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Mit leichten Abwendlungen

Karl Wendl ist Bild.de-Kolumnist und schreibt seit gut zwei Jahren über nichts Geringeres als „die Zusammenhänge der Weltpolitik“. Schließlich ist Wendl viel herumgekommen: Kriegsreporter in Bosnien und im Irak war er, in Österreich langjähriges Mitglied der Chefredaktion der Wiener Info-Illustrierten „News“ und zwischenzeitlich auch mal Auslandschef bei Springers „Welt am Sonntag“. 1998 spürte er (für „News“) den österreichische Millionenbetrüger Wolfgang Rieger in den Bergen vor Nizza auf, zehn Jahre später traf er (für „Bild“) Margot Honecker in Nicaragua; er interviewte Radovan Karadczic (für „News“) und Al Gore (für „Bild“). Für „Bild“ beantwortete er im US-Wahlkampf u.a. auch „die wichtigsten Fragen zum ’schwarzen Kennedy'“ und andere („Der Fluch der Kennedys: Was hat das Schicksal bloß gegen diesen Clan?“, „Ist der Krieg im Irak am Ende doch ein Erfolg?“).

Die „FAZ“ nannte Wendl mal einen „Vollprofi“.

Schlagzeilen macht Wendl jedoch zuletzt vor einem Jahr, als ihn der US-amerikanische „Star-Kolumnist und Pulitzer-Preisträger“ Jim Hoagland „in der renommierten ‚Washington Post‘, größte Tageszeitung der amerikanischen Hauptstadt“Äh, Quatsch! Schlagzeilchen machte Wendl zuletzt vor zwei Jahren, als sich „News“ (die er 1992 mitgegründet hatte) kurzerhand von ihm trennte. Der Vorwurf damals: In der deutschen Ausgabe der Zeitschrift „Vanity Fair“ war zu einigen umstrittenen Fotos des österreichischen Ex-Ministers Karl-Heinz Grasser ein Grasser-Portrait gedruckt worden, das Wendl ohne Rücksprache mit seinem Arbeitgeber für das deutsche Magazin verfasst hatte. Die „Zeit“ schrieb dazu:

Das ist schon mal schlecht. Noch schlechter ist aber, dass die im Artikel verwendeten Zitate von [Grasser] aus diversen anderen Interviews zusammengesucht waren – ohne Quellenangaben.

Schlecht war das mit den zusammengeklaubten Zitaten offenbar vor allem deshalb, weil Wendls Text damit den Eindruck erwecken konnte, als habe Grasser (der laut „Süddeutsche Zeitung“ Wünsche des Magazins nach einem Interview immer abgelehnt haben soll) eine gemeinsame Sache mit der „Vanity Fair“ gemacht.

Nun ja.

Wenig später jedenfalls bekam Wendl dann seinen Job bei „Bild“ — und eine Bild.de-Kolumne über nichts Geringeres als „die Zusammenhänge der Weltpolitik“.

Darin schrieb er gestern über den arabischen TV-Sender Al Jazeera (siehe Screenshot [pdf]).

Man könnte auch sagen: Wendl schrieb ab — aus einem Artikel über den arabischen TV-Sender Al Jazeera, veröffentlicht am Vortag in der Schweizer „NZZ am Sonntag“, ohne Quellenangabe oder einen Hinweis auf das „NZZ“-Original, dafür aber mit kleinen Abwendlungen („Gaza-Krieg“ statt „Gaza-Krise“, siehe folgende Beispiele).

„NZZ am Sonntag“ Wendls Bild.de-Kolumne
Kein anderer Sender berichtet so ausführlich über die Gaza-Krise, keiner ist so populär und einflussreich in der arabischen Welt. (…) Kein anderer Sender berichtet so ausführlich über den Gaza-Krieg, keiner ist so populär und einflussreich. (…)
(…) Doch die israelische Regierung tut derzeit genau das Gegenteil. Sie sucht die Nähe zum 1996 gegründeten Sender aus dem Emirat Katar. Aussenministerin Tzipi Livni versorgte den Sender vergangene Woche mit einem Exklusivinterview. Der Oppositionsführer Benjamin Netanyahu gab sich ebenfalls die Ehre, Sprecher der israelischen Regierung und der Armee tauchen im Stundentakt zu Live-Interviews und Talkrunden auf al-Jazira auf. (…) Die Regierung in Jerusalem macht deshalb das genaue Gegenteil. Sie sucht sogar die Nähe des mächtigen TV-Kanals. Außenministerin Tzipi Livni gab dem Sender ein Exklusivinterview. Oppositionsführer Benjamin Netanyahu trat ebenfalls auf. Die Sprecher der israelischen Regierung und der Armee informieren seit Beginn der Bodenoffensive fast im Stundentakt in Live-Interviews und Talkrunden über die jeweiligen Entwicklungen.

Es sind nicht die einzigen, fast wörtlichen Übereinstimmungen. Kaum eine Info, kaum ein Gedanke in Wendls Kolumne, der sich nicht auch in der „NZZ am Sonntag“-Vorlage fände und von Wendl bloß kunstvoll auseinandergeschnippelt und neu zusammengestückelt wurde.

Aufgefallen war das alles gestern dem Chefredakteur des Schweizer Medienmagazins „Klartext“, Nick Lüthi, der nicht nur in seinem Blog darüber schrieb, sondern auch Wendl um Stellungnahme zum Plagiatsvorwurf bat. Eine Antwort erhielt Lüthi nicht.

Aber seit heute ist die aktuelle Kolumne des „Vollprofis“ Wendl aus dem Angebot von Bild.de verschwunden.

Nachtrag, 20.45 Uhr: Karl Wendl weist uns darauf hin, dass Nick Lüthi von ihm inzwischen eine Antwort erhalten habe. Lüthi selbst fasst sie in einem Update seines Blog-Eintrags so zusammen:

Karl Wendls Erklärung für den „Irrtum“ lautet wie folgt. Er habe der Redaktion versehentlich eine „Skizze“, statt des fertigen Artikels gemailt und das unfertige Stück sei dann veröffentlicht worden. Als er nach unserem Hinweis den „Irrtum“ bemerkte, habe er die Redaktion umgehend angewiesen, den Text von der Webseite zu entfernen.*

*) Wir halten diese Erklärung für unplausibel, sind von Bild.de-Kolumnisten aber auch nichts anderes gewohnt.