Mordvideo als Clickbait

Da dachten wir, wir hätten in Sachen Clickbaiting schon alles gesehen, und dann kommt Youtube-News-Kanzler LeFloid


… und benutzt als Köder Screenshots aus einem Video, in dem ein Mann filmt, wie er zwei Menschen erschießt. (Unkenntlichmachung oben von uns.)

In LeFloids Video selbst sind die Szenen nicht zu sehen.

Nachtrag, 13:10 Uhr: Die Screenshots hatte LeFloid zunächst auch bei Youtube als Thumbnail benutzt, das hat er aber gestern Abend geändert und dazu geschrieben:

Stimmen wurden laut, dass sich viele am Thumbnail gestört haben – weil es ihnen zu drastisch ist. (Obwohl es aus einer ganz normalen Quelle für Pressebilder ist..) JUT!! Community sagt! Floid überlegt. Floid sieht ein. Floid ändert. EASY! ;)
Das neue passt genau so zum Thema, ist aber weniger heftig. Läuft doch bei uns Froooinde! :) Cheerio! Jut’s Nächtle! Aight! ;)

Und so sieht das neue aus:

Mit Dank an C aus K.

Brandstifter im Löscheinsatz

Also gut, reden wir noch einmal über die Flüchtlings-Berichterstattung der „Bild“-Zeitung.

Tatsächlich beziehen die „Bild“-Medien seit einigen Tagen ganz klar Position – für Flüchtlinge und gegen Hetze.

So nennt „Bild“ die rassistischen Übergriffe und Hass-Parolen betont „eine Schande für unser Land“; bezeichnet die rechten Idioten unverblümt als „rechte Idioten“; verdeutlicht immer wieder, wie schlecht es vielen Flüchtlingen ergangen ist und immer noch ergeht; zeigt Möglichkeiten auf, wie man persönlich helfen kann; begleitete Flüchtlinge über mehrere Tage auf ihrem harten Weg nach Deutschland.

In der Titelgeschichte von gestern „entlarvt“ die Zeitung „die sieben größten Lügen über Asylbewerber“, zum Beispiel: „Flüchtlinge sind besonders häufig kriminell“ oder „Flüchtlinge kriegen mehr Geld als Hartz-IVler“.

… und zeigt nebenbei, dass sie durchaus in der Lage ist, ihre reißerischen Boulevardmethoden auch für gute Zwecke einzusetzen. Angekündigt wird die Geschichte nämlich so:

Das ist ziemlich clever, denn die düstere Aufmachung lockt wohl am ehesten diejenigen, die sich dahinter eine Bestätigung ihrer Vorurteile erhoffen – aber dann genau das Gegenteil vorfinden.

Gegen all das können und wollen wir auch überhaupt nichts sagen. Nur muss man bedenken, dass die Berichterstattung bis vor Kurzem noch völlig anders aussah. Und dass die „Bild“-Zeitung genau die Vorurteile, die sie heute „entlarvt“, in den vergangenen Jahren immer und immer wieder mit voller Absicht befeuert hat.

Als „Bild“ das letzte Mal „Die Wahrheit“ versprach …

… hatte das Blatt Statistiken verzerrt, Zitate falsch wiedergegeben und wichtige Fakten verschwiegen, um rumänische und bulgarische Armutsflüchtlinge krimineller wirken zu lassen, als sie in Wahrheit waren.

Ohnehin das Thema Ausländer und Kriminalität:

Oder das Thema Ausländer und Hartz IV:

Auch hier hatte „Bild“ entlastende Fakten einfach unter den Tisch fallen lassen, um sich diese „bittere Wahrheit“ zu konstruieren.

Das Blatt führte seine Leser in die Irre, nahm Hetzer in Schutz, ließ Hetzer gewähren, verdrehte die Wahrheit, dachte sich allerlei schlimme Theorien und Szenarien aus und bereitete damit die Kerbe, in die der Rassistenmob heute so wütend reinhackt.

Nochmal: Man kann die „Bild“-Zeitung natürlich dafür loben, dass sie jetzt mithilft, die rechten Geister zu bekämpfen. Man sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass sie jahrelang dabei mitgeholfen hat, sie zu rufen.

