzeugend, auch ihre Prognosen entbehren jeder Grundlage. In ihrem Beitrag für Bild.de schreibt sie nämlich über die vermuteten Euro-Reserven der Chinesen weiterhin:

Wenn sie den (den “gigantischen Euro-Schatz”, Anm. BILDblog) verkaufen, würde der Euro brutal abstürzen. Das wissen auch die Chinesen…

Sie haben einen gigantischen Faustpfand in der Hand, sollte es zum Streit mit den Europäern kommen. Oder gar zu einem Handelskrieg.

Das ist grundsätzlich natürlich richtig: Lösen die Chinesen ihre Reserven schlagartig auf, fallen die Kurse der betroffenen Währungen, also vor allem der Kurs des Dollars, aber auch der Kurs des Euro.

Aber welche Konsequenzen hätte das? Die chinesische Währung, Renminbi oder Yuan genannt, würde sofort deutlich an Wert zulegen, was chinesische Produkte für den Export unvergleichlich teurer machen würde. Die Nachfrage an chinesischen Produkten würden also nachlassen, es käme kein ausländisches Kapital mehr nach China und die fast vollständig auf Export ausgerichtete Wirtschaft Chinas würde ihrer Grundlage entzogen und zu Grunde gehen.

Das bedeutet alles nicht, dass man Chinas Wirtschaftspolitik nicht doch für bedrohlich halten kann — aber eben aus anderen Gründen. Wie hatte der chinesische Premierminister Wen Jiabao etwas früher im Text sehr richtig gesagt:

“Wir sitzen im gleichen Boot”, betonte Jiabao freundlich.

Mit Dank an Michael S. und Christoph G.!

Überschnell und überschlagen

Das Bild zeigt zwei Polizisten, die einen von der Fahrbahn abgekommenen, umgestürzten Bus begutachten –  laut Überschrift war ein Schulbus 41 km/h zu schnell gefahren. Wer gestern die “Kieler Nachrichten” durchblätterte, musste den Eindruck bekommen, ein schlimmer Unfall sei da zwischen Lütjenburg und Schönberg, Landkreis Plön, in Schleswig-Holstein, passiert:

Zwischen Lütjenburg und Schönberg: Schulbus fuhr 41km/h zu schnell

Neben dem dpa-Bild, das die Online-Redaktion der “Kieler Nachrichten” der Meldung beigefügt hatten, stand zu lesen:

Polizisten untersuchen nach einem Unfall einen Schulbus. Der ADAC hat gravierende Mängel bei Schulbussen festgestellt.

Und so unzusammenhängend wie diese beiden Sätze, so unzusammenhängend stellte sich den Lesern der Kieler Nachrichten dann auch die Bebilderung und die eigentliche Meldung dar.

Denn worum ging es eigentlich?

Um eine “zufällige und nicht repräsentative Stichprobe” (kn-online.de) des ADAC, deren Ergebnisse am Mittwoch in München vorgestellt worden waren. Entgegen des ersten Eindrucks hatte sich zwischen Lütjenburg und Schönberg nämlich keineswegs der Unfall eines zu schnell fahrenden Schulbusses ereignet. Tatsächlich hatte der ADAC in seiner Stichprobenstudie lediglich einen in der Tat erschreckenden Fall von Geschwindigkeitsüberschreitung mit einem Schulbus zwischen Lütjenburg und Schönberg angeprangert, wie die “Kieler Nachrichten” später selbst schreiben:

Den Spitzenwert lieferte nach Angaben des Automobilclubs ein Fahrer in Schleswig-Holstein auf der Linie 260 zwischen Lütjenburg und Schönberg: Er war mit 91 statt der erlaubten 50 Stundenkilometer unterwegs.

Passiert war also in der Tat: Nichts. Aber da der Schulbus ja unter Umständen möglicherweise tatsächlich oder spätestens eines Tages einen Unfall verursacht haben könnte, kann man das Ergebnis so einer Studie ja vorsichtshalber und vorauseilend ja mal mit so einem Unfall bebildern – auch wenn sich der Unfall noch gar nicht ereignet hat. Denn wenn sich dieser Unfall eines Tages ereignen sollte, dann, ja dann werden die “Kieler Nachrichten” die Ersten gewesen sein, die davon wussten ahnten. Bis dahin aber muss man der Zeitung, bei der sich die Meldungen nur so überschlagen, aber zumindest stichprobenartig überhöhte Geschwindigkeit attestieren.

