Im Westen leider viel Neues

Bei „Der Westen“ ist alles ganz, ganz neu:

Wenn du das erste Mal hier bist — hereinspaziert! Wenn du früher schon hier warst — nicht erschrecken, hier ist alles neu.

Ja, zum Beispiel das mit dem Duzen. Gab’s früher nicht. Jetzt aber schon, denn „Der Westen“ scheint eine neue Zielgruppe ansprechen zu wollen. Die öden Nachrichten für die Alten hat die zuständige „Funke Mediengruppe“ wieder zurückverfrachtet auf die Webseiten ihrer Zeitungen wie „WAZ“, „NRZ“ oder „Westfalenpost“. Dort wird auch weiter gesiezt. derwesten.de richtet sich aber an coole Leute einer „coolen Region“, schreibt Chefredakteur Alexander Boecker in seinem Begrüßungstext:

Wir sind mittendrin, denn wir leben hier im Revier — genau wie du. Weil es eine coole Region ist. Nicht geleckt wie München, nicht verhipstert wie Berlin. Vielleicht nicht überall postkartenreif, aber mit Charme. Mit Herz. Mit Ehrlichkeit.

Diese herzliche Ehrlichkeit haben wir uns jetzt mal die vergangenen Tage angeschaut und den Eindruck bekommen, dass es beim neuen „Der Westen“ vor allem um eins geht: Clicks, Clicks, Clicks. Nicht das Informieren scheint im Vordergrund zu stehen, sondern das Optimieren der Zugriffszahlen. Viele Artikel tragen Überschriften, die gerade so viel verraten, dass das Clickvieh die Leserschaft angefüttert wird, aber nicht ausreichend verraten, um die Neugierde zu stillen. Clickbait eben.

Eine kleine Auswahl:


























Als hätte jemand eine Parodie auf clickgeile Portale wie Heftig.co entworfen. Nur leider ist das alles ernst gemeint. An jeder Artikelvorschau baumelt ein Knopf, der zum „TEILEN“ auffordert. Das sieht dann so aus:

Verstehen wir das richtig, dass die Leser die Artikel schon teilen sollen, bevor sie sie überhaupt gelesen haben?

Am Ende seines Begrüßungstextes schreibt Chefredakteur Boecker noch:

Du merkst schon, was wir auf derwesten.de wollen, geht niemals ohne dich. Deshalb hilf uns, damit wir für dich arbeiten können. (…)

Dafür brauchen wir deine Meinung: Was machen wir gut, wo nerven wir dich? Wir wollen’s wirklich wissen. Offen, ehrlich, direkt, wie man im Revier redet.

Unsere Meinung, „offen, ehrlich, direkt, wie man im Revier redet“? Na gut, wir versuchen es mal: Getz macht ma nich so’n Scheiß, ihr Panneköppe. Wenn dat so weitergeht, gehn wa ma schön bei euch bei mit die Taskforce vonne Clickbait-Abteilung und dann gibtet richtig Hallas!

Mit Dank an Stefan K., Daniel und @19Rhyno04 für die Hinweise!

Charlie Hebdo, Mario Barth, Vera Lengsfeld

1. Bienvenue, Charlie!
(zeit.de, Wenke Husmann)
Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hat den Sprung nach Deutschland gewagt und liegt nun in einer Auflage von 200.000 Stück an den Kiosken. Rezensentin Wenke Husmann ist besonders von der großen Deutschland-Reportage und dem Leitartikel angetan. Insgesamt wünscht sie sich jedoch mehr Provokation: „Charlie Hebdo wird wohl auch in Deutschland nicht so leicht verdaulich bleiben wie in dieser ersten Ausgabe. Hoffentlich nicht. Denn Meinungsfreiheit bedeutet schließlich nicht, dass Inhalte verbreitet werden dürfen, die uns passen, sondern eben auch und vor allem, dass Meinungen verbreitet werden können, die uns gewaltig gegen den Strich gehen. Bienvenue, Charlie!“

2. Ganz tief nach unten getreten
(taz.de, Peter Weissenburger)
Peter Weissenburger greift in einem Kommentar den „Almanach“ des Bundespresseballs mit dem satirisch gemeinten Stück über Schwimmkurse für Flüchtlinge auf und begründet, warum es sich bei dem Stück aus seiner Sicht um wenig Satire und viel schlechten Geschmack handelt.

3. Mario Barth mit versteckter Kamera im Opernhaus
(haz.de, Stefan Arndt)
TV-Comedian Mario Barth deckt in seiner RTL-Show angeblich „die krassesten und absurdesten Fälle von Steuerverschwendung“ auf. Nun ist ihm und seinem Autorenteam aufgefallen, dass es Geld kostet, Theater und Opernhäuser zu betreiben: Am Beispiel der Staatsoper Hannover prangerte er in der jüngsten Sendung die Kulturförderung an. Samt Holzhammer-Ironie, Populismus-Keule und Barthscher Kennste-Kennste-Attitüde.
Nachtrag: Von einigen Lesern kam die Rückmeldung, dass sich der Artikel hinter einer Paywall versteckt, andere können den Text ohne Probleme lesen. Die Ursache fürs Erscheinen der Bezahlschranke könnten nicht zugelassene Cookies sein oder aber der Unterschied zwischen Verlinkungen in Social-Media-Kanälen und Verlinkungen auf Websites, den haz.de macht.

