Homöopathie-PR, Followerschwund, Gelingensbedingung Lokaljournalismus

1. Der Fall Meditonsin: Wie verdeckte Homöopathie-PR in eine Tageszeitung kommt
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Die „Wilhelmshavener Zeitung“ hat einen nicht als Werbung oder PR gekennzeichneten Jubel-Text über ein homöopathisches Erkältungsmittel veröffentlicht. Der Lobgesang stammt von einer Agentur, die zu einem „Institut für Naturheilkunde und Kommunikation e.V.“ gehört. Der Text ist nicht nur inhaltlich kritikwürdig, es wurde fälschlicherweise auch angedeutet, er stamme von der „dpa“. Auf Nachfrage von „Meedia“ habe der Leiter der Lokalredaktion der „Wilhelmshavener Zeitung“ erklärt, dass er keine Veranlassung sehe, einen solchen Artikel als Werbung zu kennzeichnen. Der Text, so der Redaktionsleiter, stamme schließlich „von einer Agentur“, das sei ganz normal.

2. „Paradise Papers“-Daten publiziert
(tagesschau.de)
Das „Internationale Konsortium für Investigative Journalisten“ („ICIJ“) hat den ersten Schwung Daten aus den „Paradise Papers“ veröffentlicht. Es handelt sich um Informationen zu 25.000 Offshore-Konstrukten. In den nächsten Wochen sollen weitere Akten folgen. In der Offshore-Leak-Datenbank gibt es nun Dokumente der Projekte „Panama Papers“, „Offshore Leaks“ und „Bahamas Leaks“. Insgesamt handelt es sich um mehr als 520.000 Datensätze.

3. Facebook erklärt Skandal um mysteriösen Followerschwund für beendet
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Der Türkei-Kritiker Kerem Schamberger berichtete unlängst von einem rätselhaften Social-Media-Phänomen: Im September und Oktober habe er etwa 5000 seiner etwa 20.000 Follower und Freunde auf Facebook verloren. Anderen pro-kurdischen Accounts sei es ähnlich ergangen. Facebook sagt gegenüber netzpolitik.org, die interne Untersuchung des Falles sei abgeschlossen. Eine Überprüfung habe ergeben, dass nur ein sehr kleiner Teil dem Account Schambergers aus eigenen Stücken entfolgt sei. Die meisten seien wegen „Verstößen gegen die Geschäftsbedingungen“ stillgelegt worden. Doch die Angelegenheit bleibt weiterhin mysteriös, und es stellen sich neue Fragen.

4. Staat behält Schlüsselrolle in Medienlandschaft
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ hat den „Media Ownership Monitor“ für Marokko vorgestellt, nach Angaben der Organisation die erste umfassende Bestandsaufnahme des marokkanischen Medienmarkts einschließlich Hintergrundinformationen zu seinen Hauptakteuren und deren Interessen. Obwohl es vor zwölf Jahren eine Liberalisierung des marokkanischen Fernseh- und Radiomarkts gab, spielen Staat, Königsfamilie und einige Geschäftsleute immer noch Schlüsselrollen in der Medienlandschaft des nordafrikanischen Landes.

5. Arbeit unter Repressionen
(taz.de, Elisabeth Kimmerle)
Über die Türkei werde in den Medien derzeit viel berichtet, doch die Berichterstattung ist schwierig geworden. Stets schwinge die Angst vor Verhaftung mit. Außerdem gebe es unterschiedliche Einschränkungen und „Tabuthemen“ wie die Kurdenproblematik oder alles, was die Gülen-Bewegung betrifft. Kritische Journalisten würden von Erdogan als Spione und Agenten tituliert und landen am Medienpranger.

6. Eine für alle
(sueddeutsche.de, Cornelius Pollmer)
„Abstrakt betrachtet, ist flächendeckender Journalismus schlicht eine Gelingensbedingung für freie und funktionierende Gesellschaften. Aus Branchensicht ist flächendeckender Journalismus aber vor allem etwas, das man sich auch leisten können und wollen muss.“ Cornelius Pollmer berichtet in der „SZ“ aus Schmallenberg im Sauerland, wo die 29-jährige Katrin Clemens die gesamte Lokalredaktion darstellt. Er war „unterwegs mit einer Einzelkämpferin.“

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Julian Reichelt erfindet Richter-Zitat

In der „Bild“-Zeitung von heute kann man mal wieder sehr schön sehen, wie unsauber „Bild“-Oberchef Julian Reichelt arbeitet, wie egal es ihm ist, seine Leserschaft ordentlich zu informieren, wie sehr er auf journalistische Verantwortung und verantwortlichen Journalismus pfeift. Und das alles nur, um mal wieder so richtig losknallen zu können.

Es geht um eine Entscheidung des Landgerichts Frankfurt am Main. Das hat gestern Ansprüche eines Studenten aus Israel gegen „Kuwait Airways“ auf Beförderung sowie auf Entschädigung wegen Diskriminierung zurückgewiesen. Der junge Mann wollte mit der staatlichen Fluglinie von Frankfurt nach Bangkok reisen, mit Zwischenstopp in Kuwait. Als die Airline von seiner Staatsangehörigkeit erfuhr, stornierte sie sein Ticket. In Kuwait gibt es ein Gesetz, das Geschäftsbeziehungen jeglicher Art mit Staatsbürgern Israels verbietet. Dieses „Einheitsgesetz zum Israel-Boykott“ kann man empörend und das Verhalten von „Kuwait Airways“ schäbig finden. Genauso kann man es völlig zurecht schrecklich finden, dass einem Menschen aufgrund seiner Staatsangehörigkeit ein Flug verweigert wird.

Das Landgericht Frankfurt gab „Kuwait Airways“ gestern allerdings recht — es entschied, dass es den israelischen Studenten nicht befördern müsse. „Bild“-Chefchef Julian Reichelt kommentiert dazu heute in „Bild“ und bei Bild.de:

Ausriss Bild-Zeitung - Kommentar von Julian Reichelt - Skandal-Urteil

Screenshot Bild.de - Kommentar von Julian Reichelt - Skandal-Urteil

Der Israeli klagt in Deutschland — und verliert. Der Israeli sei Kuwait Airways — und jetzt kommt ein Zitat — „nicht zumutbar“, so das Landgericht Frankfurt.