Mit Dank an Sebastian G.

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Der “Bild”-Hauer

Eine der häufig kolportierten Meinungen über die “Bild”-Zeitung lautet, sie sei zwar gefüllt mit schlecht recherchiertem und schlecht geschriebenem Unsinn, aber unterhaltsam – und ohnehin würde das Springer-Blatt niemand ernst nehmen. Dass der Unfug, der in “Bild” steht, selbst in Fällen mäßiger Relevanz allerdings Konsequenzen hat, das zeigt der weiterhin aktuelle Streit um eine Plastik des am Bodensee lebenden Bildhauers Peter Lenk (BILDblog berichtete).

Denn die Posse geht weiter. Und dafür, dass es auch tatsächlich eine Posse ist, dafür sorgen “Bild”, einige Lokalpolitiker sowie der Aufsichtsrat der Touristik Information GmbH in Konstanz mit viel Verve.

Bereits am 12. Mai, keine Woche nachdem “Bild” eine Gegendarstellung veröffentlichen musste, weil sie behauptet hatte, Lenks Darstellung eines Männchens in Papst-Montur sei einer Verunglimpfung des aktuellen Papst Benedikt XVI., verwurstete Bild.de eine dpa-Meldung in selber Sache folgendermaßen:

Konstanz: Nackter Papst soll weg

Der schwammige Wortlaut der dpa-Meldung machte es Bild.de leicht, die Hände in Unschuld zu waschen. Angesichts der Vorgeschichte klang die “News-Ticker”-Meldung wie ein Text gewordenes Zurückrudern, wie eine unfreiwillig komische Demutsgeste mit der sich Bild.de ins maximal Unkonkrete flüchten konnte:

Große Aufregung um einen nackten Papst! (…)

Als der Chef der Konstanzer Touristen Information die Aufstellung der Figur ankündigte, gab es Proteste. (…)

Zumal eine Zeitung irrtümlich geschrieben hatte, dass es sich bei dem nackten Papst um Paps tBenedikt [sic!] XVI handele.

(Hervorhebungen von uns)

“Ein” Papst? “Eine” Zeitung? Beinahe hätte man den Eindruck bekommen können, es sei nicht die falsche Behauptung der “Bild”-Zeitung selbst gewesen, die die Proteste entfacht habe.

Doch weder diese Korrektur durch die Hintertür, noch die Gegendarstellung und schon gar nicht die erklärenden Ausführungen Lenks über das wahre Wesen des im Konstanzer Bahnhof zu sehenden Papstes konnten den Aufsichtsrat der Touristik Information GmbH in Konstanz dazu bringen, kurz innezuhalten und Ruhe zu bewahren.

Im Sinne der von “Bild” mit freundlicher Unterstützung baden-württembergischer CDU-Granden entfachten Empörung beschloss eben dieser Aufsichtsrat, die Papst-Figur wieder abbauen zu lassen, wie die “Stuttgarter Zeitung” berichtet. Ob es aber jemals soweit kommt, ist allerdings fraglich — neuerdings steht zur Debatte, wer die Figur abbauen soll und darf, unter welchen Umständen und vor allem zu welchem Preis.

Also geht die Provinzposse in die nächste Runde und all das nur, weil ein paar lokale CDU-Politiker, einige Frömmler im Internet und ein ängstlicher Tourismusaufsichtsrat den Lügen auf den Leim gegangen sind, die “Bild” eben so von sich gibt.

Mit Dank auch an Mark F., Tobias G., Fabian K., Bernd R. und Vera H.

Post für den Presserat

Es ist ja leider nicht so, dass der Pressekodex des Deutschen Presserates vollkommen eindeutig wäre. Zum Persönlichkeitsrecht heißt es etwa unter Ziffer 8:

Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten öffentliche Interessen, so kann es im Einzelfall in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden. Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Dass die “Bild”-Zeitung und Bild.de diese Regeln im besten Falle sehr lax auslegen und im schlechteren Falle schlichtweg missachten, ist keine Neuigkeit. Und auch die entsprechenden Reaktionen des Presserats sind keineswegs neu (s. Kasten).

