So viel Klartext muss sein

„Klartext“. Das heißt: Hier traut sich jemand, die Fakten auszusprechen, die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Keine Schönrederei, keine political correctness. Nur Klartext, damit sich der mündige Bürger sein eigenes Bild machen kann.

Und „Hier“ ist natürlich der Ort, wo Menschen noch unzensiert Klartext reden dürfen: in der „Bild“-Zeitung.

Er will, dass Flüchtlinge aus Nordafrika schnell abgeschoben werden: Sachsens Innenminister Markus Ulbig (51, CDU) klagt über hohe Kriminalität bei Asylbewerbern aus der Region.

BILD: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung?

Markus Ulbig: „Bis zum 30. September 2015 hat Sachsen mehr als 45 000 Zuwanderer aufgenommen. Zugleich wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen für die ersten neun Monate 4695 Zuwanderer als Tatverdächtige erfasst. Durch diese wurden 10 397 Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) verübt. Im Vergleichszeitraum 2014 waren 3104 Zuwanderer als Tatverdächtige mit 7029 Straftaten registriert.“

BILD: Um welche Delikte geht es?

Ulbig: „Schwerpunkte der durch Zuwanderer begangenen Straftaten waren Diebstahlsdelikte mit 40 Prozent. Dabei ist …

Und so redet Ulbig weiter über kriminelle Flüchtlinge. „Bild“ hört geduldig zu, fragt hin und wieder „Wer ist noch auffällig?“ oder „Warum wird nicht abgeschoben, welche Hindernisse gibt es?“

Und keiner will bemerken, dass er die erste Frage gar nicht richtig beantwortet hat. Schauen wir noch mal rein.

BILD: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung?

Markus Ulbig: „Bis zum 30. September 2015 hat Sachsen mehr als 45 000 Zuwanderer aufgenommen. Zugleich wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik Sachsen für die ersten neun Monate 4695 Zuwanderer als Tatverdächtige erfasst. Durch diese wurden 10 397 Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) verübt. Im Vergleichszeitraum 2014 waren 3104 Zuwanderer als Tatverdächtige mit 7029 Straftaten registriert.

Und was sagt uns das? Genau: nix. Weil die Vergleichsgröße fehlt — die Gesamtzahl der Zuwanderer 2014.

Um den „Zusammenhang zwischen Flüchtlingszahlen und Kriminalitätsentwicklung“ zu untersuchen, muss man die Flüchtlingszahlen erst mal kennen. Ulbig aber liefert nur die für die Kriminalitätsentwicklung. Und „Bild“ belässt es dabei.

Allerdings hätte ein Blick in die Statistik den „Klartext“ auch deutlich getrübt. Laut der Sächsischen Staatskanzlei lebten zum Stichtag 31. Oktober 2014 (die Zahl für den Zeitraum bis September liefern wir nach, sobald wir sie haben) in Sachsen insgesamt 13.747 Asylbewerber.

Nimmt man die Zahlen von Ulbig hinzu …

… lässt sich vereinfacht sagen: 2014 ist jeder fünfte, fast jeder vierte Zuwanderer als Tatverdächtiger erfasst worden, davon hat jeder 2,3 Straftaten begangen. Ein Jahr später war es nur noch jeder zehnte. Mit jeweils 2,2 Straftaten. Die Kriminalitätsrate ist also gesunken.

Aber um bequeme Wahrheiten geht’s hier ja nicht.

***

Und dann war da noch die „Welt“.

Ulbig sagt in dem „Bild“-Interview, „Zuwanderer aus den sogenannten Maghreb-Staaten“ seien in Sachsen besonders auffällig, sie seien „für rund 43 Prozent aller Straftaten von Zuwanderern verantwortlich“.

Daraus macht die „Welt“:

… und suggeriert damit, 43 Prozent aller Straftaten in Sachsen würden von Nordafrikanern begangen.

Auch wenn es keine Absicht gewesen sein sollte — dass die Überschrift mindestens missverständlich ist, dürfte auch die „Welt“ inzwischen mitbekommen haben, trotzdem macht sie keine Anstalten, die Überschrift zu ändern. Und sammelt weiter die Klicks, während die besorgten Leser immer besorgter werden.



Mit Dank an @diet_mar.

Gegenlesen, Autorisierung, VR-Reportagen

1. Gegenlesen? Nein danke!
(meta-magazin.org, Alexander Mäder)
Der Wissenschaftsjournalist Alexander Mäder („Stuttgarter Zeitung“) schreibt in einem längeren Fachbeitrag über das „Gegenlesen“. Ist es ein Verstoß gegen die Berufsehre, oder dient es der Qualitätssicherung, wenn man als Journalist seinen Artikel der Gegenseite zur Kontrolle vorlegt? Zu diesem Thema hat Mäder eine nicht-repräsentative Umfrage unter Wissenschaftlern, Pressesprechern und Journalisten gestartet und berichtet von den Ergebnissen. Am Ende spricht er sich für die Errichtung von „Rechercheclubs“ aus, die eine neue Form von gesellschaftlich relevantem Wissen hervorbringen könnten.

2. „Im Zweifel nicht drucken“
(djv.de, Hendrik Zörner)
Der „Deutsche Journalisten-Verband“ hat einen aktuellen Fall (Konflikt zwischen Frauke Petry, AfD und dem „Mannheimer Morgen“) zum Anlass genommen, auf die von ihm beschlossenen Leitlinien zur Autorisierung von Interviews hinzuweisen. Nachträgliche Änderungen des Interviewten seien nur in beschränktem Rahmen möglich. Änderungen, die die Authentizität des Interviews oder einen wesentlichen Aussagengehalt konterkarieren würden, könnten von der Redaktion abgelehnt werden. Der DJV rät den Journalistinnen und Journalisten, standhaft zu bleiben und im Zweifelsfall auf die Veröffentlichung eines Interviews zu verzichten.