Dass Juden in irgendeiner Weise „nicht zumutbar“ sein sollen, ist die Sprache der „Nürnberger Rassengesetze“, die wiederum Grundlage für Boykott, Deportation und schließlich „Endlösung“ waren.

Dass ein deutscher Richter sich dieser Sprache bedient, um ein Skandalurteil zu rechtfertigen, ist eine Schande für Deutschland.

Erstmal: So ungewöhnlich ist die Wendung „nicht zumutbar“ in Gerichtsentscheidungen nicht. Einem Richter aufgrund von zwei regelmäßig verwendeten Worten vorzuwerfen, er bediene sich der „Sprache der ‚Nürnberger Rassengesetze'“, ist bemerkenswert.

Was noch bemerkenswerter ist: Auch wenn Julian Reichelt sich alle Mühe gibt („und jetzt kommt ein Zitat“), es so aussehen zu lassen, als würde er in seinem Kommentar sauber zitieren, arbeitet er extrem unsauber. Er reißt die zwei Worte „nicht zumutbar“ komplett aus dem Zusammenhang.

Das Landgericht Frankfurt hat — anders als Reichelt es darstellt — nicht gesagt, der Israeli sei „Kuwait Airways“ „nicht zumutbar“. Stattdessen schreibt es in einer Pressemitteilung (PDF), dass es für die Fluglinie „nicht zumutbar“ sei, gegen ein in Kuwait geltendes Gesetz zu verstoßen und damit rechtliche Folgen für die eigenen Mitarbeiter in Kauf zu nehmen:

Das Landgericht hat heute entschieden, dass es der kuwaitischen Fluggesellschaft aus rechtlichen Gründen unmöglich ist, den Kläger aufgrund seiner israelischen Staatsbürgerschaft zu befördern. Das Einheitsgesetz zum Israel-Boykott verbiete es nämlich der kuwaitischen Fluggesellschaft als juristischer Person des Staates Kuwait, einen Vertrag mit einem israelischen Staatsangehörigen zu schließen. Verstöße dagegen würden in Kuwait mit Gefängnisstrafe, harter Arbeit oder Geldstrafe geahndet. Es sei einer Vertragspartei nicht zumutbar, einen Vertrag zu erfüllen, wenn sie damit einen Gesetzesverstoß nach den Regeln ihres eigenen Staates begehe und sie deswegen damit rechnen müsse, dort bestraft zu werden. Das Landgericht hat ausgeführt: „Es geht bei der Beurteilung einer rechtlichen Unmöglichkeit nicht darum, aus Sicht eines deutschen Gerichts zu beurteilen, ob das Gesetz eines fremden Staates — hier das Gesetz (…) des Staates Kuwait — sinnvoll ist und ob es nach den Wertungen der deutschen und europäischen Rechtsordnung Bestand haben könnte.“ Eine inhaltliche Bewertung des kuwaitischen Einheitsgesetzes zum Israel-Boykott ist mit dem heute verkündeten Urteil daher nicht — auch nicht mittelbar — verbunden.

Julian Reichelt ist ja nicht doof, er kann lesen. Er ist in der Lage, die Begründung des Gerichts zu verstehen. Er will sie aber nicht verstehen. Ihm ist es offenbar egal, dass er seinen Leserinnen und Lesern falsche Fakten präsentiert.

Auch nach der (noch nicht rechtskräftigen) Entscheidung des Landgerichts Frankfurt kann man das kuwaitische „Einheitsgesetz zum Israel-Boykott“ erbärmlich finden. Man kann die Begründung des Landgerichts Frankfurt für völlig falsch halten und von einem „Skandal-Urteil“ sprechen. Man kann auch, so wie es Reichelt in seinem Kommentar tut, die Bundeskanzlerin auffordern, „Kuwait Airways“ die Start- und Landerechte in Deutschland zu entziehen. Man sollte aber, damit alles zur eigenen Meinung passt, nicht irgendwelche Zitate erfinden.

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Gekränktes „Bild“-Ego, Untragbare Tragbar-Abstimmung, Söderbesuch

1. Kleine Geschichte am Rande
(facebook.com, Nora Hespers)
Die freie Journalistin Nora Hespers berichtet von einem bemerkenswerten Erlebnis im Zusammenhang mit dem Videodreh der Band „Erdmöbel“ mit Judith Holofernes in Köln. Holofernes, von der man spätestens seit ihrem offenen Brief „Ich glaub, es hackt“ weiß, wie sie zu „Bild“ steht, wollte — wenig überraschend — nicht mit einem „Bild“-Reporter sprechen. Daraus entwickelte sich eine seltsame Eigendynamik, die dazu führte, dass der „Bild“-Reporter bei der bereits anwesenden Polizei nachfragte, ob es stimme, dass keine Drehgenehmigung vorliege. Wahrscheinlich, um wenigstens mit einer Aufreger-Story in die Redaktion kommen zu können, so Nora Hespers. Sie fasst das Verhalten zusammen, dass sie symptomatisch für unsere Gesellschaft hält: „Erstens: Nicht kommunizieren und dafür grundsätzlich erst mal das Negativste vom Gegenüber annehmen, statt Fragen zu stellen oder sich zu informieren. Zweitens: Den Fokus auf das möglicherweise Negative an der Geschichte legen, statt sich eine differenzierte Betrachtung des Geschehens zur Aufgabe zu machen. Drittens: Es laufen zu viele beleidigte und gekränkte Egos durch die Gegend.“

2. Ist Schutzbach noch tragbar?
(franziskaschutzbach.wordpress.com)
Die an der Universität Basel lehrende Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach ist ins Visier der „Basler Zeitung“ geraten: Angeblich sei sie gegen die Meinungsfreiheit und wolle ihre politischen Gegner aus dem Alltag verdrängen. Der „BaZ“-Beitrag endet mit einer fragwürdigen Abstimmung, in der die Leser gefragt werden, ob Schutzbach für die Universität Basel noch „tragbar“ sei. In ihrem Blog wehrt sich Schutzbach gegen den Artikel. Nicht nur der „BaZ“-Text, sondern auch das Vorgehen der Zeitung sei ein Lehrstück für Kampagnen-Journalismus und unsaubere journalistische Arbeit.

