Schmuddel-Journalismus

Die „Bild“-Zeitung braucht Schmuddel. Um sich über ihn zu erregen und ihn gleichzeitig groß im Blatt zeigen zu können. Aber nicht immer ist die Schmuddel-Produktion der Welt ausreichend für ein Blatt wie „Bild“. Dann muss „Bild“ ein bisschen nachhelfen. Aber das ist ja kein Problem.

„Bild“-Leser, die am Montagabend die neue Sat.1-Hochglanzserie „Bis in die Spitzen“ einschalten, werden vermutlich enttäuscht sein. Ihre Zeitung gab ihnen allen Grund zur Annahme, dass es sich mindestens um eine Art Soft-Porno handelt. Sie beschrieb die Serie unter anderem mit den Formulierungen: „Schmuddel-TV“, „‚Bis in die Spitzen‘ schamlos!“ und „neue Sat.1-Serie setzt auf Sex, Sex, Sex“, fragte: „Wie versaut ist unser Fernsehen?“ und „Wie schmutzig darf das Fernsehen noch werden?“ und behauptete:

Aufgrund der Freizügigkeit und der Nackt-Szenen in der deutschen Serie werden die Folgen immer erst ab 21.15 Uhr ausgestrahlt — in der Hoffnung, daß Kinder und Teenager dann schon im Bett sind.

In Wahrheit ist „Bis in die Spitzen“ nicht halb so „schmuddelig“ wie „Bild“ sich wünscht fürchtet. Die ersten beiden Folgen sind bereits freigegeben für die Ausstrahlung im Tagesprogramm (das entspricht einer Kinofreigabe ab 6 Jahren). In ihnen gibt es keine einzige Sex- oder Nacktszene. In Folge 3 ist ungefähr eine Sekunde lang eine einzelne weibliche Brustwarze zu sehen. Folge 4 enthält tatsächlich mehrere Sexszenen; zu sehen sind aber ausschließlich die Oberkörper der jeweiligen Partner, und die Frauen tragen BHs. „Bild“ behauptet, der „Obergockel im lustvoll bösen Liebesreigen (…) treibt’s mit fast jeder im Laden seiner Frau, und manchmal auch mit zweien, oder dreien…“. Tatsächlich „treibt“ er es in den ersten vier Folgen mit niemandem aus dem Laden seiner Frau (allerdings mit Mitarbeiterinnen der Konkurrenz) und kein einziges Mal mit mehr als einer.

Doch „Bild“ hat noch mehr zu bieten, um scheinbar zu beweisen, dass es sich um Schmuddel-TV handelt: Eine der Schauspielerinnen habe sich ausgezogen. Oder wörtlich:

Die Erste macht sich jetzt schon nackig. (…) Ein Vorgeschmack auf das, was wir künftig jeden Montag zu sehen bekommen.

Auch das ist quatsch. Erstens haben die Fotos, auf die sich „Bild“ bezieht (und die Bild.de natürlich in einer Fotogalerie präsentiert), nichts mit der Serie selbst zu tun, sondern sind Aufnahmen für „Maxim“, einer Schwesterzeitschrift von „Bild“. Und zweitens macht sich Annabelle Mandeng darin keineswegs „nackig“, sondern trägt Unterwäsche aus Spitze. Oder um es deutlicher zu sagen: Kein einziges Mal sind die Brüste von Frau Mandeng unverhüllt zu sehen.

Im Gegensatz zu denen der täglichen Seite-1-Mädchen von „Bild“.