3. Als Zuschauer mittendrin: Der 360-Grad-Journalismus
(boris-haenssler.de)
Hinter „StoryUp“ verbirgt sich ein Team von Virtual-Reality-Reportern, die beeindruckende Videoreportagen in 360-Grad-Technik erstellen. Gründerin Sarah Hill erzählt im Interview von ihren Reportage-Ausflügen in die virtuelle Realität und spricht über den technischen Wandel und die Besonderheiten und Risiken (zum Beispiel drohende Übelkeit bei empfindlichen Zuschauern). Im Beitrag verlinkt sind faszinierende Beispiele, in denen man sich bei laufendem Video via Maus um die eigene Achse drehen kann, und das gesamte Umfeld zu Gesicht bekommt.

4. Funkturm: „Soll jetzt Lutz Bachmann ein Praktikum bei uns machen?“
(flurfunk-dresden.de, Nicole Kirchner & Peter Stawowy)
Langfassung eines Gesprächs, in dem drei Medien-Fachleute aus Sachsen nach Lösungen ringen, wie man das Bild der Presse in der Bevölkerung verbessern kann und mit der Wut auf die Medien umgehen soll. Man merkt den Gesprächspartnern das Bemühen an, die „Lügenpresse“-Rufer zu erreichen. Andererseits wird die komplizierte und verfahrene gesellschaftspolitische Gemengelage deutlich, und an manchen Stellen schimmern Hilf- und Ratlosigkeit durch. Ein Gespräch, das auch außerhalb von Sachsen seine Bedeutung hat.

5. Die Journalisten-Rausbilder
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz kennt den Medienbetrieb aus vielen Blickwinkeln. Er bekleidete führende Positionen bei Presse und Fernsehen, ist Autor verschiedener Fachpublikationen und war lange Zeit an der privatwirtschaftlichen und universitären Ausbildung von Journalisten beteiligt. Im Sommer geht nun sein Lehrauftrag in Passau zu Ende; ein Anlass, ein paar deutliche Worte über die Journalistenausbildung an den deutschen Hochschulen zu verlieren. Interessant für alle, die etwas über den Beruf als solches erfahren oder gar selbst Journalismus studieren wollen.

6. Man darf grundsätzlich alle Fragen stellen.
(planet-interview.de, Kaspar Heinrich)
Katrin Müller-Hohenstein moderiert seit zehn Jahren „Das aktuelle Sportstudio“ (ZDF). Im Interview erzählt sie von ihren Anfängen als „Quotenfrau“ und was sich im Lauf der letzten zehn Jahre alles geändert hat. Zum Beispiel das Verhalten der Gesprächspartner, die im Verlauf der Zeit vorsichtiger geworden seien: „Den Profi-Fußballern, die heute ja einen unglaublichen Kultstatus genießen, fliegt ein falscher Nebensatz innerhalb kürzester Zeit so dermaßen um die Ohren, dass sie gut beraten sind, sich zurückzuhalten.“ Auf die Einbindung von Social Media in ihrer Sendung angesprochen, äußert sie sich eher lakonisch. Und: Sie selbst „mache da nicht mit“.

Sie helfen





Angst ist das Zauberwort.

Die „Bild“-Zeitung weiß das. Angst ist ihr Geschäft, sie weiß, wie man sie einsetzt und lenkt und möglichst lange von ihr profitiert. Krebsangst, Rentenangst, Griechenangst, Angst vor Wölfen, vor Seuchen, vor Flüchtlingen.

Dafür greift sie auf die üblichen Mittel zurück. Sie überspitzt, verdreht oder erfindet Dinge, reißt Aussagen, Zahlen und Dokumente aus dem Zusammenhang, bildet nur die Ausschnitte ab, die genug Panikpotenzial haben, und verschweigt den Rest.

Wenn es um Flüchtlinge geht, ist das nicht immer so. Tatsächlich bringt „Bild“ manchmal informative, gut recherchierte, unaufgeregte Texte, die für Übersicht und Aufklärung sorgen. Doch das sind seltene Ausnahmen; die meiste Zeit über ist die Berichterstattung dominiert von düsterer Hysterie, von bedrohlichen Geschichten, die mit der Realität oft nur wenig zu tun haben und den Lesern in größtmöglichen Buchstaben einen Skandal nach dem anderen um die Ohren hauen.

Es ist der Beweis, dass die Polizei vor Flüchtlingskriminalität kapituliert! Polizisten in Kiel wurden im Oktober 2015 von offizieller Stelle ermächtigt, Flüchtlinge, deren Identität nicht bekannt ist, nach kleineren Straftaten wie Diebstahl und Sachbeschädigung nicht zu verfolgen. Der Grund: Die Identität der Täter festzustellen sei zu aufwendig und oft erfolglos.

Allein der erste Satz.

„Dieses Polizei-Papier setzt ein Stück Rechtsstaat außer Kraft“, kreischte auch „Bild“-Online: Dieses Dokument sei ein „Freibrief für kriminelle Flüchtlinge“.

Noch am selben Tag gab die Kieler Polizei eine Pressekonferenz. Dort wies ihr Leiter die Vorwürfe entschieden zurück:

In Teilen der aktuellen Presseberichterstattung wird behauptet, dass Flüchtlinge ohne Ausweispapiere und behördliche Registrierung bei einfachen und niedrigschwelligen Straftaten, wie zum Beispiel Ladendiebstählen, regelmäßig nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Diese Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage und ist falsch. Und ist überdies gefährlich, weil sie das zu Recht bestehende Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Strafverfolgungsorgane untergräbt und ihre schwierige und vielfach sehr gute Arbeit diskreditiert.

Die Anweisung (PDF) stamme aus einer Zeit, in der die Polizei „mit einem massiven Zuzug von Flüchtlingen“ rechnete und sich die Frage stellte, wie man mit dem zu erwartenden Anstieg von kleinen Straftaten umgehen solle. Daraufhin sei beschlossen worden, die — und das ist die entscheidende Stelle — die erkennungsdienstliche Behandlung, das heißt: Fotos, Fingerabdrücke und so weiter, von Kleinkriminellen ohne Ausweispapiere vorerst auszusetzen. In ungefähr 20 Fällen sei so verfahren worden. Inzwischen sei die Anweisung nicht mehr gültig.

Der Leiter betonte mehrfach:

In keinem Fall ist [bei Flüchtlingen] eine andere Behandlung zur Maßgabe erklärt worden, als bei deutschen Tatverdächtigen. Und ich betone ausdrücklich, aus-drücklich: In jedem Einzelfall ist eine Strafanzeige erstattet worden.