3. Fleet Street verliert letzte Bastion des britischen Journalismus
(kontakter.de, Franz Scheele)
Einst galt die Londoner Fleet Street als das Zentrum der britischen Zeitungsbranche, doch das ist nun wohl für alle Zeiten vorbei: Nachdem die Zeitungsverlage längst abgewandert sind, schließt Ende des Jahres auch die Journalisten-Gewerkschaft „British Association of Journalists“ ihr Büro. Dennoch sei die Geschichte des britischen Zeitungsjournalismus in London auch heute noch erlebbar: Franz Scheele verweist in seinem Artikel auf einen Onlineführer, mit dessen Hilfe man alle wichtigen Örtlichkeiten auffinden könne. Dort soll es auch Empfehlungen für Pubs geben, die lange als Hauptumschlagplatz für Informationen (und ein gutes Bier) galten.

4. Kritisierte Kooperation – NDR, WDR und SZ
(ndr.de, Daniel Bouhs)
Seit vier Jahren kooperieren NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“, wenn es um größere Recherche-Projekte geht. Die Mitbewerber aus der Medienbranche sehen die Zusammenarbeit der Konkurrenz kritisch. Von einem „Zitier-Kartell“ ist da die Rede, von Quersubventionierung und Bevorzugung in der „Tagesschau“. Daniel Bouhs hat ein Stimmungsbild eingeholt und auch die Kritiker des Rechercheverbunds zu Wort kommen lassen.

5. Ausverkauf: Die Süddeutsche Zeitung und ihre chinesischen Propagandaanzeigen
(savetibet.de, Kai Müller)
Der Geschäftsführer der Berliner Dependance der „International Campaign for Tibet“, Kai Müller, kritisiert die „Süddeutsche Zeitung“. Diese habe am 10. November mit ihrer Deutschlandausgabe eine Sonderbeilage des chinesischen Staats- und Parteiblatts „China Daily“ verbreitet. Kai Müller kommentiert die Beilage des „Pamphlets“, wie er es nennt: „Die Süddeutsche Zeitung, will sie wirklich ihrem Anspruch als Qualitätszeitung gerecht werden und will sie ihre Glaubwürdigkeit als unabhängiges Medium wahren, darf keine Propaganda autoritärer Staaten verbreiten, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben.“

6. Eine Facebook-Real-Satire: Wir haben drei Wochen auf dem Facebook-Profil von Söder verbracht, damit ihr es nicht tun müsst
(zuendfunk-netzteil.br.de, Sebastian Spallek)
Sebastian Spallek hat in einem Akt der Selbstaufopferung drei Wochen auf dem Facebookprofil des bayerischen Finanzministers Markus Söder verbracht, der als Anwärter auf die Seehofer-Nachfolge gehandelt wird. Dies blieb nicht ohne Folgen: „Der hat 1live! Und er ist viele. Zumindest im fränkischen Fasching ist er Punker! Drag Queen!!! Shrek und Mahatma Ghandi!!!! Edmund Stoiber!! Wowwww! Dr. Söder mag Fasching, trägt Trachtenjanker und hat ein uneheliches Kind. Herrgottsakra und ja mei, so modern ist halt die CSU.“

„Ik“ und „mik“ findet Bild.de „unfreiwillig komisch“

Auf der „Bild“-Titelseite gab es gestern noch mehr Fehler als sonst — und die waren sogar absichtlich dort:

Ausriss Bild-Titelseite - Zum Thema Grundschul-Irrsinn Schreiben nach Gehör hat die Bild-Redaktion vier der Schlagzeilen auf der Titelseite so verfasst, als wären sie nach Gehör geschrieben - Facebook-Schrtreit Schweiger for Gäricht - Kesh Col 1,25 Mio im Pot - Stindl rättet Jogis Särie - Eltan alamiat Darum lärn unsre Kinda nich mehr richtich schreibn

Die Methode „Schreiben nach Gehör“ sorge „für Ärger und Verunsicherung“, schreibt die „Bild“-Redaktion, die weiter hinten in derselben Ausgabe auch titelt:

Ausriss Bild-Zeitung - Auch Miss-Bayern baggert um den Bachelor sprich: Bettschälla

Bei dieser Bild.de-Geschichte von vorgestern …

Screenshot Bild.de - Bauer-sucht-Frau-Star Tiwaporn im Interview - Ik schließe mein Schlafzimmer naks ab

… könnte man beim ersten Hinsehen meinen, dass es ebenfalls ums „Schreiben nach Gehör“ geht. Dabei dürfte es dem Bild.de-Team nur darum gehen, sich über das Deutsch einer Ausländerin lustig zu machen.

„Bild“-Chefreporter John Puthenpurackal (der offenbar mal auf eine Betrügerin reingefallen ist und in „Bild“ groß die vermutlich falsche Geschichte verbreitet hat, dass es sich bei der Frau um die Ex-Freundin des „Germanwings“-Piloten Andreas Lubitz handelt) hat mit der „Bauer sucht Frau“-Kandidatin Tiwaporn gesprochen. Er schreibt:

Die Narumol [eine „Bauer sucht Frau“-Teilnehmerin einer früheren Staffel] der 13. Staffel ist Tiwaporn, mindestens genauso unterhaltsam und unfreiwillig komisch.

„Unfreiwillig komisch“ wohl, weil sie nicht perfekt deutsch spricht. Um das zu zeigen, hat Puthenpurackal Tiwaporns Aussagen eins zu eins transkribiert. Das Interview fängt schon so an:

BILD: Was heißt Tiwaporn?

Tiwaporn: „Die Übeletzung lautet ’schöne Tag'“.

Und so geht es auch weiter:

Ist denn alles schön mit Klaus?

