Gut erhaltenes Hochhaus (fast) zu verschenken

Sie haben zufällig ein paar Euro auf der hohen Kante? Wir hätten da einen Anlagetipp, der ist mindestens so seriös wie das, was Sie in Banken angeboten bekommen: Kaufen Sie doch mal ein Hochhaus — sowas gibt’s momentan ganz besonders günstig. Aktuell beispielsweise: Hochhaus in allerbester Lage in New York City, wenige Schritte vom Museum of Modern Art entfernt, Central Park in unmittelbarer Reichweite, 40 Stockwerke für nur sagenhafte 100.000 Dollar. Ein echtes Schnäppchen, greifen Sie zu: Das komplette Stockwerk für gerade mal läppische 2.500 Dollar! Wenn Sie bitte vergleichen wollen: Dafür bekommen Sie in München eben mal einen Quadratmeter Eigentumswohnung, aber auch nur dann, wenn Sie Glück haben und nicht gerade in bester Lage wohnen wollen.

Sie misstrauen diesem Angebot ein wenig? Recht haben Sie, denn das, was die „Süddeutsche Zeitung“ heute mit dem Zusatz: „kein Einzelfall“ groß berichtet (und außerdem die Online-Kollegen von der „Neuen Zürcher Zeitung“, „Focus“, „Rheinischer Post“ und „20 Minuten“) — ist natürlich blanker Unsinn.

Das Hochhaus, das gerade in New York verkauft wurde, ist zwar nicht mehr die 500 Millionen wert, die es mal gekostet hat. Einen Preisverfall von rund 99,8 Prozent muss man aber nicht mal in dieser Krise befürchten.

Tatsächlich war die Geschichte so, dass der bisherige Eigentümer einen bestehenden Kredit nicht mehr bedienen konnte. Der Deal, auf den sich der Käufer des Gebäudes einließ, war der folgende: Man bot als Kaufpreis lediglich das Mindestgebot von 100.000 Dollar, verpflichete sich aber zugleich zur Übernahme der auf dem Gebäude lastenden Hypothek. Das sind stolze 240,1 Millionen Dollar (im Detail ist das hier nachzulesen).

Dieser nicht ganz unwesentliche Teil, der aus einem Schnäppchen dann doch eine schwere, nun ja: Hypothek macht, fehlt in der Meldung, die die Nachrichtenagentur AP über den Verkauf verbreitete. Und die „Süddeutsche“ und die anderen schienen nicht einmal zu stutzen über das unglaubliche Angebot.

Ist es übrigens dann tröstlich, wenn auch amerikanische Blätter nachdrucken ohne nachzudenken?

Mit Dank an O.S.!

Nachtrag, 11. Juni: In allgemeiner Form findet sich in den Meldungen doch ein Hinweis auf die Hypotheken. Im drittletzten Absatz heißt es: „Deshalb verkaufen sie die Bürohochhäuser teils erheblich unter Wert mit der Bedingung, dass der Käufer die damit verbundene enorme Schuldenlast übernimmt.“ Danke an den Hinweisgeber!