Recherchieren? „An einem Sonntag ein bissl schwierig“

Auf der Facebookseite des Wiener Nachtclubs „Grelle Forelle“ ist gerade ordentlich Rambazamba. Grund dafür ist ein Artikel des Gratis-Boulevardblatts „Heute“ aus Österreich:

Der Text hat bei den Betreibern des „Grelle Forelle“ für ziemlichen Unmut gesorgt. Denn irgendwie schien da so einiges nicht zu stimmen:


Dieser Facebook-Post verbreitete sich in den vergangen Stunden irre schnell — aktuell über 9400 Likes, mehr als 2400 Mal geteilt, über 350 Kommentare. Da konnte auch die „Heute“-Redaktion nicht anders als zu reagieren:

Und die Reaktion des „Grelle Forelle“-Teams darauf:

Weil der Fall etwas komplizierter ist, und in den Sozialen Netzwerken einiges zum Thema durcheinandergebracht wird, mal der Reihe nach: Völlig falsch dürfte der „Heute“-Artikel nicht sein. Es gab in der Nacht von Freitag auf Samstag tatsächlich einen Diebstahl im Backstage-Bereich eines Wiener Clubs. Und auch die Adresse stimmt. Nur sitzt dort nicht nur die „Grelle Forelle“, sondern auch „Das Werk“. Und dort war eben dieser Vorfall. In der „Grelle Forelle“ kann es tatsächlich nicht gewesen sein, weil dort erst am kommenden Samstag nach mehrwöchiger Pause das Programm wieder startet.

Es gibt da aber noch weitere Probleme beim „Heute“-Artikel. Zum Beispiel das Foto der Sängerin Alison Lewis. Das zeigt tatsächlich eine Frau, die Alison Lewis heißt und mit ihrer Band „String of Ponies“ auch tatsächlich Musik macht. Doch das ist nicht die Australierin Alison Lewis, die am vergangenen Wochenende in Wien aufgetreten ist, sondern irgendeine US-Sängerin aus Detroit, Michigan. Die richtige Alison Lewis hat sich bei Facebook inzwischen zu Wort gemeldet. Sie betreibt dort ein Profil unter ihrem Künstlernamen „Zanias“ und schreibt unter anderem:

I was indeed robbed on Friday night in Vienna. While I was on stage someone snuck into the backstage, went through my bag and took my phone and wallet. However…
– As anyone reading what I post on this page probably knows, that photo is not of me.
– The club was Das Werk not Grelle Forelle.
– My wallet contained no Australian notes, no cash at all.

Womit wir schon beim nächsten Problem des „Heute“-Artikels sind: Der australische Fünf-Dollar-Schein, durch den der Dieb aufgeflogen sein soll. Aus Alison Lewis‘ Portemonnaie konnte er ihn jedenfalls nicht haben, weil die Sängerin, wie sie selbst schreibt, gar kein Geld dabeihatte — und erst recht kein australisches, schließlich lebt sie in Berlin. In einer Polizeimeldung ist allerdings auch von diesem Fünf-Dollar-Schein aus Australien die Rede.

Dann ist da noch die Uhrzeit, zu der der Dieb zugeschlagen haben soll. „Heute“ gibt sie mit „gegen 5 Uhr Früh“ an. Da stand Alison Lewis beziehungsweise „Zanias“ aber gar nicht auf der Bühne, sondern zwischen 2 und 3 Uhr. Der „Das Werk“-Betreiber bestätigte uns auf Nachfrage, dass der Diebstahl zu dieser Uhrzeit stattgefunden haben muss.

In den Kommentaren unter dem Facebook-Post des „Grelle Forelle“-Teams wird noch ein weiterer Aspekt des Artikels heftig kritisiert: die Nennung der Nationalität des Diebes. Der Vorwurf ist in diesem Fall nicht, dass die Information falsch ist, sondern dass sie überhaupt im Artikel steht. Auch aus unserer Sicht macht es keinen Sinn, das Herkunftsland eines Handy-Diebes in einem Nachtclub zu nennen. Die beklaute Alison Lewis schreibt ebenfalls: „Why the fuck is his nationality even relevant to the story?“ In der Polizei-Meldung ist von der Nationalität nichts zu lesen. Der Vorwurf vieler Kommentatoren lautet, dass „Heute“ hier nur gegen Ausländer hetzen will.

Eine Frau in der Kommentarspalte gibt sich übrigens als Autorin des Artikels aus, und in ihrem Facebook-Profil steht tatsächlich „Heute“ als Arbeitgeber — gut möglich also, dass ihre Angabe stimmt. Sie entschuldigt sich bei den Mitarbeiter der „Grelle Forelle“ und versichert, dass sie sich die Geschichte nicht ausgedacht hat. Auf die Nachfrage, warum sie denn nicht wenigstens etwas recherchiert und mal bei der „Grelle Forelle“ angerufen hat, antwortet sie:

An einem Sonntag ein bissl schwierig…

Mit Dank an Sander und @KaiOliverKraft für die Hinweise!