Querfront, Queerfront, Querschuss

1. Zur Kritik am Artikel über eine Rechtsextremismus-Studie
(spiegel.de, Benjamin Schulz)
Die Universität Leipzig hat vor kurzem die Studie „Die enthemmte Mitte, Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“ veröffentlicht. Die Ergebnisse stießen auf große Aufmerksamkeit. Der Branchendienst „kress“ kritisierte die Berichterstattung der Medien und erwähnte explizit den Artikel von Spiegel Online: „Den Vogel schoss Spiegel Online ab – die Berichterstattung dort war so reißerisch und so selektiv, dass der Text nur noch sehr bedingt etwas mit Information des Lesers zu tun hatte, dafür umso mehr mit Klick-Zahlen und Kampagnenjournalismus.“ Der Autor des kritisierten Spiegel-Beitrags bezieht nun Stellung.

2. Was die „Zeit“ über Homophobie lernen könnte, wenn sie es denn wollte
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der „Zeit“ vom 16. Juni 2016 konnte man auf der Titelseite einen Satz lesen, der für Irritationen sorgte („Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen und Lesben.“). Johannes Kram erläuterte in seinem Beitrag „Die schrecklich-nette Homophobie der „Zeit““ , warum er den Satz für „hammerhomophob“ hält. Mittlerweile hat sich der Autor der beanstandeten Passage in den Kommentaren zu Wort gemeldet. Und macht die Sache nur schlimmer, wie Johannes Kram findet.

3. Wo die Zukunft der Unterhaltung produziert wird
(sueddeutsche.de, Michael Moorstedt)
Die deutsche Youtube-Niederlassung in Berlin hat erstmalig 16 ausgewählte Nutzer zum einwöchigen Lehrgang eingeladen. Auf dem Lehrplan standen Dinge wie Audience Development, Selbstpromotion, Kameraführung und Beleuchtung. Michael Moorstedt von der „SZ“ nimmt den Leser mit ins hippe Bootcamp der „Creator“, wie Youtube seine Videolieferanten nennt. Eine muntere Mischung der verschiedensten Genres hatte man dort zusammengeführt: Von Indie-Poesie bis zu Kiffer- und Pimmel-Witzen war alles dabei.

4. Heftige Kritik an „kress“-Bericht über „Millionen-Honorare“
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Der Branchendienst „kress pro“ hat in einem Beitrag (Überschrift: „Mein teurer Scholli“) die Honorare kritisiert, die Fußballexperten wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn bei ARD und ZDF angeblich kassieren würden. Von bis zu 50.000 Euro am Tag war die Rede. Die ARD hat mit heftigen Worten dementiert („gleicht beinahe schon vorsätzlicher Bösartigkeit“). Als Betroffener hat sich Ex-National-Torhüter Oliver Kahn auf Facebook zu den Zahlen geäußert: „Hierbei handelt es sich um eine eklatante Falschmeldung, die jeglicher Grundlage entbehrt. Kress.de verbreitet eine Fehlinformation, die bewusst Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit in Kauf nimmt und den Zuschauern die Freude an der Berichterstattung vermiesen soll. Auch die Redakteure der anderen Online-Dienste, die diese Fehlinformation ungeprüft weiterverbreiten, möchte ich an ihre publizistische Verantwortung erinnern.“

5. Neue Dimensionen des Hasses
(amadeu-antonio-stiftung.de)
Die Amadeu Antonio Stiftung hat den „Monitoringbericht zu rechtsextremen und menschenverachtenden Phänomenen im Social Web für 2015/2016“ veröffentlicht. Die Hetze in den Sozialen Medien spitze sich weiter zu. Die Dimensionen des Hasses würden von rassistischer Hetze, die Meldungen über Attacken auf geflüchtete Menschen und Brandanschläge auf Asylunterkünfte bejubeln, bis hin zur Hetze gegen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Journalisten, Verwaltung und Politik reichen. Die Vorsitzende der Stiftung Anetta Kahane: „Im Social Web beobachten wir zudem die Bildung einer gefährlichen Querfront aus unterschiedlichsten politischen Spektren, die aber zunehmend einen gemeinsamen Nenner finden und das ist der »Hass gegen das System.“ Link zum Bericht in voller Länge.