Trotteln, Sarrazin, Bücherverbrennung

1. „Es gibt schon schöne Trotteln“
(facebook.com, Armin Wolf)
Am Ende eines Beitrags der ORF-Nachrichtensendung „ZiB2″ war ein Facebook-Posting über Flüchtlinge zu lesen: „An die Wand stellen und einen Kopfschuss verpassen“. Moderator Armin Wolf kommentierte das mit den Worten: „Da graust einer Sau“ und „Es gibt schon Trotteln“. Das veranlasste einen Zuschauer zu einer Beschwerdemail an den Publikumsrat, auf die Armin Wolf nun antwortet: „Würde ich es noch einmal sagen? Nein. Ich würde nicht ‚schöne Trotteln‘ sondern ‚Es gibt schon feste Trotteln‘ sagen. ‚Schöne‘ war tatsächlich unpassend.“

2. „Die Eskalation war teilweise inszeniert“
(ostpol.de, Sonja Volkmann-Schluck)
Marco Risovic war als Fotograf an der griechisch-mazedonischen Grenze, als die Regierung dort vergangene Woche den Übergang für Flüchtlinge blockierte. Im Interview spricht er über die Arbeit vor Ort und die Inszenierung von Bildern. Denn dass danach vor allem Fotos von Polizisten zu sehen waren, die mit Tränengas und Blendgranaten auf Flüchtlinge losgehen, war seiner Ansicht nach „von mazedonischer Seite beabsichtigt“.

3. Sarrazins Erbe wirkt weiter
(mediendienst-integration.de, Daniel Bax)
Vor fünf Jahren warnte Thilo Sarrazin schlagzeilenträchtig und begleitet von einem enormen Medienecho vor der Selbstabschaffung Deutschlands. Der „taz“-Journalist Daniel Bax sieht das Buch und die folgende Debatte als Zäsur, die „deutlich gemacht [habe], dass es auch in Deutschland das Potential für eine rechtspopulistische Partei jenseits der Union gibt“ und der AfD und „Pegida“ den Weg geebnet habe. Sarrazin selbst habe mittlerweile an Popularität verloren, seine Thesen seien jedoch salonfähiger als je zuvor.

4. Wie eine Bücherverbrennung erfunden wurde
(wibkeschmidt.com, Wibke Schmidt)
In einer „Provinzbücherei im Schwarzwald“ wurden vor einem Monat 3200 Bücher aussortiert — aus Sicht der „Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen“ ein „übliches Vorgehen“, schreibt Wibke Schmidt. Daher wundert sie sich, dass Roland Tichy in seinem Blog die Aktualisierungsaktion in Bad Dürrheim in eine neu aufgelegte Bücherverbrennung umdichtet: „Aus der Aussortierung alter Bücher in einer Gemeindebibliothek eine von höchsten staatlichen Stellen gesteuerte rot-grüne Umerziehungsaktion zu machen — darauf muss man erst mal kommen.“

5. Dramatisches Drama
(udostiehl.wordpress.com, Udo Stiehl)
„Bis zu 50 Flüchtlinge in Schlepper-LKW erstickt“ – diese Schlagzeile tauchte gestern in etlichen Medien auf. Udo Stiehl fragt sich, warum so viele Journalisten „die Verlockung [verspüren], eine ohnehin schreckliche Story sofort zu dramatisieren“. Korrekter wäre es gewesen, sich an der Angabe des Ermittlers auf der Pressekonferenz zu orientieren, der von „mindestens 20 Todesopfern“ sprach. Wenn man bei Todesmeldungen „mindestens“ durch „bis zu“ ersetze, „würden Spekulation und Dramatisierung wohl bald zum Standard von Schlagzeilen erhoben“. (Inzwischen hat das österreichische Innenministerium bekanntgegeben, dass in dem LKW mehr als 70 Tote gefunden wurden.)

