„6 vor 9“-Sonderausgabe: Amoklauf in München

1. OEZ und ein Abend mittendrin…
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz ist ein bekannter Journalist und Medienprofi. Und seine Münchner Wohnung liegt in der Nähe der U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum. Kein Wunder, dass er in den Stunden des Geschehens ein gefragter Interviewpartner und für mehrere Stunden bei „BBC World“ und „Deutsche Welle TV“ on air war. Jakubetz schreibt auf seinem Blog über seinen persönlichen Zwiespalt bei der Bewertung des Geschehens. Und geht selbstkritisch mit sich ins Gericht, weil er trotz des Bemühens um journalistische Sorgfalt auch Dinge verbreitet habe, die sich später als Falschmeldungen herausgestellt hätten: „Jetzt, mit dem Abstand von einer paar Stunden, weiß ich nicht mehr, warum ich diese Meldungen abgesetzt habe, ohne sie gegenzuchecken. Allerdings, ohne dass das eine Ausrede sein soll: Man steht da plötzlich mehr oder weniger unvorbereitet und Radio- und TV-Stationen aus der ganzen Welt wollen von dir im Minutentakt etwas Neues haben. Ernsthaft hätte ich nicht mehr sagen können außer: Es gab eine Schießerei, es gibt wohl Tote, nein, wir wissen nichts über den oder die Täter. Aber so kann man natürlich keine Live-Schalte bestreiten und außerdem: Ich war an dem Abend beides, Betroffener und Journalist. Und ich habe an mir selbst festgestellt, wie groß mein Bedürfnis nach irgendwelchen Informationen ist, wie ich alles aufgesaugt habe ohne jegliche professionelle Distanz. Wie soll man auch distanziert und ruhig bleiben, wenn in deiner Nachbarschaft neun Menschen erschossen werden?“

2. Unverantwortliche Angstmacherei mit «Terror»
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Der Schweizer Journalist und ehemalige Fernsehmoderator Urs P. Gasche bezeichnet die vielen Terror-Schlagzeilen in Zusammenhang mit dem Amoklauf in München als unverantwortliche Angstmacherei: „Die unbedarften, aber quotenbringenden Schlagzeilen dienen in den meisten Ländern Westeuropas der extremen Rechten. Je stärker die verbreitete Angst, je grösser die gefühlte Unsicherheit, je intensiver das Gefühl, dass die heute Regierenden den Terror nicht in den Griff bekommen, desto grösser das Echo auf Rufe nach der starken Partei, dem starken Mann oder der starken Frau. Desto bereitwilliger akzeptiert eine Bevölkerung den Ausnahmezustand, die totale Überwachung und eine polizeiliche und militärische Aufrüstung.“

3. Der Amoklauf von München – so war es in einer Nachrichtenredaktion
(michael-draeger.com)
Michael Draeger ist Journalist und arbeitet als Nachrichtenredakteur beim NDR. Von der Schießerei im Olympiaeinkaufszentrum in München erfährt er bei der Arbeit: Draeger ist an dem Abend für die Spätnachrichten bei „N-JOY “ und „NDR2“ eingeteilt und muss aus einem Wust an verschiedenen und teils widersprüchlichen Informationen herausfiltern, was stimmt. Am Ende seiner Schilderung über den besonderen Arbeitstag bricht Draeger eine Lanze für das Medium Radio: „Wer im Breaking-News-Fall statt dem stetigen Nachrichtenfluss kompakte und verlässliche Informationen sucht, der sollte stattdessen Radio hören. Sie verpassen nichts Wichtiges, versprochen. Gleichzeitig ersparen Sie sich jede Menge Spekulationen, Gerüchte und Halbgares. Auch mit gefälschten Bildern müssen Sie sich nicht herumschlagen.“

4. fiene & dann lasst uns auf text umschalten
(danielfiene.com)
Journalist Daniel Fiene ist zu Hause, als er von einer möglichen Schießerei in München erfährt. Nach Rücksprache mit den Kollegen vom Newsdesk fährt er kurzerhand zurück in die Redaktion, um dort bis tief in die Nacht zu arbeiten. Fiene ist Social-Media-Profi und Fan von Tools wie Periscope und Facebook Live. Dennoch fragt er sich, ob das Veröffentlichen von Bildern und Videos immer zweckdienlich sei. „Ich nehme mir auf jeden Fall vor, bei künftigen extremen Nachrichtensituation —egal ob nah dran, oder beobachtend— auf meinen eigenen Accounts in den Textmodus zu wechseln. Es gibt Leute, die das schätzen werden und Leute, die das schätzen lernen werden und vielleicht den Textmodus auch für sich entdecken. Wir können Vorbild sein.“

5. Das Vielfache von Entsetzen
(fraumeike.de, Meike Lobo)
Meike Lobo schreibt über den Impuls, bei schlimmen Ereignissen in die Timeline der sozialen Medien abzutauchen. Aus dem Bedürfnis nach Informationen, aber auch, um die Nähe von anderen zu suchen. Meike Lobo fragt sich, welchen Sinn es habe, immer wieder hektisch auf Aktualisieren zu klicken und beantwortet diese Frage für sich, indem sie irgendwann Twitter abschaltet: „Gruppendynamik bedeutet nichts anderes als dass wir Dinge sagen, tun und fühlen, weil andere sie auch sagen, tun und fühlen. Das Handeln der Allgemeinheit begründet das Handeln des Einzelnen. Menschen sind soziale Wesen; sich nach anderen zu richten, ist normal, natürlich und in vielen Fällen sinnvoll. In aufgeregten Zeiten aber, das hat der gehetzte Eilmeldungsjournalismus der letzten Jahre genauso gezeigt wie die Erfolge der AfD, macht Gruppendynamik genau eines: die Menschen noch aufgeregter. Denn das Vielfache von Entsetzen ist nicht Trost, sondern Panik.“

6. Wie die deutschen Medien Udo Ulfkotte die Wahrheit über München verschwiegen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Udo Ulfkotte hat den Bestseller „Gekaufte Journalisten“ geschrieben und ist bekannt für seine vielen Geschichten über die „Lügenpresse“. Auch am Abend des Amoklaufs wittert er eine Verschwörung der deutschen Medien und fragt auf Facebook: „+++ Wieso muss ich ausländische Zeitungen lesen, um aus LONDON zu erfahren, was wirklich gerade in München los ist +++ mindestens 6 Tote , die Zahl meldet noch KEIN deutscher Journalist …++“. Stefan Niggemeier dokumentiert auf „Übermedien“ mit zahlreichen Beweisfotos, warum dies Mumpitz ist.