Tiwaporn: „Ik habe spontan bei ‚Bauer sucht Frau‘ mitgemakt und habe guten Mann gefunden. Ik glaube, das ist der lichtige Mann für mik. Da habe ich Glück gehabt. Er ist ein lieber Mensch. Er sagt nie Nein! Wir laken viel.“

Was mögen Sie an Klaus?

Tiwaporn: „Er ist ganz ehlich! Er ist ganz lieb und verständnisvoll. Wenn ik ihn bitte, iss langsam, dann versukt er es, aber schafft es nit. Wenn ik was pauke, hat er sofort alles besorkt. Ik glaube, ik habe mik nok nie sooo gut gefühlt. Klaus ist sooo toll.“

Den Rest sparen wir uns.

In machen Fällen kann es sicher Sinn machen, sprachliche Besonderheiten zu verschriften, beispielsweise in einem Artikel, in dem es konkret ums Berlinern geht oder um den Slang von Jugendgangs. Aber was soll in Puthenpurackals Artikel der Mehrwert der „Ik“s und „mik“s sein — außer, dass er und die „Bild“-Redaktion damit die Frau vorführen können und ein paar billige Lacher bekommen?

Dass John Puthenpurackal und seine Kollegen es in einem Beitrag, in dem sie sich über das falsche Deutsch einer Person lustig machen, nicht mal hinbekommen, eine Bildunterschrift unfallfrei zu verfassen, ist nur ein weiterer trauriger Punkt:

Screenshot Bildunterschrift Bild.de - Tiwaporn und Bauer Klaus verstehen, bis auf wenige Ausnahmen (Gemüse!), prächtig

Mit Dank an @NymosArno, @1A_Entrepreneur und Sorgenboy für die Hinweise!

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AfD-„FAZ“-Jargon, Umfrageunsinn, Politikberatungsjournalismus

1. „Staatliche Sender“ – auch #FAZ-Herausgeber macht sich jetzt #AfD-Jargon zu eigen. Bedenklich.
(twitter.com, Kai Küstner)
Der WDR/NDR-Korrespondent im ARD-Studio Brüssel, Kai Küstner, kritisiert eine Formulierung von „FAZ“-Herausgeber Holger Steltzner. Dieser hat in seinem „Konjunktur-Kommentar“ „Land der wirtschaftlichen Wunder“ statt von den Öffentlich-Rechtlichen von den „staatlichen Sendern“ gesprochen. Eine Wendung, die Küstner dem AfD-Jargon zurechnet und bedenklich findet.

2. Begeisterung für Umfragen über Jamaika-Koalition nimmt ab
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier ist genervt von den vielen sinnlosen Umfragen der Meinungsforscher zur sogenannten Jamaika-Koalition: „Die Leute sollen sagen, ob sie eine Koalition gut finden, von der zum Zeitpunkt der Frage kein einziges konkretes Vorhaben bekannt ist. Was ist das für ein Unsinn? Was für Rückschlüsse soll das auf irgendwas erlauben? Wäre nicht die einzige richtige Antwort, die man dem Mann von Infratest Dimap oder der Forschungsgruppe Wahlen geben könnte: Weiß noch nicht, rufen Sie mich nochmal an, wenn klar ist, welche Steuern die erhöhen, wie die mit Flüchtlingen umgehen, welcher Klima-Kompromiss da am Ende rauskommt?“

3. Politisches Rauchen
(taz.de, Raphael Piotrowski)
Am Dienstagabend pünktlich um 18 Uhr füllte sich der Bürgersteig vor dem „taz“-Gebäude in der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin mit Protestrauchern, die damit an den ehemaligen „taz“- und heutigen „Welt“-Autoren und passionierten Raucher Deniz Yücel erinnern wollten. Und an seine fortdauernde Haft in der Türkei. Auch vor dem „Spiegel“-Redaktionsgebäude in Hamburg hätten Kollegen solidarisch für Deniz Yücel gequalmt.

4. „Österreich“ vervierfacht Cybermobbing-Opfer
(kobuk.at, Angelika Eva Kapeller)
Die Tageszeitung „Österreich“ behauptet, „64 Prozent sind Cybermobbing-Oper“, und beruft sich dabei auf eine Studie der „AK Steiermark“, der gesetzlichen Interessenvertretung aller ArbeitnehmerInnen des österreichischen Bundeslandes Steiermark. Warum die Aussage ziemlicher Quatsch ist, erklärt „Kobuk“-Autorin Angelika Eva Kapeller: In der Studie sei zwar von 64 Prozent die Rede, dabei handele es sich jedoch um die Schüler, die von Cybermobbing-Fällen in ihrem Umfeld wüssten. Außerdem seien die Angaben für Mobbingopfer und Cybermobbing-Opfer vermischt worden.

5. Politikberatungsjournalismus
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal nennt es eine „journalistische Übergriffigkeit“, wenn sich Journalisten zu Politikberatern aufschwingen: „Ist es die Aufgabe politischer Journalisten, ständig zu erklären, was jetzt zu tun ist? Müssen sie täglich hinausposaunen, was „wir“ jetzt am dringendsten brauchen? Wie Merkel die Krise noch meistern kann? Wie Jamaika zum Erfolg wird? Der politische Journalismus bietet heute ein solches Übermaß an Politikberatung, dass man bisweilen den Eindruck hat, die Redaktionen fungierten als Planungs- und Krisenstäbe des Kanzleramts und der Parteien.“

6. Montana Black: Wie PewDiePie, nur noch unreflektierter (Special)
(spieletipps.de)
In Youtube-Videos der Gamerszene herrscht schon mal ein rauer Ton, das mag man oder nicht. Bedenklich wird es jedoch, wenn sich rassistische Töne in die Videos einschleichen, wie es dem schwedischen Youtube-Star „PewDiePie“ vorgeworfen wird. In einem ähnlichen Fahrwasser scheint sich ein deutscher Youtuber bewegen zu wollen, der eine Spielefirma als „Zigeuner-Söhne“ bezeichnet, ein Spiel als „Drecks-Zigeuner-Spiel“ beschimpft. Die Macher der Seite „Spieletipps“ haben den Vorgang aufgegriffen und kommentieren: „Jemand, der ein Millionenpublikum erreichen kann, sollte sich überlegen, welche Wörter er benutzt — und vor allem auch, welche er nicht benutzen möchte. Denn so ein junges Publikum ist beeinflussbar. Es wird auch durch solche Videos sozialisiert. So entsteht eine Normalität, die nicht normal sein sollte.“

Selbstzensur, „Bild“-Strafanzeige, „Pro7Sat1“-Zuschauer fett und arm?