Wer also bewusst oder fahrlässig den Eindruck erweckt, es seien Straftaten durch die Polizei nicht weiter verfolgt worden, oder das Strafverfahren sei sogar gar nicht betrieben worden, der schürt hier aus meiner Sicht eine gefährliche Emotion.

Natürlich ist es eine wichtige Aufgabe von Journalisten, das Verhalten der Ermittlungsbehörden zu hinterfragen. Eine Demokratie braucht solche Diskussionen. Aber solche Diskussionen brauchen eine vernünftige Grundlage, sie brauchen echte Fakten, differenzierte Darstellungen und Geduld, keine aus Halbwahrheiten zusammengezimmerten Holzweggeschichten.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Auch im Fall der Kieler Anweisung sind kritische Fragen durchaus angebracht, denn auch wenn „nur“ die erkennungsdienstliche Behandlung wegfällt: Ohne Registrierung und Identifizierung gibt es, wie auch Heribert Prantl schreibt, bei Mehrfachtätern „keine Chance, in Zukunft härter zuzugreifen“. Solche Dinge müssen angesprochen werden. „Bild“ aber macht das größtmögliche Fass auf und lässt all die relevanten Feinheiten unter dem tösenden Sensationslärm verschwinden.

Dass es bei der Kieler Anweisung „nur“ um die erkennungsdienstliche Behandlung ging und laut Polizei trotzdem in jedem Fall Anzeige erstattet wurde, erfuhren die „Bild“-Leser immerhin am nächsten Tag, wobei sich das Blatt bemühte, diese Details gut zu verstecken:

Der Piraten-Politiker Patrick Beyer hat hier einige Fakten, Fragen und Dokumente zu dem Fall gesammelt. Auch die „Süddeutsche“ hat sich die Sache in Ruhe angesehen. Wer sich genauer mit dem Fall befassen will, sollte lieber dort beginnen.

Nun ist das Misstrauen gegenüber der Polizei die eine Sache, Angst vor Flüchtlingen die andere. Aber bei „Bild“ bekommt man sie auch im praktischen Doppelpack.

Neben dem ersten Artikel zum Kieler „Polizei-Skandal“ hat „Bild“ Auszüge aus dem kürzlich erschienenen Buch „Soko Asyl“ abgedruckt. Darin schildert der Leiter der Braunschweiger Kripo seine Erfahrungen mit kriminellen Flüchtlingen.

Das Buch ist in den letzten Tagen von vielen Medien besprochen worden, meist klingen die Überschriften dazu so:


(ndr.de)


(deutschlandradiokultur.de)


(n24.de)

In der „Bild“-Zeitung so:

Zur Erinnerung: Der Artikel stand direkt neben dem zum „Polizei-Skandal“, die Seite sah also so aus:

Nichts weniger als „Die Wahrheit über Flüchtlingskriminalität in Deutschland“ kündigt „Bild“ in der Besprechung an und zitiert dann einige Passagen aus dem Buch. Ein Punkt lautet:

KRIMINALITÄT IN FLÜCHTLINGSUNTERKÜNFTEN
„Jeder Kriminologie- oder Psychologiestudent im ersten Semester weiß, dass es zu (…) Vorfällen (…) kommt, wenn Menschen in Massen über einen längeren Zeitraum auf engstem Raum zusammengepfercht untergebracht sind – zudem noch ohne jegliche Privatsphäre.“

Im Buch geht der Absatz noch weiter.

… untergebracht sind – zudem noch ohne jegliche Privatsphäre. Dass da irgendwann jemand austickt, das ist fast unausweichlich, und das würde auch jedem Einheimischen so gehen. Das hat nichts mit Ausländertum oder Migrantentum zu tun. Würde man uns Deutsche in Massen in einen Hangar sperren, würde es wohl kaum länger als 14 Tage dauern, bis wir anfangen, uns die Köpfe einzuhauen.

Den letzten Teil hat „Bild“ weggelassen, aber sicher nur aus Platzgründen.

An einer anderen Stelle im Buch schreibt der Polizist:

Habe ich jemanden vor mir, der Ausländer ist – egal ob EU-Bürger oder aus einem anderen Staat –, muss ich einfach wissen, dass es immer auch ein Mensch mit einer in Grenzen anderen Mentalität ist.

Syrer zum Beispiel sind in der Regel sehr ruhige Menschen. Sie sind ruhig, sie sind oft gebildet. Haben wir es mit Schwarzafrikanern zu tun, sind auch die sehr ruhig, wenn sie bei der Polizei sind. Haben sie aber Alkohol getrunken, ist häufig Schluss mit der Ruhe und es kommt zu Prügeleien. Sie sind dann aufbrausend, doch sobald die Polizei ins Spiel kommt, sind sie wieder ruhig und im Grunde lammfromm.

Nordafrikaner wiederum treten sehr unterschiedlich auf. Vielfach haben wir darunter Personen, die man neudeutsch als Poser bezeichnen würde. Menschen also, die sich gerne präsentieren und einen auf »dicke Hose« machen. Gehen sie durch die Stadt, sind sie meist nicht allein, sondern in Gruppen unterwegs, und treten sehr dominant auf. All das sind nur Nuancen, die man aber erst einmal erleben und kennenlernen muss. Die Erfahrungen, die wir mit der Soko machen, drehen sich also auch um das Verstehen. Und zwar gar nicht mal rein rechtlich, sondern das Verstehen von Menschen, von Mentalitäten und von Staatsangehörigkeiten.

In die „Bild“-Zeitung hat es nur das hier geschafft:

ANGEBLICHE ROLLENBILDER VON NORDAFRIKANERN
„Vielfach haben wir darunter Personen, die man neudeutsch als Poser bezeichnen würde. Menschen also, die sich gerne präsentieren und einen auf ,dicke Hose‘ machen. Gehen sie durch die Stadt, sind sie meist nicht allein, sondern in Gruppen unterwegs, und treten sehr dominant auf.“

So picken sich die Leute von „Bild“ sorgfältig die passenden Fetzen heraus — aus Mitteilungen, Statistiken, Pressekonferenzen oder Büchern –, sie erfassen und überdrehen nur den Teil der Realität, den sie brauchen, um ihre „unbequemen“ „Wahrheiten“ zu konstruieren.

