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„Endlösungs“-Parolen

Lange keinen Nazi-Skandal mehr gehabt?

„Bild“ hat da was für Sie:

Blockupy wirbt mit NS-Ausdruck

Der „Skandal um Blockupy!“ sieht dabei angeblich so aus:

Das linke Kapitalismus-Kritikbündnis bedient sich rechter „Endlösungs“-Parolen, nennt unseren Flughafen einen Ort der „Deportation“, wo Menschen nach „Nationalität und Verwertbarkeit sortiert“ werden. Verkehrsminister Florian Rentsch ist entsetzt.

Sie wollen aufrütteln und sind dabei übers Ziel hinausgeschossen: Ja, am Flughafen werden viele illegal ins Land Eingereiste und eingeschleuste Wirtschaftsflüchtlinge von den Behörden wieder in ihre Heimatländer zurückgeflogen.

Doch Blockupy vergleicht das rechtsstaatliche Abschieben der Illegalen mit der Deportation von Millionen Juden durch die Nationalsozialisten in Konzentrationslager während des Holocausts.

Tatsächlich bezeichnet die Blockupy-Bewegung auf ihrer Website Frankfurt als „zentrale[n] Knotenpunkt des rassistischen Grenz- und Abschieberegimes der EU“, doch daran scheint sich „Bild“ gar nicht zu stören.

Konkret geht es um ein Wort, das in der Aktionsbeschreibung selbst gar nicht vorkommt, sondern nur auf den Plakaten zu lesen ist:

Hessens Verkehrsminister Florian Rentsch (38, FDP), der auch Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist: „Man kann sich dafür nur schämen, dass der Begriff ‘Deportation’ so geschichtsvergessen verwendet wird. Dass sich die Linken der Ausdrucksweise des NS-Regimes bedienen, ist ein Skandal.“

Nun ist es nicht so, dass der Begriff „Deportation“ ausschließlich von Vertretern des NS-Regimes und von Linken verwendet wird: Auch Medien wie die „Welt“, das „Handelsblatt“ oder die DPA verwenden ihn synonym zu „Abschiebung“, was auch der Duden vorschlägt.

Zum anderen bedeutet „deportation“ im Englischen schlicht „Abschiebung“, die auf dem Plakat enthaltene Formulierung „Blockupy deportation airport“ könnte man also mit etwas weniger bösem Willen auch schlicht als international gehaltene Aufforderung verstehen, einen „Abschiebeflughafen“ zu besetzen.

Wir haben deshalb beim Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung nachgefragt, ob Minister Florian Rentsch eigentlich um den Kontext gewusst habe, in dem das Wort „Deportation“ bzw. „deportation“ steht.

Die Antwort des Sprechers Marco Krause fiel wie folgt aus:

Die Verwendung des Wortes „Deportation“ wird in diesem Kontext nicht weniger verantwortungslos dadurch, dass zwei englische Wörter auf dem Plakat stehen. Hier sollten offensichtlich Assoziationen geweckt werden, die entschieden zurückgewiesen werden müssen. Die Plakatmacher haben das sensible Wort offenbar bewusst gewählt, um einseitig Stimmung zu machen. Dies ist geschmacklos gegenüber den Opfern und geschichtsvergessen. Eine Entschuldigung und die Entfernung der Plakate ist das Mindeste, was von den Verantwortlichen verlangt werden kann.

Unsere Frage, ob sich Herr Rentsch vor dem Hintergrund, dass es hier offensichtlich um den englischen Begriff ging, erneut so äußern würde, erschien der Pressestelle als „Suggestivfrage“, schließlich sei es nicht offensichtlich, dass es hier um einen englischen Begriff ging. Herr Rentsch halte die Kritik zu dem Plakat aufrecht, denn das Plakat „spricht leider für sich und spielt mit dem Begriff ‘Deportation’ im Gesamtkontext völlig verantwortungslos“.

Die Verwendung des Begriffs „Deportation“ in anderen Medien würde der Minister aber nicht kritisieren, weil diese Medien „anders als das Plakat den Begriff ‘Deportation’ im Gesamtkontext nicht verantwortungslos verwenden“.

Die Antwort des Pressesprechers schließt mit einem bemerkenswerten Satz:

Ich gehe davon aus, dass Sie diese Anfrage parallel an die BILD-Zeitung richten und stelle daher unsere Antworten auf Ihre Anfrage auch der BILD als Quelle des Artikels zur Verfügung.

Mit Dank an Marcus, Martin und Egal.