1. Deutscher Wissenschaftsverlag zensiert Angebot
(deutschlandfunk.de, Steffen Wurzel)
Der deutsche Wissenschaftsverlag „Springer Nature“ ist auch in China vertreten, dort aber nicht mit dem kompletten Angebot: Der Verlag habe bestätigt, dass er den Zugang zu bestimmten Artikeln in China blockiert habe. Diese Maßnahme sei nach Angaben des Verlags „zutiefst bedauerlich, wurde aber ergriffen, um wesentlich massivere Auswirkungen für unsere Kunden und Autoren zu vermeiden.“ Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisiert das Vorgehen und fordert den Verlag auf, seine Entscheidung zu überdenken und die Zusammenarbeit mit den chinesischen Zensurbehörden sofort zu stoppen. Eine besondere Brisanz bekommt der Vorgang dadurch, dass „Springer Nature“ eine Kooperation mit „Tencent“ vereinbart habe, einem der größten chinesischen Medien- und Onlinekonzerne — in zeitlicher Nähe zur kritisierten Selbstzensur, der wohl mehr als 1000 Beiträge zum Opfer gefallen sind.

2. Nach Strafanzeige von Herbert Grönemeyer: Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen Bild-Verantwortliche
(meedia.de, Marvin Schade)
Nach Informationen des Branchendienstes „Meedia“ hat Herbert Grönemeyer Strafanzeige gegen mehrere Verantwortliche der „Bild“-Zeitung erstattet. Neben den Verantwortlichen in der „Bild“-Chefredaktion, also die Chefredakteure Julian Reichelt und Tanit Koch, könnte sich die Anzeige auch gegen Mitarbeiter der Rechtsabteilung des Axel-Springer-Verlags richten. Vereinfacht gesagt, geht es um Paparazzi-Aufnahmen, gegen die Grönemeyer vorgegangen war, und die damit verbundene Berichterstattung. Doch die Angelegenheit hat noch einen zusätzlichen Twist: Ein Fotograf hatte behauptet, von Grönemeyer geschlagen und verletzt worden zu sein, und hatte versucht, dies mit manipuliertem Bildmaterial zu belegen.

3. „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache.“ Hanns Joachim Friedrichs (angeblich)
(falschzitate.blogspot.de, Gerald Krieghofer)
Gerald Krieghofer knöpft sich im neuesten Beitrag seines Falschzitate-Blogs die angebliche Äußerung von Journalistenlegende Hanns Joachim Friedrichs vor, nach der man einen guten Journalisten daran erkenne, dass er sich nicht gemein mache mit einer Sache: „Das ist ein Falschzitat, weil es eine Aussage des deutschen Fernsehjournalisten Hanns Joachim Friedrichs aus einem SPIEGEL-Gespräch über die notwendige emotionale Distanz eines Fernsehmoderators zu der Nachricht, die er präsentiert, ins Unsinnige verallgemeinert.“

4. ProSiebenSat.1-Chef Ebeling lästert über seine Zuschauer
(dwdl.de, Timo Niemeier & Thomas Lückerath)
In einer Telefonkonferenz mit Analysten und Börsen-Experten habe sich der Vorstandsvorsitzende von „ProSiebenSat.1“, Thomas Ebeling, abfällig über Zuschauer geäußert: „All die Hollywood-Blockbuster gibt es auf unseren Sendern und nicht jeder Netflix-Film ist ein Homerun. Und sehr oft sind deren Inhalte sehr, sehr Arthouse-like. Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert.“ Ein Sprecher von „ProSiebenSat.1“ dementiert die Aussagen nicht und spricht davon, dass sie „womöglich missverstanden werden“ könnten.

5. Heil Heiler!
(taz.de, Matthias Kreienbrink)
Aus der deutschsprachigen Ausgabe des Computerspiels „Wolfenstein II“ wurden nicht nur Hakenkreuze oder SS-Runen entfernt, hier fehlt auch der nationalsozialistische Völkermord an den Juden. Das Problem: „Wolfenstein II“ ist kein Nazi-Game, sondern — ganz im Gegenteil — ein antifaschistisches Computerspiel. Matthias Kreienbrink ist in seinem Beitrag auf die Schwierigkeiten des Umgangs mit der Geschichte eingegangen und hat Experten befragt. Es sei Zeit für eine öffentliche Debatte: „Wann endlich trauen wir Videospielen mehr zu?“

6. Aufwachen #250: Claus Kleber ist zu Gast + Fortpflanzung, Lobbyismus (mit Hans Jessen)
(youtube.com, Tilo Jung & Stefan Schulz)
Der „Aufwachen“-Podcast mit Tilo Jung und Stefan Schulz feiert seine 250. Ausgabe mit zahlreichen Gratulanten und Special Guest Claus Kleber, der seit vielen Jahren das „heute journal“ im ZDF moderiert. Mit Kleber haben sich die Medien-Podcaster unter anderem über dessen neues Buch „Rettet die Wahrheit!“ unterhalten, das vom Verlag als „flammendes Plädoyer für die Unabhängigkeit der Medien und gegen die Kampagnen der Hetzer“ bezeichnet wird. Außerdem mit dabei in der mehr als vierstündigen Jubiläumssendung: „Jung & Naiv“-Coproduzent Alexander Theiler und der langjährige ARD-Hauptstadtkorrespondent Hans Jessen. BILDblog gratuliert und wünscht alles Gute für die nächsten 250 Folgen!