Als “Bild” “nun” – ohne die zutreffende Formulierung “zum wiederholten Male” – vom Presserat (“dem obersten Sittenwächter der Presse”) “getadelt” wurde, nahm die Zeitung dies zum Anlass für einen großen Artikel in eigener Sache:

Deutscher Presserat entscheidet: BILD soll Kinderschänder nur noch so zeigen

Wörtlich heißt es da:

Trotz der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit urteilte der Presserat: “Zwar handelt es sich bei Kindesmissbrauch um eine sehr verwerfliche Straftat. Dies rechtfertigt aber nicht die identifizierende Darstellung des Täters.”

Und weiter:

Seit Wochen diskutiert ganz Deutschland über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre Lehrer an Schulen und kirchlichen Einrichtungen – aber der Presserat hält den Wunsch der Täter nach Anonymität für wichtiger als den Anspruch der Bürger auf klare und vollständige Information.

Neu ist allerdings, dass “Bild” und Bild.de die Regeln des Presserates nicht einfach nur ignorieren, sondern Stimmung gegen diese machen und versuchen, den Presserat selbst unter Druck zu setzen. Und zwar mit Hilfe ihrer Leser.

Daran schloss sich der Aufruf an die Leser an, sich per E-Mail, Post oder Fax an den Presserat zu wenden:

Was sagen Sie dazu? Schreiben Sie dem Presserat!

Die “Maßnahmen” des Presserates:

Hat eine Zeitung oder eine Zeitschrift gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine “Missbilligung” ist schlimmer als ein “Hinweis”, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die “Rüge”. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, tun sie es nicht.

Nun kam die “hohe öffentliche Aufmerksamkeit” nicht von ungefähr, sondern wurde ganz maßgeblich durch die Berichterstattung der “Bild”-Zeitung hervorgerufen. Würde man der Argumentation des Springer-Blattes folgen, könnte “Bild” letztlich selbst bestimmen, wer durch Ziffer 8 des Pressekodex geschützt wird und wer nicht — was die Regelung nun wirklich vollkommen ad absurdum führen würde.

Und natürlich handelt es sich nicht einfach um den “Wunsch der Täter nach Anonymität”, sondern um ein fundamentales Bürgerrecht, nämlich das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Doch all diese durchaus wichtigen Aspekte unterschlägt “Bild” — mit entsprechenden Konsequenzen für die Post an den Presserat.

Bis 13 Uhr waren dort etwa 250 E-Mails von “Bild”-Lesern eingegangen, bis 16 Uhr waren es über 350. Die Mehrheit der “Bild”-Leser folgte wenig überraschend der Argumentation der Boulevardzeitung. Einige der Mails waren nach Angaben des Presserats beleidigend. Manche Schreiber unterstellten gar, der Presserat selbst sei von Pädophilen beherrscht und würde sich nur daher auf die Seite der Täter schlagen. Nur wenige Kommentatoren lobten den Presserat für sein Eintreten für die Persönlichkeitsrechte.

An der Entscheidung aber, beteuerte man beim Presserat auf Anfrage, werden weder die Kampagne von “Bild”, noch all die E-Mails etwas ändern. Falls jemand den Presserat für diese Aufrichtigkeit loben mag, hier ist die E-Mail-Adresse: [email protected]

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Bild  

Fasersplitternackte Tatsachen

Man muss die Plastiken des Bildhauers Peter Lenk weder geschmackvoll, noch hübsch finden, das wäre auch nicht im Sinne des Erfinders. Lenks Arbeiten sind stets ironisch, respektlos und gerne anzüglich, zumindest wenn dies Lenk hilft, seine meist präzis treffenden Pointen unterzubringen. Dass sich Lenks Spott in der Regel gegen sogenannte Würdenträger und die Doppelmoral der Öffentlichkeit richtet und regionale und historische Bezüge zur Gegenwart herstellt, das macht den Reiz der Plastiken letztlich aus. Und erklärt eigentlich auch schon, warum die “Bild”-Zeitung nicht unbedingt zu der Förderern des Bildhauers zählt, um es vorsichtig auszudrücken.

