„Bild“ schickt Konrad Adenauer in den Puff

Eine Warnung vorweg: Wer sich ab heute bei „Sky“ oder im kommenden Jahr im „Ersten“ vollkommen unbefleckt die Serie „Babylon Berlin“ angucken möchte, sollte besser nicht weiterlesen. Hier könnte stark gespoilert werden. Nur so viel: „Bild“ hat mal wieder ziemlichen Unsinn verbreitet.

Für alle anderen: „Bild“ hat mal wieder ziemlichen Unsinn verbreitet.

Da haben sich die Redakteurinnen und Redakteure des Boulevardblatts gerade erst vom Schock des vergangenen „Tatort“ erholt, in dem das Münchner Team in der Pornoszene ermittelte („So hat die ARD uns den ‚Tatort‘ versaut“, „Verstört brutaler TV-Sex mein Kind?“) — und dann das:

Ausriss Bild-Zeitung - ARD macht Adenauer zum Sadomaso-Freier!

… schreibt „Bild“ heute auf der Titelseite. Und auf Seite 2:

Ausriss Bild-Zeitung - ARD-Serie macht Polit-Legende zu Puff-Gänger - Das hat Adenauer nicht verdient!

Doch die ARD macht Konrad Adenauer gar nicht „zum Sadomaso-Freier“ oder zum „Puff-Gänger“. „Babylon Berlin“ macht Konrad Adenauer nicht „zum Sadomaso-Freier“ oder zum „Puff-Gänger“. Das macht allein „Bild“.

Im Blatt und beim Onlineableger Bild.de steht, die Zuschauer würden Zeuge …

wie aus Konrad Adenauer, dem Vater der Bundesrepublik, ein Puffgänger gemacht wird, der u. a. auf flotte Dreier und Peitschen-Sex steht.

Die Handlung: Ein Kölner Kommissar wird 1929 nach Berlin geschickt, soll einen heimlich gedrehten Sex-Film mit Adenauer und zwei Prostituierten beschaffen. Am Ende der ersten Folge weiht Kommissar Rath seine Berliner Kollegen ein: „Der Oberbürgermeister von Köln wird erpresst — Herr Dr. Adenauer.“ Dazu wird ein Negativ aus dem Sex-Film gezeigt, das einen Mann mit runtergelassenen Hosen und zwei Frauen zeigt, von denen eine eine Peitsche hält.

Was die vier (!) für diesen Text verantwortlichen „Bild“-Mitarbeiter nicht schreiben: Am Ende stellt sich raus, dass es gar nicht Adenauer ist, der in dem Sex-Film zu sehen ist. Der damalige Oberbürgermeister von Köln und spätere Bundeskanzler ist in der Serie also ausdrücklich kein Flotter-Dreier- und Peitschen-Sex-Fan. Das erfahren „Bild“- und Bild.de-Leser nirgendwo. Für sie steht fälschlicherweise nur fest: Es gibt in der Serie einen fiktiven „heimlich gedrehten Sex-Film mit Adenauer und zwei Prostituierten“, und die ARD ist schuld.

Dabei hätten die „Bild“-Mitarbeiter wohl wissen können, dass Adenauer in „Babylon Berlin“ nicht zum „Puff-Gänger“ gemacht wird. Bei „Spiegel Online“ sagt Stefan Arndt, der mit der Firma „X Filme“ zum Produzententeam der Serie gehört:

„Es ist fast schon lustig zu sehen, welche Kreise unsere Serie im Bezug auf Konrad Adenauer nun zieht. Wir hatten die ‚Bild‘ darüber informiert, wie sich die Geschichte entwickelt, aber natürlich wollen wir unsere eigene Serie nicht am Starttag im Pay-TV spoilern. Dass es dennoch für eine Titelgeschichte zu reichen scheint, finden wir für die Aufmerksamkeit der Serie natürlich gut, aus journalistischer Sicht ist eine solche Vorgehensweise in Zeiten wie diesen schon sehr bedenklich.“

Trotz der Informationen von der Produktionsfirma hat „Bild“ für die eigene Geschichte einige Leute aufgescheucht, die mal sagen sollen, was sie davon halten, dass die ARD angeblich was ganz Schlimmes mit Konrad Adenauer angestellt hat. Zum Beispiel Tobias Bott von der „Konrad-Adenauer-Stiftung“:

Bei der angesehenen Konrad Adenauer Stiftung ist man sprachlos. Sprecher Tobias Bott: „Das ist Fiktion und hat mit der Wahrheit nichts zu tun. Die Geschichte ist für einen Kommentar zu absurd.“

Und auch beim 72-jährigen Enkelsohn von Konrad Adenauer, der ebenfalls Konrad Adenauer heißt, hat „Bild“ nachgefragt:

Enkel Konrad Adenauer (72) zu BILD: „Von einer Erpressung irgendeiner Art ist mir überhaupt nichts bekannt, aber mit so einer romanhaften Geschichte kann man natürlich viel Aufmerksamkeit erzeugen. In der Tat war Konrad Adenauer als Präsident des preußischen Staatsrates häufig in Berlin. Er pflegte eine intensive Nichtliebe zu Berlin. Das Leichtlebige, das Vulgäre dieser Stadt liebte er überhaupt nicht. Das kann man prüde oder spießig nennen, aber es hat ihn auch vor solchen Geschichten wie in ‚Babylon Berlin‘ bewahrt.“

Zum Abschluss ihres Artikels fragen die vier „Bild“-Autoren:

Muss man den Vater der Bundesrepublik wirklich zu einem Sadomaso-Freier machen?

Die Frage würden wir gern zurückgeben.

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