Wie versaut ist „Bild“?

Anfang des Jahres zeigte das Erste einen „Polizeiruf 110“ von Dominik Graf mit dem Titel „Der scharlachrote Engel“. Im Mittelpunkt des Films steht die Warnung vor der Macht sexueller Fantasien im Internet, die leicht zu realer Gewalt ausarten könnten. Er bekam viele positive Kritiken und wurde für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, löste aber wegen seiner drastischen Darstellung einer Vergewaltigung kontroverse Diskussionen aus. Die ARD hatte im Vorfeld schon einige Szenen gekürzt und wies gleich zu Beginn auf die Möglichkeit hin, sich anschließend mit dem Regisseur und Experten in einem Forum zu unterhalten.

Dieser „Polizeiruf 110“ ist „drastisch“, „bedrückend“ und „harter Tobak“ genannt worden. „Versaut“ und „schmutzig“ hat ihn noch niemand genannt. Bis es heute die „Bild“-Zeitung tat.

Für sie ist „Der scharlachrote Engel“ einer von vier Anlässen, die rhetorische Frage zu stellen:

Wie versaut ist unser Fernsehen?

Offenbar nicht allzu sehr, müsste man antworten, jedenfalls musste sich „Bild“ schon sehr anstrengen, überhaupt Beispiele zu finden. Eines ist die neue Sat.1-Hochglanzserie „Bis in die Spitzen“, die am Montag startet. Ein zweites der Auftritt der „Bloodhound Gang“ bei „TV Total“ in der vergangenen Woche, wobei ein Musiker (nach 23 Uhr) zweimal sein Geschlechtsteil entblößte, was „Bild“ seitdem fälschlicherweise als „Penis-Attacke“ bezeichnet. Das dritte Beispiel ist der genannte „Polizeiruf“, dessen Ausstrahlung inzwischen über sieben Monate zurückliegt. Beispiel Nummer vier ist der Film „Romance“, den der NDR in seinem Dritten Programm am 28. März 2004 (!) zeigte. Und zwar von 23.45 Uhr bis 1.20 Uhr — was auch die nächste Frage von „Bild“ beantworten dürfte:

Eltern sind besorgt: Kann man Kinder überhaupt noch unbeaufsichtigt vor den Fernseher lassen?

Klare Antwort: Nein, nach Mitternacht können besorgte Eltern ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt vor den Fernseher lassen.

Online gibt es übrigens noch ein fünftes Beispiel für „versautes Fernsehen“: Schauspieler Armin Rohde lief im März 2003 bei „Wetten, dass..?“ kurz über die Bühne — und zwar, wie „Bild“ angeekelt feststellt, „nur mit einer Schürze bekleidet“.

Nachtrag, 7. Oktober, 15 Uhr: Der Jugendschutzbeauftragte von Sat.1 teilt uns mit, dass die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen heute die ersten beiden Folgen von „Bis in die Spitzen“ für die Ausstrahlung im Tagesprogramm freigegeben hat. Das entspricht etwa einer Kino-Freigabe ab 6 Jahren.