6. Nackt im Kartenhaus: Der Enthüllungsjournalismus der Zoe Barnes – House of Cards
(journalistenfilme.de, Patrick Torma)
Patrick Torma hat sich die hochgelobte Netflix-Serie „House of Cards“ näher angesehen. Obwohl man an anderer Stelle viel Gutes über die Serie sagen könne, zeige sich „HoC“ in der Darstellung von Journalistinnen reichlich reaktionär.

Stimmungsmache, Meinungsmache, Videomache

1. Ein Spektakel der Medien
(de.ejo-online.eu, Stephan Russ-Mohl)
An verschiedenen Stellen wurde den britischen Medien der Vorwurf gemacht, bei der Entscheidung über den Brexit Stimmung gemacht und sich zum Teil der Leave-Fraktion gemacht zu haben. Auch Journalismus-Professor Stephan Russ-Mohl findet kritische Worte über die Rolle der Medien im Vereinigten Königreich. Diese hätten ihre Macht missbraucht, Ausnahmen wie „Guardian“, „Financial Times“, „Economist“ und die „BBC“ hätten dem offenbar zu wenig entgegenzusetzen.

2. A!122 – Claus Klebers “Silicon Valley”
(aufwachen-podcast.de, Stefan Schulz & Tilo Jung & Jörg Wagner)
Vor einigen Tagen lief im ZDF die Claus-Kleber-Doku „Schöne neue Welt – Wie Silicon Valley unsere Zukunft bestimmt“ (Link zum Film in der ZDF-Mediathek.) Die aufwändig produzierte Dokumentation erhielt viel Lob, z.B. von der „FAZ“. Doch es gab auch Kritik. Im Aufwachen-Podcast haben Stefan Schulz (Buchautor „Redaktionsschluss“), Tilo Jung (Youtubekanal „Jung und Naiv“) und Medienmagazin-Macher Jörg Wagner zwei Stunden über den Film gestritten. Gut investierte Hörzeit, um sich eine eigene Meinung zu Film und Gesamtthematik zu bilden.

3. Investigativer Journalismus, Teil 3: Eine kritische Betrachtung
(fachjournalist.de, Ann-Kathrin Lindemann)
Im dritten Teil der Artikelserie über investigativen Journalismus werden Probleme und Grenzen des Genres behandelt. Es geht dabei um ethische Gesichtspunkte wie z.B. die Gefahr einer Instrumentalisierung durch Dritte. Im Ausblick geht es schließlich um das leidige Thema Finanzen und das Für und Wider der Finanzierungsalternative Crowdfunding.

4. „Ich bin kein Fotoroboter“
(freitag.de, Hendrik Hassel)
Christoph Bangert arbeitet als Fotograf in Krisengebieten, unter anderem für internationale Zeitungen wie die „New York Times“. Von seinen Reisen in Kriegsberichte bringt er jedes Mal Bilder zurück, die von keiner Zeitung gedruckt wurden. Vor zwei Jahren hat er einige der das Leiden und Sterben im Krieg dokumentierenden Bilder im Band „War Porn“ zusammengefasst. Nun ist sein neues Buch „Hello Camel“ erschienen, bei dem es vor allem um die Absurdität des Krieges geht.

5. Live, exklusiv und unterhaltend: Was wir von Happy Snapping für Snapchat lernen können
(zeitgeist.rp-online.de, Henning Bulka)
Online-Redakteur und Snapchat-Fan Philipp Steuer hat in Hamburg mit drei Mitstreitern ein Event zum Thema organisiert, das mit 200 Besuchern aus allen Nähten platzte. Inhaltlich ging es um die Frage, wie der Instant-Messaging-Dienst bei der journalistischen Arbeit eingesetzt werden kann. Der Social-Media-Redakteur bei „RP Online“ Henning Bulkau hat zusammengefasst, was er aus der Veranstaltung für sich an Erkenntnissen mitgenommen hat.

