Tabubrecher „Bild“

„BILD bricht das letzte Geld-Tabu – und sagt, was die Deutschen wirklich verdienen.“

So stand es gestern in „Bild“ unter der Titelschlagzeile (siehe Ausriss). Und während man sich noch fragt, wie oft so ein „letztes Geld-Tabu“ eigentlich gebrochen werden kann (und nebenbei ein wenig googelt), hat man auch schon die Antwort gefunden: offenbar alle 19 Monate.

Hieß es doch noch im Mai 2004 in „Bild“:

„BILD bricht das große Tabu, druckt in einer neuen Serie Deutschlands Gehaltslisten.“

Und nicht nur das: So mancher Bruttoverdiener von 2005 (also u.a. DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp, Radrennfahrer Jan Ullrich, VW-Chef Bernd Pischetsrieder, Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher, RWE-Chef Harry Roels, Post-Chef Klaus Zumwinkel, ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz, Handballspieler Stefan Kretzschmar, Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, IG-Metall-Chef Jürgen Peters, Schering-Chef Hubertus Erlen oder der Bundespräsident) war schließlich auch schon damals, vor 19 Monaten, mit von der Partie gewesen. Dass also der IG-Metall-Chef beispielsweise vor 19 Monaten noch 16.900 Euro pro Monat verdient haben soll und jetzt angeblich 563 Euro pro Tag verdient, ist also weniger ein Tabu-Bruch als gewöhnliche Arithmetik.

Und mal abgesehen davon, was von solchen (u.a. auf „Branchenschätzungen“ beruhenden) „Bild“-Gehaltslisten und Tabubrüchen überhaupt zu halten ist: Dass es ein Tabu-Bruch sein soll, gesetzlich festgelegte Politikerdiäten oder längst veröffentlichte Jahresbezüge Monate später noch einmal zusammenzusammeln, ist ebenso kurios wie die Tatsache, dass der FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle und der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt von „Bild“ gleichermaßen als „FDP-Chef“* bezeichnet werden.

PS: Vor einem allerletzten Geld-Tabu schreckt „Bild“ selbst bislang allerdings immer noch zurück, weshalb wir hier noch einmal auf die „Berliner Zeitung“ vom 31.7.2004 verlinken wollen, die damals aus aktuellem Anlass darauf hinwies, dass Springer-Chef Mathias Döpfner pro Jahr „auf geschätzte 5 Millionen Euro kommen“ dürfte, was ja (nach „Bild“-Berechnung) immerhin ca. 13.698,63 Euro* pro Tag wären.

*) Branchenschätzungen