Es war einmal: ein Knast-Mädchen

Vielleicht ist es falsch, sich „Bild“-Redakteure als Journalisten vorzustellen. Bestimmt sehen sie sich eher als Geschichtenerzähler, und beim Märchen von der „hübschen Melanie“, die von „Bild“ etwas irreführend „Miss Knast“ genannt wird, war jetzt einfach mal eine Art Zwischen-Happy-End fällig.

Denn zur Freude der „Bild“-Zeitung hat es die 22-jährige Berlinerin, die seit zweieinhalb Jahren in Brasilien im Gefängnis sitzt, weil sie mit Kokain erwischt wurde, und zwischenzeitlich an einem „Miss Knast“-Wettbewerb teilgenommen hat, „jetzt“* auf das Cover der brasilianischen Zeitschrift „Trip“ geschafft. Nun wird alles gut werden. Wenn man an Märchen glaubt. Oder der „Bild“-Zeitung.

Miss Knast macht jetzt Model-Karriere

(…) Karriere im Käfig: Verführerische Pose, heiße Spitzen-Dessous, dazu unschuldige blaue Augen und sexy Schmollmund — so macht Melanie jetzt die Brasilianer verrückt. Schon ihr Haftrichter schwärmt: „Sie ist schöner als die Bardot.“

Der Auftakt zu einer Model-Karriere — Melanies ganz große Chance?

(…) Noch bis Dezember 2007 muß sie im berüchtigten Frauenknast von Sao Paulo (649 Insassinnen) einsitzen. Dann könnte sie als Top-Model die Zelle verlassen.

„Bild“-Leser warten schon lange darauf. Schon am 21. Juni fragte „Bild“: „Ist eine Model-Karriere die große Chance der Deutschen?“ Am 23. Juni schrieb „Bild“: „Jetzt träumt Melanie von einer Karriere als Model“ und war sich sicher: „Um Jobangebote muß sie sich wohl dann keine Sorgen machen…“. Und bereits am 28. Juni berichtete „Bild“ von dem erotischen Fotoshooting.

Die aktuelle Geschichte hat „Bild“ offenkundig nicht selbst recherchiert, sondern aus der vor einem Monat erschienenen November-Ausgabe der Zeitschrift „Blond“ abgeschrieben — daher stammt jedenfalls das von „Bild“ leicht geänderte Zitat des Haftrichters. Aber „abgeschrieben“ trifft es nicht, denn der Absatz mit dem Haftrichter geht in „Blond“ noch weiter und enthält nicht ganz unwesentliche Informationen:

(…) zusammen mit einem konservativen TV-Moderator macht [der Haftrichter] gegen „Trip“ mobil: eine Gefangene im Höschen, das gehe selbst in Brasilien nicht. Moralisten versus Unterhaltungsindustrie. Ein Skandal.

Der Berliner „Tagesspiegel“ wusste vor einem Monat noch ein bisschen mehr über die unangenehmen Folgen des angeblichen Beginns einer strahlenden Model-Karriere:

(…) als die Fotos erscheinen, werden sie zum Politikum: Sao Paulos Tageszeitungen wettern, ob in den Gefängnissen alle alles dürften, sogar der Gouverneur von Sao Paulo gerät in Erklärungsnot. Und für Melanie wird der ersehnte Hauptgewinn erneut zur Niete: Weil im Gefängnis „ihre Extrawürste“ nicht mehr auf Gegenliebe stoßen, wird „Melanie tagelang bedroht“, sagt ihr Anwalt. Dann dringt die Geschichte auch noch bis Berlin-Hellersdorf durch – das Sozialamt kürzt Melanie die Hilfe und streicht sie später ganz.

Ja, das hat „Bild“ einfach weggelassen. Aber darauf kam es dann auch nicht mehr an. Denn schon die Geschichten vom ersten Platz und vom zweiten Platz bei der „Miss Knast“-Wahl seien Märchen gewesen, sagte Melanie dem „Tagesspiegel“:

Die angebliche Miss Knast Brasilien landete in der Endauswahl der Schönheiten auf den hinteren Plätzen.

*) Gleich viermal benutzt „Bild“ in dem Artikel im Zusammenhang mit den Cover-Fotos das Wort „jetzt“. Die Fotos erschienen in „Trip“-Ausgabe 132. Die aktuelle Ausgabe ist 139. „Trip“ ist eine Monatszeitschrift.

Danke an Max R. und Joachim W.!

Nachtrag, 25. November. Nur um genau zu sein: Der jüngste Artikel über die vermeintliche „Miss Knast“ ist nicht in der gedruckten „Bild“ erschienen, sondern nur bei Bild.de und vorher ähnlich in der Schwesterzeitung „B.Z.“.