„Tja, bald ist Tröglitz halt überall“

Was ist das beste Kraftfutter für „Bild“-Redakteure und ihre Leser, wenn sie sich mal wieder so richtig über das europäische Schmarotzertum aufregen wollen?

Viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien wären gut. Noch besser: Zuwanderer aus den beiden Ländern, die in Deutschland keinen Job finden. Am besten wäre aber ein riesiger Zuwachs von Hartz-IV-Rumänen und Stütze-Bulgaren.

Et voilà:

Die Zahl stimmt sogar. Im März hat die Bundesagentur für Arbeit berichtet (PDF), dass seit der kompletten Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bulgaren und Rumänen die Summe der Hartz-IV-Empfänger aus den beiden Ländern angestiegen ist: von 45.260 im Dezember 2013 auf 83.082 ein Jahr später.

Europa und Hartz IV? Das ist was für Dirk Hoeren, „Bild“-Chefkorrespondent für irre EU-Verordnungen und erfahrener „Hartz-IV-Inspektor“. Hoeren hat also seinen Taschenrechner gezückt, Schnappatmung bekommen und seinen Gemütszustand am Mittwoch vergangener Woche in ein Ausrufezeichen gepackt:

ein Plus von 83,6 %!

Auf diesen Wert kommt die Bundesagentur für Arbeit ebenfalls. Sie schreibt aber auch:

Bei der Bewertung der starken prozentualen Anstiege ist zu berücksichtigen, dass die absoluten Ausgangszahlen sehr klein sind […].

Dazu kommt: Hoeren lässt bei seiner „Bewertung“ völlig außer Acht, dass im gleichen Zeitraum reichlich zugezogene Rumänen und Bulgaren einen Arbeitsplatz gefunden haben, oft sogar einen sozialversicherungspflichtigen (Stand Dezember 2014: 199.976). Das erfahren die Leser ganz am Ende von Hoerens Artikel zwar auch — wenn sie bis dahin vor lauter Empörung überhaupt durchgehalten haben.

Wie tendenziös die Wahl der 83,6-%-Schlagzeile ist, soll ein kleines Rechenbeispiel zeigen: Nehmen wir mal an, Dirk Hoeren schreibt im April zehn „Bild“-Artikel. In einem davon reißt er Zahlen so aus dem Zusammenhang, dass sie für seine Stimmungsmache gegen Rumänen und Bulgaren bestens passen. Im Mai darf Hoeren stolze 100 Artikel schreiben. Dieses Mal bekommt er es hin, in zweien davon die entscheidenden Zahlen wegzulassen, um wieder ordentlich gegen Zuwanderer zu wettern. Hat sich seine Hetzer-Quote jetzt um 100 Prozent gesteigert?

Natürlich nicht. Und so müsste die Rechnung zu den Hartz-IV-Empfängern aus Bulgarien und Rumänien auch anders aussehen: Als Basis müssten alle Bulgaren und Rumänen herangezogen werden, die in Deutschland leben. Und auf dieser Grundlage kann man dann den Anteil der Hartz-IV-Empfänger berechnen.

Das Ergebnis (PDF): im Dezember 2013 waren es 10,9 Prozent, im Dezember 2014 15,4 Prozent — ein sattes Plus von 4,5 Prozentpunkten. Damit machen Bulgaren und Rumänen gerade mal 1,4 Prozent aller in Deutschland lebenden Hartz-IV-Empfänger aus.

Für all diese mickrigen Zahlen war in Dirk Hoerens Artikel natürlich kein Platz mehr. Sonst hätte das Stimmungsbarometer womöglich auch nicht so schön eindeutig ausgesehen:

Und in welche Richtung diese Wut zielt, ist auch klar:

Tja, bald ist Tröglitz halt überall. Nur weiter so liebe Politiker!

Mit Dank an Mau Mue.