#Metoo und Kameraschwenks, Rechter Netzjargon, PR-Sprech

1. „Jede Institution hat einen Weinstein“
(spiegel.de, Arno Frank)
Arno Frank kommentiert die „Anne Will“-Sendung, bei der Sexismus als „strukturelles Problem“ diskutiert wurde: „Sexismus ist, wenn Laura Himmelreich bei „Anne Will“ gerade über Sexismus als „strukturelles Problem“ referiert — und der Kameramann auf die rosafarbenen Stilettos von Verona Pooth zoomt, um dann laaangsam die Beine hinaufzufahren. Besser als mit dieser praktischen Übung hätte man #MeToo nicht auf die Meta-Ebene überführen können.“
Mittlerweile hat sich die Pressesprecherin von Anne Will dazu geäußert: „Diese Form der Bildführung widerspricht den redaktionellen und bildlichen Grundsätzen der Sendung. Der zuständige Regisseur bedauert den Fehler.“

2. A wie Alt-Right Netzjargon
(br.de, Tobias Zervos & Julian Wenzel)
Weiße Nationalisten, Anti-Feministen, Trump-Supporter und Verschwörungstheoretiker haben eines gemeinsam: den Alt-Right-Netzjargon. Dabei handelt es sich um „eine Art sprachlichen Erkennungscode der Ultrarechten“, der mit frei erfundenen englischen Begriffen gespickt sei. Bei „BR puls“ werden ein paar der Alt-Right-Begriffe vorgestellt und erklärt: vom frauenabwertenden „Femoids“ bis zu „Transtrender“, der rechten Spottbeschreibung für Transgender.

3. 7 Gedanken, die ich vom VOCER Innovation Day mitgenommen habe
(stift-und-blog.de, Sonja Kaute)
Die Medienjournalistin Sonja Kaute hat am Wochenende den „Vocer Innovation Day“ in Hamburg besucht. Ein Treffen, bei dem „innovative Konzepte für den Journalismus von morgen entworfen und diskutiert werden“. Sie hat sich dort wohlgefühlt: Statt des üblichen Gejammers über den Niedergang des Journalismus hätte dort Aufbruchstimmung und Optimismus, Gründergeist und Tatendrang geherrscht. Wieder zu Hause angekommen, hat sie sieben Gedanken notiert, die sie von der Veranstaltung mitgenommen hat. Dabei geht es um Themen wie Daten und Analyse, Personalisierung und Automatisierung, Diversität und Qualitätssicherung sowie neue Storytelling-Formate.

4. Auf Sansibar leben Menschen
(taz.de, Belinda Grasnick)
Belinda Grasnick kritisiert in der „taz“ eine Karikatur auf der Panorama-Seite der „SZ“, die einen Text über den Umgang der Sansibarer mit Sansibars berühmtem Landessohn Freddy Mercury begleitet. Auf der Zeichnung sieht man, wie Affen ein offensichtlich schwules Pärchen mit Steinen bewerfen. Grasnick dazu: „Sansibarer als Affen darzustellen, ist mehr als nur geschmacklos. Derartiges Verhalten kennt man aus rechten Foren und Fußballstadien — und auch dort muss es bekämpft werden. Dass ein solches Bild aber in einer überregionalen Tageszeitung verbreitet wird, ist kaum zu glauben.“

5. Wollen wir Freunde sein?
(sueddeutsche.de Alexandra Föderl-Schmid)
Sexismus in der Medienbranche ist leider auch in Israel ein Thema. Dort sind gleich mehrere berühmte Journalisten involviert. Es geht um Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und Sex-gegen-Job-Angebote. Bei einem der Beschuldigten handelt es sich um den Mitbegründer des größten privaten TV-Senders Israels, der nach Bekanntwerden der Vorwürfe von seinem Posten als Präsident des Senders zurückgetreten ist. „Vorübergehend“, wie er sagt.

6. Faktenchecker und Mauerbauer
(tagesspiegel.de, Stephan Russ-Mohl)
Faktencheck-Redaktionen, Paywalls, Entrepreneurial Journalism — dem PR-Sprech sollte nicht nur wegen der Anglizismen entgegengetreten werden, findet Stephan Russ-Mohl im „Tagesspiegel“: „Wenn die Wortwahl den Ernst der Lage eher ver- als erklärt, dann haben wir es, genau besehen, mit PR-Sprech zu tun. Also mit einem Sprachgebrauch von Spin-Doktoren, dem „gute“ Journalisten und Wissenschaftler nicht nur wegen der Anglizismen den Kampf ansagen sollten.“

Stern  

Sexismus im Job? Kennt sie nicht, auch wenn der „Stern“ so tut!

Ob man das Cover des aktuellen „Stern“ nun gelungen findet oder nicht, soll jeder selbst entschieden, es wird aber auf jeden Fall direkt klar, worum es in der Titelgeschichte des Wochenmagazins geht: Sexismus im Job, und die drei Frauen, die zu sehen sind, scheinen ihn erlebt zu haben:

Ausriss der aktuellen Stern-Titelseite, auf der drei Frauen zu sehen sind, unter ihnen auch die Schriftstellerin Melanie Raabe. Vor den drei Frauen ist die Überschrift montiert: Sexismus im Job? Kenne ich! Sowie die Unterzeile: Warum die Debatte jetzt weitergehen muss: Frauen aus ganz Deutschland brechen ihr Schweigen

Nicht ganz klar wird, von wem das Zitat nun genau stammt. Von der Köchin Rike Schindler? Von der Co­me­di­an Carolin Kebekus? Von der Schriftstellerin Melanie Raabe? Ist vielleicht auch nicht ganz so wichtig, schließlich werden diese drei Frauen, die laut Unterzeile ihr Schweigen brechen, nicht nur bildlich, sondern auch inhaltlich hinter der Aussage „Sexismus im Job? Kenne ich!“ stehen.

Eben nicht.

Melanie Raabe sagt zwar, dass sie mit der „Stern“-Redaktion zu dem Thema gesprochen und auch ein Statement abgegeben habe. Auf dem Cover sei sie aber völlig falsch. Sie habe auch nie zugestimmt, dort zu landen. Und „Sexismus im Job“ kenne sie glücklicherweise auch nicht.