4. Deutsches Fernsehen Die TV-Show ist tot, es lebe ding ding dong!
(berliner-zeitung.de, Marcus Bäcker)
In der Fernsehstadt Köln haben sich jüngst einige TV-Macher getroffen, um beim „Großen Ufa-Show-Gipfel“ über die Zukunft der Unterhaltung zu sprechen. Marcus Bäcker war für die „Berliner Zeitung“ dabei und berichtet über die Pläne der Bewegtbild-Branche. Es wird viel über Änderungen und neue Plänen geredet, doch mit der Umsetzung könnte es schwierig werden. Auch wegen der festgefahrenen Strukturen: „Spätestens, als die Diskussionsrunde an die zumindest theoretische Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender von Quoten und Marktanteile erinnerte, fühlte man sich tatsächlich um folgenlos verstrichene Jahre zurückversetzt. Das ARD-Adventsfest wird es wohl noch lange geben.“

5. Die ARD vs. Das Erste
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Sollen aus neun ARD-Anstalten in Zukunft tatsächlich vier werden, wie es bei „Bild“ und anderen Medien zu lesen war? Nein, bei dieser Meldung handele es sich um „blanken Unsinn“ wie Kolumnistin Ulrike Simon den ARD-Sprecher zitiert. „Freilich knallt ein schlichtes „Aus-neun-mach-vier“ besser als der ernsthafte Versuch zu analysieren, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk Geld sparen könnte ohne die regionale Identität und programmliche Vielfalt aufs Spiel zu setzen.“, schreibt Simon weiter und verlinkt auf ein ihr zugespieltes Projektpapier.

6. Die Unwahrheiten der Vera Lengsfeld
(stern.de)
Bei „Maischberger“ (ARD) wurde gefragt: „Vorwurf ‚Lügenpresse‘ – Kann man Journalisten noch trauen?“ Die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld war als Medienkritikerin eingeladen. Sie griff besonders den „Stern“ an und nannte dafür drei Beispiele. Dabei handele es sich um nachweislich unwahre Behauptungen, so der „Stern“. Darauf habe man die Maischberger-Redaktion bereits während der Live-Sendung per Telefon und Twitter hingewiesen. Eine Reaktion sei jedoch nicht erfolgt. Nun prüfe man rechtliche Schritte gegen Vera Lengsfeld.

BILDblog dankt

Es ist Zeit, dass wir mal wieder „Danke“ sagen! Denn auch im November haben uns viele Leute finanziell unterstützt und damit dazu beigetragen, dass es das BILDblog überhaupt geben kann. Wir können leider nicht bei jedem Einzelnen von Ihnen zu Hause vorbeikommen und uns persönlich bedanken. Daher gibt es hier auf der Seite jeden Monat einen Sammel-Dank.

Sollte Ihr Name noch nicht in der Liste unten auftauchen, obwohl Sie große Lust hätten, mal einen Dank vom BILDblog zu bekommen — kleiner Tipp: Es ist ganz einfach, uns zu unterstützen. Und Leuten, die einen Dauerauftrag einrichten, danke wir auch jeden Monat aufs Neue.

Ein herzliches Dankeschön für die tolle Unterstützung im November an:

Achim K., Aileen W., Alexander G., Alexander H., Andreas B., Andreas F., Andreas H., Andreas K., Andreas K., Andreas N., Andreas P., Andreas R., Andreas W., Angela Z., Anja C., Anna S., Anna S., Arne L., Arne R., Benedict K., Benedikt S., Benjamin B., Benjamin M., Berenike L., Carsten S., Christian B., Christoph M., Christoph Z., Claudia H., Daniel B., Daniel H., Daniel S., Dario S., David R., Dennis H., Dietmar N., Dirk A., Ekkart K., Fabian U., Florian J., Florian J., Frank B., Frank S., Frank W., Friedhelm K., Gregor K., Guido S., Hannes S., Hans O., Heiko K., Helmut B., Henning R., Holger B., Ingrid B., Jacob D., Jakob H., Jan K., Jan P., Jan S., Jens B., Jens D., Jochen Z., Johannes L., Johannes P., Jonas S., Jörn L., Julia T., Jürgen E., Jurgen H., Katrin U., Klaus W., Leonard B., Ludger I., Manuel O., Marc S., Marcel B., Marco S., Marco W., Marco W., Marco Z., Marcus H., Marcus K., Marcus S., Margit G., Mario U., Marion E., Markus K., Markus V., Martin M., Martin R., Martin W., Matthias M., Matthias S., Maxim L., Maximilian W., Micha S., Michael F., Michael H., Michael K., Michael R., Michael S., Michael W., Michael W., Minh S., Moritz B., Moritz D., Moritz K., Moritz K., Moritz V., Nicole P., Nils P., Oliver F., Oliver M., Patrick D., Patrick G., Peter J., Philipp G., Philipp H., Philipp S., Pia K., Raimond P., Robert K., Robert K., Rüdiger R., Samuel W., Sandra K., Sascha S., Sascha S., Sebastian F., Sebastian H., Sebastian K., Sebastian P., Silke S., Stefan B., Stefan L., Stefan R., Sven F., Sven S., Thekla H., Thomas E., Thomas H., Thomas L., Thomas M., Thomas R., Thomas S., Tilman H., Tobias W., Ute S., Uwe F., Uwe K., Volkmar D., Wiebke S., Wilfried L., Yannick B., Yvonne T.

