Mit Bindestrich und ohne Würde

„Bild“ und Bild.de geben Personen gerne neue Namen. Knackig müssen sie sein, so richtig griffig und auf jeden Fall mit Bindestrich. So wird eine 21-jährige Russin, die bei Instagram über vier Millionen Follower hat, zum „Russen-Model“. Ein Vietnamese, der bei Olympia im Schießen Gold holt, zum „Pistolen-Vietnamesen“. Und ein Seemann, der auf Rügen lebt, zum „Rügen-Fischer“. „Lausitz-Luder“, „Mucki-Wiese“, „Abwehr-Grieche“, „Malle-Jens“ — tagtäglich erfinden die „Bild“-Medien neue Bindestrich-Gebilde.

Auch für Lane Graves. Der kleine Junge wäre am Samstag (Bild.de schreibt fälschlicherweise von Sonntag) eigentlich drei Jahre alt geworden. Seine Familie versammelte sich vorgestern mit vielen Freunden und Nachbarn auf einem Footballfeld in ihrer Heimatstadt Omaha im US-Bundesstaat Nebraska, um Lanes Geburtstag zu feiern, allerdings ohne ihren Sohn. Der wurde im Juni beim Sandburgenbauen im „Walt Disney World Resort“ von einem Alligator ins Wasser gezogen und starb.

Die Feier war sehr emotional, Lanes Eltern hielten Reden und sprachen über die Zeit mit ihrem Sohn. Fotografen waren vor Ort, viele Medien in den USA berichteten. Und auch Bild.de. In ihrem Drang, Menschen mit möglichst einfallsreichen Spitznamen zu versehen, machten die Mitarbeiter aus Lane Graves, dem Jungen, der durch einen Alligator ums Leben gekommen ist, den „toten Alligator-Jungen“:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Das ist so herz- und würdelos, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass das niemandem bei Bild.de vor Veröffentlichung aufgefallen ist.

Und dazu ist es sprachlich-inhaltlich auch noch so schief. Wenn ein Mann aus Bangladesch durch eine seltene Krankheit warzenähnlichen Wucherungen bekommt, die ein wenig aussehen wie Baumrinde, dann nennen die „Bild“-Medien ihn „Baum-Mann“. Immer noch platt, aber inhaltlich nicht völlig daneben. Doch Lane Graves hatte selbstverständlich nichts von einem Alligator. Er hatte das schreckliche Pech, von einem getötet zu werden. Lane Graves war kein „Alligator-Junge“. Er war ein ganz normales Kind.