6. Wie ein „Handelsblatt“-Reporter die Weltdienste narrt: Agenturen ziehen „Fake“-Bild zum Brexit zurück
(kress.de, Bülend Ürük)
Der Handelsblatt-Korrespondent Mathias Brüggmann rühmt sich auf der Webseite des „Handelsblatt“ mit einer Undercover-Aktion. Er habe sich mit Union-Jack-Papphütchen, Papierfähnchen und „Vote to leave“-Sticker ausgestattet, auf die Wahlparty der rechtskonservativen Brexit-Befürworter Ukip begeben. Um möglichst dicht an die Ukip-Führung heranzukommen, wie er sagt. Brüggmann wird von großen Nachrichtenagenturen als Brexitbefürworter abfotografiert, die Fotos gehen zunächst um die Welt, werden jedoch nach Bekanntwerden des Schwindels wieder gelöscht. Bülend Ürük von „kress.de“ steht der Aktion skeptisch gegenüber und fragt: „Was wollte der deutsche Journalist erreichen?“

Gezahlt, Geklebt, Gewürdigt

1. Zukunft des Journalismus: Von der Absicht, eine Paywall zu errichten
(heise.de, Markus Schwarze)
Marcus Schwarze weiß als Leiter „Digitales“ bei der „Rhein-Zeitung“ in Koblenz um die Schwierigkeiten der Onlinevermarktung. In seinem Beitrag bei „Heise“ schreibt er über die Mühen der Branche und die des eigenen Blatts, das mittlerweile komplett hinter einer Paywall steht. Es sind teilweise ernüchternde Zahlen, die Schwarze dort verrät. So müsse man z.B. bei der Zusammenarbeit mit Einzelartikelvermarkter „Blendle“ gewaltige Abzüge hinnehmen: Die Rückgaberate liege bei der Rhein-Zeitung bei rund 30 Prozent, weitere 30 Prozent würden vom kostenlosen Anfangsguthaben „bezahlt“.

2. ZDF-Werbechef: „Discovery muss auf die Schnauze fallen“
(dwdl.de, Marcel Pohlig)
Im August starten in Rio die Olympischen Spiele, doch ob die Öffentlich-Rechtlichen die Übertragunsrechte erwerben, ist noch nicht entschieden: Die Preise sind explodiert und die Verhandlungen zwischen Vermarkter „Discovery“ und Öffentlich-Rechtlichen sind festgefahren. Der Chef des ZDF-Werbefernsehens soll sich recht eindeutig über den Vermarkter geäußert haben: „Meiner Meinung nach müssen die auf die Schnauze fallen, damit wir beim nächsten Mal die Chance haben, wieder dranzukommen“

3. Schmids Reisen
(sueddeutsche.de, Claudia Tieschky)
Ausgerechnet der oberste Lobbyist des Privatfernsehens werde im Oktober neuer Direktor der Medienaufsicht in NRW. „Kann das funktionieren?“, fragt Claudia Tieschky in der „SZ“ und macht gleich mit weiteren Fragen weiter: „Was trieb ihn in dieses Amt (in dem er nicht schlecht, aber weniger verdient als jetzt)? Schickt ihn RTL als Geheimwaffe in die Aufsicht? Kann einer wie er die nötigen Einwände gegen Privatsender vortragen, gegen, sagen wir Sachen wie Werbeverstöße?“

4. Kleb’s ab
(zeit.de, Eike Kühl)
Wie gute Beobachter festgestellt haben wollen, verwendet Mark Zuckerberg ein Notebook mit abgeklebter Webcam. Was im Netz zu Belustigung geführt hätte: „Denn klar, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Facebook-CEO seine Webcam abklebt. Schließlich fordert sein Unternehmen die Nutzer ständig auf, möglichst viele Bilder und Livevideos aus ihrem Alltag aufzunehmen, gewissermaßen stets auf Sendung zu sein und sich nicht so viele Gedanken über ihre Privatsphäre zu machen.“ Eike Kühl votiert trotzdem für den geklebten Datenschutz: „Mit Paranoia hat das wenig zu tun. Im Gegenteil, im Zeitalter der Hacker und Massenüberwachung kann ein wohlplatziertes Stück Karton nicht schaden.“

5. Facebook bezahlt für Live-Videos Millionen
(infosperber.ch)
Facebook will mit Macht ins Live-Video-Geschäft und lässt sich das einiges kosten: Mehr als 50 Millionen Dollar bezahle das Unternehmen reichweitenstarken Teilnehmern, die das Feature nutzen. Etwa 140 Verträge hätte Facebook dazu abgeschlossen, unter anderen mit News-Outlets wie „CNN“, der „New York Times“, „BuzzFeed“ sowie einigen prominenten Einzelpersonen und Organisationen.