Sollten Sie Ihren Namen hier vergeblich suchen, obwohl Sie uns bereits unterstützen, nicht wundern: Doppel- und Firmennamen haben wir im Sinne der Anonymität gestrichen.

B.Z., Bild  

Herbert Grönemeyer wurde immer noch nicht auf „La Fabrique“ getraut

Vor gut drei Monaten hatten wir darüber berichtet, dass „Bild“ zwei Gegendarstellungen von Herbert Grönemeyer abdrucken musste. Eine auf der Titelseite …

… und eine auf Seite 4:

Beide bezogen sich auf „Bild“-Berichte zur Hochzeit von Grönemeyer. In der zweiten Gegendarstellung hieß es:

Gegendarstellung
In der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 schreiben Sie auf Seite 4 in einem Artikel mit der Überschrift „Männer heiraten heimlich“:
„Am vergangenen Wochenende sollen der Sänger und seine Lebensgefährtin (…) Gäste zur Trauung auf das Anwesen ‚La Fabrique‘ (…) im südfranzösischen Ort Saint-Rémy-de-Provence eingeladen haben.“
Hierzu stelle ich fest: Es hat keine Trauung zwischen mir und meiner Lebensgefährtin auf dem Anwesen ‚La Fabrique‘ stattgefunden.
Berlin, den 12. Mai 2016
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer

Am vergangenen Samstag entdeckten wir bei unserer täglichen „Bild“-Studie auf Seite 4 eine Gegendarstellung von Herbert Grönemeyer:

Ist doch dieselbe wie vom 27. August? Inhaltlich schon. Optisch aber nicht. Und deswegen musste „Bild“ die Gegendarstellung ein zweites Mal drucken.

Gerichte machen ziemlich genaue Vorgaben, wo und in welcher Form Gegendarstellungen erscheinen müssen — die sogenannten drucktechnischen Anordnungen. Da „Bild“ einen Teil der Überschrift des ursprünglichen Grönemeyer-Artikels vom Mai in Großbuchstaben veröffentlichte, hätte die Redaktion schon beim ersten Abdruck das Wort „Gegendarstellung“ ebenfalls in Großbuchstaben setzen müssen. Hinzu kommt die Vorgabe des Gerichts, wie das Wort „Gegendarstellung“ farblich gestaltet sein muss: weiße Buchstaben, auf anthrazitfarbenem Hintergrund. Auch das hatte „Bild“ beim ersten Mal missachtet. Damit die Gegendarstellung auch ordentlich lesbar ist, hatten die Richter Leerzeilen zwischen den Absätzen vorgeschrieben. Auch die finden sich erst in der zweiten Version.

Die „B.Z.“ hatte im Mai übrigens genauso falsch über die Hochzeit von Herbert Grönemeyer berichtet wie „Bild“. Sie musste im Juni eine Gegendarstellung drucken:

Und auch die „B.Z.“ hat es nicht hinbekommen, sie so zu veröffentlichen, dass sie den Anweisungen des Gerichts entspricht. Es fehlten zum Beispiel vorgeschriebene Fettungen. Außerdem hatte die „B.Z.“ den Namen „Herbert Grönemeyer“ am Ende des Textes zu vergessen. Also, im September der erneute Abdruck:

Nun zwar mit Fettungen und Namen. Allerdings immer noch ohne die vorgeschriebene optische Hervorhebung des Wortes „Gegendarstellung“. Am vergangenen Samstag, nach zwei Fehlversuchen, hat es die Redaktion dann tatsächlich geschafft, die Gegendarstellung von Herbert Grönemeyer wie gefordert zu veröffentlichen:

Und so mussten zwei Springer-Blätter zwei Gegendarstellungen in den vergangenen sechs Monaten fünfmal abdrucken. Vermutlich ein einzigartiger Vorgang.

Maschmeyer, Schwimmkurse, Zyankali

1. Die Presse hat kein Recht auf Informationen des Bundestages mehr
(tagesspiegel.de, Jost Müller-Neuhof)
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat Auskunftsansprüche von Journalisten gekürzt: Der Bundestag muss keine Auskünfte über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Abgeordnete geben. Das Gericht wies eine Informationsklage des „Tagesspiegel“ ab und hob ein Urteil der Vorinstanz auf. Als Grund wurde angegeben, dass „der deutsche Bundestag als besonderes Organ der Gesetzgebung“ keine auskunftspflichtige Behörde im Sinne des Presserechts sei.

2. Dranbleiben am Thema
(taz.de, Daniel Bouhs)
Nach dem Berliner Recherchebüro „Correctiv“ setzt nun eine weitere journalistische Plattform auf Einzelspenden und Fördermittel von Stiftungen: „Codastory“ heißt das Portal, das bereits mit dem britischen „Guardian“ zusammenarbeitet, aber in Deutschland noch Partner sucht. Daniel Bouhs hat sich in Berlin mit „Coda“-Mitgründer Ilan Greenberg unterhalten.