Nun wurde die Titelseite mit dem Foto von ihr allerdings mehr als 500.000 Mal gedruckt und an alle „Stern“-Abonnenten geschickt, an zahlreichen Kiosken ausgelegt sowie im „Leserzirkel“ in Wartezimmern von Arztpraxen und Friseursalons verteilt. Melanie Raabe schreibt, dass sie seit Erscheinen des Heftes am Donnerstag „permanent angesprochen werde“. Deswegen hat sie am Freitag bei Facebook einen längeren Eintrag veröffentlicht, in dem sie die Situation klarstellt:

Screenshot des Facebook-Posts von Melanie Raabe - Ihr Lieben! Eigentlich wollte ich diesen Monat offline sein und ausschließlich schreiben. Leider muss ich hier jedoch etwas klar stellen, auf das ich seit gestern permanent angesprochen werde. Hier also Antworten auf die FAQs. Frage: Melanie! Ich habe dich auf dem Cover des Stern gesehen. Unter der Überschrift Sexismus im Job? Kenne ich! Was ist passiert? Antwort: Rein gar nichts. Frage: Kennst du Sexismus im Job? Antwort: Nein. Ich gehöre zu den ganz wenigen, die irres Glück hatten und immer korrekt und respektvoll behandelt wurden. Ganz besonders in der Buchbranche. Frage: Was zum Teufel machst du dann auf diesem Cover? Antwort: Gute Frage. Da ist wohl ein Fehler passiert. Man hat mich einfach aufs Cover genommen, ohne mich zu fragen. Frage: Warst du gar nicht in Kontakt mit der Redaktion? Antwort: Doch. Man bat mich um ein Statement zu sexueller Belästigung. Das habe ich gegeben und, kurz zusammengefasst, geschrieben, dass mir im Leben außer dummen Sprüchen, wie jede Frau sie schon mal gehört hat, noch nie was passiert ist, aber dass wir uns alle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt engagieren müssen, auch wenn wir selbst nicht betroffen sind. Davon, dass ich auf den Titel komme oder dergleichen war nie die Rede, und ich hätte dem niemals zugestimmt. Frage: Also bist du auf dem Cover völlig falsch! Antwort: Korrekt. Frage: Moment. Sie haben ausgerechnet Eine, die im Job nie Sexismus erfahren hat unter dem Titel Sexismus im Job? Kenne ich! auf den Titel genommen? Und das auch noch ungefragt? Antwort: Korrekt. Frage: Wie ärgerlich ist das denn? Antwort: Unfassbar ärgerlich. Frage: Hast du dich beschwert? Antwort: Bitterlich. Zum einen bei der Redaktion direkt. Zudem habe ich meine Sicht der Dinge gestern auf meiner privaten FB-Seite geteilt. Frage: Und? Antwort: Der Chefredakteur hat sich entschuldigt. Da ist ein Fehler passiert, sagt er. Ich habe die Entschuldigung akzeptiert. Frage: Nett von dir, oder? Antwort: Finde ich auch. Ich bin nämlich diejenige, die sich nun permanent erklären muss, obwohl ich gar nichts falsch gemacht habe. Frage: Ich kenne einen guten Anwalt. Willst du seine Nummer? Antwort: Das ist lieb, aber nein danke. Zum einen habe ich da jemanden. Zum anderen: Ich bin immer noch schwer verärgert, vertraue jedoch darauf, dass die Redaktion das aufarbeitet und dass so ein Fehler nie wieder passiert. Ich gehe nun zurück an die Arbeit. Ich habe nämlich zu tun. Frage: Okay. Na gut. Und? Wann gibt es was Neues von dir? Antwort: Ich schicke die Tage endlich mal wieder einen Newsletter raus. Versprochen!

  • Lesetipp: Teil der „Stern“-Titelgeschichte ist auch der lesenswerte Text „Macht und Muffensausen“ von Ulrike Posche. Die „Stern“-Autorin schildert darin ihre persönlichen Erlebnisse mit Sexismus in Redaktionen.

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Yücel-Interview, #Metoo-Verdrehung, Realfakeopfer Dunja Hayali

1. Klagt mich endlich an
(taz.de, Doris Akrap)
Doris Akrap ist „taz“-Redakteurin und enge Freundin des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel. Sie kennt ihn seit dem Abitur in den frühen Neunzigern. Nun hat sie ihn auf ungewöhnliche Weise interviewt: „Meine Fragen habe ich schriftlich über Deniz’ Anwälte gestellt und Deniz hat sie über die Anwälte schriftlich beantwortet. Meine Rückfragen und seine Antworten dazu gingen dann auf demselben Weg noch zwei Mal hin und her. Dazwischen lagen jeweils mehrere Tage.“ Yücel wartet bereits seit acht Monaten auf seine Anklageschrift. Er wünscht sich: „Ich will einen fairen Prozess. Und den am besten gleich morgen. Nicht mehr. Nicht weniger.“
Wir vom BILDblog schließen uns dem mit einem #FreeDeniz an und wünschen ihm bis dahin alles Gute.

2. Hauptsache, es ist laut und krass
(spiegel.de, Georg Diez)
Georg Diez beschäftigt sich in seiner Kolumne mit den Gegenstimmen zur #MeToo-Debatte. Es habe sich so etwas wie ein „Post-truth-Journalismus“ entwickelt mit unlauteren Absichten: „… das Ziel scheint ein generelles Klima von Verdacht und Verschwörung, in dem dann die eigenen Argumentationen und Wahrheiten platziert werden können. Es ist immer das gleiche Muster. Die einen sagen: Es gibt ein System von Missbrauch. Die anderen sagen: Es gibt ein System von Verdacht.“

3. Einer kämpft gegen „Unter drei“
(taz.de, Christian Rath)
Jost Müller-Neuhof ist rechtspolitischer Korrespondent des „Tagesspiegels“ und dessen Justiziar. Neuhof setzt sich immer wieder dafür ein, dass der Staat alle Journalisten gleichermaßen informiert. Nicht nur diejenigen, die man zu Hintergrundrunden einlädt: „Das ist staatliches Informationshandeln, also müssen es auch alle Journalisten erfahren können — zumindest wenn sie sich ebenfalls zu Vertraulichkeit verpflichten.“ Gerichte scheinen für diesen Wunsch mehr Verständnis zu haben als seine Kollegen aus dem Journalismus, die schon mal vom „Terror der Transparenz“ sprechen.