6. Der Volks-Reporter
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Seit 1984 berichtet Ulli Zelle für die „Abendschau“ des „rbb“. Stefan Niggemeier hat die Berliner Reporterinstitution bei der Arbeit begleitet und ein Porträt verfasst, das zugleich Würdigung ist.

„Ich habe heute leider kein Foto für dich“ – „Kein Problem“


Danke an Florian S.

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Danke an Peter H.

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Danke an Frank K.

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Danke an Chris K.

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Danke an Pascal G.

Verstörung, Ernüchterung, Aufheiterung

1. Die schrecklich-nette Homophobie der „Zeit“
(nollendorfblog.de, Johannes Kram)
In der „Zeit“ konnte man letzte Woche einen auch im Kontext verstörenden Satz lesen: „Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen und Lesben.“ Nollendorfblogger Johannes Kram ordnet das Geschriebene ein („Dieser Satz ist ein Hammer.“) und führt aus, warum ihm die seit Jahren weiterschreitende Martensteinisierung der „Zeit“ nicht gefällt.

2. Ernüchterung bei lokalen Online-Zeitungen
(ndr.de, Charlotte Horn)
In den letzten Jahren haben freie Journalisten und Blogger eigene Stadtteilzeitschriften und Regionalmagazine fürs Netz entwickelt. Viel Geld, Zeit und Liebe wurde verwendet, doch nun macht sich Ernüchterung breit: Der Zuspruch ist groß, aber es fehlt schlicht an Einnahmen.

3. Frankfurter Allgemeine bringt das Premiummagazin „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ an den Kiosk
(verlag.faz.net)
Die „FAZ“ kündigt in einer Pressemitteilung ein neues Magazin an, das den „analytischen Scharfsinn und den intellektuellen Anspruch der F.A.Z. mit Opulenz, Sinnlichkeit und Eleganz verbindet“. Das Magazin „richtet sich an kluge, vielseitig interessierte und einkommensstarke Leserinnen und Leser, die auf hohem Niveau informiert und unterhalten werden möchten.“ Nun ja, zumindest „einkommensstark“ kann man bislang bestätigen: Das Heft soll 12 Euro kosten.

4. Von mächtigen Politikern und Vaterlandsverrätern: Pressefreiheit in Nordeuropa
(de.ejo-online.eu, Clemens Bomsdorf)
Island belegt auf dem Demokratieindex der Zeitschrift „The Economist“ den dritten Platz. Seit einiger Zeit nimmt die Politik aber immer mehr Einfluss auf die Medien, berichtet Clemens Bomsdorf. Aktuellstes Beispiel sei der Vorstoß des Premiers Gunnlaugsson, die Ausstrahlung eines Interviews, in der er auf seine Panama-Konten angesprochen wurde, zu verhindern. Doch der Vorstoß missglückte und das Interview hätte Gunnlaugsson letztlich zum Rücktritt gezwungen. Am 25. Juni werde in Island nun ein neuer Präsident gewählt. Der Artikel berichtet, wie es derzeit um die isländische Medienlandschaft bestellt ist.

5. Justizminister wollen Whistleblower schützen
(journalist.de, Monika Lungmus)
Die Justizminister der Bundesländer apellierten auf ihrer Konferenz an die Bundesregierung, das Thema „Whistleblower“ wie angekündigt noch in dieser Legislaturperiode aufzugreifen und entsprechende Schutzregeln einzuführen. Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung von frühzeitigen Hinweisen auf Missstände in Unternehmen, Behörden und Organisationen und im Hinblick auf internationale Vorgaben solle die Bundesregierung prüfen, „ob der Schutz von Hinweisgeberinnen und Hinweisgebern einer gesetzlichen Regelung bedarf“. Das Land Brandenburg habe darauf hingewiesen, dass es für Whistleblower wegen der derzeit fehlenden gesetzlichen Regelung keine Rechtssicherheit gäbe. Sie könnten nur im Nachhinein durch Arbeitsgerichte feststellen lassen, ob ihr Handeln rechtmäßig war.

6. Komik in der Depression
(sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Auf der Suche nach einem neuen Podcast? Vielleicht geben Sie dem englischsprachigen „Trumpcast“ eine Chance, in dem jede Woche über die neuesten Wunderlichkeiten von Präsidentschaftsbewerber Donald Trump berichtet wird. Ohne dass es bislang zu Racheaktionen des Geschmähten gekommen sei, wie „SZ“-Autor Matthias Kolb anmerkt.

