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„Bild“ beschneidet Foto und Urheberrecht

Am liebsten berichtet „Bild“ über Skandale. „Schmuck-Skandal nach Trump-Interview“, „Fäkal-Skandal in der JVA Bielefeld“, „Nackt-Skandal an Luthers Thesentür“ — egal was, Hauptsache ein Skandal.

Am vergangenen Wochenende hat die Köln-Ausgabe der „Bild“-Zeitung einen neuen Skandal ausgemacht, einen „Plakat-Skandal im Stadion“ des 1. FC Köln:

Dazu muss man wissen: Der 1. FC Köln will wachsen. Drei neue Kunstrasenplätze und ein neues Leistungszentrum sollen entstehen, nach Wunsch des Fußballvereins im Grüngürtel der Stadt. Gegen diese Pläne gibt es Protest von Bürgerinitiativen, die die Grünflächen nicht bebauen lassen wollen. Und auch die Kölner Grünen sind gegen das Vorhaben des Fußballvereins. Stattdessen solle der 1. FC Köln auf ein Gelände weiter außerhalb ausweichen, so der Vorschlag.

Und nun also, am vergangenen Samstag beim Heimspiel gegen den FC Augsburg, der „Plakat-Skandal“, ausgelöst durch Fans des Klubs:

Auf der Südtribüne hatte der offizielle FC-Fanclub ein Banner ausgerollt, das offen zur Gewalt aufrief: „Grüngürtel mit FC oder mit Gürteln auf Grüne“, stand dort schwarz auf weiß.

Nur am Rande: Den einen „offiziellen FC-Fanclub“ gibt es nicht. Es gibt Hunderte in ganz Deutschland, allein in Köln sind es laut Verein 362. Das Banner, das „Bild“ anspricht, stammt von den „Coloniacs“, kurz „CNS“.

„Bild“ hat über den „Plakat-Skandal im Stadion“ mit Jörg Frank, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, gesprochen:

Wie dieses Plakat überhaupt durch die Banner-Kontrolle kommen und das ganze Spiel dort hängen konnte, fragt er sich und erwartet vom FC ein „klares Bekenntnis zu Demokratie, Gewaltfreiheit und rechtsstaatlichem Verhalten.“

Nur am Rande: Das Banner hing nicht „das ganze Spiel dort“, sondern nur für einige Minuten. Die „Coloniacs“ hatten für den Nachmittag mehrere Spruchbänder vorbereitet und hintereinander präsentiert.

Nun aber zum eigentlich Wichtigen: „Bild“ hat auch ein Foto gedruckt, das das Banner zeigt:

Bei der Wahl des Fotoausschnitts müssen die „Bild“-Mitarbeiter vor dem Computerbildschirm des Layouters gestanden und beraten haben: „Hm, soll das noch mit rein oder nicht? Nee, lass mal, dann ist die Geschichte nicht mehr so knackig.“ Denn das Banner geht nach dem „AUF GRÜNE!“ noch ein Stück weiter, wie ein Foto des Fanclubs „Rote Böcke“ zeigt:

Natürlich kann man die Aussage „MIT GÜRTELN AUF GRÜNE!“ kritisieren und darüber debattieren, ob sie zu heftig ist. Aber dann sollte man doch so fair sein und auch zeigen, dass ein Zwinker-Smiley der ganzen Sache einiges an Schärfe nimmt.

Der „Express“ hat ebenfalls über das Banner und die Empörung der Grünen berichtet, allerdings mit Hinweis aufs Gezwinker. Im Gegensatz zu „Bild“ hat die Redaktion auch mit einem „CNS“-Vertreter gesprochen:

Eike Wohlgemuth von den Coloniacs versucht, die Wogen zu glätten: „Wer uns kennt, weiß, dass wir keine gewaltsuchende Gruppe sind, im Gegenteil. Wer sich das Spruchband anschaut, wird den großen Smiley sehen“, sagt er dem EXPRESS.

Und:

„Wer das Plakat sieht, wird erkennen, wie es gemeint ist: Ein Spruch mit einem sehr großen Augenzwinkern.“

„Bild“ hat das unglücklich abgeschnittene Foto übrigens mit dem Credit „Foto: PRIVAT“ versehen. Man kann allerdings ziemlich leicht herausfinden, wer dieses „PRIVAT“ ist, indem man das „Bild“-Foto und das des Fanclubs „Rote Böcke“ übereinanderlegt:

Wir haben bei den „Roten Böcken“ nachgefragt, ob die „Bild“-Redaktion eine Erlaubnis dafür hatte, die Aufnahme zu verwenden. Hatte sie nicht. Damit beschneidet „Bild“ nicht nur ein Foto so, dass es besser zur Geschichte passt, sondern auch noch das Urheberrecht.

Mit Dank an Dominik N. und Daniel für die Hinweise!