6. Neues aus der Bildmontage-Bastelstube: Basteln mit Tieren
(noemix.twoday.net)

Bild  

Wenn „Bild“ Unschuldige zu Mördern macht

Die „Bild“-Zeitung will um jeden Preis Gesichter zeigen. Sie will, dass ihre Leser den Tätern und Opfern in die unverpixelten Augen sehen können, warum auch immer. Da können die Polizei, die Justiz oder die Angehörigen noch so oft darum bitten, es nicht zu tun.

In den meisten Fällen beschafft sich die Redaktion die Fotos kurzerhand im Internet und schert sich dabei weder um die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten noch um die Rechte der Urheber, und um den Pressekodex erst recht nicht.

Auch gestern zeigte „Bild“ wieder das Foto eines Mannes, der wegen Mordes angeklagt ist (natürlich ohne jede Unkenntlichmachung):

Nun stellt sich heraus: Der Abgebildete ist gar nicht der Angeklagte. Er hat mit der Sache überhaupt nichts zu tun.


(Online hat „Bild“ das Foto inzwischen gelöscht, im ePaper die ganze Seite.)

Es war nicht der erste Fehler dieser Art. Bei weitem nicht.

Im August vergangenen Jahres erklärte die „Bild am Sonntag“ einen jungen Mann zum „Killer“, obwohl er nichts mit der Tat zu tun hatte. Die Fotobeschaffer hatten sich im falschen Facebookprofil bedient.

Ähnlich wie 2012, als Bild.de und die Berliner „Bild“-Ausgabe das Foto einer Frau zeigten, die angeblich von ihrem Mitbewohner getötet worden war. In Wirklichkeit lebte die Abgebildete aber noch und hatte nichts mit der Sache zu tun.

Anfang 2014 druckte die Kölner „Bild“-Ausgabe das Foto eines Mannes und behauptete, er habe seine Oma erschlagen. Später stellte er sich als unschuldig heraus.

Einige Monate später zeigte „Bild“ einen Mann, der, so die Bildunterschrift, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Tatsächlich lebte der Abgebildete noch, „Bild“ hatte ihn verwechselt.

2004 bebilderte die Berliner Ausgabe einen Artikel über einen Autounfall mit dem Foto eines Mädchens und schrieb, es sei bei dem Unfall gestorben. In Wahrheit lebte das gezeigte Kind aber noch und hatte nicht mal in dem Auto gesessen.

2012 druckte „Bild“ das Foto eines Schülers und nannte ihn „KILLER“ und „miesen Kindermörder“; auch er stellte sich später als unschuldig heraus (nachdem ein Lynchmob versucht hatte, das Polizeikommissariat zu stürmen, wo der vermeintliche „KILLER“ festgehalten wurde).

2009 veröffentlichte „Bild“ ein riesiges Foto, das den Amokläufer Tim K. zeigen sollte. Tatsächlich war darauf ein ganz anderer – unschuldiger – Junge zu sehen.

Wenige Wochen später präsentierte die „Bild am Sonntag“ auf einem Foto den Tatverdächtigen eines Vierfach-Mordes. Auch in diesem Fall hatte der Abgebildete überhaupt nichts mit der Sache zu tun.

Die Richtigstellung zur aktuellsten Verwechslung hat „Bild“ heute übrigens auf Seite 6 abgedruckt. Direkt unter einem unverpixelten Porträtfoto, auf dem ein „Killer“ zu sehen ist. Behauptet zumindest „Bild“.

„Social Media Murder“, WDR vs. RWE, Zeitungssterben

1. What happens when a ‘social media murder’ suspect wants to go viral
(washingtonpost.com, Abby Ohlheiser & Elahe Izadi, englisch)
In den USA sind zwei Journalisten während eines Interviews vor laufender Kamera erschossen worden. Der Täter filmte den Mord aus seiner Perspektive und stellte das Video online. Die „Washington Post“ zeichnet nach, was daraufhin in den Sozialen Medien passierte. Siehe dazu auch: „Wenn ich die Videos ansehe, verliere ich einen Teil meiner Würde“ (kress.de).

2. WDR contra RWE
(taz.de, Malte Kreutzfeldt)
Nach der Besetzung des Braunkohletagebaus hatte WDR-Redakteur Jürgen Döschner einen Kommentar geschrieben, in dem er die Demonstranten lobte. Das brachte ihm viel Aufmerksamkeit – und noch mehr Kritik von RWE-Mitarbeitern. Nun wehrt sich Döschner mit einem offenen Brief.

3. Und ewig lockt das Zeitungssterben
(nzz.at, Veit Dengler)
Veit Dengler beobachtet, dass das Gespenst des „Zeitungssterben“ schon seit Jahren in Europa umhergeht. „Sterben ist anscheinend eine wesentliche Tätigkeit von Zeitungen.“ Dengler zählt Gründe auf, warum es sie trotzdem noch gibt.

4. Pressefreiheit à la Sachsen
(freelens.com, Roland Geisheimer)
Ein Fotojournalist erlebt in Heidenau eine „sehr merkwürdige Auslegung des Kunsturheberrechtsgesetzes und auch des Artikel 5 des Grundgesetzes“. Als er Beamte fotografiert, wird er im Polizeigriff abgeführt, fixiert und mit Strafanzeige bedroht. Freelens meint dazu: „Die sächsische Polizei sollte sich zukünftig lieber wieder auf ihre originären Aufgaben konzentrieren, in dem sie die Sicherheit der Flüchtlinge vor Ort gewährleistet und diese vor dem rechtsradikalen Mob schützt.“

5. Weiße Kommentare
(spreeblick.com, Johnny Haeusler)
Johnny Haeusler hat die Schnauze voll. Sein Blogeintrag über Rechtsradikalismus in Deutschland ist zum wiederholten Mal zum Sammelbecken für rechte Trolle geworden. Seine Lösung: „Kommentare, die mich nerven, haben ab jetzt weiße Schrift auf weißem Grund. Wer diese Kommentare dennoch lesen will […], kann den Text markieren und dann wieder erkennen.“

6. Unsere Haltung beim Thema Tagesschau
(titanic-magazin.de, Torsten Gaitzsch)
Eine Reaktion auf diesen Blogeintrag des „Tagesschau“-Chefredakteurs.

Im Auftrag Ihrer Majestät, Heidenau, Ultra-Berichterstattung

1. Wie das „vermutlich“ bei Heidenau in die Überschrift kam
(kress.de, Froben Homburger)
dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger erklärt, wie die Überschrift mit den „vermutlich Rechten“ entstand, und warum er die Häme in den Sozialen Netzwerken für ungerecht hält. Auf FAZ.net unterstützt Michael Hanfeld diesen Eindruck und lobt die Sorgfalt der dpa: „Je genauer die Deutsche Presse-Agentur formuliert, so scheint es, desto heftiger, oberflächlicher, tumber wird sie kritisiert – von rechts oder von links. Das darf die Nachrichtenagentur ruhig als Auszeichnung verstehen.“

2. Heidenau in den Köpfen der sz.de
(nice-bastard.blogspot.de, Dorin Popa)
In der Dienstagsausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ findet man einen Kommentar von Constanze von Bullion. Es geht um das Ost-West-Gefälle in der finanziellen Ausstattung von Kitas und Ganztagsschulen, die Überschrift lautet „Es gäbe jetzt Geld dafür“. Online stand über dem Artikel zunächst: „Geld für Kinder statt Flüchtlinge“. Im Text selbst ist von Flüchtlingen jedoch gar nicht die Rede. Nach heftiger Kritik auf Twitter änderte die SZ schließlich den Titel. Dorin Popa vermutet darin Klickschinderei oder die „innere Überzeugung eines, wie sagt man heute so schön, Asylkritikers“ in der Onlineredaktion.

3. Ultra-Berichterstattung: Hysterie nach Drehbuch
(effzeh.com, David Schmitz)
Nachdem das Stadionverbot für die Kölner Ultra-Gruppe „Boyz“ aufgehoben worden war, gab es bei dem letzten Spiel gegen den VfL Wolfsburg eine Schlägerei vor dem Spiel – mit Beteiligung von „Boyz“-Mitgliedern. Was die „Bild“-Zeitung zum Anlass nimmt, den Dialog des 1. FC Köln mit seiner Fangruppe zu kritisieren, weil die „Boyz“ schließlich nur auf Gewalt aus seien. Diese Verurteilung des gesamten Fanclubs stört David Schmitz: „Schließlich – das wird gerne vergessen in der aktuellen Berichterstattung – hieß die Aufhebung der Stadionverbote vor allem, dass Fans, denen offenbar keine Straftaten nachgewiesen werden konnten, wieder ihre Bürgerrechte wahrnehmen und ins Stadion gehen dürfen. Es ist also weniger eine Gnade, als eine juristische Richtigstellung.“

4. Der Kandidat des Königs
(operation-harakiri.de, Ralf Heimann)
Matthias Pauqué möchte Oberbürgermeister von Bonn werden. Der parteilose Kandidat tritt im Namen einer bizarren Bewegung an, die unter anderem die „Abschaffung gemeingefährlicher Organisationen (IWF, Weltbank, CIA und andere)“ fordert und ein neues Parlament einführen will. Unterstützt wird Pauqué auch von Peter Fitzek, der sich selbst zum „König von Deutschland“ ernannt und auf einem alten Krankenhausgelände einen eigenen Staat ausgerufen hat. Von all dem ist im Kandidaten-Porträt, das der „Bonner General-Anzeiger“ veröffentlicht hat, aber nichts zu lesen — offenbar hatte sich die Redaktion einfach auf die Pressemitteilung der Verschwörungstruppe verlassen.

5. Deutschlands vielleicht kleinste Zeitung
(sueddeutsche.de, Olaf Przybilla)
Die Ostheimer Zeitung ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Wer dem Chefredakteur etwas zuschickt, wird gedruckt, so sind die Regeln. Das klingt nach einem seltsamen Verständnis von Journalismus – bis man einen Blick ins Impressum wirft: „Inhaber: Volker Gunzenheimer. Lokalchef: Volker Gunzenheimer. Anzeigenchef: Nein, offiziell nicht Volker Gunzenheimer, das macht sein Sohn. Was das Impressum verschweigt, vermutlich aus Bescheidenheit: Auch der Chefreporter, der einzig festangestellte Fotograf, der Chefdrucker und der Chef vom Dienst hören auf den Namen Volker Gunzenheimer.“

6. 14 lieblos ausgewählte Bilder mit schwachsinnigem Text für Sie zum Klicken und Teilen
(der-postillon.com)

Nepper, Schlepper, Bauer-Medien

Immerhin: Das Clickbaiting mit Toten haben sie eingestellt. Aber sonst geht es munter weiter auf der Facebookseite der „TV Movie“:



Oder auf der Facebookseite der „Intouch“ (Bauer):


Oder der „Bravo Girl“ (Bauer):

Oder der „Closer“ (Bauer):


(Unkenntlichmachung von uns.)

Oder der „Bravo“ (Bauer):




Um Letzteres kurz aufzuklären: LionT (ein Youtuber) spricht natürlich nicht über Selbstmord. Also, schon ein bisschen, denn er spricht darüber, dass er manchmal hässliche Kommentare bekommt – zum Beispiel, er solle sich doch umbringen.

Wundern muss man sich über diese Geschmacklosigkeiten aber nicht, schließlich gehört die Irreführung der potentiellen Kundschaft zu den Kernkompetenzen der Bauer Media Group.

Auch in der analogen Welt. Das ebenfalls im Bauer-Verlag erscheinende Knallblatt „das neue“ zum Beispiel will die Leser am Kioskregal aktuell mit diesem Cover zum Kauf verführen:

Nun könnte man meinen – und darauf zielt die Redaktion ja ab –, dass sich der Gesundheitszustand von Michael Schumacher auf wundersame Weise verbessert hat und „das neue“ über exklusive Infos verfügt (so, wie es viele Regenbogenhefte seit Schumachers Ski-Unfall immer wieder suggerieren). Das „Wunder“ besteht aber, wie man dann im Heft erfährt, in Wahrheit darin, dass es Fotos von Corinna Schumacher gibt, auf denen sie lächelt.