Diese „Wahrheiten“ werden in kürzester Zeit von vielen Menschen gelesen und von vielen bösartigen Menschen instrumentalisiert, und selbst wenn sie sich im Nachhinein als übertrieben oder falsch herausstellen, ist es so gut wie unmöglich, sie wieder aus der Welt zu kriegen.

Was dabei zählt, ist die Überschrift, da kann sich die Redaktion im Text noch so sehr um Ausgewogenheit bemühen, die Überschrift zählt. Sie reicht als Argument und ist das, was haften bleibt, egal, wie viele Korrekturen nachgereicht werden. Überschriften wie diese hier:

Eine Kölnerin (22) ist in der Weiberfastnacht mitten in Köln niedergeschlagen und vergewaltigt worden! Unter dringendem Tatverdacht: Ein Flüchtling (17) aus Afghanistan. (…)

„Schließlich haben wir in einer Flüchtlingsunterkunft einen 17-Jährigen Tatverdächtigen festgenommen. Er wird zur Stunde vernommen. Die Spurenlage wird geprüft“, so der Polizeisprecher weiter.

Die Ermittlungen waren also noch voll im Gange, geklärt war noch gar nichts. Es stand weder fest, ob es überhaupt eine Straftat gegeben hatte, noch, ob der Flüchtling irgendwie darin verwickelt war. Trotzdem ließ sich Bild.de nicht von der Überschrift abbringen und schrie weiter:

Erst Stunden später, nachdem auch der Oberstaatsanwalt gegenüber „Bild“ bekräftigt hatte, dass die Spuren noch ausgewertet würden und „zurzeit geprüft“ werde, „ob eine Vergewaltigung vollzogen wurde oder nicht“, änderte das Portal die Überschrift:

Gestern kam raus: Die Polizei hat den Flüchtling wieder auf freien Fuß gesetzt. „Im Zuge der weiteren Ermittlungen“, teilte sie mit, habe sich der Verdacht „nicht erhärten“ lassen. Festgenommen wurde stattdessen sein Mitbewohner. Weiterhin jemand aus der Flüchtlingsunterkunft — aber eben eine völlig andere Person als die, die „Bild“ schon zum Täter gemacht hatte.

All das ist den Hetzern herzlich egal. Ihre Überschrift, ihr Argument haben sie ja schon.




In den Facebook-Kommentaren schreibt eine Frau:

Mal ganz davon abgesehen das noch garnichts bestätigt wurde ausser von der bild…*wem wunderts* muss ich dazu sagen das ich mal gesagt habe man traut sich nicht mehr raus…ich dann beleidigt wurde wie bescheuert ich denn sei…tja was sag ich nun…ich glaube meine Angst ist begründet denn man traut sich nicht mehr raus und seltsamer weise sind es immer diese Afghanen die Frauen vergewaltigen

Ja, sie helfen, die „Bild“-Medien. Sie helfen den Hetzern und sie helfen, das Land in Angst zu halten.

Das ist nichts Besonderes, so funktioniert Boulevard, so funktioniert „Bild“. Das Besondere und das Schlimme in diesen Tagen ist, dass diese Angst vor allem den rechten Rand stärkt, dass sie viel tiefer in den Alltag einsickert und sich wie ein trüber Schleier über alle Diskussionen legt. Dass sie die Gedanken erhitzt, obwohl gerade jetzt kühle Köpfe so wichtig wären. Und: Dass Angst vor Menschen geschürt wird, vor denen man eigentlich gar keine haben muss.

Mit Dank auch an Volker S. und Thomas N.

Wie man’s spricht

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Danke an Friedhelm W.

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Danke an Dom van N.

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Danke an Felix P.

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Bestsellerlisten, Tichyosaurus Rex, angezogene Nackte

1. So werden Bestsellerlisten wirklich gemacht
(welt.de, Felix Zwinzscher)
Jedes Jahr erscheint eine hohe fünfstellige Anzahl von neuen Büchern. Wer will da noch durchsteigen? Unter anderem an diesem Punkt setzen die Bestsellerlisten an, die uns die Auswahl einfacher machen wollen und suggerieren: Wer ein Buch dieser Liste kauft, kann quasi nichts falsch machen! Doch die am meisten vertretenen Listen von „Börsenblatt“ und „Spiegel“ unterscheiden sich erheblich. Wie es dazu kommt, und wer hinter all den Zahlen steckt, verrät der Artikel.

2. „Mediensysteme im Wandel, Fokus Naher Osten“
(de.ejo-online.eu, Nadia Leihs)
Die Autorin Nadia Leihs promoviert über „den Einfluss institutioneller Strukturen auf journalistische Inhalte und die Rolle von Medien in sozialen und politischen Transformationsprozessen am Beispiel Ägypten“. Wer sich für die spannende arabische Medienlandschaft interessiert, wird sich über ihre Buchvorstellungen von „Arabische Medien“, „Arab Media Moguls“ und den Sammelband „Medienfreiheit in Ägypten“ freuen.

3. Sperrfeuer aus dem Schützengraben der Nachdenklichkeit
(uebermedien.de, Michalis Pantelouris)
Die nach ihrem Gründer, dem umtriebigen Wirtschaftsjournalisten Roland Tichy, benannte Seite „Tichys Einblicke“ bezeichnet sich im Header als eine „liberal-konservative Meinungsseite“. Rezensent Pantelouris drückt es etwas anderes aus: „Eine dieser Parallelgesellschaften tanzt hier schonmal klar erkennbar den Apocalypso. Es ist nicht die dumpf-rassistische Gesellschaft der rechtsextremen Blubber-Blogger von „Politically Incorrect“, auch wenn die Ziele – weniger Migration, mehr Homogenität, mehr 1000-Jähriges, Kampf gegen die linksgrünen angeblichen Kinderschänderfreunde – sich oft geradezu schmerzhaft ähneln.“

4. Deutschland: Off Duty
(youtube.com, Neo Magazin Royale, Video, 2:34 Minuten)
Jan Böhmermann hat zur Vertiefung und Intensivierung seiner Männerfeindschaft mit Til Schweiger diesen, im wahrsten Sinne des Wortes, krachenden Action-Trailer im Nick-Tschiller-Style gedreht („Deutschland, Du Fotze!“). Mit dabei: Flüchtlinge, die AfD, Nazis, unzählige Tote, der (natürlich) völlig versehentlich vom Himmel geholte Weltraumhopser Felix Baumgartner und eine Kanzlerin, die ihren Vize zum Abschuss freigibt. Fünf BILDblog-Movie-Stars für großes, lispelfreies Unterhaltungskino!

