„Putin, schau in die Gesichter
dieser 100 Opfer!“

Zur postkatastrophalen Berichterstattung in den „Bild“-Medien gehört immer auch eine „Galerie der Trauer“, in der die privaten, oft aus dem Internet geklauten Fotos der Opfer präsentiert werden. Meist auf der Titelseite, meist riesengroß und meist ohne jede Unkenntlichmachung. Dazu allemöglichen Details über ihr Privatleben, woher sie kamen, welche Musik sie gerne hörten, ob sie frisch verliebt waren.

Man konnte das schon nach dem Attentat von Utøya erleben, nach dem Amoklauf in Winnenden, nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg, nach dem Busunfall in der Schweiz, nach dem Verschwinden von Flug MH370. Und auch jetzt, nach dem Absturz von MH17:

(Unkenntlichmachung von uns.)

Seit gestern zeigt Bild.de in dieser Galerie Fotos von 100 (!) Opfern des Unglücks, darunter auch viele Kinder, nennt ihre vollen Namen und viele persönliche Details (die überwiegend mutmaßlich aus sozialen Netzwerken und ausländischen Medien stammen). Nur 20 der 69 Fotos tragen einen Quellennachweis, die meisten davon „Privat“.

Schon am Wochenende hatten „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de einige der Fotos gezeigt und private Informationen veröffentlicht, auch dort größtenteils ohne Quellenangaben.

(Übrigens konnten sie es auch gestern nicht lassen, die Opferporträts für ihre Putin-Kritik zu missbrauchen; bei Facebook und in der URL hieß es zunächst: „Putin, schau in die Gesichter dieser 100 Opfer!“ — inzwischen aber nicht mehr.)

Da die „Bild“-Zeitung nicht verrät, wie sie in solchen Fällen an die Fotos kommt (andere Medien im Übrigen auch nicht), können wir über über die Frage, wie sie es diesmal gemacht hat, nur spekulieren. Bei den Angehörigen um Erlaubnis gefragt hat sie aber vermutlich nicht.

Im März 2009, kurz nach dem Amoklauf von Winnenden, wollte das ARD-Magazin „Panorama“ vom Axel-Springer-Verlag wissen, wie „Bild“ an die Opferfotos gekommen war und ob die Genehmigung der Angehörigen vorlag. Springer-Sprecher Tobias Fröhlich antwortete:

„Entgegen Ihrer Annahme dürfen Fotos von Opfern auch ohne Genehmigung gezeigt werden, sofern es sich um Bildnisse im Zusammenhang mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen handelt. Der Redaktion fällt eine solche Entscheidung nicht leicht und sie muss in jedem Einzelfall sorgfältig abwägen, ob das öffentliche Interesse so überragend ist, dass man die Fotos auch ohne Einwilligung zeigen darf. Offensichtlich haben das auch alle anderen Zeitungen und Zeitschriften so beurteilt, die die besagten Bilder veröffentlichten.

Natürlich gehört unser Mitgefühl den vielen Familien in Winnenden, denen der schlimmstmögliche Schicksalsschlag widerfahren ist. Nichts kann den Schmerz und die Trauer über Verlust eines Kindes und eines Angehörigen lindern. Leider gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, auch über solch dramatischen Ereignisse und die dahinter stehenden Schicksale zu berichten — sowohl über Täter, als auch über Opfer.“

Der Sprecher gab in einem Fall sogar indirekt den Eltern die Schuld dafür, dass „Bild“ das Schicksal ihres Kindes ausgeweidet hatte: Indem sie einem Nachruf im „Tagesspiegel“ zugestimmt hatten, hätten sie das Kind zu einer „relativen Person der Zeitgeschichte“ gemacht — und in „solch einem Fall“, so der Sprecher, bedürfe es „keiner Zustimmung des Abgebildeten oder der Hinterbliebenen.“

Medienanwalt Christian Schertz entgegnete jedoch:

„Wenn ein Schüler oder ein Student sein Foto bei StudiVZ einstellt [Von dort hatten die Medien einige der Fotos offensichtich geklaut, Anm.], willigt er damit noch lange nicht ein, dass dasselbe Foto im Falle eines Unglücksfalles, an dem er beteiligt ist, auf der Titelseite einer Boulevardseite veröffentlicht wird. (…)

Das Leid von anderen Menschen ist natürlich auch etwas, das die Sensationsgier befriedigt und damit Auflage macht. Und da ist es oft eine Abwägung von möglichen Anwaltskosten und den vielleicht noch zu zahlenden Schmerzensgeldern und dem, was man mit der Auflagensteigerung erreicht. Und dann ist das Ergebnis relativ eindeutig aus Sicht mancher Chefredakteure.“

Damals hatte sich auch ein Vater zu Wort gemeldet, dessen Tochter bei dem Amoklauf in Winnenden getötet wurde und über deren Leben und Sterben „Bild“ und andere Medien ebenfalls groß berichtet hatten. Er sagte:

„Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder von [meiner Tochter] erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt. (…)

Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen.“

Nachtrag: Bild.de und andere Medien haben für die Veröffentlichung der Opferfotos eine Missbilligung vom Presserat kassiert.