Satzverlust, Autorengewinn, Orakelbilanz

1. Beitrag Steinmeiers erscheint in Russland ohne Ukraine-Bezug
(faz.net, Majid Sattar & Reinhard Veser)
Die „FAZ“ berichtet von einem merkwürdigen Satzverlust: Zum 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion hätte Bundesaußenminister Steinmeier einen Gastbeitrag geschrieben, in dem er auch die Ukraine-Politik Putins kritisiert hätte. („Die völkerrechtswidrige einseitige Veränderung von Grenzen und die Nichtachtung der territorialen Integrität von Nachbarstaaten – all das führt uns in überwunden geglaubte Zeiten zurück, die sich niemand wünschen kann.“) In den auf Russisch veröffentlichten Versionen des Beitrags in der ukrainischen Zeitung „Serkalo Nedeli“ und der weißrussischen Zeitung „Sowjetskaja Belorussija“ sei der Satz enthalten. Die russische Zeitung „Kommersant“ hätte nach Informationen der „FAZ“ von der deutschen Botschaft in Moskau jedoch eine Übersetzung erhalten, in der dieser Passus fehlte. Das Auswärtige Amt bedauere den Vorgang und spreche von der Weitergabe einer „nicht autorisierten Fassung“.

2. Darf Lünstroth wieder?
(seemoz.de, H. Reile)
Beim „Südkurier“ in Konstanz wurde ein langjähriger Journalist abgemahnt und in die Schreibtisch-Verbannung geschickt. Über die exakten Gründe wurde und wird fleißig spekuliert, vielen erscheint es als Strafe für allzu kritische und offene Berichterstattung. Einen ausführlichen Bericht zur Causa Südkurier kann man bei der „Kontext Wochenzeitung“ lesen, die den von unterschiedlichsten Interessenlagen geprägten Konflikt zusammengefasst hat. Nun wurde der seit rund einem Monat mit Schreibverbot belegte Südkurier-Redakteur wieder auf der Pressebank einer Kulturausschuss-Sitzung gesichtet.

3. 10 (ideale) Tugenden und Werte für junge Journalisten von Morgen
(vocer.org, Marcus Nicolini)
Marcus Nicolini ist Leiter der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung und bildet seit 16 Jahren Journalisten aus. In zehn Thesen stellt er vor, was seiner Meinung nach an persönlichen Kompetenzen, Werten und Tugenden erforderlich sei, um in den Journalismus zu starten. Einiges davon können sich auch erfahrene Kollegen in Erinnerung rufen.

4. Rekordausschüttung für Autoren
(journalist.de, Monika Lungmus)
Warmer Geldregen für Autoren: Die VG-Wort konnte ihre Einnahmen nahezu verdoppeln, da die Geräteindustrie nachträglich gut 155 Millionen Euro als Reprografie-Abgabe an die Verwertungsgesellschaft abführt. Verantwortlich für diesen außergewöhnlichen Zuwachs sei eine Vergleichsvereinbarung, die die VG Wort mit dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) abschließen konnte. Darin ging es um strittige Druckervergütungen für den Zeitraum von 2001 bis 2007, die nun pauschal abgegolten wurden. Hinzu kämen noch etwaige Nachzahlungen, die sich aus dem jüngsten BGH-Urteil ergäben.

5. Werner Reinke: „Das Radio begeht gerade Selbstmord“
(dwdl.de, Alexander Krei)
Das Medienmagazin „dwdl“ hat mit dem Hörfunkmoderator Werner Reinke gesprochen, der vielen als Radiolegende gilt. Reinke sieht die Zukunft des Radios düster, aber nicht ausweglos: „Das Medium Radio begeht gerade Selbstmord. Einen sehr schleichenden zwar, aber es begeht Selbstmord. Wir Radioleute müssen viel schneller reagieren auf die neuen Anforderungen und Konsumgewohnheiten, sind viel zu träge in dem, was wir machen. Neue Konkurrenz wie Spotify und Last.fm nehmen wir viel zu wenig wahr. Wir müssten jetzt endlich anfangen, intelligente Inhalte zu liefern, um ein Einschaltradio zu machen. Die Playlists, die hier Land auf, Land ab laufen, kann Ihnen Spotify zu jeder Zeit bieten, nicht aber den Mehrwert, der entsteht, wenn wir konsequent auf gute Inhalte setzen würden.“