5. Facebook: freundlich aber verschlossen
(ndr.de, Aimen Abdulaziz & Daniel Bouhs, Video, 5:25 Minuten)
Facebook verlangt von seinen Nutzern größtmögliche Offenheit, gibt sich selbst aber mehr als verschlossen. Die Informationspolitik nimmt groteske Züge an, wenn eine Managerin um den heißen Brei herumredet und partout keine Zahlen nennen will. Simon Hurtz („Süddeutsche Zeitung“) sollte bei Facebook in Dublin Einblicke hinter die Kulissen bekommen, doch auch hier mauerte der Konzern. „Wir konnten überhaupt nicht in den Bereich, wo die Leute normalerweise arbeiten.“ Zahlen nannte man natürlich auch nicht. Jeder deutsche Mittelständler sei auskunftsfreudiger als die Facebook-Presseabteilung, so der „SZ“-Journalist.

6. Erste Ausgabe ohne Nackte
(tagesanzeiger.ch)
Dank Internet können testosterongeplagte Männer zur manuellen Triebabfuhr auf unzähliges Bewegtbildmaterial unbekleideter Frauen zurückgreifen oder sich den Objekten der Begierde per Video bis auf Gebärmutterhalshöhe nähern. Ausgerechnet der amerikanische Playboy steuert jetzt in die Gegenrichtung und will nur noch bekleidete Frauen zeigen. Normalerweise wäre dies ein guter Zeitpunkt für die „ADAC-Motorwelt“ dem Trend zu folgen und auf Tests von E-Bikes umzuschwenken. Aber dort konzentriert man sich ja, zumindest im hinteren Teil, auf die Zielgruppe der Geronten und deren Fortbewegungsmittel (Treppenlifte).

„Ebenso böswillig wie falsch“

Jetzt, wo sich „Sport Bild“-Chef Alfred Draxler ohnehin keine Sorgen mehr um seine „REPUTATION ALS JOURNALIST“ machen muss, geben sich er und sein Blatt beim Skandalbasteln wieder mit weit weniger zufrieden als einer Intensivrecherche.

Jetzt reichen — Gerüchte.

„Nach SPORT BILD-Informationen“ soll Bayern-Fußballer Arturo Vidal nämlich während des Trainingslagers in Katar …

das Mannschaftsquartier mehrmals verlassen und bei seiner Rückkehr alkoholisiert gewirkt haben.

Die Zeitschrift beruft sich dabei auf einen „anonymen Spieler“, der jetzt „ausgepackt“ habe.

Gestern erklärte FC-Bayern-Sportvorstand Matthias Sammer auf einer Pressekonferenz, die Geschichte sei „frei erfunden“.

Ich war sehr überrascht über das, was ich jetzt gelesen habe. Das stimmt nicht und ist die Unwahrheit – dass das klar ist. Wir haben mit Arturo [Vidal] ein absolut enges Verhältnis. Natürlich sprechen wir ihn auch auf gewisse Themen an. Er selbst hat gesagt, dass da nichts dran ist – unabhängig von Katar, sondern insgesamt. Dagegen werden wir als Klub auch vorgehen – das ist ganz klar. Man versucht vielleicht mit allen Mitteln gegenüber dem FC Bayern, die Liga spannend zu machen. Aber ich kann nur sagen: Sie erreichen das Gegenteil. Wir werden noch enger zusammenrücken, das werden wir nicht zulassen. Im Fall Vidal werden wir mit allen rechtlichen Mitteln vorgehen.

Auch Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, erklärte in einer Stellungnahme im Namen des Vereins:

„Beide Behauptungen sind ebenso böswillig wie falsch.“

(Er meint die Alkohol-Geschichte und das ebenfalls von der „Sport Bild“ verbreitete Gerücht, Vidal beziehe 8 Mio. Euro netto im Jahr.)

Und Arturo Vidal selbst teilte auf seiner Instagram-Seite mit:

Die „Sport Bild“ erklärte auf Anfrage der dpa, sie bleibe bei ihrer Darstellung.

Mit Dank an Jan H. und @StrohhutPirat.

Propaganda, Logokrieg, Jugendunterforderung

1. Verheddert im Gestrüpp der Propaganda
(nzz.ch, Ivo Mijnssen)
Das ZDF strahlte Mitte Dezember einen Dokumentarfilm über den „Machtmensch Putin“ aus, in dem ein russischer Freiwilliger auftrat, der im Donbass (Donezbecken) gekämpft haben soll. Um diese Szene kam es im Anschluss zum Streit. Der Augenzeuge nahm seine Äußerungen zurück, er habe nur das erzählt, was ihm die Produzenten vorgegeben hätten. Später erklärte der Mann, vom russischen Geheimdienst zum Widerruf gezwungen worden zu sein. „Wie so häufig, wenn es um Russland geht, vermischen sich Wahrheit und Lügen zu einem Gestrüpp der Propaganda. Das ZDF ist in diesem Fall daran nicht unschuldig“, so der Schluss der „NZZ“.

2. Tiroler Tageszeitung bekämpft mit dem Urheberrecht lästiges Kündigungsportal
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Will man eine Zeitung abonnieren oder einen Vertrag abschließen, ist dies mit wenigen Mausklicks erledigt. Das Abo wieder loszuwerden, ist oft erheblich schwieriger. Infos zur Kündigung werden versteckt, die entsprechenden Seiten fies verschachtelt, oder die online so abschlussfreudigen Anbieter bestehen auf einmal auf Schriftform. Dem Nutzer die Mühen leichter machende Kündigungsportale sind da natürlich unbequem und werden auch schon mal auf fragwürdige Weise bekämpft. Und wenn´s mit dem schmutzigen Trick über das Urheberrecht wegen eines abgebildeten Logos ist.

