So schnell wird man in „Bild“ zum Putin-Propagandisten

Hatten Sie schon mal einen Gedanken, den vor Ihnen theoretisch auch Wladimir Putin gehabt haben könnte? Also zum Beispiel sowas wie „Hundewelpen, denen es nicht gutgeht, sollten zum Tierarzt gebracht werden“? Dann: Achtung! Sie könnten auf „Putins Fake-News-Kampagne“ reingefallen sein.

Auf diesem argumentativen Niveau — zusammengefasst in etwa: wer etwas fordert, das auch die Russen fordern, hilft den Russen bei ihrer Propaganda — bewegt sich dieser Bild.de-Aufmacher („Bild-plus“-Inhalt) von Donnerstag in weiten Teilen:

Am Freitag berichtete die Print-„Bild“ ebenfalls, mit einer leicht abgewandelten Version des Artikels:

Mit „Deutschland“ meinen die zwei Autoren Filipp Piatov und Julian Röpcke vornehmlich die Bundesregierung und die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. „Das Erste“ und das ZDF kritisieren sie, weil diese den Publizisten Michael Lüders in mehrere Talkshows eingeladen haben und somit „den von Russland verbreiteten Fake News eine Bühne“ geboten hätten. Lüders sei ein „überführter Fake News-Verbreiter“, schreiben Piatov und Röpcke und stützen sich bei diesem Urteil auch auf Aussagen des türkischen Journalisten Can Dündar. Inzwischen hat sich Dündar noch einmal zu Michael Lüders geäußert und plötzlich wirkt dessen kritisierte Aussage eher wie eine Ungenauigkeit und nicht mehr wie eine glatte Lüge.

Vor allem aber teilt das „Bild“-Autorenduo gegen die Bundesregierung aus. Deutsche Regierungspolitiker würden „den russischen Fake News Vorschub leisten bzw. die deutsche Position ihnen anpassen.“ Zum Beispiel Sigmar Gabriel: Der Außenminister forderte zum jüngsten Giftgasangriff in Syrien eine „Untersuchung ohne Behinderungen“. Dass Russland zuvor ebenfalls „eine ‚unabhängige Untersuchung‘ des Vorfalls“ gefordert hat, reicht Piatov und Röpcke als Beweis, dass „Deutschland auf Putins Fake-News-Kampagne reinfällt“. Weil man auf dieselbe, nicht ganz abwegige Idee wie die Russen kommt, macht man sich in den Augen der beiden „Bild“-Schreiber der Russen-Propaganda verdächtig.

Und das sei nicht nur bei Sigmar Gabriel so. Auch beim früheren Außenminister Frank-Walter Steinmeier seien „russische Fake News auf fruchtbaren Boden“ gefallen. Dieses Mal geht es zwar um einen anderen Fall, den Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 über der Ukraine, aber um dieselbe „Bild“-Logik: Russland hat damals eine unabhängige Untersuchung gefordert; auch Steinmeier war für eine unabhängige Untersuchung. Und schon sei laut Bild.de einmal mehr bewiesen, dass es eine „Anfälligkeit bestimmter Teile der Bundesregierung für russische Propaganda“ gebe.

Piatov und Röpcke kommen nicht auf die Idee, dass es durchaus möglich ist, mit der gleichen Forderung völlig unterschiedliche Dinge bezwecken zu wollen. Dass es dem einen zum Beispiel um wirkliche Aufklärung geht, während der andere nur taktiert, Scheinversprechungen macht und damit hinhalten möchte. Und dass diese Forderungen unabhängig voneinander gestellt werden können. Denkt man die Argumentation der beiden Autoren weiter, könnte man nie mehr Dinge fordern, die Russland bereits gefordert hat, ohne damit zum Russland-Fake-News-Verbreiter zu werden — egal wie sinnvoll die jeweilige Forderung erscheint.

Stattdessen plädieren die zwei „Bild“-Mitarbeiter dafür, sich nach einem derartigen Angriff direkt auf eine Seite zu schlagen, ohne Zweifel und ohne unabhängige Untersuchungen.