Dass “Bild” und der am Bodensee wohnende Bildhauer keine Freunde werden würden, dass dürfte allerspätestens seit Lenks Friede Springer und Kai Diekmann auf den Arm nehmenden Plastik am Gebäude der Berliner “Tageszeitung” (taz) abgemachte Sache sein – immerhin zeigt diese Friede Springer als trötende Schlangenbeschwörerin, nach deren Pfeife der Penis von “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann zu tanzen hat. Es ist also wenig verwunderlich, dass “Bild” gegen Peter Lenk polemisiert, wo es nur möglich ist (BILDblog berichtete) — selbst dann, wenn “Bild” dazu die Wahrheit unterschlagen muss.

Vergangene Woche behaupteten gleich drei “Bild”-Redakteure in der Stuttgarter Ausgabe:

Nackter Papst schockt im Bahnhof

In dem mittlerweile nicht mehr abrufbaren Beitrag schrieben Bachner, Mühlebach und Strehlau, Lenks neueste Plastik, die bald im Konstanzer Bahnhof zu sehen sein soll, sei eine Darstellung von Papst Benedikt XVI. — und zwar “fasersplitternackt” [sic!].

Nun zeigt die Plastik tatsächlich ein nacktes Männlein mit den päpstlichen Insignien. Dass das Männlein Joseph Ratzinger jedoch in keiner Weise ähnlich sieht, nun ja, das hätte immerhin Zweifel bei den Journalisten von “Bild” wecken müssen. Hätte, müssen. Was man nämlich beim regionalen “Südkurier” sowie bei “See Online”, nicht aber bei “Bild” herausgefunden hat: In Lenks neuestem Werk geht es um das “Papsttum in der Zeit des Konstanzer Konzils und nicht um Ratzinger.”

Peter Lenks Plastik zeigt tatsächlich einen Gaukler, der bloß die Zeichen des Papstes trägt — die Frage, wer sich mit Recht Papst nennen darf und wer nicht, war nämlich bei eben jenem Konstanzer Konzil in den Jahren 1414 bis 1418 verhandelt worden. Die Physiognomie der Figur soll dabei Papst Martin V. nachempfunden sein, der zu Zeiten des Konstanzer Konzils in Amt und Würden war.

Und genau genommen, aber auch das verschweigt “Bild”, handelt es sich bei Lenks Plastik nicht wirklich um ein neues Werk: Der Gaukler mit den Zeichen des Papstes ist in Konstanz bereits seit 1993 zu sehen, als Teil der Statue “Imperia” im Hafen der Stadt. Den Vorwurf, die Figur, die nicht auf die Konstanzer Stadtgeschichte, sondern auch auf eine Erzählung von Honoré de Balzac referiert, sei blasphemisch und verstoße gegen die guten Sitten, hatte Lenk allerdings schon damals entkräftigen können.

Diesmal zog die Affäre weitere Kreise, wie Peter Lenk im Gespräch mit BILDblog erklärte: Auf die Veröffentlichung des Artikels bei Bild.de hin habe er nicht nur – wie in der Vergangenheit schon – Schmähungen von Kirchenoberen und regionalen CDU-Politikern wie dem baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech ertragen müssen, sondern auch telefonische Gewaltandrohungen. Schließlich beauftragte Lenk den Rechtanwalt Johannes “Johnny” Eisenberg, juristisch gegen die Behauptungen der “Bild”-Zeitung vorzugehen, die daraufhin den Artikel aus dem Netz entfernte.

Bild.de hat inzwischen auch eine Gegendarstellung veröffentlicht, die morgen auch in der gedruckten Stuttgarter Ausgabe zu finden sein dürfte.

Wie es scheint, sind es einmal mehr nicht die Plastiken von Lenk, sondern die Beiträge von “Bild”, die geeignet scheinen, den öffentlichen Frieden zu stören. Während Peter Lenks Anzüglichkeiten nämlich in der Regel fundiert und umfassend recherchiert sind, steht “Bild” mit seinen wüsten Anschuldigungen gegen den Bildhauer nun mit leeren Händen da. Um nicht zu sagen: nackt.

Vielen Dank an Daniela W., Ulrich E., Florian Sch. und Peter Lenk!

