„Spiegel Online“ widerlegt Propaganda-Vorwurf mit Propaganda

Eigentlich war es ja eine ganz schöne Idee, die „Spiegel Online“ gestern hatte: In einem 3:50-Minuten-Video den Politikredakteur Christoph Sydow erklären lassen, wieso die Redaktion über Aleppo und Mossul berichtet, wie sie berichtet. Das Ganze war eine Reaktion auf kritische Kommentare in Leserbriefen und den Sozialen Netzwerken (zum Beispiel: „heute im propagandaspiegel: keine gefahr für zivilisten! während aleppo von den bösen russen und assad ‚zerstört‘ wird, wird mossul von den braven irakern, türken und amerikanern ‚befreit‘. …wer hätte das gedacht“):

Immer wieder werfen uns Leser vor, die Belagerung von Aleppo pauschal als böse und jene von Mossul als gut zu bewerten. Das so nicht richtig [sic]. Politikredakteur Christoph Sydow erklärt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Sydow sagt, „Spiegel Online“ messe nicht mit zweierlei Maß, und erklärt, welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede er zwischen den Situationen im syrischen Aleppo und im irakischen Mossul sieht. Auf die im Video eingeblendete Frage „WIE SIEHT ES IN DEN STÄDTEN AUS?“ antwortet er:

Ost-Aleppo ist seit Monaten von der Außenwelt abgeschnitten. Es kommt keine Hilfe in die Stadt. Die Menschen hungern, es gibt kein Trinkwasser, es gibt wenig Strom. In Mossul ist die Lage im Moment noch anders. Die Stadt kann versorgt werden, die Menschen haben Wasser, die Menschen haben Strom, die Menschen haben genug zu essen. Es muss bislang dort noch niemand hungern.

Um die deutlich bessere Situation in Mossul zu belegen, zeigt „Spiegel Online“ diese Videoaufnahmen:



Das ist Propagandamaterial des sogenannten „Islamischen Staats“. Die Terrororganisation, die derzeit über Mossul herrscht, hat diese Bilder aus der Stadt vor einigen Tagen veröffentlicht, um zu zeigen, wie normal das Leben dort sein soll. In den Standbildern kann man rechts oben neben dem „Spiegel“-Logo auch das von „Amaq“ sehen. „Amaq“ sieht sich selbst als Sprachrohr des „Islamischen Staats“.

Der „Weltspiegel“ hatte die Aufnahmen in seinem Beitrag „Irak: Inside Mossul“ am vergangenen Sonntag ebenfalls gezeigt. Im Gegensatz zu „Spiegel Online“ hat die ARD-Sendung allerdings den Hinweis „Quelle: Propaganda-Video IS“ eingeblendet:


Dazu sagt der Sprecher:

Das jüngste Propaganda-Video vom IS, das vor fünf Tagen ins Netz gestellt wurde. Es soll Normalität in Mossul zeigen, glückliche Menschen, denen es an nichts fehlt. Tatsächlich mangelt es an Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten und Strom. Das berichten Menschen aus Mossul ihren Verwandten in heimlichen Telefonaten.

Später im Video-Beitrag mit Christoph Sydow zeigt „Spiegel Online“ dann noch weitere Sequenzen aus dem Propagandamaterial, wieder mit „Amaq“-Symbol und wieder ohne jegliche Kennzeichnung oder Distanzierung:




Wenn „Spiegel Online“ sich Propagandamaterial von Terroristen zu eigen macht, dann kann man seinen harschen Kritikern, die vom „propagandaspiegel“ schreiben, in diesem Fall leider nicht mal widersprechen.

Mit Dank an Daniel B. für den Hinweis!

Nachtrag, 21:01 Uhr: „Spiegel Online“ hat inzwischen mit zwei Tweets auf unseren Blogpost reagiert:

Jegliche Videosequenzen, die von „Amaq“ stammen, sind jetzt mit dem Hinweis „Quelle: Propagandavideo des IS“ versehen: