Bild.de versteht den Witz von „Pension F.“ nicht

Möglich, dass man bei „Bild“ nicht versteht, worum es in dem österreichischen Theaterstück „Pension F.“ geht, das gestern Abend in Wien Premiere hatte.

Jedenfalls wird das Stück, das sich mit dem Fall des Josef F. beschäftigt, der seine Tochter über Jahre im Keller gefangen hielt und mehrere Kinder mit ihr zeugte, in einem Bild.de-Artikel über die gestrige Premiere konsequent „Inzest-Theater“ genannt. Eine „Satire“ solle es sein, schreibt Bild.de und fügt in etwas holprigem Deutsch an, es sei „ein Stück voller Blut, Wahnsinn, sexueller Missbrauch und Gewalt!“ Etwas später heißt es:

Um was geht es in dem Stück?

Nicht direkt um Fritzl – sondern allgemein um Täter sowie Opfer von Gewalt und den Umgang mit ihnen, betonte Regisseur Hubsi Kramar nach Ende des dreistündigen Spektakels im Wiener 3raum-Anatomietheater.

„Das Stück hat ganz klassisch drei Akte“, so die Macher zur österreichischen Nachrichtenagentur APA. „Der erste war das weltweite Echo auf unsere Ankündigung, der zweite passierte heute Abend, und der dritte werden die weiter wirkenden Reaktionen darauf sein.“

Ja, nun. Das ist alles nicht ganz falsch. Erstaunlicherweise schafft Bild.de es allerdings, nicht ein einziges Mal zu erwähnen, dass „Pension F.“ eine Mediensatire sein soll. (Dabei steht das sogar in der von Bild.de zitierten APA-Meldung.) Stattdessen fragt Bild.de scheinheilig…

Darf ein Theaterstück mit einem solchen widerlichen Verbrechen Werbung machen, daraus Kapital schlagen?

… und stellt direkt im Anschluss fest, dass „dutzende Journalisten unter anderem von BBC, RTL und Al-Jazeera“ bei der Premiere im Publikum gewesen seien.

Regisseur Hubsi Kramar über seine „Pension F.“:

„Wir halten es für wichtig, dass im Zuge des Prozesses gegen Josef F., diese Problematik von einer ganz anderen Seite als der reißerischen, vorverurteilenden, platten der Boulvard-Journalisten ‚beleuchtet‘ werden muss. Deren Schamlosigkeit darin besteht die Opfer ihren ‚Lesern‘ als Wix-Vorlage auszuliefern. Unter dem Deckmantel der geheuchelten Moral einzig mit dem Zweck Profit zu machen, die Auflagezahlen zu steigern. Das Mittel diese Heuchelei aufzudecken ist für uns die Satire. (…) Wesentlich ist eben: Dass mittels dieser Boulvard-Techniken von den eigentlichen Problemen gesellschaftlicher Missstände abgelenkt wird, durch die Kanalisierung des erzeugten Volkszornes. Verhetzung mittels grober Vereinfachung, Entstellung und lügenhafte Tendenz-Berichterstattung. (…)

Eines ist mir [nach ersten Anfeindungen in der Presse] sofort klar (…): Dass nun die Medien das selbst machen, was wir geplant hatten – eine Stück über die Medien selbst, ein medienkritisches Stück – eine Mediensatire, eine Soap-Groteske. (…) Wir sind uns einig, dass die Medien nun selbst das Stück machen, das Stück in dem wir selbst nur Akteure, Zeugen, Betrachter sind.“

Um aber mal aus einer Pressemitteilung zu zitieren, die das Theater lange vor der Premiere herausgab, u.a. um vorverurteilenden „Hetzberichten“ über das Stück entgegenzutreten:

[Im Stück] sollte die Rolle bestimmter Medien aufgezeigt werden, die durch ihre menschenverachtende Darstellung aus Profitgier Opfer bloßstellen und damit verhöhnen. Das Prinzip ist einfach: Hinter dem schamlos geheucheltem Mitgefühlstheater stehen knallharte Profitinteressen, die ohne menschliches Mitleid ausschließlich an Auflagensteigerung interessiert sind. Der aktuellen Berichterstattung ist es gelungen, dieses Theaterstück bereits aufzuführen.

So gesehen, haben sich die [Medien] mit ihrer Ignoranz und Projektion auf unsere Arbeit selbst die Maske vom Gesicht genommen. Haben sie vielleicht aus Verdrängung über sich selbst gesprochen?

Das sind offenbar in etwa die Grundideen des Stücks, die sich so ähnlich auch in vielen Rezensionen anderer Medien nachlesen lassen – denen auch nicht entgangen ist, dass die vielen anwesenden Journalisten quasi Teil der Inszenierung wurden.

Bei Bild.de indes findet sich dazu (wir kennen das) nichts. Und, wie gesagt, vielleicht hat man’s bei Bild.de nicht verstanden. Vielleicht kam das alles den Bild.de-Mitarbeitern aber auch einfach zu bekannt vor.

Mit Dank an Michael M., Marcus K. und Gerhard V.

"Widerlich! Ösis spielen das Drama um die Fritzl-Kinder im Theater nach"Nachtrag, 25.2.2008: „Bild“ berichtet heute ähnlich wie gestern Bild.de (siehe Ausriss). Dabei schafft „Bild“ es zwar, das Wort „Mediensatire“ unterzubringen, gibt sich aber ansonsten alle Mühe, zu verschleiern, dass „Pension F.“ genau die Art der Berichterstattung über den Fall Josef F. kritisieren will, die sich auch in der „Bild“-Zeitung fand und findet.