6. EM 2016: Orakeltiere suchen ein Zuhause
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz, Video, 3:11)
„Wir wissen, wer Europameister wird! Exklusiv! Naja, nicht ganz. Alle wissen, wer Europameister wird. Und alle wissen etwas anderes. Im Fernsehen haben sie Gockel befragt. Und Stachelschweine. Und Glaskugeln. Echt wahr!“

Aufsatz, Einsatz, Umsatz

1. 8 Themen, über die Medienethiker jetzt nachdenken müssen
(journalist.de)
Der Mediensoziologe und Professor für Journalismus und Digitale Kommunikation Stephan Weichert hat einen Essay über ethische Grundsätze in der digitalen Medienwelt verfasst. Es gäbe zwar den Pressekodex, Ethikregeln müssten jedoch im Praxistest ständig neu angepasst werden. „journalist.de“ veröffentlicht online eine Kurzfassung seines Aufsatzes, in dem es um acht medienethische Konfliktfelder geht: von Video-Livestreaming, dem Einsatz von Drohnen und Roboterjournalismus bis hin zu Big Data und „Info-Snacking“.

2. Erdogan verliert Rechtsstreit gegen Springer-Chef
(faz.net)
Der klagefreudige türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat eine weitere juristische Niederlage in Deutschland erlitten: Das Oberlandesgericht Köln wies seine Beschwerde gegen eine frühere Entscheidung des Landgerichts Köln zurück. Es ging um die Aussagen des Axel-Springer-Chefs Mathias Döpfner, der sich in der Causa Erdogan-Gedicht mit Jan Böhmermann solidarisiert hatte. Revision ist nicht mehr möglich. Erdogan könnte jedoch Verfassungsbeschwerde einlegen.

3. Jenseits von Kriegen, Krisen und Klischees – wie die Plattform JournAfrica das Afrikabild deutscher Medien verändern will
(get.torial.com, Tobias Lenartz)
Bericht über das erste deutschsprachige Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika „JournAfrica!“. Die Idee dahinter: Afrika hätte 54 Länder, 1 Milliarde Bewohner, hunderte Ethnien und tausende Sprachen. Der Kontinent und damit der Bedarf an Informationen werde immer wichtiger. Die Zahl deutscher Afrikakorrespondenten ließe sich jeodch an zwei Händen abzählen. Außerdem werde das Netz seit Jahren dünner, würden Korrespondentenstellen abgebaut. Mit dem relativ jungen Journalismusnetzwerk und Medienportal will man dem entgegenwirken und bietet über ein Korrespondentennetzwerk Analysen, Reportagen und Hintergrundberichten an.

4. 10 Dinge, die wir in drei Jahren Crowdspondent gelernt haben
(vocer.org, Lisa Altmeier & Steffi Fetz)
Lisa Altmeier und Steffi Fetz recherchieren in aller Welt. Finanziert wird das ganze per Crowdfunding. Ihr Projekt „Crowdspondent“ wird nun drei Jahre alt. Die beiden Journalistinnen erzählen, was sie in dieser Zeit gelernt haben.

5. Facebook Instant Articles: Unser t3n-Fazit nach 30 Tagen Testlauf
(t3n.de, Andreas Weck)
Die von Haus aus digitalaffine Webseite „t3n“ hat Facebooks „Instant Articles“ ausprobiert und berichtet nach einem Monat über ihre Erfahrungen. „Was haben wir nach 30 Tagen Instant Articles gelernt? Vor allem, dass Facebook der Werbebranche und den Vermarktern gehörig Beine machen wird, was Mobile Ads angeht.“ Interessanter Praxisbericht, der auch Einblick in sonst meist unter Verschluss gehaltene Zahlen gewährt.