Von den Medien zwangsverheiratet

Es war ein Skandal erster Güte, eine Geschichte über kulturelle Differenzen und über den ewigen Machtkampf zwischen Vater und Sohn, der in den letzten Wochen diverse deutsche und türkische Boulevardblätter beschäftigte: Der deutsche U21-Nationalspieler Baris Özbek, derzeit Spieler des türkischen Erstligisten Galatasaray Istanbul, wird von seinem Vater zur Heirat einer 16-Jährigen aus der Verwandtschaft seiner Familie gezwungen. Weigert er sich, wird er aus der Familie verstoßen.

So stand es zumindest im “Express”.

Die Geschichte klingt in der Tat äußerst dramatisch und so, als wären dies schwierige Tage für den jungen Baris Özbek — wenn, ja wenn die gesamte Geschichte nicht einen Haken hätte: Sie stimmt nicht.

Dabei hatten sich die deutsche und türkische Boulevardpresse Zitate und Gerüchte so lange im Doppelpass zugespielt, bis jeder eine Quelle hatte und besten Gewissens auf andere Medien als Urheber verweisen konnte.

Am 17. März meldete der “Express”:

Özbek soll laut türkischen Medienberichten zwangsverheiratet werden. Die Zeitung Star berichtet, Özbeks Vater Sinasi verlange von Baris (23) die Heirat mit einem 16-jährigen Mädchen aus dem Verwandtenkreis.

Eben diese Zeitung “Star” berichtete nun genau einen Tag später ebenfalls von der angeblichen Zwangsheirat und hatte dafür überraschende Quellen aufgetan:

Gerüchten zufolge soll Baris von seinem Vater Sinasi Özbek zur Ehe mit einer 16-jährigen mutmaßlichen Verwandten gezwungen werden. Nach Berichten deutscher Medien soll Baris, der sich seiner Familie und insbesondere seinem Vater gegenüber außerordentlich verbunden fühlt, in dieser Angelegenheit nicht in der Lage gewesen sein, zu widersprechen.

(Übersetzung von uns)

Die Meldung von der angeblichen Zwangsheirat verbreitete sich in Windeseile. “Bild” und Bild.de berichteten ebenso wie die großen türkischen Boulevardzeitungen “Hürriyet” und “Milliyet”. Und als sei die Gemengelage aus sich gegenseitig zitierenden Quellen, Spekulationen und Gerüchten nicht schon unübersichtlich genug, ergänzten die verschiedenen Redakteure ihre Beiträge hier und da und malten sich aus, wen und warum Özbek heiraten könnte, sollte, müsste.

Arno Schmitz, der Redakteur des “Express”, verstieg sich gar zu einer knappen Zusammenfassung dessen, was er ganz grundsätzlich für die “türkische Kultur” hält: Zwangsheirat mit Minderjährigen und verstoßene Söhne.

Auf die naheliegende Idee, Özbek selbst zu der Angelegenheit zu befragen, kam offensichtlich keiner der Redakteure der beteiligten Boulevardzeitungen. Verärgert schreibt Baris Özbek auf seiner eigenen Homepage:

Die Nachricht auf den Sportseiten der heutigen Hürriyet mit dem Titel “Wenn Du nicht heiratest, verstoße ich Dich” ist vollkommen aus der Luft gegriffen. (…) Dass diese unwahre Nachricht heute mit Bezug auf deutsche Medien als Quelle nochmals in unsere Zeitungen getragen wird, bedeutet nicht, dass die Inhalte wahr sind; dass darüber hinaus noch neue Details hinzuerfunden wurden, ist nicht zu rechtfertigen.

(Übersetzung von uns)

Ja, es war ein Skandal erster Güte und es waren schwierige Tage für Baris Özbek. Dafür haben “Express” und “Bild”, “Star”, “Milliyet” und “Hürriyet” selbst gesorgt.

Mit Dank an Erhan S. für den Hinweis und besonderem Dank an Baris Ü. für die Übersetzung aus dem Türkischen.

Wider die wirren Währungswürdigungen!

“Wir widersetzen uns allen Ländern, die sich an gegenseitigen Schuldzuweisungen beteiligen oder starke Maßnahmen ergreifen, andere dazu zu zwingen, ihre Währung zu würdigen.”

Das soll der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao laut “Hamburger Abendblatt” und “Spiegel Online” gesagt haben.

