Das BILDbloggen muss „Bild“ noch üben

Die „Bild“-Zeitung hat schon Recht: Man kann es heuchlerisch finden, dass Heribert Prantl, ein Leitender Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, andere Medien dafür kritisiert, dass sie detailliert und mit Namensnennung über den Fall einer Sängerin berichtet haben, der vorgeworfen wird, im Wissen um die eigene HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Prantl behauptete gestern:

„Die Süddeutsche Zeitung hat über die Verhaftung und den Tatvorwurf deshalb sehr zurückhaltend berichtet; sie wird den Namen der Sängerin auch weiterhin nicht nennen — obwohl dieser nun landauf, landab genannt wird.“

„Auch weiterhin“? Die „Süddeutsche Zeitung“ hat den Namen der Sängerin am Mittwoch in einem Teil ihrer Auflage genannt. Bundesweit hat sie den Namen der Gruppe genannt, zu der die Sängerin gehört, und so alle vier Mitglieder unter den Verdacht gestellt, gemeint zu sein. In ihrem Online-Archiv hat sie sämtliche „SZ“-Artikel zum Thema, einschließlich Prantls, auch mit dem Nachnamen der Sängerin indiziert. Online ist Prantls Artikel mit einem Foto der Gruppe illustriert. Und auf sueddeutsche.de sind Meldungen über den Fall erschienen, die unter Namensnennung der Verdächtigen detailliert über die Vorwürfe berichteten.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr berechtigt, wie „Bild“ zu fragen, ob es „Dummheit oder Heuchelei“ sei, wenn Prantl die eigene Vorbildhaftigkeit gegenüber den anderen herausstelle.

Allerdings ist „Bild“ dann die übliche Rechercheschwäche in die Quere gekommen. „Bild“ erwähnt einen ausführlichen Artikel, der am Dienstagabend auf sueddeutsche.de erschien und unter Namensnennung über die Vorwürfe gegen die Sängerin berichtete, und schreibt:

Wer auf der SZ-Internetseite nach [dem Namen der Band] sucht, findet nur noch Prantl und einen Artikel vom Dezember 2008. Soll nach Prantls Predigt etwa der Eindruck erweckt werden, der gelöschte Artikel sei nie geschrieben worden?

Die „Süddeutsche“ will sich dazu nicht äußern.

Wie zum Beweis zeigt „Bild“ sogar einen Ausdruck des Artikels, auf dem jemand handschriftlich notiert hat: „MITTLERWEILE AUS DEM INTERNET GELÖSCHT !!“

Nur: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat den Artikel nicht „aus dem Internet“ gelöscht, nicht einmal aus ihrem eigenen Online-Auftritt. „Bild“ ist nur zu doof, ihn wiederzufinden. Er ist genau dort, wo er immer war und auch auf dem Screenshot von „Bild“ zu sehen ist: im „Newsticker“, wo die Agenturmeldungen auf sueddeutsche.de einlaufen. Und man findet ihn, indem man dort zum Beispiel den Namen der Band eingibt.

Nachtrag, 20. April. Jetzt ist der von „Bild“ gezeigte und angeblich gelöschte Artikel tatsächlich auf sueddeutsche.de nicht mehr zu finden — wie alle Meldungen im Newsticker dort, die älter als fünf Tage sind.