Die Kinder lassen sie einen Moment lang die Sorgen vergessen. Die Sorgen um ihren Mann, der seit Dezember 2013 nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Und über deren (sic) Gesundheitszustand nur die Familie Bescheid weiß. (…) Es könnte doch sein, dass sie so glücklich ist, weil sie weiß, dass es ihrem Michael jeden Tag ein bisschen besser geht …

So ist das Clickbaiting bei „TV Movie“, „Bravo“ & Co. im Grunde die digitalisierte Version dessen, was Bauer in der analogen Welt schon seit Jahrzehnten treibt: ein perfides Spiel mit den Erwartungen und Sorgen der Leser, um sich selbst zu bereichern.

Plötzlich arbeitslos, Flüchtlinge, „Constructive News“

1. Und plötzlich arbeitslos
(medienwoche.ch, Nik Niethammer)
Nachdem Nik Niethammer seinen Chefredakteursposten beim Schweizer Radio 1 verlassen hatte, war er ein Jahr lang arbeitslos. In seiner Kolumne beschreibt der Journalist, wie sich das anfühlt, wenn man trotz langer Berufserfahrung kaum Angebote oder Gesprächseinladungen im Postfach findet, wenn man sich auf Dutzende Stellen bewirbt und nur Absagen kassiert. „Ich will kein Mitleid, nur ein bisschen Respekt.“

2. Der Welt geht es doch gut
(faz.net, Stefan Niggemeier)
Mitte August kündigte Florian Harms, der Chefredakteur von „Spiegel Online“, im Spiegel-Blog an, künftig mehr Artikel zu veröffentlichen „die auch bei düsteren Themen einen Aspekt aufzeigen, der Hoffnung macht, der einen Ausweg weist, der viel diskutierte Themen auch mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet“. Während das den empörten Georg Altrogge dazu veranlasste, „Spiegel Online“ nach anderthalb Jahrzehnte als Startseite zu löschen, beleuchtet Stefan Niggemeier den Trend zu „Constructive News“ und rezensiert das gleichnamige Buch des Nachrichtenchefs des öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunks.

3. Plattformen wie Infosperber mit PR unterwandern
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Viele PR-Agenturen bieten Blogs Werbeartikel an, die sie als „redaktionelle“ Texte maskieren wollen. Gerne auch gegen Geld – bloß der Name der Agentur oder der Autoren darf nicht auftauchen. Infosperber zeichnet den Beeinflussungsversuch zweier Agenturen nach.

4. Alles, nur nicht proletarisch
(de.ejo-online.eu, Kurt W. Zimmermann)
Anlässlich des Verkaufs des „Economists“ schaut sich Kurt W. Zimmermann das Wirtschaftsmagazin genauer an. Der „Economist“ sei „zum Großerfolg geworden, weil er das völlige Gegenteil aller anderen Blätter tut“: Die Namen der Autoren werden nicht genannt, es gibt keine stilistischen Spielereien, keine ewig langen Texte, keine Gratiskultur. Damit, so Zimmermann, „schuf der Economist eine gelungene Gegenkultur zu den geltenden Regeln auf europäischen Großredaktionen. Dort sitzen viel zu viele selbstverliebte Schreibgockel, die seitenweise ihre vermeintlich brisanten Enthüllungen wortgewaltig ins Publikum posaunen.“

5. Unsere Haltung beim Thema Flüchtlinge
(blog.tagesschau.de, Kai Gniffke)
Seit Wochen berichtet die Tagesschau in fast jeder Ausgabe über Flüchtlinge. Chefredakteur Kai Gniffke fragt deshalb: „Tun wir das wertfrei? Haben wir dazu eine Haltung? Oder gar eine Meinung?“ Viele Kommentatoren freuen sich dabei vor allem über diese beiden Sätze: „Wir dürfen die Abschiebung eines abgelehnten Asylbewerbers nicht als menschenverachtende Maßnahme einer kaltherzigen Bürokratie darstellen. Ein gerechtes Asylverfahren in einem weltoffenen Land lässt sich nur aufrechterhalten, wenn rechtmäßig zustande gekommene Abschiebebeschlüsse auch in die Tat umgesetzt werden.“

