„Bild“ lässt Siebenjährigen auf Lehrerin einstechen

Ein 18-Jähriger ersticht aus Eifersucht seine Freundin (17). Ein Siebenjähriger rammt seiner Lehrerin ein Messer in den Bauch. Ein 15-Jähriger ersticht seine Mitschülerin (14). Ein 14-Jähriger sticht auf einem Spielplatz einen Mann ab, sagt danach: „Mir egal, hat er verdient.“

Mit dieser Sammlung beginnt die „Bild“-Redaktion ihren heutigen „Report“ zur „Messer-Angst in Deutschland“:

Ausriss Bild-Titelseite - Bis zu 300 Prozent mehr Angriffe - Messer-Angst in Deutschland - Polizei schlägt Alarm - der Report

Der Fall des Siebenjährigen, der vor knapp zwei Wochen seine Lehrerin mit einem Messer verletzt haben soll, steht wie selbstverständlich zwischen all den anderen Fällen, die laut „Bild“ und Bild.de in ihrer Häufung „ein mulmiges Gefühl“ hinterlassen. Die „Bild“-Medien stellen den Grundschüler in eine Reihe mit Jugendlichen, die grausame Verbrechen begangen haben oder begangen haben sollen, andere Menschen umgebracht haben oder umgebracht haben sollen. Schaut man sich allerdings die bisher bekannten Fakten zu dem Vorfall im baden-württembergischen Teningen an und liest sich Aussagen des Opfers durch, wirkt es alles weit weniger brutal, als es „Bild“ in den vergangenen Tagen dargestellt hat.

Doch der Reihe nach.

Am 6. März schickte eine Grundschullehrerin einen Zweitklässler aus dem Klassenzimmer, damit dieser an einem Tisch auf dem Flur nicht erledigte Hausaufgaben nachholt. Der Junge soll schon seit seiner Einschulung auffällig sein, den Unterricht stören, gegenüber Mitschülern gewalttätig sein, häufig Probleme machen. Als die Lehrerin nach dem Jungen schaut, hat dieser ein Messer in der Hand, vermutlich hat er es in der Bastelecke der Schule gefunden. Der „Badischen Zeitung“ sagt die Lehrerin (Artikel nur mit Abo lesbar), sie habe den Jungen aufgefordert, ihr das Messer zu geben. Das habe dieser nicht getan. Sie habe dann nach der Hand des Schülers gegriffen, um ihm das Messer abzunehmen. Es kam dann wohl zu einer Rangelei:

„Dann hat er zu sich gezogen und ich zu mir — da muss es dann passiert sein“, sagt die Frau. Wie genau — da sei sie aber unsicher. Sicher sei sie jedoch, dass der Junge das Messer in der Bastelecke gefunden und nicht mitgebracht habe. „Ich bin sicher, dass er es nicht geplant hat.“

Die Schilderungen der Lehrerin klingen nach einem sehr unglücklichen Ablauf mit schlimmen Folgen für sie selbst: Die etwa ein Zentimeter tiefe Stichwunde im Bauchbereich musste unter Vollnarkose operiert werden, die Frau ist bis heute krankgeschrieben, sie leide noch immer unter Panikattacken. Ihre Beschreibung des Vorfalls klingt nicht so, als wäre der Siebenjährige ein skrupelloser Gewalttäter, der geplant mit Waffen auf andere Menschen losgeht.

Genau dazu macht ihn aber ein Artikel, den „Bild“ und Bild.de (nur mit „Bild plus“ lesbar) bereits am Samstag veröffentlicht haben:

Screenshot Bild.de - Siebenjähriger sticht auf seine Lehrerin ein - Sabine T. und ihre Kollegen hatten die Behörden immer wieder vor dem Zweitklässler gewarnt

Die „Bild“-Medien schreiben:

Alle wussten, welche Gefahr von dem aggressiven Jungen (7) ausgeht. Doch es passierte — nichts. Jetzt griff der Zweitklässler zum Messer — und stach es einer Lehrerin in den Bauch!

Und:

Als sie ihm das Messer wegnehmen wollte, stach er zu!

Diese Darstellung passt nicht zum Ermittlungsstand der Polizei. Demnach ist der Junge kein Messerstecher im Sinne von: Messer greifen und aktiv zustechen. Es habe sich nicht um einen „gezielten Angriff“ gehandelt, steht in der Polizeimeldung: „Es gibt derzeit keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass der Siebenjährige seine Lehrerin bewusst verletzen wollte.“

Die Darstellung der „Bild“-Medien passt auch nicht mit der Aussage des Opfers in der „Badischen Zeitung“ zusammen — das Gerangel kommt im „Bild“-Text gar nicht erst vor. Dabei sprach die Redaktion sogar mit der Lehrerin („Doch jetzt meldet sich die verletzte Lehrerin in BILD zu Wort.“). Sie sagt in dem Artikel unter anderem: „‚Ich leide noch heute unter dem Angriff und finde es schlimm, dass das so verharmlost wird.'“ Sie meint damit wohl auch eine Aussage der zuständigen Polizeistelle, die anfangs lediglich von „oberflächlichen Schnittverletzungen“ sprach.

Den „Bild“-Artikel von Samstag griffen einige weitere Redaktionen auf. Bei „Spiegel Online“ wird der Junge zum „Messerstecher“:

Screenshot Spiegel Online - Attacke auf Lehrerin - Siebenjähriger Messerstecher war schon mehrfach gewalttätig

Bei RTL.de sticht er „auf (die) Lehrerin ein“:

Screenshot RTL.de - Teningen: Siebenjähriger sticht auf Lehrerin ein - dabei hatte die Grundschule die Behörden vor ihm gewarnt

Bei Heute.at sticht er die „Lehrerin nieder“:

Screenshot Heute.at - Bub sticht Lehrerin nieder - Polizei verheimlicht Tat

Und laut „Bild“-Ausgabe von heute hat er seiner Lehrerin also „ein Messer in den Bauch“ gerammt.

Bei dem Siebenjährigen handelt es sich offenbar um ein Kind, das größere Probleme mit Aggression hat und besondere Hilfe braucht. Es scheint sich aber nicht um einen kaltblütigen siebenjährigen Schwerverbrecher zu handeln, den man in der Titelgeschichte von Deutschlands größter Tageszeitung in einem Atemzug mit vermutlichen Mördern oder Totschlägern nennen sollte. Heinz-Rudolf Hagenacker, Bürgermeister von Teningen, warnt vor einer „medialen Vorverurteilung“ des Jungen. Ein Bürgermeister muss Redaktionen bitten, dass sie sich nicht auf einen Siebenjährigen — wohlgemerkt: Siebenjährigen (!) — stürzen.

Leider scheinen solche Hinweise nötig zu sein: Ein BILDblog-Leser, dessen Kinder nach eigener Aussage auf die Grundschule in Teningen gehen, schrieb uns, dass die Schule heute von Kamerateams und Pressemitarbeitern belagert wurde. Angeblich mussten Polizisten kommen, und Eltern ihre Kinder abholen.

Mit Dank an UK für den Hinweis!