3. “Ich finde nicht, dass unsere Themen unterfordernd sind”
(140z.de, Till Daldrup)
Die großen Zeitungen kämpfen derzeit massiv um junge Leser und haben dazu eigene Jugendportale aus dem Boden gestampft. Beim „Spiegel“ heißt das Portal „Bento“, „Bild“ versucht sich mit „Byou“ ans junge Publikum ranzuwanzen, das „Handelsblatt“ hat seit Neuestem „Orange“ im Angebot und die „Zeit“ ist mit „Ze.tt“ am Start. Ein junger Journalistenschüler spricht mit Redaktionsleiter Sebastian Horn von „Ze.tt“ und stellt ihm die kecke Frage, ob die oft banalen Themen die Leser nicht unterfordern würden.

4. Wer unbequem ist, wird vor laufender Kamera gedemütigt
(tagesanzeiger.ch, Kai Strittmatter)
An die Schreckenszeit von Maos „Kulturrevolution“ (1966-1976) erinnere das derzeitige Vorgehen der chinesischen Regierung gegen Blogger und Journalisten. Doch die Methoden hätten sich verfeinert: Heutzutage würden unbequeme Menschen nicht nur mit Haftstrafen mundtot gemacht, sondern im chinesischen Staatsfernsehen CCTV an den Pranger gestellt und gedemütigt. Die brutale Einschüchterung wirke. Immer mehr kritische Stimmen verstummten und die gesellschaftliche Debatte im Land sterbe.

5. Warum sich Radio jetzt auf den Weg in die Zukunft machen muss!
(marckrueger.tumblr.com)
Der „Rundfunkfritze“ Marc Krüger macht sich Sorgen um das Radio. Das Medium müsse sich jetzt Gedanken machen und sich auf die Zeit vorbereiten, in der mobiles Internet unbegrenzt auch in Autos, Bussen und Bahnen verfügbar sei. In seiner Analyse geht er auf die aus seiner Sicht fünf Hauptproblemfelder ein. Danach ist eins klar: Das Radio wird sich verändern müssen, will es nicht endgültig vom omnipräsenten Internet abgehängt werden.

6. Jetzt bleiben wir mal schön bei der Sache
(faz.net, Nina Rehfeld)
Der rechtskonservative Stammtischsender „Fox News“ ist in Amerika berühmt-berüchtigt. Dort sorgt nun eine Moderatorin für Furore, vor deren kühler Schärfe selbst Leute des eigenen Lagers Angst haben. So stellte die stets gut vorbereitete Megyn Kelly ihrem Interviewgast Donald Trump die Frage: „Sie haben Frauen, die Sie nicht mögen, ,fette Schweine‘, ,Schlampen‘ und ,widerliche Tiere‘ genannt. Klingt das in Ihren Ohren nach dem Temperament eines Mannes, den wir zum Präsidenten wählen sollten?“ Meist nehme sie sich jedoch Vertreter der Linken vor, so der Artikel über Amerikas derzeitige News-Autorität.

Bei Schwarzarbeit macht den Griechen keiner was vor

Die Griechen mal wieder:


(morgenpost.de)


(„Bild“-Titelseite, heute)

Die Deutschen dagegen:


(„Spiegel Online“)


(„Berliner Zeitung“)

Der Grund für die Überschriften von den fleißigen Deutschen und den schludrigen Griechen: Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) schätzt jedes Jahr den Anteil der Schwarzarbeit am Bruttoinlandsprodukt der OSZE-Länder (von „Weltmeister“, wie die Morgenpost schreibt, kann daher sowieso keine Rede sein). Heute ist die Prognose für 2016 erschienen und, was soll man sagen, die Zahlen sprechen für sich — und gegen Griechenland:

Deutsche Presse-Agentur:

Negativ-Spitzenreiter ist Griechenland mit einem Wert von 22 Prozent — fast jeder fünfte Euro, der dort erwirtschaftet wird, entstammt also der Schattenwirtschaft. Grund: Dort gelte Schwarzarbeit in der Bevölkerung als deutlich unproblematischer als in Deutschland, sagen die Experten.

„Spiegel Online“:

Negativ-Spitzenreiter ist Griechenland mit einem Wert von 22 Prozent – fast jeder fünfte Euro, der dort erwirtschaftet wird, entstammt also der Schattenwirtschaft. Der Grund: Dort gelte Schwarzarbeit in der Bevölkerung als deutlich unproblematischer als in Deutschland, sagen die Experten.

„Bild“:

Am größten ist der Schwarzarbeit-Anteil mit 22% am BIP in Griechenland.

„Berliner Morgenpost“:

Die Griechen zählen zu den negativen Spitzenreitern in der Schattenwirtschaft, dicht gefolgt von Italien, Spanien oder Portugal. Illegale Beschäftigung macht hier zwischen 17 und 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Allerdings: Es gibt auch Zahlen, die für die Griechen sprechen. Denn sie sind nicht nur bei der Schwarzarbeit Spitzenreiter — sondern auch bei deren Bekämpfung.

2004 hatte Schwarzarbeit noch einen Anteil von 28,1% am BIP. Seitdem ist sie — mit Ausnahme von 2009 und 2010 — kontinuierlich gesunken. Insgesamt um 6,1 Prozentpunkte. Darüber berichtet aber keines der erwähnten Medien. Und das, obwohl das Institut extra eine verständliche Grafik angefertigt hat:

Weil sie so gut versteckt war? Naja:

Eventuell liegt es daran, dass die Nachricht so gut zu der insbesondere von der „Bild“-Zeitung immer wieder erzählten Geschichte der faulen Griechen passt.

Und vielleicht auch daran, dass man die Studie dafür hätte lesen müssen. Dann wäre den Journalisten vielleicht sogar aufgefallen, dass eine Formulierung der dpa-Meldung, die sie übernommen haben, falsch ist: 22% Anteil am BIP ist nicht „fast jeder fünfte Euro“. 22% sind mehr als jeder fünfte, nämlich fast jeder vierte Euro.

