Was für ein Service!

Mähroboter sind nachts gefährlich. Ich wusste das gar nicht, aber es stand am Montag in der Zeitung, und dann wird es ja wohl stimmen:

Ich sah mir den kleinen blauen Kasten auf dem Foto noch mal etwas genauer an. Und wenn man von seiner Gefährlichkeit weiß, wird er einem gleich etwas unheimlich. Was wird er wohl anstellen, wenn es dunkel ist?

Ich hatte so ein Bild vor Augen. Wie man nachts durch den Vorgarten schleicht, weil man wieder mal irgendwo die Zeit vergessen hat. Gleich wird es hell. Die Grillen zirpen, und man vernimmt ein leises Surren. Von wo genau, kann man gar nicht sagen. Also läuft man weiter. Das Surren wird immer deutlicher. Dann kommt noch ein sprödes Rattern hinzu. Es ist ganz nah. Man dreht sich um, und im letzten Moment sieht man den Mähroboter noch aus dem Augenwinkel. Aber da ist es schon zu spät. Schnitt.

Vielleicht liest man aber auch erst mal die Meldung:

Mähroboter können Igeln und anderen Kleintieren im Garten gefährlich werden.

Ach so. Das klingt natürlich ganz anders. Aber so geht mir das oft mit den Zeitungsmeldungen auf der Service-Seite. Entweder auf den ersten oder auf den zweiten Blick stimmt irgendwas nicht. Vor ein paar Monaten habe ich zum Beispiel das hier gefunden:

Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es zu so einer Meldung kommt. Irgendjemand muss sich das ja ausdenken. Wahrscheinlich sitzen also Menschen zusammen in einem Konferenzraum und reden über Themen. Und dann sagt einer:

„Millionen von Deutschen stecken in großen Schwierigkeiten, weil sie ihre Wochenendeinkäufe nicht organisiert kriegen. Aber ich glaube, es gibt eine Lösung.“

„Und die wäre?“

„Sie müssen einen festen Tag zum Einkaufen einplanen.“

„Das ist genial! Das hauen wir als Meldung raus.“

So kommt es aus den Agenturen in die Redaktionen, wo die Redakteure denken: „Irgendwer wird sich darüber schon Gedanken gemacht haben.“ Und dann steht es in der Zeitung.

Ein anderes Mal sah ich auf den Service-Seiten das hier:

Der erste Gedanke ist natürlich: Wer fährt seine Katze betrunken ins Krankenhaus? Aber sogar, wenn man verstanden hat, dass nur die Katze nichts zu sich nehmen soll, bleibt immer noch die Frage: Wie viele Leser stehen gerade vor genau diesem Problem? Und sagt denen nicht vielleicht auch der Tierarzt, dass sie die Katze vor der Operation nicht füttern sollen? Und was wollen die anderen mit diesem Wissen?

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Daniel Wichmann „Hier ist alles Banane — Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994 – 2015“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Vor allem aber: Wie kommt es zu dieser Meldung?

„Gestern ist meine Katze operiert worden. Vorher hab‘ ich sie noch gefüttert.“

„Und?“

„Tot.“

„Oh, Shit. Ja. Dann schreib mal besser ’ne Service-Meldung.“

Vielleicht ist es einfach so. Vielleicht ist es aber auch ganz anders, und es melden sich besorgte Tierärzte in der Service-Redaktion, weil ihnen die Katzen auf dem OP-Tisch reihenweise unter den Händen wegsterben, und sie flehen:

„Auf uns hören die Leute nicht. Bitte schreiben Sie eine Service-Meldung!“

Bis der Redakteur irgendwann ein Einsehen hat und sagt:

„Na, meinetwegen. Wir schreiben das jetzt. Aber nur, wenn Sie dann Ruhe geben.“

Sie geben dann aber trotzdem keine Ruhe, sondern rufen am nächsten Tag gleich wieder an, um mitzuteilen, dass man Axolotl bitte unter keinen Umständen in kochendem Wasser halten sollte. Man möge das melden.

Die unwahrscheinlichste Variante ist, dass sie sich das in den Redaktionen alles selbst ausdenken. Aber wahrscheinlich ist es genau so, und genau in diesem Moment sitzen sie da und überlegen wieder:

„Ich hab‘ neulich meinen Nachbarn im Supermarkt getroffen. Und ich frage ihn: ‚Was machst du denn hier?‘ Da sagt er: ‚Ich kaufe Ingwer für mein Pferd.‘ Aber das hätte er wohl besser nicht getan.“

Wobei — diese Meldung gibt’s ja schon:

Dann reden sie vielleicht gerade über andere Tierprobleme:

„Haben wir schon drauf hingewiesen, dass man Hunden zu Silvester auf keinen Fall Mariacron ins Trockenfutter mischen sollte?“

„Ich glaube, letztes Jahr hatten wir die Meldung mit Dujardin. Nee, aber mit Mariacron noch nicht. Ich frag‘ noch mal nach.“

„Und dass Hundehaufen nicht so beliebt sind?“

„Doch. Das hatten wir schon.“

Die Frage ist, ob Menschen, die solche Service-Meldungen nützlich finden, überhaupt Tiere halten sollten — oder ob man im Sinne der Tiere nicht vielleicht eher Dinge schreiben sollte wie: „Pferde sind kaum zu bezahlen.“ Oder: „Wellensittich-Haltung nahezu unmöglich.“

Kann aber natürlich auch sein, dass das gar nicht nötig ist, weil diese Menschen einfach so sehr mit ihrem eigenen Leben und der Frage, ob sie endlich einen festen Tag zum Einkaufen benötigen, beschäftigt sind, dass da für Tiere überhaupt kein Platz bleibt.

Vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall, und sie brauchen dringend einen tierischen Freund, weil sie die folgende Meldung nicht gelesen haben und keinen menschlichen finden:

Oder sie ahnen längst, dass der Kauf eines Haustieres ihrem Leben noch mal eine andere Qualität geben würde, aber sie stehen ratlos vor dem Geldautomaten, und die Karte kommt nicht mehr raus. Weil sie keine Lösung wissen, gehen sie nach Hause und beschließen, ihr Konto und die Sache mit dem Haustier zu vergessen. Dabei wäre es gar nicht so schwer gewesen:

Ja, dort in der Zeitung hätte die Lösung gestanden. Aber womöglich werden genau die Menschen, die dieses Wissen benötigen, davon nie erfahren. Vielleicht wissen sie nichts von diesen Service-Meldungen. Vielleicht bräuchten wir eine große Kampagne auf Litfaßsäulen. Oder irgendwer müsste mal im Fernsehen durchsagen, dass nützliches Wissen in der Zeitung steht.