Bestseller Visa-Affäre

Was da gestern in „Bild“ auf den Seiten eins und zwei stand, klang nach einem astreinen Polit-Thriller:

Visa-Affäre: Wichtiger Zeuge ermordet

Bedeutungsvoll fragte „Bild“: „Mußte er für immer schweigen, weil er zuviel über illegalen Menschenhandel nach Deutschland wußte?“ Und: „Mußte er sterben, weil er zuviel wußte?“

Sie wissen schon, wegen der sogenannten „Visa-Affäre“ steht Außenminister Joschka Fischer ziemlich unter Druck. Er soll verantwortlich sein für eine Praxis der Visa-Vergabe, die illegalen Menschenhandel zumindest vereinfacht haben könnte. Deshalb gibt es einen Untersuchungsausschuss im Bundestag. Tja, und jetzt „fand die Polizei die Leiche eines der wichtigsten Zeugen in der Visa-Affäre!“ So stand es jedenfalls gestern in „Bild“.

Es handelt es sich bei dem Toten zwar nicht um einen Zeugen, der beispielsweise vor dem Untersuchungsausschuss zur Visa-Affäre hätte aussagen sollen, sondern um einen Zeugen – äh … na ja, eigentlich war … also eigentlich war er kein Zeuge im technischen Sinne, sondern… ach, egal, vermutlich meint „Bild“ das Wort „Zeuge“ eher im übergeordneten Sinn. Jedenfalls war dieser „Zeuge“ ein mutmaßlicher Menschenhändler, der also möglicherweise von der Visa-Vergabe-Praxis profitiert hat. Und wegen Menschenhandels war Nicolaj B. auch angeklagt.

Und jetzt wird es für „Bild“ spannend: Unmittelbar bevor der „Zeuge“ im November letzten Jahres verschwand, hat er offenbar seinen Anwalt aufgesucht. In „Bild“ liest sich das Ganze dann so:

Wollte er auspacken?
Tatsache ist: Am 2. November, unmittelbar bevor er spurlos verschwand, hatte Nicolaj B. seinen Verteidiger besucht. Sein Rechtsanwalt: „Er sagte er habe neue Beweise, die ihn entlasten. Die wollte er am nächsten Tag vorbeibringen.“

Und vielleicht halten wir an dieser Stelle mal kurz inne, und fragen uns mal ganz ernsthaft dies: Wie genau soll der Tod von Nicolaj B. eigentlich im Zusammenhang mit der Visa-Affäre stehen? Will „Bild“ etwa den Eindruck erwecken, es handele sich bei dem Mord an Nicolaj B. um einen politisch motivierten Mord? Ja, was glaubt „Bild“ eigentlich, wer den Mord begangen oder in Auftrag gegeben hat?

Und: Was gibt es sonst noch so zu dem Fall?

Nicolaj B. wurde am 3. November 2004 getötet, unabhängig davon wurde am 9. November 2004 die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beantragt, der am 17. Dezember beschlossen wurde und im Februar die Arbeit aufnahm. Nicolaj B. wurde offenbar von seinem Leibwächter ermordet, der gestanden hat, dass es dabei um Geld-Streitigkeiten ging. Das weiß auch „Bild“ und nennt es ein „angebliches Motiv“. Der Sprecher der Staatsanwalt sagte dazu gestern der Nachrichtenagentur AP, „Ob das das wahre Motiv ist, weiß ich nicht. Doch habe ich keine Anhaltspunkte für ein anderes Motiv“. Der Nordrheinwestfälische Landeskriminaldirektor sagte gestern zu AP: „Der Mord hat nichts damit zu tun, dass das Opfer mundtot gemacht werden sollte.“ Und der Anwalt von Nicolaj B. sagte gestern zu Spiegel Online, dass sein Mandant lediglich angekündigt habe, er wolle weitere Unterlagen für einen anstehenden Prozess bereitstellen. Von der „Bild“-Meldung sei er überrascht gewesen, denn er habe nie mit „Bild“-Reportern über den Fall gesprochen.

Die haben sich dafür offenbar zu viele Gedanken über den Fall gemacht, und bei Polit-Thrillern ist es ja nunmal so, dass sich selbst die unwahrscheinlichsten Konstrukte am Ende doch als ungemein plausibel herausstellen – jedenfalls im Roman.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Hatem F.