Korrektur, 4. Februar: Einige Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die Formulierung „fast jeder fünfte Euro“ doch richtig ist. Denn die 22% beziehen sich nicht auf den Anteil der Schattenwirtschaft ​am​ BIP, sondern ​im Verhältnis zum​ BIP. Wenn zu den 100% BIP noch 22% Schwarzarbeit hinzukommen, dann ist sozusagen die Gesamtwirtschaftsleistung 122% — und davon sind 22% fast ein Fünftel. Wir bitten um Entschuldigung und danken Richard und Christoph für den Hinweis.

Die Wahrheit, Ai Weiwei, Karla Kolumna

1. Die Lügenpresse
(zeit.de, Thomas Fischer)
Prof. Dr. Thomas Fischer ist Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof und Autor des bekannten Kommentars zum Strafgesetzbuch, dem über 2.700-seitigen Referenzwerk für alle Beteiligten eines Strafprozesses. Darüber hinaus verfasst Fischer für die „Zeit“ vielbeachtete und lesenswerte Kolumnen, die jedoch wegen der zuweilen machtvollen Sprache, vielen Metaphern und miteinander verzahnten Gedanken und Schlüssen gelegentlich Schwindelgefühle verursachen können. In seinem neuesten Beitrag geht es nicht nur um „die Lügenpresse“, sondern auch um die Frage nach der privaten und der öffentlichen Wahrheit.

2. Wir sehen nicht das Bild eines toten Kindes, wir sehen ein Bild von Ai Weiwei
(zebrabutter.net, Mareike Döring)
Wenn es Bilder gibt, die sich in das sogenannte „kollektive Gedächtnis“ der Menschen eingebrannt haben, dann gehört es mit Sicherheit dazu: Das Bild des dreijährigen‎ Jungen, der auf der Flucht aus Syrien ertrank und an den Strand gespült wurde. Nun hat der chinesische Künstler Ai Weiwei für ein Foto als ertrunkenes Flüchtlingskind posiert. Die Kulturwissenschaftlerin Mareike Döring betrachtet die Aktion von verschiedenen Seiten, beschreibt ihre Störgefühle und kommt letztendlich zum Schluss: „Wir sehen etwas, das aussieht wie Inhalt, aber verlassen die Debatte umgehend, bloß mit einem Erinnerungsfoto in der Hand.“

3. RTL verdient immer mehr am Dschungelcamp
(wuv.de, Petra Schwegler)
War früher „Wetten, dass ..?“ unser kuscheliges TV-Lagerfeuer, ist es jetzt das „Dschungelcamp“ („Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“). Fast jeder schaut es, fast jeder redet davon, fast alle berichten darüber. Für RTL ist es eine Gelddruckmaschine, die nach Schätzungen der Marketing-Analytiker von Ebiquity diese Staffel Rekordeinnahmen eingefahren hat. Der Artikel verrät, wie viel Euros sich Werbekunden wie Trivago, Vodafone und McDonald’s den Spaß in der Urwaldkulisse haben kosten lassen. Und auch zur Twitterresonanz gibt’s Zahlen: Wenn´s nach der Anzahl der Erwähnungen ginge, säße jetzt die „Kämpferin aus Leidenschaft“ und „Anwältin der Armen“ (so die Titel ihrer RTL-Wegschalt-Impulsauslöser) Helena Fürst auf dem Dschungelthron.

4. Rückrufpflicht für Veröffentlichungen und Äußerungen im Internet?
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Der BGH hat sich mit der Frage befasst, ob und inwieweit eine Haftung für Folgeveröffentlichungen Dritter besteht und welche Maßnahmen derjenige ergreifen muss, der für die Erstveröffentlichung verantwortlich ist. RA Thomas Stadler fasst das Urteil wie folgt zusammen: „Was der BGH also hier postuliert, ist im Ergebnis eine Art Rückrufpflicht für rechtswidrige Äußerungen im Internet. Wer im Internet falsche Tatsachen behauptet oder sich ehrverletzend äußert, muss zumindest den ernsthaften Versuch unternehmen, auch Folgeveröffentlichungen wieder aus dem Netz zu bekommen, indem er auf diejenigen einwirkt, die seine Erstveröffentlichung weiterverbreitet haben.“

5. Im Netz der Salafisten – ein Selbstversuch
(tagesschau.de, A. Schneider)
„Wieso werden junge Menschen radikal? Wieso wenden sie sich dem Salafismus zu? Wieso ziehen sie in den Krieg des IS nach Syrien?“ Im Auftrag von „Panorama 3“ (NDR) hat ein Reporter im Netz nach Antworten gesucht und ist für zwei Wochen in die Social-Media-Welt der Salafisten eingetaucht. Im Bericht werden unter anderem die Missionierungsstrategien der Anwerber beschrieben und mit Chatauszügen dokumentiert.

6. Karla Kolumna, die rasend machende Reporterin
(journalistenfilme.de, Patrick Torma)
„Wie viele Journalistinnen verweisen wohl auf Karla Kolumna, wenn sie auf ihre fiktiven Vorbilder aus Kindheitstagen zu sprechen kommen?“, fragt uns der Autor gleich zu Beginn. Schließlich gelte die rasende Reporterin aus „Benjamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“ hierzulande als Sinnbild aufopferungsvoller und ehrlicher Berichterstattung. Doch taugt die anstrengende Zeichentrick- und Hörspielfigur als Beispiel für engagierten Lokaljournalismus? Nur mit Einschränkungen, wie der Autor findet.

Das Schweigerkartell

Wenn Til Schweiger eine Bühne braucht, dann darf er sich der Unterstützung der „Bild“-Zeitung jederzeit gewiss sein. Sie gibt ihm eine Plattform, macht Werbung für seine Projekte und verteidigt ihn gegen Kritik — dafür lässt er sich regelmäßig auf „Bild“-Events blicken, er beteiligt sich an ihren Aktionen, er wirbt für sie, schreibt für sie und versorgt sie stets mit exklusiven News aus seinem Privat- und Berufsleben.

Wie sehr die „Bild“-Medien und Til Schweiger diese Symbiose perfektioniert haben, lässt sich seit einigen Monaten an der gewaltigen PR-Kampagne erkennen, mit der sie gemeinsam für den dreiteiligen Schweiger-„Tatort“ trommeln (zwei Teile wurden bereits im Fernsehen ausgestrahlt, der dritte Teil läuft ab Donnerstag im Kino).