3. „Trump ist ein dunkler Twitter-Präsident“: Zeit-Online-Chef Wegner über Wahlen, Bots und ein neues Transparenz-Blog
(meedia.de, Alexander Becker)
Bei „Meedia“ analysiert „Zeit-Online“-Chefredakteur Jochen Wegner den US-Wahlkampf, den Einfluss von Bots, Fake-News und die Rolle der Medien. „Dass die meisten Journalisten diese Entscheidung nicht nachvollziehen können, ist zunächst einmal das Problem der Journalisten. Vielleicht helfen etwas Abstand und eine gewisse Demut dabei, sich den Ausgang der Wahl zu erklären, statt sich jetzt mit Erklärungsversuchen zu überschlagen.“ Wegner überlegt, welche Lehren Journalisten daraus für die Bundestagswahl ziehen können und kündigt ein Transparenz-Blog an, in dem journalistische Arbeitsweise erklärt wird. Zum Schluss wünscht er sich Medien, die den „gefühlten Mainstream durchbrechen, eine große Zahl von Lesern erreichen und dabei journalistische Prinzipien respektieren“ und denkt dabei an „eine sehr konservative FAZ“.

4. Maschmeyers Image – frisch geliftet?
(ndr.de, Sabine Schaper, Video, 6:09 Minuten)
Seit jüngstem gibt sich der ehemalige AWD-„Drückerkönig“ Carsten Maschmeyer bei „Die Höhle der Löwen“ (Vox) als väterlicher Mentor junger Startup-Unternehmer und arbeitet auch ansonsten an seinem Image-Wechsel zum Saubermann. Viele Medien würden das Spiel mitmachen, so „Zapp“-Autorin Sabine Schaper.

5. Bundespressekonferenz empört mit fiktiver Anzeige
(sueddeutsche.de, David Denk)
Die Bundespressekonferenz gibt seit 1951 einen satirischen „Almanach“ heraus. (Zitat aus der Erklärung der Bundespressekonferenz im Original-Wortlaut: „Seitdem begleitet er das abgelaufene Politik-Jahr mit satirischen Beiträgen, die in ihrer zugespitzten Form politische Debatten aufgreift und begleitet“) In der diesjährigen Ausgabe erschien eine Fake-Anzeige der fiktiven „Bundesbade-Agentur“, die „Schwimmkurse für Flüchtlinge“ anbietet, darunter ein „Vorschul-Flüchtlingsschwimmen (ab 3 Jahre)“. Dies löste vielerlei kontroverse Meinungsäußerungen aus („Ihr habt sie nicht mehr alle, oder?“). Eine Gruppe von zehn ARD-Korrespondenten hat einen Brief an den BPK-Vorsitzenden Gregor Mayntz geschrieben, in dem sie den Vorstand aufforderten, sich von dem Beitrag zu distanzieren. Der Vorstand der Bundespressekonferenz hat als Antwort auf die Kritik eine Erklärung veröffentlicht.

6. Lance Armstrong will sich zurückquatschen
(tagesanzeiger.ch, Andreas Tobler)
Der einstige Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong hat neuerdings einen Podcast. „Tagesanzeiger“-Autor Andreas Tobler hat reingehört und findet es „zum Zyankalinehmen“.

Bild  

„Bild“ beschneidet Foto und Urheberrecht

Am liebsten berichtet „Bild“ über Skandale. „Schmuck-Skandal nach Trump-Interview“, „Fäkal-Skandal in der JVA Bielefeld“, „Nackt-Skandal an Luthers Thesentür“ — egal was, Hauptsache ein Skandal.

Am vergangenen Wochenende hat die Köln-Ausgabe der „Bild“-Zeitung einen neuen Skandal ausgemacht, einen „Plakat-Skandal im Stadion“ des 1. FC Köln:

Dazu muss man wissen: Der 1. FC Köln will wachsen. Drei neue Kunstrasenplätze und ein neues Leistungszentrum sollen entstehen, nach Wunsch des Fußballvereins im Grüngürtel der Stadt. Gegen diese Pläne gibt es Protest von Bürgerinitiativen, die die Grünflächen nicht bebauen lassen wollen. Und auch die Kölner Grünen sind gegen das Vorhaben des Fußballvereins. Stattdessen solle der 1. FC Köln auf ein Gelände weiter außerhalb ausweichen, so der Vorschlag.

Und nun also, am vergangenen Samstag beim Heimspiel gegen den FC Augsburg, der „Plakat-Skandal“, ausgelöst durch Fans des Klubs:

Auf der Südtribüne hatte der offizielle FC-Fanclub ein Banner ausgerollt, das offen zur Gewalt aufrief: „Grüngürtel mit FC oder mit Gürteln auf Grüne“, stand dort schwarz auf weiß.

Nur am Rande: Den einen „offiziellen FC-Fanclub“ gibt es nicht. Es gibt Hunderte in ganz Deutschland, allein in Köln sind es laut Verein 362. Das Banner, das „Bild“ anspricht, stammt von den „Coloniacs“, kurz „CNS“.