6. Vor 20 Jahren: Windows 95 erscheint
(heise.de, Peter Siering)

Heidenau, Leserinnen, Youtuber

1. Was Medien aus #Heidenau lernen können
(marckrueger.tumblr.com, Marc Krüger)
Am Freitagabend eskalierte die rechtsradikale Gewalt in Heidenau. Bei Twitter war der Hashtag #Heidenau Trending Topic, in den klassischen Medien tauchte das Thema bis Samstag dagegen kaum auf. Ein Grund: Die Nachrichtenagenturen berichteten erst spätabends – und die sind für viele Journalisten auch im Jahr 2015 noch die wichtigste Quelle. Ist das noch zeitgemäß? Nein, glaubt Marc Krüger: „Agenturhörigkeit und das absolute Vertrauen in die Vollkommenheit der Texte sind mittlerweile ebenso fehl am (Nachrichten)Platz wie das Glorifizieren von Twitter als einzig wahre Quelle […] Nachrichten sind auch nicht nur dann wichtig, wenn Agenturen sie als ‚Eil‘ kennzeichnen.“

2. Hereinspaziert, klicken und liken!
(medienwoche.ch, Ronnie Grob)
Im zweiten Teil der Serie über die Veränderungen des Journalismus durch das Internet macht sich Ronnie Grob Gedanken über die Finanzierung von Netzinhalten. Wer heutzutage Geld verdienen wolle, sei „dazu gezwungen, viele Leser zu vielen Interaktionen zu bringen, und das passiert nicht mit ausgewogenem, vernünftigem Journalismus. Sondern mit Emotionen, Sex, Kriminalität, Satire, Gerüchten, Überzeichnungen, Halb- und Unwahrheiten. Das Träumen von einer anderen Welt ist zwar nach wie vor erlaubt, doch die Realität des ‚Journalismus‘ online sieht so schlimm aus wie Focus.de oder Huffingtonpost.de. Portale, die für einen Klick oder ein Like wohl auch ihre Großmutter verkaufen würden.“

3. Wenn sich Männer nicht mitgemeint fühlen
(blogs.taz.de, Lalon Sander)
Viele Medien verwenden ganz selbstverständlich das generische Maskulinum. Wenn sie von „Lesern“ sprechen, sollen sich die Leserinnen natürlich mitgemeint fühlen. Aber was passiert, wenn man das Ganze umdreht? Lalon Sander hat das bei der „taz“ ausprobiert und in einem Artikel über E-Mail-Verschlüsselung von Absenderinnen und Empfängerinnen geschrieben. Die Reaktionen der Facebook-Nutzerinnen und -Nutzern zeigen: Drei Buchstaben können für ganz schön viel Empörung sorgen.

4. Letters: Mario Vargas Llosa Responds
(nytimes.com, Mario Vargas Llosa)
Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa beschwert sich in einem Leserbrief, dass in einer Buchrezension der „New York Times“ mehrere Falschinformationen über ihn stehen: Weder habe er einen Twitter-Account, noch exklusive Fotos über eine neue Liebesbeziehung an ein Magazin verkauft. „I am flabbergasted to learn that this kind of gossip can work its way into a respectable publication such as the Book Review.“

5. Nehmt Youtuber ernst!
(tagesspiegel.de, Tim Klimeš)
Tim Klimeš ärgert sich über die Häme und die „ablehnenden Anspannung“, mit der viele klassische Medien Youtubern begegnen. „Wenn ich mich nun an meinen Schreibtisch setze, einen Text schreibe, mit dem ich nicht einmal versuche zu verstehen, wie solche Videos erfolgreich werden können, wenn ich stattdessen einen Eimer Häme über dieser neuen Kultur ausküble, dann gewinne ich vielleicht ein paar Fans auf Twitter und werde in einem Branchendienst zitiert. Was ich verliere, ist die Glaubwürdigkeit bei denjenigen, die meine Berichterstattung in den nächsten Jahren noch für voll nehmen sollen.“

6. „vermutlich Rechte“
(twitter.com/morgenpost)
Dass sie achtsam mit Sprache umgehen, wird besonders von denen erwartet, die damit arbeiten. Wie zuvor bereits „Spiegel Online“ mit der „Asylgegner“-Bezeichnung hat sich nun die Nachrichtenagentur dpa mit ihrer Überschrift „Randale zwischen Linken und vermutlich Rechten“ scharfe Kritik eingefangen. Dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger erklärt, warum der Text so verschickt wurde.

