Verkehrte Welt

Zwei Tage nach Bekanntwerden der Strafanzeige gegen Kai Diekmann wegen eines möglichen sexuellen Übergriffs hat „Springer“-Vorstandschef Mathias Döpfner die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, die Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre des „Bild“-Herausgebers zu respektieren. Anlass dazu war ein Vorfall am Samstagabend in Potsdam: Zwei Personen hatten Kai Diekmann vor seinem Privathaus aufgelauert, ihn fotografiert und die Bilder anschließend ins Internet gestellt.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

In einer auf Bild.de veröffentlichten Videobotschaft nannte Döpfner den Vorfall „schändlich und niederträchtig“. Er sprach von einer „regelrechten Hetzjagd“ auf Diekmann, die man so nicht hinnehmen werde. „Wir sollten nicht vergessen, dass in Deutschland auch weiterhin die Unschuldsvermutung gilt“, sagte Döpfner. Ein schwerwiegender Vorwurf, wie der hier im Raum stehende, bleibe „in irgendeiner Weise immer am Beschuldigten hängen“, sagte er. Daher gebiete es schon der Anstand, sich in einer solchen Situation mit entsprechenden Veröffentlichungen zurückzuhalten, bis geklärt sei, was wirklich passiert ist.

Kai Diekmann soll im Sommer vergangenen Jahres nach einer Klausur-Tagung in Potsdam eine Mitarbeiterin beim Baden sexuell belästigt haben. Er selbst bestreitet das. Der „Spiegel“ hatte den Vorwurf am Freitag öffentlich gemacht.
Am Wochenende gerieten die „Bild“-Medien selbst wegen ihrer zurückhaltenden Berichterstattung über die Ermittlungen in die Kritik. Sie hatten sowohl bei Bild.de als auch in der Zeitung nur eine knappe „dpa“-Meldung veröffentlicht. Politiker und Journalisten kritisierten das.

„Grünen“-Chefin Simone Peter warf der Zeitung in einem Radio-Interview vor, sich unbequemen Wahrheiten zu verschließen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass zum ganzen Bild auch die Dinge gehören, die nicht in unser Weltbild passen“, sagte sie.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke bezichtigte „Bild“ in einem Blog-Beitrag für tagesschau.de des „Tendenz-Journalismus“ und attestierte der Redaktion „falsche Correctness“: „Wenn ein derartiger Vorwurf in der Welt ist, ist es die Aufgabe von Journalisten, alle zur Verfügung stehenden Informationen öffentlich zu machen — und nicht, sie unter den Teppich zu kehren“, schrieb er.

Lediglich der Presserat nahm die Zeitung in Schutz: „Wir sind der Auffassung, dass die ‚Bild‘-Zeitung hier absolut richtig handelt, wenn sie darauf verzichtet, einen Verdächtigen unnötig an den Pranger zu stellen“, hieß es in einer Mitteilung des Gremiums. Man hoffe, diese Entscheidung werde auch wegweisend für die Zukunft sein.

Bei Twitter fielen die Reaktionen auf die Anschuldigungen verhalten aus. „Erst mal abwarten, was die Ermittlungen bringen #Diekmann“, schrieb @krawallzwerg1314. Der Nutzer @anarchoklaus78 kommentierte: „Es ist einfach noch zu früh, um dazu irgendetwas zu sagen. #Diekmann #Ruhigbleiben #Abwarten.“ Die beiden Tweets blieben die einzigen Einträge zum Thema.

Chefredakteure und Intendanten dagegen überschütteten Kai Diekmann mit Spott und Häme. „Sicherlich nur Umkleide-Kabinen-Gefummel“, schrieb Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“. „Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo veröffentlichte bei Facebook ein Foto, das einen kopulierenden Esel zeigt, auf dessen Hals Diekmanns Kopf montiert ist. „FAZ“-Herausgeber Jürgen Kaube kommentierte: „Hahaha! Genau mein Humor!!!1111“.

„AfD“-Chefin Frauke Petry warnte indes vor Schnellschüssen. „Wir dürfen einen Menschen nicht nur aufgrund seiner beruflichen Herkunft vorverurteilen“, sagte sie und mahnte zur Besonnenheit. In die gleiche Richtung verlief eine Diskussion unter einem Facebook-Posting des „Kopp“-Verlags. Der Tenor dort: Die Behörden werden die Wahrheit schon ans Licht bringen.

Kai Diekmann selbst hatte sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe öffentlich geäußert. Bei einer Pressekonferenz in der 19. Etage des „Springer“-Hochhauses bezeichnete er die Berichte als „Kampagnen-Journalismus der übelsten Art“ und beteuerte seine Unschuld.

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort — ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind“, sagte er. Nachfragen ließ er nicht zu. Nach der Pressekonferenz verschwand Diekmann wortlos. Mit einer „Bild“-Zeitung in der Hand fuhr er nach unten — im gleichen Fahrstuhl, in dem er gekommen war.

(Nur zur Sicherheit: Abgesehen von der Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam gegen Kai Diekmann ermittelt, und von der zurückhaltenden „Bild“-Berichterstattung über den Fall, ist all das hier erfunden.)