„Bild“ hat über den „Plakat-Skandal im Stadion“ mit Jörg Frank, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, gesprochen:

Wie dieses Plakat überhaupt durch die Banner-Kontrolle kommen und das ganze Spiel dort hängen konnte, fragt er sich und erwartet vom FC ein „klares Bekenntnis zu Demokratie, Gewaltfreiheit und rechtsstaatlichem Verhalten.“

Nur am Rande: Das Banner hing nicht „das ganze Spiel dort“, sondern nur für einige Minuten. Die „Coloniacs“ hatten für den Nachmittag mehrere Spruchbänder vorbereitet und hintereinander präsentiert.

Nun aber zum eigentlich Wichtigen: „Bild“ hat auch ein Foto gedruckt, das das Banner zeigt:

Bei der Wahl des Fotoausschnitts müssen die „Bild“-Mitarbeiter vor dem Computerbildschirm des Layouters gestanden und beraten haben: „Hm, soll das noch mit rein oder nicht? Nee, lass mal, dann ist die Geschichte nicht mehr so knackig.“ Denn das Banner geht nach dem „AUF GRÜNE!“ noch ein Stück weiter, wie ein Foto des Fanclubs „Rote Böcke“ zeigt:

Natürlich kann man die Aussage „MIT GÜRTELN AUF GRÜNE!“ kritisieren und darüber debattieren, ob sie zu heftig ist. Aber dann sollte man doch so fair sein und auch zeigen, dass ein Zwinker-Smiley der ganzen Sache einiges an Schärfe nimmt.

Der „Express“ hat ebenfalls über das Banner und die Empörung der Grünen berichtet, allerdings mit Hinweis aufs Gezwinker. Im Gegensatz zu „Bild“ hat die Redaktion auch mit einem „CNS“-Vertreter gesprochen:

Eike Wohlgemuth von den Coloniacs versucht, die Wogen zu glätten: „Wer uns kennt, weiß, dass wir keine gewaltsuchende Gruppe sind, im Gegenteil. Wer sich das Spruchband anschaut, wird den großen Smiley sehen“, sagt er dem EXPRESS.

Und:

„Wer das Plakat sieht, wird erkennen, wie es gemeint ist: Ein Spruch mit einem sehr großen Augenzwinkern.“

„Bild“ hat das unglücklich abgeschnittene Foto übrigens mit dem Credit „Foto: PRIVAT“ versehen. Man kann allerdings ziemlich leicht herausfinden, wer dieses „PRIVAT“ ist, indem man das „Bild“-Foto und das des Fanclubs „Rote Böcke“ übereinanderlegt:

Wir haben bei den „Roten Böcken“ nachgefragt, ob die „Bild“-Redaktion eine Erlaubnis dafür hatte, die Aufnahme zu verwenden. Hatte sie nicht. Damit beschneidet „Bild“ nicht nur ein Foto so, dass es besser zur Geschichte passt, sondern auch noch das Urheberrecht.

Mit Dank an Dominik N. und Daniel für die Hinweise!

Alfred Draxlers 84 Cent zu den „Zwangsgebühren“

Alfred Draxler hat eine Meinung. Immer wieder und zu vielen Themen. Diese Woche hat der „Sport Bild“-Chefredakteur eine Meinung zu „ARD“, „ZDF“ und der Vergabe der Übertragungsrechte für Olympia. Bei sportbild.de fordert er:

In der gedruckten „Sport Bild“ ist er etwas zurückhaltender:

Dass die Olympischen Winter- und Sommerspiele 2018 bis 2024 nicht, wie bisher, live bei den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern zu sehen sein werden, sondern bei „Eurosport“, nutzt Draxler für eine Abrechnung mit „ARD“, „ZDF“ und den „17,50-Euro-GEZ-Zwangsgebühren“:

Als Sport-Fan frage ich mich auf der anderen Seite aber mehr und mehr, warum man mir unverändert die 17,50-Euro-GEZ-Zwangsgebühr abverlangt.

Dass es die GEZ seit vier Jahren nicht mehr gibt — geschenkt.

Was Alfred Draxler seinen Lesern nicht verrät: Welcher Anteil des monatlichen Rundfunkbeitrags von 17,50 Euro überhaupt in die TV-Sportberichterstattung fließt. Nehmen wir als Beispiel die „ARD“, die mit 12,37 Euro den größeren Part dieser Summe bekommt. Davon gehen 8,41 Euro an die „ARD“-Landesrundfunkanstalten wie WDR und NDR, und 3,96 Euro an die „‚ARD‘-Gemeinschaftsaufgaben“, zu denen auch „Das Erste“ zählt. Bei den Landesrundfunkanstalten sind 14 Cent für Sport vorgesehen, beim „Ersten“ 70 Cent. Insgesamt also 84 Cent pro Monat (PDF). Zusammen mit dem „ZDF“-Anteil dürfte die Sportberichterstattung jeden Gebührenzahler monatlich knapp einen Euro kosten. Wohlgemerkt: für Sport allgemein auf allen „ARD“-Sendern und im „ZDF“, nicht nur für die Olympischen Spiele im „Ersten“ und „Zweiten““.

Das ist also der Grund, warum der „Sport Bild“-Chef gegen die „Zwangsgebühren“ der Öffentlich-Rechtlichen wettert: ein Bruchteil von einem Euro pro Monat.

