Bild  etc.

„Ich dachte, es gibt ethische Grenzen“

Als Vorsitzender des Vereins „Krisenintervention und Notfallseelsorge Dresden“ hat Tom Gehre in den vergangenen Tagen einige Angehörige der Opfer des Anschlags in Istanbul betreut. Am Samstag hat er bei Facebook ein paar Gedanken zum Verhalten der Medien aufgeschrieben, die wir mit seinem Einverständnis auch hier veröffentlichen.

***

In der Regel äußern wir uns nicht im Detail zu unseren bisherigen Einsätzen oder lassen die Öffentlichkeit an unserer Meinung teilhaben. Doch leider wirft der Einsatz im Zusammenhang mit den Terroranschlägen in Istanbul neben seiner Tragik noch einen zusätzlichen negativen Schatten voraus. Der Umgang der Medien mit den Angehörigen der Opfer.

Wir weisen darauf hin, dass die Angehörigen über dieses Schreiben informiert wurden und ihre Zustimmung einer Veröffentlichung erteilten. Wir können auch nur über die Vorfälle hier in Dresden urteilen.

Mein Name ist Tom Gehre, ich bin Vorsitzender des Vereins Krisenintervention und Notfallseelsorge Dresden e.V.. Seit 7 Jahren bin ich in diesem Bereich tätig, habe unzählige Einsätze absolviert, auch Einsätze, die von einem scheinbar „hohen öffentlichen Interesse“ waren.

Als eine Kollegin und ich den Einsatzauftrag in der Nacht 12./13.01.2016 zum Überbringen der Todesnachricht gemeinsam mit der Polizei an die Angehörigen erhielten und durchführten, klärten wir in der Krisenintervention die Angehörigen u.a. darüber auf, wie mit der Presse umgegangen werden sollte und was auf sie zukommen könnte. Doch was die nächsten zwei Tage passierte, hatten wir in dieser Form noch nie erlebt.

Es wurde von mehreren lokalen, überregionalen und internationalen Medien versucht, mit den Angehörigen Kontakt aufzunehmen, von Telefonanrufen bis Klingeln an der Haustür, oder bei Nachbarn und deren Befragung. Es wurden Fotos von dem Haus der Betroffenen geschossen. Des Weiteren wurden Angehörige bedrängt, über den Anschlag zu sprechen und Auskunft zu geben. Es wurden Worte, die gesagt wurden, falsch dargestellt und die Hilflosigkeit der Angehörigen schamlos ausgenutzt, um über den an Sinnlosigkeit kaum zu überbietenden Terrorakt gegenüber Menschen noch mehr sinnlose Artikel zu schreiben. Meiner Meinung nach werden deutliche Grenzen überschritten, und dies hat nichts mehr mit seriösem und ethischem Journalismus zu tun. Hier besteht auch kein „öffentliches Interesse“ mehr.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, über dieses Ereignis informiert zu werden. Das betrifft aber meiner Meinung nach das Ereignis an sich und nicht die Privatsphäre der Angehörigen. Worin besteht der Sinn, einen Eingang mit Hausnummer von Angehörigen in einer Zeitung abzulichten? Worin besteht der Sinn, die privaten familiären Umstände zu kennen?

Der Sinn ist für mich persönlich nicht erkennbar. Erkennbar ist für mich ganz deutlich, wie sehr die Angehörigen leiden, wie sie versuchen, die Tage zu überstehen und irgendwie das Unfassbare zu realisieren. Sie wollen selbst entscheiden, wie sie mit ihrer Hilflosigkeit und Trauer umgehen, und plötzlich wird ihr einziger privater Rückzugsort, ihre Wohnung, durch ständige Anrufe, Klingeln oder Fragen an der Tür öffentlich.

Ich weiß nicht, ob es wirklich sein muss, dass für diesen Preis die Rücksicht gegenüber Angehörigen nach Todesfällen so wenig Beachtung findet. Ich bin mir im Klaren darüber, dass auch Vertreter von der Presse ihren Beruf ausüben müssen, dass sie ihr Geld dadurch verdienen, aber wird hier nicht eine Grenze überschritten, wenn man anfragt und ein Nein seitens der Angehörigen nicht akzeptiert? Wenn trotz eines Neins versucht wird, die Angehörigen zu fragen und auf ein Interview gedrängt wird? Wenn trotz eines Neins einfach in die Wohnung gegangen wird, nachdem ein Angehöriger fast zusammenbricht, weil an der Haustür auf ihn eingeredet wurde?

Mich macht dies unheimlich traurig und wütend zugleich! Ich dachte, wir wären alle Menschen mit Herz und Verstand, doch scheinbar habe ich mich diesbezüglich getäuscht. Ich dachte, es gibt ethische Grenzen, die eingehalten werden. Ich will einfach nicht verstehen, dass scheinbar kaum Empathie herrscht, die Vorstellung, wie sich Angehörige wohl fühlen mögen, wenn plötzlich auf der Titelseite Bilder von ihren Verstorbenen auftauchen oder ihr privates Haus abgelichtet wurde. Es macht sie wütend, sie haben Angst, und das, obwohl sie doch schon so viel Wut für das Ereignis empfinden.

Mir ist bewusst, dass dieses Schreiben leider an der Situation nichts mehr ändert und auch in Zukunft nichts ändern wird. Aber ich persönlich sehe mich in der Pflicht, auf solche schweren Missstände hinzuweisen, darauf aufmerksam zu machen, und vielleicht erreicht es doch den ein oder anderen, der sein Verhalten überdenkt oder das nächste Mal anders handelt.

***

Siehe auch: Die Opfer der „Bild“-Zeitung

Mit Dank an flurfunk-dresden.de.