Ihren Anfang nahm diese Offensive schon vor eineinhalb Jahren.

Es ist das erste von zahlreichen noch folgenden Win-win-Interviews: Schweiger darf hier „seine von ihm entworfene Wohn-Kollektion“ vorstellen und verrät „Bild“ im Gegenzug erste Details zu seinen „Tatort“-Plänen:

Wie viele Tatort-Folgen wird es noch mit Til Schweiger geben?

Schweiger: „Wir drehen jetzt erst mal eine Doppelfolge. Die wird nächstes Jahr ausgestrahlt. Dann ist diese Geschichte im Fernsehen abgeschlossen. Vielleicht tragen wir sie dann noch weiter ins Kino.“

Was passiert nach der großen Doppel-Folge? Ist dann Schluss?

Schweiger: „Ich habe gerade meinen Vertrag für vier weitere Folgen, also vier Jahre, verlängert.“

Ermittelt bald Helene Fischer mit?

Schweiger: „Vielleicht sage ich auch: Lassen wir uns überraschen …“

Weiter geht’s am 19. September 2014 bei Bild.de:

2. Oktober 2014, „Bild Hamburg“:

22. Oktober 2014, „Bild Hamburg“:

Am 25. Oktober 2014 darf „Bild“ exklusiv verkünden:

… und fragt:

… und lässt abstimmen:

19. November 2014, Bild.de:

21. November 2014, „Bild Hamburg“:

22. November 2014, „Bild Hamburg“:

3. Dezember 2014, „Bild Hamburg“:

1. April 2015, „Bild“:

4. April 2015, Bild.de:

19. April 2015, „Bild am Sonntag“:

2. Juli 2015, Bild.de

22. Juli 2015, „Bild“:

26. Juli 2015, „Bild am Sonntag“:

5. August 2015, Bild.de:

24. August 2015, „Bild Hamburg“:

26. August 2015, „Bild Hamburg“:

Es sind die Filmarbeiten für „Tschiller, a. D.“, der erste „Tatort“-Kinofilm seit 28 Jahren (im Kino ab 25. Februar 2016).

4. September 2015, „Bild Hamburg“:

22. September 2015, „Bild“:

5. Oktober 2015, Bild.de:

12. Oktober 2015, „Bild“:

4. November 2015, Bild.de:

17. November 2015, „Bild“:

17. November 2015, Bild.de:

17. November 2015, Bild.de:

18. November 2015, „Bild“:

Dann rückt die große Stunde näher. Zwei Wochen vor der TV-Ausstrahlung besucht „Bild“ die Premiere …

… auch online sind sie ganz entzückt:

Zehn Tage vorher: großes „Bams“-Interview.

Einen Tag vorher: großes „Bild“-Interview.


Am Tag der Ausstrahlung noch mal volle Online-Power:


Und noch mal:


Und noch mal:

Doch so sehr sie sich auch bemüht haben: Der erste Teil floppt. Die Kritiker sind mittelmäßig begeistert, die Quoten vergleichsweise schwach.

So muss auch die „Bild am Sonntag“ auf der Titelseite zugeben:

Andererseits

Also lieber schnell abhaken, schließlich steht noch der zweite „Tatort“-Teil an. Dazu erst mal wieder ein Interview.

Auch online geht das PR-Geballer weiter.

2. Januar:

2. Januar:

2. Januar:

3. Januar:

3. Januar:

4. Januar:

4. Januar:


4. Januar:

4. Januar:

4. Januar:

Am selben Abend veröffentlicht Til Schweiger auf Facebook einen Text, in dem er seinen „Tatort“ als „ein Stueck deutsche Fernsehgeschichte“ und den „bahnbrechendsten seiner Art“ bezeichnet und erklärt, warum alle, die ihn nicht mindestens megamegamegageil fanden, völlig dumm sind („Weil…. ich als Filmemacher/Schauspieler/Produzent/Writer/Cutter/Composer…. viel mehr Ahnung…. ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft( Materie)….KUNST…. als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!….).

Für diesen Post erntet Schweiger ziemlich viel Kritik — so viel, dass selbst „Bild“ sie nicht mehr ignorieren kann und am nächsten Tag fragt:

Doch man merkt: So richtig kritisieren wollen die „Bild“-Leute ihren Schützling eigentlich nicht. Der Facebook-Eintrag, den „Bild“ bei jedem anderen mindestens als „bizarres Gaga-Posting“ bezeichnet hätte, bekommt nur das Prädikat „Wut-Brief“. Und online klingt auch die Überschrift schon viel versöhnlicher. Statt „Hat sich Til verballert?“ fragt Bild.de:

Dann folgt die Gegenoffensive.

Und zwar?

„Wir waren beide sehr beeindruckt!“

Klar.

Auch „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner springt seinem Buddy zur Seite, schreibt:

Til Schweigers Mann ist ein metallisches Wesen. Er ist ein Mann, der nicht mehr weint. Er ist ein Mann, der rächt. Er ist ein Mann ohne Parfum.

Er ist die Rückkehr des Mannes.

Tapfer, selbstlos, großartig. Er ist ein Held wie Herkules. Sehnen wir uns nicht alle nach einem Herkules?

Am nächsten Tag darf sich Schweiger dann ausführlich verteidigen, exklusiv in „Bild“ natürlich:

Und bei Bild.de:

Also lieber schnell abhaken und weiter im Text, schließlich steht noch der dritte Teil an, Schweigers Kino-„Tatort“.

8. Januar, Bild.de:

20. Januar, „Bild Hannover“:

29. Januar, Bild.de:

31. Januar, „Bild am Sonntag“:

Auch online nennt „Bild“ …

Es ist der vorerst letzte von bisher über 50 Schweiger-PR-Artikeln, und das sind nur die, die sich auf den „Tatort“ beziehen. In einem davon sagt Schweiger übrigens:

Ein Shitstorm kommt und geht wieder. Ich mache einfach weiter mein Ding.

Und wir ahnen auch schon, wer ihn dabei unterstützen wird.

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