6. Vom Mythos des Verlegers
(bilanz.de, Bernd Ziesemer)
Kolumnist Bernd Ziesemer war selbst langjähriger Handelsblatt-Chefredakteur. Nun zieht sich der Verleger und geschäftsführender Gesellschafter des Handelsblatts, Dieter von Holtzbrinck aus dem Geschäft zurück. Anlass für Ziesemer, über den „Mythos des Verlegers“ zu schreiben. Ziesemers Bilanz: „Innovationen blieben über Jahrzehnte ein Fremdwort in deutschen Zeitungshäusern. Stattdessen gefielen sich die Verleger in der Rolle des kleinen Königs, der sich am Sitz seiner Redaktionen hofieren ließ wie ein Duodezfürst. Am Schluss hielten sie sich selbst für große Unternehmer – bis die erste Krise kam im Jahr 2000. Seitdem ist das Bild des Verlegers hinlänglich beschädigt. Außer Leute zu entlassen und Kosten zu drücken fiel den meisten Verlegern nicht viel ein. Oft sogar gar nichts.“

Selbstversuch, Selbsterklärend, Selbstverliebt

1. Verhaftung von ROG-Korrespondent
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Türkei hat den langjährigen Korrespondenten von „Reporter ohne Grenzen“ Erol Önderoglu verhaftet. Gestern verurteilte ein Gericht in Istanbul den Journalisten und Menschenrechtsaktivisten wegen angeblicher Terrorpropaganda. Önderoglus Vergehen: Er hatte, zusammen mit anderen nun ebenfalls angeklagten Journalisten, eine pro-kurdische Zeitung unterstützt. „Reporter ohne Grenzen“ fordert die sofortige Freilassung ihres Korrespondenten und aller anderen in der Türkei inhaftierten Journalisten.

2. Hier ist Facebook mit der Tagesschau…
(universal-code.de, Christian Jakubetz)
Medienkenner Christian Jakubetz hat sich den „Digital News Report“ von Reuters angeschaut. Während sich Fernsehen und Netz als News-Quellen über die letzten drei Jahre stabil gehalten hätten, würden die Nutzungswerte für Print steil in den Keller rauschen. Die guten TV-Werte seien jedoch trügerisch, da hier altersbedingt mit Verlusten zu rechnen sei. Und auch im Netz selbst vollziehe sich ein Medienwandel: Zu Lasten der normalen Webangebote und zu Gunsten der sozialen Netzwerke. (Weitere Zahlen aus der Reuters-Studie siehe auch Michael Kroker im Blog der Wirtschaftswoche)

3. Eine Woche News per Snapchat: Ein journalistisches Experiment
(netzpiloten.de, Bill Adair)
Der amerikanische Journalismus-Prof Bill Adair hat einen Selbstversuch gestartet: Obwohl bereits mittleren Alters und damit außerhalb der demografischen Zielgruppe, hat er eine Woche nur auf Snapchat verbracht. Weg von „New York Times“, „Washington Post“ und „Politico Playbook“ und hin zu den „leichteren Snacks“, wie er die Snapchat-Angebote von „CNN“, „Wall Street Journal“, „ESPN“ und Co. nennt. Er lobt die Werbeclips („erstaunlich cool“), moniert die zu seltene Aktualisierung der Inhalte und wünscht sich keine weitere Niveauabsenkung.

4. Mehr Mut zum Alter im Fernsehen
(handelsblatt.com, Hans-Peter Siebenhaar)
Das Wiedersehen mit der 73 Jahren alten Dagmar Berghoff in den ARD-„Tagesthemen“ werfe Fragen auf: Warum werden Nachrichtensprecherinnen früher ausrangiert als ihre männlichen Kollegen? Hans-Peter Siebenhaar plädiert in seiner Medienkommissar-Kolumne für weniger Altersdiskriminierung und mehr Fairness.

5. Black Box: Wie man ein Erklärformat entwickelt
(vocer.org, Gerret von Nordheim )
Diplom-Journalist Gerret von Nordheim hat mit „Blackbox.wiki“ eine Plattform geschaffen, auf der aktuelle wirtschaftspolitische Themen kontextualisiert werden sollen. Im Gespräch mit „Vocer“ erklärt er, was hinter der Idee steckt und warum seine Entwicklung herkömmlichen Erklärvideos überlegen sei.