4. Benjamin Piel über Bestechung im Lokaljournalismus
(kress.de, Benjamin Piel)
Manchmal braucht es keine goldene Armbanduhr, um Journalisten zu bestechen, es muss sich noch nicht mal um materielle Güter oder Geld handeln. Manchmal reicht schon soziale Anerkennung im Ort als Schmierstoff, so Benjamin Piel, Redaktionsleiter der „Elbe-Jeetzel-Zeitung“: „Ein Mann von einigem Ansehen sagte mir immer wieder, wenn wir uns sahen, wie sehr er meine Arbeit schätze. Das sei wahrhaftiger Journalismus, der den Anspruch habe, nichts zu verschweigen, sondern ans Licht bringe, was ans Licht gehöre. Es sind Sätze wie diese, die in mir die Alarmglocken anwerfen. Welche Maschinerie bedient der, der so lobt?“

5. #Netzwende Award 2017 für RiffReporter
(vocer.org)
„Vocer“, der „Thinktank für Medieninnovation“, hat in Kooperation mit der „August Schwingenstein Stiftung“, der „Rudolf Augstein Stiftung“ und der „ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ den ersten „#Netzwende Award 2017“ verliehen. Preisträger des mit 10.000 Euro dotierten Medienpreises für nachhaltige Innovation im Journalismus ist das Autoren-Kollektiv „RiffReporter“.

6. Thomas existiert nicht
(zeit.de, Dunja Hayali)
Die Journalistin und Fernsehmoderatorin Dunja Hayali stand über Twitter, Mail und Co. mit verschiedenen Leuten in Kontakt, die sich später als eine einzige Person erwiesen. Angefangen hatte die Sache mit einem angeblichen Krankenpfleger namens Thomas Lehmann. Nach Hinweisen von außen keimte in Hayali ein Verdacht auf — und siehe da, besagter „Thomas“ stand mit ihr auf Twitter auch unter anderen Namen in Kontakt: als „Leandro Tressko“, „Berlingirl“, „Axel Graf“, „Pia Carreras“ und „Bernd Lechner“. Wie sich nun herausstellt, sind alle dieser Fake-Identitäten auf eine Frau zurückzuführen, die von Hayali längst blockiert worden war. Hayali dazu: „Man schämt sich für seine Gutgläubigkeit und für seine Offenheit. Man fühlt sich betrogen. Da geht es mir wie allen anderen auch, die von Realfakes verladen werden: Man möchte schreien.“

Für „Bild“-Kritik ist in „Bild“ kein Platz

Zum Boulevard-Murks von „Bild“ gehört nicht nur das Verbiegen und Erfinden von Fakten, sondern auch das gezielte Weglassen von Informationen.

Diese Passage hier zum Beispiel — gibt es an der irgendetwas Offensichtliches auszusetzen?

Immerhin: Torwart Manuel Neuer (31) steht trotz drei Mittelfußbrüchen 2017 hinter Braun, schrieb bei Facebook: „Ihn trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.“

Sie stammt aus einem Text, der in der „Bild“-Ausgabe vom Mittwoch erschienen ist. In dem Artikel „Brazzo wollte Bayern-Doc loswerden“ geht es um die Trennung des FC Bayern München und Volker Braun, der bis vor Kurzem noch Mannschaftsarzt der Profifußballer war.

Die zwei „Bild“-Autoren lassen es so erscheinen, als hätte sich Manuel Neuer einfach mal so und ohne äußeren Anlass in einem Facebook-Post für Braun starkgemacht. Die Information, die sie weglassen: Neuer äußerste sich nur deswegen öffentlich zum „Bayern-Doc“, weil er keine Lust hatte, sich von den „Bild“-Medien instrumentalisieren zu lassen.

Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte Bild.de einen ersten Artikel zum Aus von Volker Braun beim FC Bayern München veröffentlicht. Darin auch dieser Absatz:

Nach BILD-In­for­ma­tio­nen waren Mann­schaft und Klub-Mit­ar­bei­ter über­rascht vom plötz­li­chen Braun-Aus. In­tern al­ler­dings war der Doc seit ei­ni­ger Zeit um­strit­ten. Unter an­de­rem, weil er bei Ver­let­zun­gen nicht die idea­len Be­hand­lungs­me­tho­den ge­wählt hatte, Spie­ler nach Rück­schlä­gen für län­ge­re Zeit aus­fie­len. Bes­tes Bei­spiel: Ma­nu­el Neuer (31). Der Torwart brach sich im Sep­tem­ber zum drit­ten Mal in die­sem Jahr den Mit­tel­fuß.

Das wollte Manuel Neuer so nicht stehen lassen und verfasste am Dienstag einen Facebook-Post:

Screenshot des Facebook-Posts von Manuel Neuer, der die betreffende Bild.de-Passage zitiert. Dazu schreibt Neuer: In den Medien wird heute der Eindruck erweckt, Dr. Volker Braun sei für die Entwicklung meiner Verletzung verantwortlich, da er nicht die idealen Behandlungsmethoden angewandt habe (siehe Foto). Dem möchte ich vehement widersprechen. Den ehemaligen Vereins-Arzt des FC Bayern trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.

Einen Tag später nutzte „Bild“ dann Neuers „Bild“-Kritik — ohne den „Bild“-kritischen Teil –, um einen neuen „Bild“-Artikel zu füllen. Das schafft auch nur diese Redaktion: Jemanden, der sich nicht von ihr instrumentalisieren lassen will, direkt wieder zu instrumentalisieren.

Mit Dank an Julia F. und @tuschelball für die Hinweise!

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