Das einzige inhaltliche Argument, das Draxler in seinem Kommentar zum seiner Meinung nach zu hohen Rundfunkbeitrag bringt:

Schon immer ärgere ich mich zum Beispiel darüber, dass ARD und ZDF bei Olympischen Spielen beide in Mannschaftsstärke angerückt sind und sich täglich mit der Berichterstattung abwechselten. Ein Tag Arbeit, ein Tag frei! Das nenne ich Gebühren-Verschwendung!

Nun kann man es sicher kritisch sehen, dass zwei Sender zweimal den gleichen großen Aufwand betreiben, um über dieselbe Sportveranstaltung zu berichten. Mit „Ein Tag Arbeit, ein Tag frei!“ liegt Intensiv-Rechercheur Alfred Draxler aber schlicht daneben. Wenn beispielsweise „Das Erste“ in diesem Sommer Olympia aus Rio im TV übertragen hat, hat das „ZDF“ im Internet viele kommentierte Livestreams angeboten — und umgekehrt:

Was kümmern einen schon Fakten, wenn man eine richtig starke Meinung hat?

Journalisten in Haft, Mafia-Berichte, Projekt „Schmalbart“

1. Justiz muss führende Journalisten freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Seit über zwei Wochen sitzen die myanmarischen Journalisten Than Htut Aung und Wai Phyo in Untersuchungshaft. Sie hatten in einem Kommentar Korruptionsvorwürfe gegen einen Politiker der regierenden „Nationalen Liga für Demokratie“ angedeutet. Die „Reporter ohne Grenzen“ fordern ihre sofortige Freilassung und berichten in ihrem Appell über die aktuelle Situation der Pressefreiheit in Myanmar, das auf der „Rangliste der Pressefreiheit“ auf Platz 143 von 180 Staaten liegt.

2. Flüchtlinge — Presserat bietet „Checkliste“ für Berichterstattung
(derstandard.at)
Der Presserat in Österreich hat eine Checkliste zum „verantwortungsvollen Journalismus in der Flüchtlingsberichterstattung“ veröffentlicht. Zehn Fragen sollen dabei helfen, sachlich über das Thema zu berichten, das „in der Bevölkerung, aber auch in den Medien ‚emotional und kontrovers‘ diskutiert“ werde. Kostprobe: „Würde ich über ein Fehlverhalten auch dann berichten, wenn es nicht von einem Ausländer/Asylwerber/Migranten gesetzt worden wäre?“ oder „Bin ich mir im Klaren darüber, welche Absichten meine Hinweisgeber/ Recherchequellen verfolgen?“

3. „Ich gewinne leider nie“
(taz.de, Ambros Waibel)
Claudio Cordova hat vor vier Jahren die Webzeitung „il dispaccio“ gegründet, die über die Mafia und das Beziehungsgeflecht der Ndrangheta berichtet. Im Interview mit „taz“-Redakteur Ambros Waibel erzählt er von investigativer Arbeit im Umfeld der organisierten Kriminalität, einer Million Euro Schadenersatz und das Problem mit Werbekunden, die zur Mafia gehören könnten.

4. Staunen über eine Nachricht zur ARD-Struktur: Wenn „Bild“ medienpolitisch aktiv wird
(medienkorrespondenz.de, Dietrich Leder)
Vergangene Woche meldeten die „Bild“-Medien, es gebe einen Fusionsplan für die „ARD“: Statt den bisher neun Anstalten könnte es bald nur noch vier geben. Das Presseteam der „ARD“ sagte ziemlich schnell, dass das „blanker Unsinn“ sei. Dietrich Leder erkennt in der steten Diskussion „um etwaige oder reale Reformpläne des öffentlich-rechtlichen Systems“ Interessen der Zeitungsverlage: „Die Zeitungsverleger haben sich mit der Existenz dieses nicht-privatwirtschaftlichen Mediensystems bis heute nicht abfinden können und delegieren deshalb an dieses öffentlich-rechtliche System permanent die Ursachen ihres eigenen Versagens, etwa was ihre Situation im Internet betrifft.“

5. Wie geht das genau mit dem Gegenlesen?
(tagesanzeiger.ch, Philipp Loser)
„Nun sag, wie hast du’s mit dem Gegenlesen?“ Philipp Loser erklärt, wie der „Tages-Anzeiger“ es mit dem Autorisieren von Interviews, Zitaten und ganzen Texten hält. Er hofft auf mehr Politiker, Verwaltungsangestellte, Funktionäre, die souverän aufs Gegenlesen verzichten, auch im Sinne eins guten Journalismus: „Wer von Anfang weiss, dass der Politiker nicht mehr draufschauen wird, formuliert exakter, wortgetreuer.“

6. Projekt „Schmalbart“ — eine Einladung
(christophkappes.de)
Die Ankündigung von „Breitbart“, bald auch in Deutschland einen Ableger der „Alt-Right“-„Nachrichten“-Seite aufzubauen, führte bei einigen Leuten zur gleichen Reaktion: „Dagegen muss man doch was tun!“ Auch bei Christoph Kappes. Damit auch wirklich was dagegen getan wird, hat er ein schon ziemlich detailliertes Konzept entwickelt für das „Projekt ‚Schmalbart'“. Mitstreiter sind sehr willkommen.

