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PR für Scientology (II)

Heute ist der letzte Teil einer „Bild“-Serie von Norbert Körzdörfer über Tom Cruise erschienen. Mit grenzenloser Bewunderung hat der „Bild“-Reporter drei Tage nacheinander jeweils ganzseitig vor allem immer wieder eines beschrieben: Wie der Schauspieler es geschafft hat, „von ganz unten nach ganz oben“ zu kommen.

An einer Stelle lässt Körzdörfer Cruise erklären, was seinem Leben die entscheidende Wendung gegeben hat:

„Erst ein Lerntechnik-Buch von Ron Hubbard († 1986, Gründer von ‚Scientology‘, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird) hat aus mir einen neuen Menschen gemacht! Sonst wäre ich nicht das, was ich heute bin… Alle fragen: ‚Wie hast du das geschafft?‘ So! Lernen, lernen, lernen! Soll ich lügen?“

Es gibt in den vielen Hundert Zeilen der Serie keine einzige Stelle, an der Körzdörfer den Hauch eines Zweifels erkennen lässt an dem Weg, den Tom Cruise gegangen ist, keine Nachfrage, keine Distanz. Im Gegenteil. Bevor Körzdörfer sich von Cruise verabschiedet („Wir umarmen uns. Wir lassen uns los. Wir gehen unsere Wege“), urteilt er:

Tom steht zu dem Weg, den er gegangen ist. Er lügt nicht. Er verbirgt nichts.

Körzdörfers Bewunderung beschränkt sich nicht auf den Hollywood-Star Cruise, sie bezieht sich auf den ganzen Menschen, den er als in jeder Hinsicht bewundernswert beschreibt. Wer alle Teile der Serie liest, muss zu dem Schluss kommen, dass das Erfolgsgeheimnis von Cruise Scientology ist. Nur an zwei Stellen erwähnt Körzdörfer den Namen dieser Organisation — beide Male im denkbar positivsten Zusammenhang. Der eine Satz ist der oben zitierte. Darin bleibt die Beobachtung durch den Verfassungsschutz nicht nur unerklärt; der Hinweis darauf wird auch so versteckt, dass er die Botschaft kaum verstellt: „[Die Scientology-Methode] … hat aus mir einen neuen Menschen gemacht“. Der zweite Satz lautet so:

Er kämpft als Vater, Star – und „Scientologe“ – gegen Psychopillen für Schüler, gegen Drogen, gegen Kriminalität!

Scientologen, so vermittelt Körzdörfer in „Bild“, werden aus unerfindlichen Gründen vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet, dabei machen sie aus erfolglosen Menschen erfolgreiche Menschen und kämpfen gegen das Böse in der Welt.

Wenn Scientology für viel Geld einen Artikel in Auftrag gegeben hätte, der das Wirken und Wesen der Organisation in einem grenzenlos positiven Licht zeigen soll — er hätte nicht besser ausfallen können als diese „Bild“-Serie.

Cruise selbst mischt konsequent Werbung für seinen neuen Film mit Werbung für Scientology. Laut „Berliner Zeitung“ bestand er beim Dreh darauf, ein Scientology-Info-Zelt aufstellen zu lassen; „beinah alle Journalisten, die ein Interview mit ihm führen wollten, [mussten] erst eine vierstündige Besichtigungstour durchs Scientology-Quartier bewältigen.“ Während der Europapremiere in Berlin wurde „auf der anderen Straßenseite derweil an einem Stand Werbung für Schriften des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard gemacht“, schreibt die „Berliner Morgenpost“. Welche Bedeutung die Organisation für sein Leben hat, geht auch aus einem erstaunlichen Interview im aktuellen „Focus“ hervor.

Am Montag, als der erste Teil der Serie mit einer fast werblichen Beschreibung der Arbeit der umstrittenen Scientology-Organisation „Narconon“ erschien, haben wir „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich telefonisch und in zwei E-Mails um eine Stellungnahme gebeten. Wir schilderten den Fall und stellten folgende Fragen:

  • Warum wirbt „Bild“ für Scientology?
  • Warum verschweigt „Bild“ die Gefahren von Narconon?
  • Hält „Bild“ Scientology für eine unbedenkliche Organisation?
  • Hält „Bild“ Narconon für ein unbedenkliches Verfahren?
  • Was antwortet „Bild“ dem naheliegenden Vorwurf, sich für einen „Exklusiv“-Besuch bei Tom Cruise für Scientology-PR missbrauchen zu lassen?

„Bild“ hat darauf nicht geanwortet.