Julian Reichelt will den „Spiegel“ nicht als Quelle nennen

Anfang Januar jubelte die „Bild“-Redaktion auf ihrer Titelseite:

Ein ziemlich enges Rennen zwischen „Bild“ und dem „Spiegel“, 1253 Zitate versus 1252 Zitate. Dass Redaktionen und Journalisten sich freuen, wenn Kollegen ihre „exklusiven Nachrichten, Berichte, Interviews etc.“ übernehmen und — mit Nennung des Mediums, das das Exklusivmaterial veröffentlicht hat — über das gleiche Thema berichten, kann man gut verstehen.

Der „Spiegel“ hat in seiner aktuellen Ausgabe unter anderem so ein Thema. Es geht um Fußballstar David Beckham:

Der Artikel gehört zur Reihe „Football Leaks“, die der „Spiegel“ im vergangenen Jahr gestartet hat. Die gleichnamige Enthüllungsplattform hatte der Redaktion zahlreiche Verträge, E-Mails, Informationen aus der Fußballbranche zugespielt. Gemeinsam mit anderen Redaktionen der „European Investigative Collaborations“ hat ein „Spiegel“-Team dieses ganze Material ausgewertet; nun veröffentlicht das Magazin peu à peu neue Enthüllungen.

Die Geschichte über David Beckham basiert auf Millionen E-Mails, die Hacker gestohlen haben. Sie zeigen, dass der frühere Mittelfeldspieler ganz heiß darauf war, von der Queen zum Ritter geschlagen zu werden. Und dass er ganz jähzornig und ausfallend wurde, als das nicht geklappt hat. Außerdem lassen die Mails daran zweifeln, dass Beckham sich völlig uneigennützig für „Unicef“ engagiert. Vielmehr scheint dieses Engagement ein wichtiger Baustein seiner Selbstvermarktung und der wertvollen Marke „David Beckham“ zu sein.

Gestern berichtete dann auch Bild.de über die Beckham-Mails:

Die „Spiegel“-Autoren Peter Ahrens, Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Christoph Henrichs und Jörg Schmitt hätten sich sicher gefreut, wenn Bild.de ihr Magazin als Quelle genannt hätte. Stattdessen bezieht sich das Portal aber auf das britische Knallblatt „The Sun“:

In einer seiner E-Mails schrieb er dazu laut „The Sun“

„Bis es keine Ritterschaft ist, fuck off“, schrieb er laut der Zeitung „The Sun“.

In den Texten von „Spiegel“, Bild.de und „The Sun“ geht es um die gleichen Aspekte zum gleichen Thema mit den gleichen Zitaten.

Einer der „Spiegel“-Autoren, Jörg Schmitt, wandte sich heute per Twitter an „Bild“ und Julian Reichelt, der seit einigen Tagen nicht mehr nur Bild.de-Chefredakteur ist, sondern auch Vorsitzender der Chefredakteure der „Bild“-Gruppe:

Reichelt hatte darauf gleich so viel zu erwidern, dass er drei Tweets benötigte:

Nun hat niemand behauptet, dass „The Sun“ den „Spiegel“ „beklaut“ hätte. Und auch die Mitarbeiter der „Sun“ selbst tun wahrlich nicht so, als würde die gesamte Beckham-Story von ihnen stammen (auch wenn — und darauf bezieht sich Reichelt — das Boulevardblatt auf seiner Titelseite ein „EXCLUSIVE“ gedruckt hat). Ganz im Gegenteil: „The Sun“ nennt im Artikel sauber den „Spiegel“ als Quelle. Das hätte auch Julian Reichelt rausfinden können, wenn er vor dem Drauflostwittern den „Sun“-Text gelesen hätte, den seine eigene Redaktion gleich zweimal verlinkt hat. Dort steht:

Und auch in all ihren anderen Artikeln zu den Beckham-E-Mails gibt „The Sun“ den „Spiegel“ als Quelle an. Hier zum Beispiel:

Oder hier:

Oder hier:


Oder hier:

Oder hier:

Oder auch hier:

Darauf, dass „The Sun“ den „Spiegel“ ordentlich zitiert hat, machte auch „Spiegel“-Redakteur Rafael Buschmann Julian Reichelt aufmerksam:

Doch den interessierte das nicht sonderlich. Stattdessen warf er seine erste Nebelkerze, den ReicheltDauerbrenner Edward Snowden:

Was jetzt genau Edward Snowden mit David Beckham zu tun hat, ist nicht ganz klar. Und seit wann der Geschmack entscheidet, von wem eine Geschichte stammt, auch nicht. Aber mit solchen Details hält sich Julian Reichelt auch nicht lange auf. Stattdessen gleich die nächste Nebelkerze:

Rafael Buschmann versucht es dann noch einmal sachlich und weist Julian Reichelt auf einen faktischen Fehler im Bild.de-Artikel hin. Dort steht nämlich, dass die Website „Football Leaks“ die E-Mails von David Beckham veröffentlicht habe — was nicht stimmt. „Football Leaks“ hat sie weitergeleitet, verschiedene Medien haben daraus dann Artikel gemacht:

Gebracht hat all das nichts. In dem Bild.de-Artikel wird der „Spiegel“ weiterhin mit keinem Wort erwähnt.

Vor knapp drei Wochen, als bekannt wurde, dass „Bild“ wegen „Inhalte-Diebstahls“ gegen „Focus Online“ klagt, sagte Julian Reichelt:

„Für uns geht es hier um das Wertvollste, was wir als journalistische Marke haben: unsere mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte.“

Dass andere Redaktionen für ihre „mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte“ gerne den Credit bekommen würden — dafür hat Julian Reichelt dann aber kein Verständnis.