„Verkehrskontrolle. Keinen Führerschein, bitte!“

Am Wochenende haben sie wieder einen erwischt. 26 Jahre alt. Auf der Bundesstraße 301 in der Nähe von Freising. Der Mann hatte eigentlich nichts angestellt. Keinen Unfall verursacht. Nichts getrunken. Keine Drogen im Blut. Aber irgendwas war da. Das spürten die Polizisten. Irgendetwas, das die Kollegen aus der Pressestelle sehr glücklich machen würde. Auch das ahnten sie.

Kurz darauf hielten sie den Wagen an. Und tatsächlich, es war, wie sie vermutet hatten. Ihr Verdacht bestätigte sich. Die Kollegen aus der Pressestelle brachen am Telefon in Jubel aus. Sie versprachen, bei der Weihnachtsfeier am Freitag dafür einen auszugeben. Dann legten sie auf und machten sich an die Arbeit. Endlich konnten sie den Journalisten das liefern, was die unbedingt haben wollten: Meldungen von Menschen, die ohne Führerschein Auto fahren:

Die Nachricht fiel kurz aus. Dem Mann war sonst wirklich nichts vorzuwerfen. Schade eigentlich, fand man in der Pressestelle. Da hatten die Kollegen in Oldenburg anderthalb Wochen zuvor mehr Glück gehabt. Und sie hatten nicht mal jemanden anhalten müssen. Der Mann war zu ihnen gekommen. Er hatte sich am Eingang gemeldet und dabei gleich zugegeben, dass er gar nicht mit dem Auto hätte fahren dürfen. Den gierigen Journalisten hätte das bestimmt schon gereicht. Aber dann erzählte der Mann auch noch, dass er gekommen sei, um sich bei der Polizei zu bewerben. Kurz danach stellte sich heraus, dass er auch noch Drogen genommen hatte. Ein Hauptgewinn:

Als Polizei-Pressesprecher erlebt man so etwas nicht alle Tage. Als Journalist schon gar nicht. Dabei sind Menschen, die ohne Führerschein ein Auto in Bewegung setzen, eigentlich gar nicht so selten. Es kommt sogar öfter vor, dass die fehlende Fahrerlaubnis gar nicht das einzige Problem ist:

Oder noch besser:

Es muss gar nicht zwingend Alkohol sein:

Die Journalisten nehmen ja alles. Der Fahrer kann auch stocknüchtern sein. Dann braucht er eben ein anderes Problem:

Und sei es nur ein kleines:

Am besten ist natürlich, wenn alles zusammenkommt:

Journalisten kriegen nie genug von dem Zeug. Sie müssen nur das Wort „Führerschein“ lesen, schon läuft ihnen der Speichel aus dem Mundwinkel.

Auf der Journalistenschule haben sie gelernt: Eine Nachricht muss wie ein Küchenzuruf sein. Jemand ruft aus dem Esszimmer in die Küche, und gleich erscheint ein Kopf zwischen den Türrahmen und fragt ungläubig: „Wirklich?“ Ein Satz, der alle Aufmerksamkeit an sich reißt — das ist ein Küchenzuruf. Und wenn „Autofahrer fährt ohne Führerschein“ keiner sein soll, dann weiß man’s wirklich auch nicht mehr.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das kann jeder zu Hause ausprobieren. Abends aus dem Esszimmer ein paar Neuigkeiten in die Küche rufen. Aber immer dran denken: Wichtig ist der Führerschein. Ohne den kann man’s vergessen. Den Satz „Mann fährt jahrelang ohne Verbandskasten“ kann man in die Küche rufen, so oft man will. Da erscheint zwischen den Türrahmen niemand.

Wobei — das muss man dazusagen — man immer Pech haben kann. Führerschein hin oder her. Der Mensch gewöhnt sich an alles sehr schnell. Und wer ständig die gleichen Geschichten in die Küche ruft, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann niemand mehr da ist, der antworten könnte.

Das wissen natürlich auch die Journalisten. Sie haben sich längst darauf eingestellt. Irgendwann haben sie sich an einen Tisch gesetzt und zusammen über die Frage nachgedacht: „Wie fesseln wir eigentlich sonst unsere Leser?“

Ratlose Gesichter sahen sich an, bis irgendwer zögerlich fragte: „Mit Meldungen über Jubiläen und runde Geburtstage?“

„Genau. Mit Meldungen über Jubiläen und runde Geburtstag“, sagte der Chefredakteur.

Die anderen nickten. Seitdem wenden sie das Prinzip auch auf die FührerscheinMeldungen an:





Ab dem 40. Jahr — viele wissen das gar nicht — überreichen die Polizisten bei der Kontrolle eine Flasche Sekt:

Ab dem 50. Champagner:

Und ab dem 55. trinken sie sogar mit. Daher ist dieser Fall in den Archiven kaum dokumentiert, denn nach dem gemeinsamen Umtrunk kommt es oft gar nicht mehr zu einer Meldung an die Pressestelle.