Michael Jeannée, Drohnen, Kaffee gegen Krebs

1. Die Stille vor dem Schuss
(nzz.at, Barbara Kaufmann)
Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Zeitung „Falter“, hat gemeinsam mit der „Vice“ über ein Video berichtet, das Polizeigewalt zeigt. Nun wird er als „Polizistenhasser“ verunglimpft: „Kronen Zeitung-Kolumnist Michael Jeannée schießt scharf gegen Klenk, und seine Zeilen lassen andere schießen.“ Denn das greift der FPÖ-Politiker Strache auf, unter dessen Facebook-Post Morddrohungen gegen den Journalisten auftauchen. Und der Politiker gibt dem bedrohten Journalisten selbst die Schuld an der Bedrohung. Barbara Kaufmann beklagt nun die ohrenbetäubende Stille: „Die Stille vor dem Schuss ist eine trügerische. Wenn sie vorüber ist, wird man nicht sagen können, man hätte nichts gehört.“

2. Amnesty will gegen Jeannée vorgehen
(derstandard.at, Oliver Mark)
Der bereits zuvor erwähnte Kronen-Kolumnist Michael Jeannée (eine Art Franz-Josef Wagner Österreichs) hat derzeit nicht nur mit dem „Falter“ und dem Presserat, sondern auch mit Amnesty International Ärger. Denn die Menschenrechtsorganisation will den jüngsten Ausritt des Kolumnisten „nicht einfach hinnehmen“, wie Generalsekretär Heinz Patzelt dem „Standard“ sagte. Jeannée machte sich über Amnesty-Mitarbeiter lustig, die zur Flüchtlingsunterkunft Traiskirchen gereist sind. Der Kolumnist leugnete die kritischen Zustände und verunglimpfte die Amnesty-Berichterstatter, schreibt Oliver Mark. Dagegen wehrt sich die Organisation nun.

3. Kaffee schützt vor erneutem Darmkrebs – oder auch nicht
(medien-doktor.de, Marcus Anhäuser)
Marcus Anhäuser hat in der „Rheinischen Post“ gelesen, dass „vier Tassen Kaffee vor Darmkrebs-Rückfall schützen“. Allein: Das behaupten die Wissenschaftler gar nicht, die die Studie erstellt haben, auf die sich zuerst die AFP und dann die RP beziehen. Schließlich handelt es sich nur um eine Beobachtungsstudie über einen Zeitraum von sechs Monaten, die nach Aussage der Forscher keinen Kausalitätsschluss zulässt. Korrekterweise müsste es zum darmkrebsheilenden Kaffee also heißen: „Kann sein oder kann nicht sein.“

4. „Laßt uns doch mal eine Drohne einsetzen!“
(get.torial.com, Max Ruppert)
„Copter-Blogger“ Max Ruppert erklärt, was Journalisten beachten sollten, wenn sie eine Drohne einsetzen wollen.

5. 10 neue Podcasts, die du dir anhören solltest
(t3n.de, Luca Caracciolo)
Luca Caracciolo stellt zehn Podcasts vor, „bei denen ein genauerer Blick lohnt“.

6. Feinderklärungen in den Medien
(taz.de, Rudolf Walther)
Wolfgang Storz hat für die Otto-Brenner-Stiftung eine „Recherche-Studie“ über rechte Medien-Netzwerke erstellt. Das „Querfront-Netzwerk“ rund um Jürgen Elsässer („Compact“) und Ken Jebsen („Ken.fm“) sowie dem Kopp-Verlag „versteht sich als jenseits von links und rechts, wirbt für die aktuelle Politik des Kremls und für die AfD, agitiert gegen die EU, Israel und die Westorientierung der BRD und warnt vor dem ‚moralisch-kulturellen Zerfall‘ der Demokratie infolge der Zuwanderung von Muslimen.“ Storz sieht darin eine große Gefahr und befürchtet „eine Demontage von qualifizierter Öffentlichkeit und Demokratie“.

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