Kokain im alten Zopf

Man kann in diesen Tagen manchmal vergessen, dass eigentlich Sommerloch ist. Aber ab und zu will eben doch nicht so viel passieren, wie in Zeitungen und Online-Portale passen würde. Und dann brauchen die Redakteure schon etwas Glück, um auf einen handfesten Skandal zu stoßen.

Der Kölner „Express“ hatte vergangene Woche dieses Glück:

Es war ein Test im Dienste der Wissenschaft: Die WDR-Wissenschaftssendung „Quarks & Co“ hatte die Promis Jean Pütz (79), Anna Schudt (42) und Roberto Blanco (79) zur Haaranalyse gebeten.

Doch mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Bei zwei der Stars wurden Drogen nachgewiesen!

Klar, dass so ein Knaller groß auf die Titelseite gehört:

Im WDR hatten Forscher des „Rechtsmedizinischen Instituts“ der Universität Köln die Haarproben der drei Promis untersucht, „und peng!“, bei Pütz entdeckten sie Kokain und Cannabis. Bei „Tatort“-Kommissarin Schudt immerhin Cannabis. Der „Express“ spricht von einer „Überraschung“, von einem „Schock-Ergebnis in der Sendung“.

Die „Bild“-Medien zogen nach:

Ganz so spektakulär und neu, wie das nun alles klingt, ist die Geschichte dann aber doch nicht.

Erst einmal: Der Beitrag lief nicht bei „Quarks & Co.“, sondern vergangenen Dienstagabend in einer Ausgabe von „Quarks & Caspers“, moderiert von Ralph Caspers. In der Sendung ging es ausschließlich um Haare: Viel Amüsantes und Interessantes zum Thema (Blondsein ist ein Gendefekt! Holla!), allerdings war ein Teil von ihr eine Wiederholung vom vergangenen November — und zwar genau der Beitrag mit Jean Pütz und den anderen Prominenten, in dem es darum ging herauszufinden, was Wissenschaftler eigentlich anhand so einer Haaranalyse über einen Menschen aussagen können.

Wenn man aufpasst, erfährt man — neben der Info, dass Roberto Blanco seine Haare offenbar schwarz nachfärbt: Das Kokain und das Cannabis wurden in den Proben zwar nachgewiesen, „jedoch in so geringer Konzentration, dass klar ist: Die Drogen wurden nicht konsumiert“. Das Fazit des Beitrags lautet dann auch, „dass Drogen im Haar nicht bedeuten, dass der Haarträger sie nimmt.“ Für ein positives Testergebnis kann es zum Beispiel schon reichen, dass man einmal jemandem, der Kokain genommen hat, die Hand gegeben hat.

Und so kommentiert das Team der Sendung den „Express“-Artikel bei Facebook: „Der nächste Drogenskandal? Eher nicht.“ Für eine Skandalgeschichte auf der Titelseite des Kölner Boulevardblatts reicht es, auch mit neun Monaten Verspätung, aber noch allemal.

Mit Dank an Axel B. für den Hinweis!