„Bild“ berichtet anders

Das Verhältnis zwischen „Bild“ und der ARD ist ein ganz besonders — das zeigt nicht nur der Fall des von „Bild“ als „versaut“ bezeichneten „Tatorts“ vom vergangenen Sonntag, den die ARD daraufhin zensierte.

„Bild“ und „Bild am Sonntag“ berichten über die ARD sehr viel kritischer als andere Boulevardzeitungen, als andere überregionale Zeitungen und sogar als andere Springer-Zeitungen: Fast jeder zweite „Bild“-Artikel, in dem es in diesem Jahr konkret um die ARD ging, war negativ — in anderen Boulevardzeitungen war es nur etwa jeder fünfte Artikel, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“ war es jeder vierte*.

Das Institut aserto hat im Auftrag des NDR untersucht, wie sich die Berichterstattung von Springer-Zeitungen und Zeitungen anderer Verlage über ARD, ZDF und ProSiebenSat.1 unterscheidet. Hintergrund ist der Plan der Axel Springer AG, mit der ProSiebenSat.1 Media AG zu fusionieren. Dann wären die „Bild“-Zeitung und die Fernsehsender Sat.1, Pro Sieben, Kabel 1, N24 und Neun Live hundertprozentige Schwesterunternehmen. Und Geschwistern fühlt sich „Bild“ verbunden — das spürte vor einem halben Jahr zum Beispiel die Schauspielerin Alexandra Neldel.

Nach der Fusion hätten Springer-Zeitungen und Springer-Sender in einem noch viel stärkeren Maße die Möglichkeit, sich die Bälle zuzuspielen — auch zu Lasten der anderen Sender. Das Kartellamt prüft derzeit den geplanten Zusammenschluss.

Mehr als die Hälfte der negativen Artikel in „Bild“ über die ARD hat deren Schleichwerbeskandal zum Thema. Der brachte der ARD natürlich auch in anderen Zeitungen schlechte Presse — allerdings nicht im gleichen Maße. „Bild“ und „Bild am Sonntag“, so die Studie, „berichten erheblich häufiger und weichen auch in der Tonalität deutlich von vergleichbaren Medien wie dem ‚Express‘ oder dem ‚Berliner Kurier‘ und auch der ‚B.Z.‘ ab.“ „Bild“ veröffentlichte u.a. eine „Liste der Schande“, sprach vom „Saustall ARD“ und vom „ARD-Sumpf“ und forderte personelle Konsequenzen.

Als Ende September bekannt wurde, dass bei Sat.1 über Jahre systematisch Schleichwerbung betrieben wurde, war das Echo in „Bild“ anders: Nur drei Artikel erschienen seitdem zu diesem Thema, der letzte mit der versöhnlichen Überschrift: „Sat.1 gibt alles zu“. Die „Bild am Sonntag“, die besonders heftig die ARD wegen der Schleichwerbefälle angriff, hat bis Ende Oktober kein einziges Mal über die Vorwürfe gegen Sat.1 berichtet.

*In der Auswertung sind alle Artikel enthalten, die vom 1. Januar bis 31. Oktober 2005 erschienen sind und die ARD oder einen ihrer Sender als Institution thematisieren — also keine reinen Programmhinweise oder Kritiken von einzelnen Sendungen.