Traurige Fakten

Schwer zu sagen, ob das „brutale Grand-Prix-Debakel“ (also die Tatsache, dass der deutsche Beitrag beim Eurovision Song Contest in Kiew am vergangenen Samstag auf dem letzten Platz landete) „jetzt“ tatsächlich „Konsequenzen“ hat, wie es heute in der „Bild“-Zeitung steht, ob es also irgendwie gerechtfertigt ist, wenn „Bild“ behauptet:

0 points! ARD feuert Grand-Prix-Chef

Tatsache ist, dass der für den Grand Prix zuständige NDR bereits gestern bekannt gab, der bisherige Grand-Prix-Verantwortliche Jürgen Meier-Beer höre „auf eigenen Wunsch“ auf.

Tatsache ist auch, dass die Nachrichtenagentur ddp daraufhin schrieb:

„Meier-Beer unterstrich, sein Abgang habe nichts mit dem Grand-Prix-Debakel (…) zu tun (…). Die Gespräche über eine neue Aufgabe für ihn hätten bereits vor einem halben Jahr begonnen.“

Und der NDR legte heute, nach den „ARD feuert Grand-Prix-Chef“-Behauptungen, mit einer zweiten Pressemitteilung nach, in der es heißt:

„Spekulationen in Teilen der Presse, der NDR habe seinen Grand-Prix-Verantwortlichen strafversetzt oder gar gefeuert, entbehren jeder Grundlage (…). Tatsächlich hat Herr Dr. Meier-Beer bereits vor sechs Monaten darum gebeten, nach zehn Jahren mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir gemeinsam begonnen, seinen Wechsel vorzubereiten (…)“

Und wenn sich der NDR nun abermals (und derart ausdrücklich) an die Öffentlichkeit wendet und betont, die Personalie stehe „in keinem Zusammenhang mit dem Abschneiden der Sängerin Gracia beim ‚Eurovision Song Contest'“, dann sollte man sich den „Bild“-Text vielleicht doch noch einmal genauer anschauen. Schließlich findet man dort zwar jede Menge Ausrufezeichen („Gracia Letzte! Miese Quote! Falsches Konzept!“, „Das brutale Grand-Prix-Debakel in Kiew, jetzt hat es Konsequenzen!“, „Die ARD feuert Grand-Prix-Chef Jürgen Meier-Beer (53)!“, „Null Punkte für den Ex-Unterhaltungs-Chef!“, „Sinkende Einschaltquote!“, „Katastrophales Ergebnis!“, „Hohe Kosten!“, „Falsches Auswahlsystem!“) — aber kein einziges Indiz für die Behauptung, Meier-Beer sei gefeuert worden.

Stattdessen findet man unter dem Stichwort „Traurige Fakten“ den Satz:

2000 schauten noch 12 Millionen zu, dieses Jahr nur rund 7 Millionen.

Und das ist in der Tat traurig, weil es nämlich 2000 nicht „12 Millionen“, sondern 10,03 Millionen Zuschauer waren, was hier nur deshalb Erwähnung finden soll, weil „Bild“ nicht einmal dort, wo sie ausdrücklich mit „Fakten“ aufwartet, mit Fakten aufwartet.

Nachtrag, 18.6.2005:
Bild.de muss eine Gegendarstellung des NDR-Intendanten Jobst Plog u.a. veröffentlichen, in der es heißt, „daß Herr Dr. Meier-Beer bereits vor mehreren Monaten darum gebeten hat, mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden und bereits vor Durchführung des ‚Eurovison Song Contest‘ feststand, daß Herr Dr. Meier-Beer den Posten des „Grand-Prix-Chefs“ abgeben würde.“ Der „Bild“-Artikel selbst ist online nicht mehr verfügbar.