6. Photo: The most millennial post-game victory celebration ever
(qz.com, Selina Cheng)
Ein Instagram-Foto aus der Umkleide der argentinischen Fußballer (nach ihrem Sieg gegen Venezuela, der den Weg fürs Halbfinale des Copa America freimachte). „When you know you can swoop up 134,000 likes on Instagram and 354,000 on Facebook with your post-victory shot, what else could possibly be more important than getting back to your locker and smartphone?“

Experimentierfeld, Textfeld, Fussballfeld

1. Was ein Reporter erlebt, der das Gespräch mit den „Lügenpresse“-Kritikern sucht
(Christian Fuchs, blog.zeit.de)
Im Blog der „Zeit“ schreibt Christian Fuchs von den vergeblichen Bemühungen, mit den Machern des Magazins „Compact“ ins Gespräch zu kommen. Dahinter stand der Wunsch, ein Porträt über den überraschenden und seltenen Auflagenerfolg des neuen politischen Magazins anzufertigen. Doch die Sache gestaltet sich schwieriger als erwartet. Zwar habe man mit über 60 Personen aus dem Umfeld der Zeitschrift, mit Weggefährten des Chefredakteurs und mit Experten im In- und Ausland gesprochen, die Magazinmacher hätten sich jedoch bis zum Schluss beharrlich verweigert.

2. Zeitung wird zum Buchstabenkino
(faz.net, Adrian Lobe)
Spleen oder kluges Investment? Immer mehr Milliardäre legen sich renommierte Zeitungen zu. Nun hat der Biotech-Unternehmer Patrick Soon-Shiong die bekannten, amerikanischen Blätter „Los Angeles Times“ und „Chicago Tribune“ gekauft. Soon-Shion wolle „experimentieren“ und die Blätter zu einem „Technologie-Hub“ voller künstlicher Intelligenz umbauen, berichtet Adrian Lobe in der „FAZ“. Es stelle sich die Frage, ob der Unternehmer den Journalismus wirklich revolutionieren oder Zeitungen nur als Experimentierfeld für seine Biotech-Unternehmungen nutzen wolle.

3. Silent News
(heise.de, Hans-Jürgen Krug)
Angeblich sollen 80 Prozent aller Facebook-Nutzer Videos im Silent-Modus, also mit abgeschaltetem Ton, nutzen. Die Medien haben darauf reagiert und statten ihre Nachrichtenclips mit Untertiteln aus. Doch um geklickt zu werden, bedarf es mehr. Und deshalb würden in den Filmschnipseln, wie beim Beispiel „heute plus“, zunehmend große grelle Textbanner mit Fragen eingeblendet. „“Facebook first“ verändert nicht nur die – zeitliche – Platzierung von Neuigkeiten. Es prägt auch zutiefst ihre Machart. Silent Audioplay macht Nachrichten zu Worthäppchen. Gelbe Kästchen erzählen eigene Geschichten.“

4. „Planwirtschaftliches Fernsehen“
(taz.de, Klaus Raab)
Die „taz“ hat mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister über die Gegenwart der deutschen Talkshow gesprochen. Hachmeister auf die Frage, warum es derart viele Talkshows gäbe: „Weil es planwirtschaftliches Fernsehen ist. Man kann ungefähr die Quote absehen. Es ist im Vergleich zu anstrengenden Recherchen billig. Und es schafft eine strukturelle Regelmäßigkeit, die den Programmmanagern gefällt. Risikovermeidung ist das Lebenselexier technokratischer Programmplanung.“

5. Absurder Streit um Syrien-Berichterstattung
(Petra Sorge, cicero.de)
Vor einigen Tagen hat der Presserat eine sogenannte Missbilligung gegen die Syrien-Berichterstattung von „bild.de“ ausgesprochen. „Bild Online“-Chef Julian Reichelt veröffentlichte daraufhin einen offenen Brief und bezeichnete den Presserat als „Handlanger des Kreml“. Petra Sorge vom „Cicero“ erklärt, warum für sie bei dem Konflikt beide Seiten kein gutes Bild abgeben würden.

6. Gauland
(facebook.com, Maxim Biller)
„Nachdem der stellvertretende Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, in einem „Kicker“-Interview über Omri Bunsenstein, den Mittelfeldregisseur von Makkabi Wedding, gesagt hatte, die Leute fänden ihn zwar als Fußballspieler gut, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben, erklärte der Trainer von Makkabi Wedding, niemand fände Bunsenstein als Fußballspieler gut, schon gar nicht er selbst, aber er müsse ihn trotzdem immer aufstellen, weil ohne die Spenden von Bunsensteins Vater Makkabi Wedding längst pleite wäre.“

Bildungsurlaub für die Redaktion


Danke an Dominik G.

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Danke an Christoph H.

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Danke an Katja A.

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Danke an Justus M.

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Danke an Dirk B.

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