Man muss kein Experte in Finanzpolitik sein, um zu merken, dass dieser Satz sprachlich schlampig und inhaltlich großer Unsinn ist. Doch wirr ist in diesem Fall nicht Wen Jiabao, sondern lediglich die unqualifizierte Übersetzung des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD). In der englischen Version liest sich Wens Aussage deutlich weniger wirr, da sagt der chinesische Ministerpräsident nämlich lediglich:

“We oppose countries pointing fingers at each other and even forcing a country to appreciate its currency.”

(“Wir lehnen es ab, dass Staaten sich gegenseitig die Schuld geben und sogar einen Staat zwingen, seine Währung aufzuwerten.”)

So bleiben schon deutlich weniger Fragen — außer vielleicht, warum “Spiegel Online” und das “Hamburger Abendblatt” so einen offensichtlichen Unfug weiterverbreiten.

Nachtrag/Korrektur, 17.08 Uhr: “Spiegel Online” hat den Fehler mittlerweile korrigiert, dabei allerdings einen Fehler von BILDblog übernommen. Denn natürlich muss es in der deutschen Übersetzung “und” heißen, wo im Englischen “and” steht, nicht “oder”. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen, haben ihn nun korrigiert und bedanken uns bei den zahlreichen Hinweisgebern.

Bild  

Der bodenlose Hass in Nigeria

Die Frage, die eigentlich keine ist, ist eines der meist benutzten Stilmittel der “Bild”-Redaktion. Wie man ein Fragezeichen vollkommen ad absurdum führt und wenig elegant mit feindseligen Ressentiments verknüpft, das demonstrierte “Bild” gestern einmal mehr in einem Beitrag anlässlich des Todes von 500 Nigerianern:

Christenhass! Was treibt die blutrünstigen Moslems ab?

Nun, was treibt solch “blutrünstige” Muslime wohl an? Die Antwort bleibt “Bild” schuldig und zwar zwangsläufig. Nicht nur sprachlich ergibt es keinen Sinn, dass die nigerianischen Moslems gleichzeitig “blutrünstig” und vom “Christen-Hass” getrieben sein sollen, weil “blutrünstig” wortwörtlich “aus Mordlust” bedeutet, also: ohne Grund, außer dem Willen zum Mord.

Aber auch sonst pflegt “Bild” in seiner Berichterstattung aus Nigeria ein eher laxes Verhältnis zu Wahrheit und Faktenlage — und bedient nach Möglichkeit islamophobe Klischees: Das am Golf von Guinea, also am Atlantischen Ozean, gelegene Nigeria ist natürlich keineswegs ein “zentralafrikanisches Land”, wie “Bild” behauptet. Und dass im Januar dieses Jahres 300 Muslime von Christen umgebracht worden waren, wie Ulrich Delius von der Gesellschaft für Bedrohte Völker dem Deutschlandfunk erläutert, findet in “Bild” ebensowenig Erwähnung wie der Klimawandel, der in Nigeria einen Konflikt um fruchtbares Ackerland entfacht hat.

Stattdessen erweckt “Bild” wie schon im Januar (BILDblog berichtete) den falschen Eindruck, es handle sich in Nigeria um eine Religionskonflikt mit ausschließlich christlichen Opfern, und wählt dafür einen besonders drastischen und gruselerregenden Einstieg in den Beitrag:

Die Kinder liegen in ihren bunten Kleidern im Staub des Dorfes, das einmal ihr Zuhause war. Zerhackt mit Macheten, erschossen, zu Tode gehetzt! Sie starben, weil sie an Gott glaubten!

Dass das so nicht stimmt, hätte man bei “Bild” schon merken können, wenn man auch bloß den eigenen Text zu Ende gelesen hätte. In diesem bestätigt nämlich ausgerechnet ein Vertreter des Vatikans, dass der Massenmord in Nigeria tatsächlich eher nichts mit Religion, dafür aber sehr viel mit dem Klimawandel und dem durch Austrocknung knapp werdenden Ackerland zu tun hat.

Und wenn man ganz, ganz genau hinschaut, dann findet sich in einer der sich selbst beantwortenden Pseudofragen von “Bild” sogar ein Hinweis auf eben diese Ackerbodenproblematik:

Woher kommt der bodenlose Hass auf Christen?

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