Die Journalisten — das sollte man hier auch noch erwähnen — stoßen in der Redaktion schon ab dem fünften Jubiläum mit einem Prosecco an. Wahrscheinlich erklärt das überhaupt erst die große Begeisterung für die Führerschein-Meldungen.

Beim 60. Jubiläum öffnen sie schon nach der Mittagspause eine Flasche Schnaps. Und vielleicht ist das dann eine Erklärung für diese Gewichtung:

Pistenbully-PR-Gag, Olympia im Privaten, Regenbogen-Klon

1. Pistenbully auf Abwegen war PR-Aktion
(ndr.de, Jörg Jacobsen)
Ein LKW-Fahrer mit einem Bully für Schneepisten auf der Ladefläche fährt nach Seefeld (Schleswig-Holstein) statt nach Seefeld (Tirol). Haha, hihi, große Freude auf den Panorama-Seiten von Zeitungen und Online-Portalen. Jetzt zeigt sich: War alles nur eine PR-Aktion, und viele Medien sind drauf reingefallen. Manchen Redaktionen kann man durchaus Vorwürfe machen, weil sie die Story zu leichtgläubig aufgeschrieben haben; anderen aber nicht: Sie haben recherchiert, bei den zuständigen Personen nachgefragt — und die blieben frech bei ihrer Mogelgeschichte. Auch die „dpa“ ist auf den PR-Gag reingefallen und nun selbstkritisch der Angelegenheit nachgegangen.

2. Die dunkle Seite der Macht
(spiegel.de, Jan Fleischhauer)
Die Geschichte zu dieser Geschichte geht zusammengefasst so: Nach der Wahl von Donald Trump lässt der Mediendienst „Meedia“ unter anderem „Weltwoche“-Boss und Rechtsaußen-Politiker Roger Köppel die Leistung deutscher Medien bewerten. Überschrift: „‚Am schlimmsten ist der Spiegel‘: Weltwoche-Chef Köppel rechnet mit deutscher Trump-Berichterstattung ab“. Gestern antwortete „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer und schoss gegen Medienkritik im Allgemeinen und „Meedia“ im Speziellen: „Köppel zu Blättern wie dem SPIEGEL oder der ‚Süddeutschen‘ zu befragen, ist in etwa so, als ob man eine katholische Nonne bitten würde, Herrenmagazine zu rezensieren.“ Daraufhin meldete sich „Meedia“-Chef Georg Altrogge: „Leider gibt es zu ‚positiver Berichterstattung‘ über den Spiegel aktuell wenig Anlass, und genau das scheint der Grund zu sein, warum die Nerven in der Chefredaktion blank liegen.“ Das Popcorn steht bereit.

3. Was ARD und ZDF mit den gesparten Olympia-Ressourcen machen müssen
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Die Olympischen Sommer- und Winterspiele 2018 bis 2024 wird es nicht live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen geben. „Für ARD und ZDF sieht das Scheitern der Verhandlungen auf den ersten Blick natürlich aus wie eine Niederlage“, schreibt Hans Hoff, doch: „Richtig ist aber auch, dass ARD und ZDF weiter über Probleme hinter den Kulissen berichten können, berichten müssen. Das ist der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und vielleicht gelingt die Erfüllung dieses Auftrags noch ein Stückchen besser, wenn man nicht abgelenkt ist, weil man nebenbei noch die Übertragung stemmen muss.“

4. Die Lügner sind immer die anderen
(deutschlandradiokultur.de, Nana Brink & Mark Heywinkel, Audio, 6:26 Minuten)
Mal poltern sie heftig gegen Hillary Clinton, mal geben sie Tipps, welche Waffen man am besten an Weihnachten verschenken kann: Die Website „Breitbart“ ist eines der großen Sprachrohre der sogenannten „Alt-Right“-Bewegung in den USA, „Breitbart“-Chef Steve Bannon inzwischen Chefstratege von Donald Trump. „Ze.tt“-Redakteur Mark Heywinkel hat eine Woche lang „Breitbart“ gelesen. Bei „Deutschlandradio Kultur“ erzählt er, was er dort entdeckt hat.

5. Bürgerjournalismus belebt das Mediensystem
(de.ejo-online.eu, Tobias Eberwein & Colin Porlezza)
Graswurzeljournalismus, Laienberichterstattung, Jekami-Journalismus („Jeder kann mitmachen“) — das war vor einigen Jahren ein großes Thema, verbunden mit einigen Hoffnungen für die Medienbranche. Tobias Eberwein und Colin Porlezza haben geschaut, wie es heute „in sechs europäischen Ländern“ beim digitalen Bürgerjournalismus ausschaut. Ihre Studie zeigt: Zur Medienvielfalt habe er zwar beigetragen, die einst prophezeite Revolution von unten sei allerdings weitgehend ausgeblieben.

6. Wunderheilung durch Wiederholungsdrama
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Die große Titelgeschichte des zweimonatlich erscheinenden Regenbogenblatts „Freizeit Total“ im Dezember/Januar: „Familien-Drama“. Im Februar/März: „Familien-Drama“. Im April/Mai: „Schock-Nachricht“. Im Juni/Juli: „Familien-Drama“. Im August/September: „Familien-Drama“. Im Oktober/November: „Familien-Drama“. Erkennen Sie ein Muster?

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