Minenfeld, Mainstream-Innovationen, Meisterreporter

1. Mit Elan ins Minenfeld
(spiegel.de, Arno Frank)
Die von „Arte“ und „WDR“ zurückgehaltene Antisemitismus-Doku beschäftigt weiter die Medien. Der „Spiegel“ attestiert dem Film handwerkliche Mängel: „Es ist von keinem richtigen Journalisten zu verlangen, über gezielten Hass und traditionelle Dummheit „ausgewogen“ zu berichten. Er sollte dann aber nicht fahrlässig Lücken lassen, durch die der Zweifel einsickern kann. Was stimmt, das muss auch sitzen. Seine Unschärfen sind es, mit denen der Film im Eifer des Gefechts seine eigene Haltung schwächt. Deshalb ist es kein Verdienst, dass diese Dokumentation nun über Umwege doch gezeigt wurde. Mit ein wenig mehr Arbeit hätte sie wesentlich mehr Wucht entfalten können.“

2. Wie Populismus digital funktioniert. Die Geschichte eines Tweets.
(fearlessdemocracy.org, Gerhard Hensel)
„Fearless Democracy“ baut eine neue Plattform auf: Für „HateAid“ sucht man aktuell Menschen, die politischen Hass im Netz erlebt haben, und denen man über einen möglichen Kooperationspartner günstig juristischen Beistand zukommen lassen will. Also twitterte man „Wir suchen Opfer pol. Gewalt im Netz für ein juristisches Pilot-Projekt. Es geht um kostenfreien jur. Beistand ggü. Angriffen. Ping us.“ Vor allem von rechter Seite gab es daraufhin Gegenwind, obwohl das Projekt ausdrücklich keiner politischen Richtung folge: „Reaktionen bisher, nachdem sich die halbe rechte Szene an unserem Tweet abgearbeitet hat: Null. Kein Tweet, keine Email, kein substanzielles Interesse an unserem Angebot. Auf kein einziges Gesprächs- oder Interaktionsangebot wurde bisher reagiert. Es geht ums Vorführen, Framen und ums Ersticken von allem, was nicht direkt ins eigene Weltbild passt.“

3. Der Spiegel und seine sinnlosen Mainstream-Innovationen – Ihr seid doch ein Nachrichtenmagazin!
(meedia.de, Stefan Winterbauer)
Der „Spiegel“ hat in letzter Zeit einige Projekte in Angriff genommen, die sich am Markt nicht durchsetzen konnten. Und neue Projekte wie eine Beilage für Luxus-Lifestyle („S-Magazin“) seien bereits in der Pipeline. Stefan Winterbauer hält wenig von der Innovations-Offensive und rät dem „Spiegel“, sich auf seine Kernkompetenz als Nachrichtenmagazin zu konzentrieren. „Der Spiegel ist nun mal nicht Bauer oder Burda oder Gruner. Was wollen sie beim Spiegel als nächste Innovation präsentieren? Ein Heft mit Rezeptideen für den Thermomix vielleicht? Oder einen Abklatsch der Landlust? Spiegel der Frau?“

4. Einst Stimme der Unterdrückten – und heute?
(deutschlandfunk.de, Sabine Rossi, Audio, 3:48 Minuten)
Nahost-Korrespondentin Sabine Rossi bescheinigt dem Fernsehsender „Al Jazeera“ einen schleichenden Verfall. Früher hätte der Sender Unterdrückten eine Stimme gegeben und den klinischen Kriegsbildern der USA etwas entgegengesetzt. Heute sei vom Vorzeige-Journalismus von damals nicht viel über geblieben. Das hab viel mit dem Geldgeber zu tun: dem Emirat Katar.

5. Wenn der „Tatort“ bei YouTube verschwinden muss
(welt.de, Christian Meier)
Christian Meier berichtet von einem kuriosen Rechtsstreit zwischen Youtube und der Produktionsfirma eines Dokumentarfilms. Ein Nutzer („Revo Luzzer“) hatte den Film ungenehmigt auf das Videoportal geladen. Darauf hatte sich die Produktionsfirma bei Youtube gemeldet und um Löschung gebeten. Dem war Youtube auch nachgekommen, doch der Uploader reichte eine Gegendarstellung ein. Es läge keine Urheberrechtsverletzung vor, denn als Rundfunkbeitragszahler sei er „Miteigentümer“ des Films. Darauf gab Youtube den Film erneut frei… Das Landgericht Leipzig gab nun der Klage der Produktionsfirma gegen Youtube statt.

6. Die scheinbar Uneitlen sind oft die allerschlimmsten
(sueddeutsche.de, Holger Gertz)
Der Schauspieler und Komiker Olli Dittrich gibt heute eine fiktive Journalistenlegende: „Der Meisterreporter – Sigmar Seelenbrecht wird 81“ (ARD, 23.30 Uhr). „SZ“-Autor Holger Gertz kennt den Film bereits und kommt zum Urteil: „Herrlicher und sehr kluger Irrsinn.“
(Der Ausgewogenheit wegen: Hendrik Steinkuhl kommt in seiner Fernsehkritik zu einem gänzlich anderen Ergebnis: „Da ist sogar der Sat.1-Fun-Freitag lustiger“ Da hilft wohl nur das eigene Urteil…)