Vercheckt

Es ist super, dass immer mehr Redaktionen und Organisationen und Gruppen und Einzelpersonen Fakten checken — egal, ob sie Schlagzeilen in Zeitungen, Behauptungen auf Websites oder Aussagen von Politikern überprüfen. Wenn beim Faktenchecken aber die Fakten nur einseitig betrachtet werden, bringt auch diese Zunahme an Faktencheckern nicht viel.

Am vergangenen Freitag hat „Correctiv“ ein Interview des FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner überprüft, genauer: eine Aussage Lindners zur Einbruchskriminalität.

„Richtig oder falsch?“ Das „Correctiv“-Urteil ist ziemlich eindeutig:

(Was wohl für fünf Pinocchio-Nasenlängen notwendig ist? Eine Aussage, die „Besonders komplett falsch“ ist?)

Doch so richtig richtig ist auch die Aussage von „Correctiv“ nicht. Christian Lindner hat mit seiner Behauptung Recht und Unrecht — je nachdem, auf welchen Zeitraum man sie bezieht.

Der FDP-Vorsitzende selbst gab keinen Zeitraum an, als er vergangene Woche in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung („Bild-plus“-Artikel) über die Einbruchskriminalität in Nordrhein-Westfalen sprach:

Leben die Menschen in NRW weniger sicher als in anderen Bundesländern?

Lindner: „Ganz offensichtlich. Die Einbruchskriminalität ist massiv gestiegen, die Aufklärungsquote aber stagniert. Die Sicherheit der Menschen leidet darunter, dass wir einen Innenminister haben, der überwiegend damit beschäftigt ist, sich selbst zu verteidigen, statt die Sicherheit und das Eigentum der Bürger. Herr Jäger ist die Verkörperung des Misstrauensvotums der Menschen in unseren Rechtsstaat.“

„Correctiv“ schreibt dazu:

Doch das ist nicht richtig. Anfang März stellte NRW-Innenminister Ralf Jäger die Polizeiliche Kriminalstatistik 2016 vor — und freute sich über den „deutlichen Rückgang“ bei den Wohnungseinbrüchen. Die Zahl der Wohnungseinbrüche ging im vergangenen Jahr um 15,7 Prozent zurück. Von gut 62.000 Fällen in 2015 auf gut 52.000 Fälle in 2016. So steht es in einer Pressemitteilung des Innenministeriums in NRW.

Das mit dem Rückgang stimmt zwar, wie man in der „Polizeilichen Kriminalstatistik für NRW 2016“ (PDF, S. 116) nachlesen kann. Die dortige Statistik zeigt aber auch, dass die Zahl der Einbrüche in NRW in der Vergangenheit, mit Ausnahme von 2014, jedes Jahr zugenommen hat:


(Draufklicken für größere Version.)

Schaut man noch ein Stück weiter zurück („Polizeiliche Kriminalstatistik — Kriminalitätsentwicklung in Nordrhein-Westfalen 2011“, PDF, S. 53), sieht man, dass die Fallzahlen Anfang des Jahrtausends höher waren als 2007, aber auch nicht so hoch wie heute:


(Draufklicken für größere Version.)

Nun wird es Christian Lindner bei seiner Aussage womöglich nicht um den Zeitraum seit 2002 gegangen sein. Für eine Beurteilung seiner Behauptung hätte man aber zum Beispiel gut die Zahlen seit 2010 nehmen können. Seitdem regiert Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen. Und seitdem ist auch der von Lindner kritisierte Innenminister Ralf Jäger im Amt. Aktuell ist Wahlkampf in NRW. Lindner wird es also vermutlich um die Leistung der rot-grünen Regierung gegangen sein. Seit der Amtsübernahme durch SPD und Grüne ist die Anzahl der Einbrüche um 17,44 Prozent gestiegen.

„Correctiv“ vergleicht stattdessen die aktuellste Fallzahl mit der aus dem Vorjahr. An anderer Stelle gibt es auch noch einen Vergleich mit der Fallzahl von vor fünf Jahren („Zwischen 2012 und 2016 ist die Zahl der Wohnungseinbrüche in NRW um 2,9 Prozent gesunken“).

Nicht falsch verstehen: Wir sind nicht der Meinung, dass man Christian Lindners Aussage nur auf dem einen Weg überprüfen kann. Man kann es auch so machen, wie „Correctiv“ es gemacht hat. Aber bevor man zum eindeutigen Faktencheck-Urteil „Komplett falsch“ kommt, sollte man seinen Lesern vielleicht doch klarmachen, dass die Auswahl, die man getroffen hat, eben nur eine Auswahl abbildet. Und dass bei diesem Vorgehen immer die Gefahr besteht, eine Statistik nur einseitig zu betrachten.

Dass ein differenzierterer Faktencheck nicht schlecht gewesen wäre, zeigt ein Blick in die Kommentare auf der Facebook-Seite von „Correctiv“. Ein User schreibt dort:

Christian Lindner auf dem Niveau von AfD, Donald Trump und vielen anderen sogenannten Politikern. Fake News sind gruseligerweise auf dem Vormarsch. Aufklärung ist so wichtig.

Das mit der Aufklärung finden wir auch. In diesem Fall aber ganz anders.

Mit Dank an @schizzlmizzl für den Hinweis!

Nachtrag, 25. April: Auch zu unserem Faktencheck-Faktencheck gibt es den einen oder anderen Faktencheck (ehrlich, wir wollten mit diesem Blogpost keine endlose Faktencheck-Spirale in Gang setzen): Bei „reddit“ schreibt der User rEvolutionTU, dass wir das Jahr 2010 nicht mit in die Rechnung hätten nehmen dürfen, weil Rot/Grün da erst ab Juli regiert hat.

Ein weiterer Kritikpunkt kommt vom SPD-Bundestagsabgeordneten Ulrich Kelber, der seinen Wahlkreis in Bonn hat:

Die Anmerkungen bei „reddit“ beziehungsweise die von Ulrich Kelber zeigen unserer Meinung nach, dass der Grundgedanke unserer Kritik am „Correctiv“-Faktencheck der richtige war: Man kann bei der Auswertung einer Statistik nicht einfach einen Zeitraum rauspicken und dann sagen: „So ist es — und nicht anders“ (beziehungsweise „Komplett falsch“). Daher bleiben wir bei unserer Kritik, sehen aber auch, dass man unserem Faktencheck noch einige Fakten hinzufügen kann.